SpielWelt: Eye of the Beholder III – Assault on Myth Drannor

(A)D&D, kurz für (Advanced) Dungeons & Dragons ist ein Name, der nicht nur Pen & Paper-Rollenspieler mit der Zunge schnalzen lässt. Auch am Computer war das von Gary Gygax und Dave Arneson erdachte Regelwerk seit den frühesten Anfängen, sprich den 1970er Jahren, am Start. Die „Eye of the Beholder“-Trilogie (1990-1992) war der erste Versuch, AD&D in 3D-Grafik und mit Echtzeit-Kämpfen auf den Bildschirm zu bringen.

Gesamteindruck: 3/7


Kein gelungener Abschluss.

1993 muss die Spannung bei den AD&D-Liebhabern unter den Computerspielern hoch gewesen sein: Nach dem guten „Eye of the Beholder“ (1990) und dem rundum verbesserten Nachfolger „Eye of the Beholder II – The Legend of Darkmoon“ (1991) erschien endlich der Nachfolger und Abschluss der Trilogie: „Eye of the Beholder III – Assault on Myth Drannor“. Leider kann der dritte Teil nicht mit seinen Vorgängern mithalten – im Gegenteil, „Assault on Myth Drannor“ ist sowohl inhaltlich als auch technisch der schwächste Titel der Reihe.

Die Handlung in Kurzfassung
Die Helden von Waterdeep und Darkmoon sonnen sich gerade in der Taverne in ihrem Ruhm als eine zwielichtige Gestalt das Vergnügen jäh unterbricht: Die Stadt Myth Drannor, die seit Jahrhunderten in Trümmern liegt, wird vom Lich (deutsch: Leichnam) Acwellan beherrscht. Der soll nun endlich vertrieben werden – und dafür braucht es natürlich gestandene Helden. So lassen sich die Gefährten, ohne viele Fragen zu stellen, vom merkwürdigen Fremden direkt vor die Tore von Myth Drannor teleportieren, um dem bösen Treiben ein Ende zu setzen. 

Wie man sieht, unterscheidet sich diese Hintergrundgeschichte nur unwesentlich von jener der ersten Serienteile. Das ist an und für sich schon ein wenig enttäuschend, war aber schon zwischen Teil 1 und 2 ähnlich. In diesem Fall ist die Story allerdings nicht nur un-originell, sondern auch unglaubwürdig. Denn in „Eye of the Beholder“ wurden sozusagen öffentlich Helden gesucht, die in die Kanalisation steigen. Und in „The Legend of Darkmoon“ bat der weithin bekannte Erzmagier Khelben „Schwarzstab“ Aruhnsun um Hilfe. In „Assault on Myth Drannor“ erscheint hingegen aus dem Nichts ein wenig vertrauenerweckender Fremder – und die erfahrenen Helden lassen sich einfach so in eine unbekannte, feindliche Gegend versetzen? Ohne zu zweifeln, ohne Nachfrage? C’mon, ein solcher Einstieg beleidigt Herz und Verstand jedes Rollenspielers – und das hat nichts mit dem hohen Alter dieses Titels zu tun.

Zwischen dem Erscheinen von „The Legend of Darkmoon“ und „Assault on Myth Drannor“ liegen rund 2 Jahre. In dieser Zeit scheint etwas zwischen Entwickler Westwood und Publisher SSI vorgefallen zu sein. Erstere setzten ihre Rollenspiel-Vision im gleichen Jahr mit dem Auftakt der „Lands of Lore“-Serie fort, während SSI die Programmierung von „Eye of the Beholder III“ selbst übernahm. Ob dieses Zerwürfnis Einfluss auf die Qualität des Titels hatte, kann ich schwer nachvollziehen – ein Zufall wird es wohl nicht sein, auch wenn SSI 1993 bereits auf langjährige Erfahrung und einige Erfolge im Rollenspielbereich zurückblicken konnte (beispielsweise mit „Pools of Radiance“). Wie auch immer – selbst Anfang der 1990er-Jahre durfte man schon davon ausgehen, dass sich eine Spieleserie sowohl technisch als auch inhaltlich weiterentwickelt. Das ist hier leider nicht der Fall, sieht man von einigen minimalen Verbesserungen ab.

Grafik und Sound: Flop!

Beginnen wir mit der Technik und damit gleich der ersten Enttäuschung: Weder Grafik noch Sound wurden verbessert. Im Gegenteil, speziell der Sound von „Assault on Myth Drannor“ ist eine einzige Zumutung. Die Effekte sind dilettantisch und zum Teil derart grottig, dass man den Ton am liebsten komplett abschalten würde. Geht halt schwer, weil die Geräusche schon immer ein Element waren, Gegner in den Dungeons zu „orten“, was bei der nach wie vor mangelhaften Übersicht zum Teil bitter notwendig ist. Vereinfacht gesagt: Ohne Ton merkt man erst, dass ein Gegner neben oder hinter der Party steht, wenn ein Charakter Gesundheitspunkte verliert. Und auch das sieht man meist eher zufällig. Ohne Ton zu spielen ist letztlich also keine Option.

Doch nicht nur der Sound ist katastrophal. „Assault on Myth Drannor“ ist leider auch grafisch kein Bringer. Ja, die optischen Verbesserungen zwischen Teil 1 und 2 waren zwar rudimentär, aber zumindest spürbar vorhanden. Teil 3 ist hingegen schwächer als beide (!) Vorgänger. Das beginnt bereits im Intro, reicht über pixelige Charakter-Portraits und macht auch vor Gegnern und Hintergründen nicht halt. Letztere sind übrigens speziell in den neuartigen Außenarrealen geradezu potthässlich ausgefallen. Ich weiß, dass ich mich wiederhole, aber das hat nichts mit dem Alter des Spiels zu tun, wie seine Vorgänger ja deutlich zeigen. Bestenfalls spielt man daher im Fenstermodus; dann fällt die schwache Grafik auf modernen, großen Bildschirmen nicht so sehr auf. Bei den Vorgängern war das bei weitem nicht in diesem Ausmaß der Fall.

Frustfaktoren im Design.

Auf der Suche nach technischen Verbesserungen bin ich bei zwei Usability-Elementen fündig geworden: Charaktere, die man in der zweiten Reihe aufgestellt hat, können nun mit Langwaffen attackieren. Das gibt der Party-Formation zumindest etwas mehr Bedeutung, als es bisher der Fall war und macht es erstmals sinnvoll, mehr als 2 Nahkämpfer im Team zu haben. Die zweite Änderung betrifft ebenfalls den Kampf: Die Option, mehrere (oder alle) Charaktere gleichzeitig angreifen zu lassen, ist eine sehr sinnvolle Neuerung. Nur dadurch werden die von Anfang an bockschweren Kämpfe überhaupt handelbar. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben: Kein Automapping, mühsames Aufheben von Gegenständen, umständliche Steuerung, kein automatischer Wechsel zwischen Inventar- und Kampfmodus – all das fand man schon in den Vorgängern und wurde beibehalten. Damit könnte man aber letztlich leben, wenn der Rest passen würde.

Leider gibt es in „Assault on Myth Drannor“ einige wirklich grobe Schnitzer, die das Spielvergnügen arg schmälern und die man so aus der Serie bisher nicht kannte. Teilweise handelt es sich dabei um vollkommen unvorhersehbare Sackgassen, aus denen es kein Entrinnen gibt. So ist man beispielsweise aufgeschmissen, wenn man nicht von Anfang an einen Dieb in seiner Party hat. Der war weder in „Eye of the Beholder“ noch in „The Legend of Darkmoon“ zu gebrauchen, hier ist er plötzlich notwendig, um an einer Stelle überhaupt weiterzukommen. Der Clou: Es gibt einen NPC-Dieb, den man in die Party aufnehmen kann. Nur kommt man ohne einen Dieb in der Gruppe gar nicht so weit. Würde man heute wohl einen Bug nennen, damals war es wohl einfach Schlamperei. Oder: Schön, dass es nun einen Unterwasserlevel gibt, eine gute Idee, die der Abwechslung zuträglich ist. Das Vergnügen ist allerdings kurz, wenn man keinen Magier in seinen Reihen hat, der vorzugsweise bereits in der Lage ist, den Zauberspruch für „Wasseratmung“ zu lernen und zu benutzen. Ist das nicht der Fall, ist an dieser Stelle Schluss.

Das bedeutet nicht, dass „Assault on Myth Drannor“ von Sackgassen wimmelt – sie kommen aber immer wieder vor. Woher soll man z.B. wissen, dass man gegen Ende des Spiel plötzlich Rationen braucht, um weiterzukommen? Die sind zwar gelegentlich im Spiel zu finden, werden meist aber schnell verbraucht (ja, Charaktere können nach wie vor verhungern!) oder liegengelassen, weil der Kleriker den entsprechenden Spruch beherrscht. Der sättigt zwar die Party, stellt aber keine Rationen her. Lange Rede, kurzer Sinn: Verfügt man zu einem bestimmten Zeitpunkt im Spiel über keine physische Nahrung, geht es nicht weiter. Entweder gar nicht, weil es im ganzen Spiel keine Rationen mehr gibt, oder nur dann, wenn man mühsam zurück geht und sich das Essen sucht, das man eventuell zu einem früheren Zeitpunkt liegengelassen hat.

Der einzige Tipp, den ich dazu habe: Optimalerweise bereits bevor man erstmals „Eye of the Beholder“ (Teil 1) spielt, sollte man sich im Internet schlau machen, welche Partymitglieder Pflicht sind. Zu den einzelnen Titeln der Reihe gibt es dann nochmals Beschreibungen mit essentiellen Gegenständen. Nur so lassen sich frustrierende Sackgassen gezielt vermeiden, die im Zweifelsfall zu einem späten Zeitpunkt den Neustart des Spiels notwendig machen. Natürlich kann auch sein, dass man Glück hat und alles zufällig genau passt – aber wer will das schon riskieren?

Erwähnt sei noch, dass „Assault on Myth Drannor“ erstmals in der Serie größere Außenarreale bietet. Wie so vieles in diesem Spiel ist leider auch das ein zweischneidiges Schwert. Natürlich ist es auf Dauer nicht sonderlich abwechslungsreich, sich nur durch Dungeons zu bewegen. Leider leiden die Freiluftparts noch mehr unter den Schwächen des Spiels als der Rest. Die Grafik ist deutlich hässlicher, die Orientierung ist zeitweise nicht möglich und die Gegner greifen gerne von mehreren Seiten gleichzeitig an, was die Kämpfe teils zum Glücksspiel macht.

Unepisches Finale.

Der Rest von „Assault on Myth Drannor“ ist schnell erzählt. Die Story entwickelt sich nach dem schwachen Einstieg ganz gut und das Spiel macht zwischendurch gehörig Spaß. Das typische „Eye of the Beholder“-Feeling kommt immer mal wieder auf, was auch der gesteigerten Anzahl an In-Game-Begegnungen zu verdanken ist. Zu bemerken ist gleichzeitig eine stärkere Fokussierung auf Action, was Geschmacksache ist. Der Pferdefuß daran ist, dass die Gegner meist nach dem Prinzip Masse statt Klasse auftreten, sodass sich schnell eine Übersättigung einstellt, was Kämpfe betrifft. Leider ist das Finale enttäuschend – der Endkampf gegen den letzten Boss fühlt sich alles andere als episch an. Ohne zu spoilern sei so viel verraten: Ich habe gezählt vier Mal den „All Attack“-Button betätigt – und der finale Gegner einer ganzen Rollenspielserie lag im Staub. Kurzes Outro, dann noch die Credits und „Assault on Myth Drannor“ endet nach ca. 17 Spielstunden sehr ernüchternd.

Gesamteindruck: 3/7

Kurzes Fazit zur „Eye of the Beholder“-Reihe: Die Teile 1 und 2 machen fast alles richtig und wissen nach wie vor gut zu unterhalten. Mit dem Ende der Kooperation von SSI und Westwood gelingt mit „Assault on Myth Drannor“ leider kein würdiger Abschluss der Serie, was nach den guten Vorgängern ziemlich unerwartet kommt. Von einer kompletten Katastrophe möchte ich in diesem Zusammenhang zwar nicht sprechen – es wäre aber auch für Teil 3 mehr drin gewesen. Retrospektiv zieht das meiner Ansicht nach die gesamte Reihe ein wenig nach unten, sodass ich insgesamt 4/7 Punkten vergeben würde.


Genre: Rollenspiel
Entwickler: SSI
Publisher: SSI
Jahr:
 1993
Gespielt auf: PC


2 Gedanken zu “SpielWelt: Eye of the Beholder III – Assault on Myth Drannor

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