FilmWelt: Shutter Island

„Shutter Island“ (2010) ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Dennis Lehane (2003). Ein Blick auf die am Film beteiligten Personen lässt Großes hoffen: Regie führte der legendäre Martin Scorsese, die Hauptrolle übernahm Oscar-Preisträger Leonardo DiCaprio. Und auch die Nebendarsteller Ben Kingsley, Max von Sydow und Mark Ruffalo sind hoch angesehen und dürfen diverse Awards ihr Eigen nennen. Allein: Trotz geballter Starpower konnte mich „Shutter Island“ nicht voll und ganz überzeugen.

Gesamteindruck: 4/7


Kommt nicht richtig in Fahrt.

Martin Scorsese zieht alle Register der Filmkunst, um die Irrenanstalt auf der Insel so düster und abweisend wie möglich zu präsentieren. Geistig und körperlich deformierte Patienten, ständig schlechtes Wetter und die passende Geräuschkulisse zeichnen ein trostloses Bild einer abgelegenen Irrenanstalt. Damit schlägt „Shutter Island“ den Zuseher sofort in den Bann – der allerdings nicht bis zum Schluss aufrecht erhalten werden kann. Übrigens: Ich habe die Romanvorlage nicht gelesen – sollte ich vielleicht nachholen, denn ich kann jetzt natürlich nicht sagen, ob meine Probleme mit dem Film von der Vorlage herrühren. Grundsätzlich liest sich die Handlung jedenfalls interessant, es liegt also nicht an der Story, dass ich nicht ganz zufrieden bin.

Inhalt in Kurzfassung
Auf Shutter Island befindet sich das Ashecliffe Hospital für geistig abnorme Rechtsbrecher. Dort untersuchen die US-Marshals Edward „Teddy“ Daniels und Chuck Aule im Jahre 1954 das spurlose Verschwinden einer Patientin. Im Zuge der Nachforschungen wird in Kriegsveteran Daniels der Verdacht immer größer, dass auf der Insel Menschenversuche durchgeführt werden – ähnlich, wie er es bei seiner Teilnahme an der Befreiung des KZ Dachau gesehen hat. Ausgelöst durch dieses Trauma leidet er immer stärker unter Wahnvorstellungen und Alpträumen und es fällt im zunehmend schwer, Wirklichkeit und Halluzinationen zu unterscheiden.

Klingt ja durchaus spannend. Und deshalb beginnen wir auch mit den guten Nachrichten: Leonardo DiCaprio spielt seine Rolle einmal mehr sehr gut. Man nimmt ihm den von Kopfschmerzen und Alpträumen gepeinigten Ermittler zu jeder Zeit ab. Großartige Leistung eines Schauspielers, bei dem die Zunahme an Erfahrung tatsächlich auch mit immer besseren Auftritten einhergeht. Wer hätte diese Entwicklung 1997 erwartet, als sich der junge Mann auf der Titanic einschiffte und auf höchst kitschige Weise mit ihr unterging? Ich jedenfalls nicht.

In „Shutter Island“ neben Leonardo DiCaprio zu bestehen fällt dem restlichen Cast folgerichtig relativ schwer. Wobei es verfehlt wäre, den Kollegen Mängel bei der Schauspielerei zu unterstellen; ich denke, dass jeder, der in diesem Film mitspielt, sein Handwerk ausgezeichnet beherrscht. Leider wird das nicht so deutlich, wie ich es mir gewünscht hätte, was aber nicht an den Akteuren, sondern an ihren Rollen bzw. dem Drehbuch liegen dürfte. Dazu ist aber auch zu sagen, dass es die letzte Wendung des Films mit sich bringt, dass die Nebenbesetzung so agiert wie sie es tut – wenn das Absicht war, ist das schon wieder eine grandiose Herangehensweise.

Ebenfalls positiv: Weite Teile des Films erinnern sehr angenehm an einen klassischen Film noir – die Detektivarbeit, die Trenchcoats und Hüte der Marshals, der ständige Regen. Diese Verbeugung von Scorsese vor einem Kapitel Filmgeschichte wirkt zu jeder Zeit authentisch und respektvoll. Sehr gut gemacht!

Kein schlechter Film, aber…

Und überhaupt: „Shutter Island“ ist keineswegs ein schlechter Film. Dazu ist der Regisseur zu gut, die Darsteller zu routiniert, die Geschichte zu gefällig. Vielleicht liegt es auch nur an meinen eigenen Erwartungen, vielleicht fehlt mir letztlich das Verständnis für die Zitate, in denen sich der Film bewegt. Wie auch immer, mich hat „Shutter Island“ trotz der genannten Stärken leicht enttäuscht zurückgelassen.

Ein Problem ist die Grundprämisse der Story: Eine Kindermörderin verschwindet spurlos aus ihrer Zelle, die von außen verschlossen war. Das Ganze auf einer Insel, die sie nicht verlassen haben kann. Um sie zu suchen, werden die US-Marshals angefordert. Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte von Anfang an mit der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte zu kämpfen. Auch wenn ich retrospektiv natürlich weiß, dass nicht alles so ist, wie es in „Shutter Island“ anfangs scheint, kommt es mir fast vor, als würde hier ein kleiner, aber wichtiger Baustein fehlen. Die Frage nach dem „Warum“ wird zum Schluss zwar irgendwie beantwortet, das nutzt nur nicht viel, wenn der ganze Aufbau nicht so richtig überzeugt. Ich verstehe sogar, was Martin Scorsese hier bewerkstelligen wollte – irgendwie. Aber das ändert leider nichts daran, dass ich das Gefühl habe, dass viel Potential verschenkt wurde.

Davon abgesehen entwickelt sich die Handlung zunächst gut. Der Schauplatz wird gut, die Hauptperson zufriedenstellend vorgestellt. Leider wird die Geschichte selbst schnell viel vorhersehbarer als man erwarten würde. Am Ende gibt es den dann zwar großen Plot-Twist, der bei mir aber fast wirkungslos verpufft, weil er wahrlich keine Überraschung ist. Ob das so gemacht wurde, weil der Weg das Ziel ist? Wenn dem so wäre, fehlt es diesem Weg an Substanz.

Und so entwickelt sich „Shutter Island“ zu einem meist spannenden Thriller mit kleineren Längen, über die man aber hinwegsehen kann. Zeitweise verwirrt der Film, soll er natürlich auch. Dennoch ist das größte Manko, dass die Story nicht so richtig in Fahrt kommt. Die Art, wie der Film aufgebaut ist, verlangt für mein Dafürhalten nach etwas mehr Spannung. Oder nach „Belohnungen“ für den Zuseher, z.B. in Form von Puzzleteilen, die plötzlich zueinander passen. All das fehlt „Shutter Island“ ein wenig. Klar, zum Schluss fällt fast alles an seinen Platz, aber der Weg dorthin ist zäher, als er sein müsste.

Schade eigentlich, denn Leonardo DiCaprio spielt sich wirklich die Seele aus dem Leib, wenn man so will. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sagen: Mir hat „Shutter Island“ nicht so gut gefallen, wie ich nach dem Trailer und diversen Lobeshymnen gedacht hätte.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Shutter Island
Regie: Martin Scorsese
Jahr: 2010
Land: USA
Laufzeit: 138 Minuten
Besetzung (Auswahl): Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Elias Koteas



 

Ein Gedanke zu “FilmWelt: Shutter Island

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