MusikWelt: Glory to the Brave

HammerFall


Unter Historikern und Zeitzeugen herrscht weitgehend Konsens: Mitte der 1990er war der klassische Heavy Metal am Boden. Das betraf praktisch all seine traditionellen Spielarten: Den unverwüstlich geglaubten Thrash Metal, den nach unkontrolliertem Wachstum gerade in Gesundschrumpfung begriffenen Death Metal, die schwächelnde NWoBHM sowie den melodischen Power Metal, der komplett „out of fashion“ war. Der Black Metal der 2. Generation hatte sein hässliches Gesicht noch nicht aus dem Untergrund erhoben, Grunge war mit Kurt Cobain gestorben und der Glam Rock an Axl Rose zerbrochen. Selbst einfache, erdige Rockmusik, wie sie Motörhead oder AC/DC boten, fristete ein Nischen-Dasein. Crossover, Alternative, Gothic und der unsägliche Nu Metal dominierten die Szene. Doch 1997 sollte sich all das zum Besseren wenden – und die Schweden HammerFall wurden mit ihrem Debüt „Glory to the Brave“ als Speerspitze der Rückbesinnung auf alte Werte gesehen.  

Gesamteindruck: 6/7


Eine Art Neuanfang.

Sieht man sich die Veröffentlichungen des Jahres 1997 an, muss man retrospektiv tatsächlich von einer Zäsur sprechen. Die Liste ist geradezu unglaublich: Neben HammerFall debütierten Children of Bodom mit „Something Wild“, Nightwish mit „Angels Fall First“ und Rhapsody mit „Legendary Tales“. Außerdem erschienen spätere Klassiker, darunter „Enthrone Darkness Triumphant“ von Dimmu Borgir, „Anthems to the Welkin at Dusk“ von Emperor, „Blizzard Beasts“ von Immortal, „Whoracle“ von In Flames, „Visions“ von Stratovarius, „Sehnsucht“ von Rammstein, „Somewhere Out in Space“ von Gamma Ray und „Kingdom of Madness“ von Edguy. Eine derartige Trefferquote lässt  1997 gab es also einen geradezu gigantischen Ausbruch an Kreativität in verschiedensten Genres, der Voll- und Halbkatastrophen des gleichen Jahrganges, z.B. „Jugulator“ von Judas Priest„ReLoad“ von Metallica„Outcast“ von Kreator oder das HIM-Debüt „Greatest Lovesongs Vol. 666“ praktisch komplett vergessen macht. Und doch war es im Nachgang so und ist bis heute common sense, dass man vor allem das Mitte des Jahres erschienene „Glory to the Brave“ nennt, wenn es um die Rückkehr des wahren Heavy Metal zu alter Größe geht. Man kann diskutieren, ob zu Recht oder nicht – es ist jedenfalls unbestritten dass HammerFall damit praktisch aus dem Nichts einen Volltreffer landen konnten, dem weitere folgen sollten.

Dass sich die Schweden großzügig bei Anderen bedient haben, ist natürlich nicht zu verleugnen: Manowar und Judas Priest standen bei der Wahl der Outfits Pate (übrigens war speziell der dürre Oscar Dronjak in seiner Lederkluft ein Anblick zum Fremdschämen) und haben sicher auch zu den Lyrics inspiriert. Musikalisch wurden Erinnerungen an alte Helloween-Herrlichkeit und – wieder – Judas Priest geweckt. Das Gefühl eines Plagiats hatte man bei HammerFall dennoch nicht. Man darf nicht vergessen, wie lange ihre Vorbilder 1997 bereits im Geschäft waren – deren jugendlicher Übermut war schon lange verflogen und sie hatten sich auf teils haarsträubende Irrwege begeben. Demgegenüber spielten HammerFall unbekümmert und energiegeladen auf, was genau den Nerv der darbenden Kuttenträger traf. Mit einem derartigen Erfolg wird in einer Zeit, in der es hieß „Solos sind out!“ (O-Ton eines „Freundes“, der Korn für das Nonplusultra hielt) niemand gerechnet haben, was auch heute gelegentlich geäußerte Vorwürfe wie „Reißbrett-Metal“ oder „generisch“ ins Leere laufen lässt.

Starkes Debüt – aber nicht perfekt.

Ich hoffe, mit dieser recht langen Vorgeschichte konnte ich einigermaßen herausarbeiten, wie sich mir die Szene 1997 darstellte. Vielleicht auch um selbst zu begreifen, wieso HammerFall damals so auftrumpfen konnten. Denn – und damit kommen wir jetzt endlich zu „Glory to the Brave“ – aus heutiger Sicht betrachtet ist deren Debüt zwar sehr, sehr stark, aber gar nicht so nachhaltig, wie man durch die rosarote Retro-Brille vielleicht meinen könnte. Die Göteborger waren aber definitiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

„Glory to the Brave“ wird meiner Ansicht nach aus drei Fixpunkten zusammengehalten: Der Opener „The Dragon Lies Bleeding“, bis heute einer meiner liebsten HammerFall-Songs, geht voll nach vorne und macht schlicht und einfach enorm viel Spaß. Hohe Geschwindigkeit paart sich mit einem enorm eingängigen Refrain und einem Text, der eine einzige Aneinanderreihung von Klischees ist (aber selbst das passt irgendwie, weil damals bierernste Themen die Szene dominierten und man sich ein bisschen nach Fantasy, Drachen und Helden sehnte). Der zweite Ohrenschmaus hört auf den Namen „HammerFall“ und ist – unschwer zu erraten – die Bandhymne schlechthin. Etwas variantenreicher als „The Dragon Lies Bleeding“ und mit einem getragenen (man könnte auch sagen: pathetischeren) Heldenchor ausgestattet. Ganz wunderbare Nummer und zu Recht bis heute ein Klassiker. Und dann noch der Titeltrack, der zum Schluss kommt und noch einmal von ganz anderem Schlag ist: Eine unglaublich kraftvolle Halbballade mit epischen Refrain, fettem Chor und verhältnismäßig komplexem Songwriting (zur Klarstellung: wirklich komplex oder progressiv ist bei HammerFall selten etwas – und das ist ganz gut so!). Das ist auch heute noch ein Song, der Gänsehaut erzeugt.

Diese drei Nummern sind dermaßen stark, dass der Rest des Albums zwangsläufig ein wenig untergeht. Genau genommen und mit einem Abstand von über 20 Jahren betrachtet, ist „Glory to the Brave“ ein ständiges Auf & Ab. Nach „The Dragon Lies Bleeding“ kommt mit „The Metal Age“ eine etwas langsamere Nummer, die mich nicht sonderlich überzeugt, bevor es mit „HammerFall“ wieder steil bergauf geht, nur um danach mit „I Believe“ die Pflicht zur Ballade mehr schlecht als recht zu erfüllen (auf diesem Sektor konnten HammerFall später massiv zulegen). Danach gibt es mit „Child of the Damned“ ein zwar brauchbares, aber kaum essenzielles Warlord-Cover, bevor mit „Steel Meets Steel“ ein halbwegs guter und mit „Stone Cold“ ein sehr guter Track folgen. Bevor es dann ins große Finale geht, gibt es noch „Unchained“, das gute Ansätze hat, alles in allem aber nicht ganz zünden kann.

Technisch beschlagen.

Nun noch ein paar Worte zu den technischen Fähigkeiten der Band: Zunächst sind die Hauptsongwriter Oscar Dronjak und Joacim Cans für ein Debüt ausgesprochen gut unterwegs, hier aber noch mit gewaltiger Unterstützung von Jesper Strömblad (der im selben Jahr mit seiner damaligen Stammband In Flames ebenfalls abräumen konnte). Besonders die Riffs sind hervorzuheben – ob die nun von Strömblad stammen (der hat ja eigentlich die Credits für die Drums, ohne überhaupt auf dem Album gespielt zu haben) oder Marke Eigenbau sind, entzieht sich meiner Kenntnis, sie sind jedenfalls großartig. Produziert ist das Album natürlich blitzsauber, vielleicht sogar ein bisschen zu clean, wobei genau das sicher auch viel zum Erfolg beigetragen hat und mich eigentlich nicht stört. Die Melodien sind natürlich cheesy, aber schwer in Ordnung; das war ja immer schon ein Abgrenzungsmerkmal zwischen europäischem (z.B. Stratovarius, Helloween) und amerikanischem (v. a. Manowar, Iced Earth) Power Metal.

Bleibt noch der Gesang, an dem sich schon damals ein wenig die Geister geschieden haben. Bei mir im Freundeskreis war man eher negativ eingestellt, es fielen Worte wie „Luft im Sack“ (übrigens nicht nur über Joacim Cans, auch Alexi Laiho von Children of Bodom wurde Ähnliches attestiert). Ich selbst fand Cans immer recht passend zur Musik, denke, dass er technisch sehr beschlagen ist, das allerdings nur in seiner üblichen Stimmlage. Varianten gibt es bei ihm kaum, das ist speziell auf den ersten Alben deutlich zu bemerken. Von allen zeitgenössischen Power Metal-Sängern dürfte Cans die „sauberste“ Stimme haben. Ob das nun gefällt oder nicht kann nur Geschmackssache sein.

„Glory to the Brave“ im 1997er-Vergleich.

Abschließend möchte ich nochmal auf die Qualität von „Glory to the Brave“ im Vergleich zu den oben genannten, zeitgenössischen Platten zu sprechen kommen. 1997 habe ich das HammerFall-Debüt rauf und runter gehört und sehr genossen. Retrospektiv war die Langzeittauglichkeit aber bei jedem der von mir positiv hervorgehobenen Alben höher – Ausnahme: „Angels Fall First“ (Nightwish) Das beste Debüt in jenem Jahr haben meiner Meinung nach Rhapsody fabriziert, beim besten Album insgesamt bin ich hin- & hergerissen zwischen „Sehnsucht“ (Rammstein), „Enthrone Darkness Triumphant“ (Dimmu Borgir) und „Anthems to the Welkin at Dusk“ (Emperor). Dazu sei bemerkt, dass das 1997 nicht so war und sich erst später mit fortschreitendem Musikgeschmack so ergeben hat. „Glory to the Brave“ war als Gesamtwerk jedenfalls nur so lange hochinteressant, bis 1998 der Nachfolger „Legacy of Kings“ erschien – oder bis ich 1997 etwas anderes entdeckt habe, das mich noch mehr überzeugen konnte.

Letztlich bringt „Glory to the Brave“ eine Erkenntnis, die sich durch die Karriere von HammerFall ziehen sollte: Die Göteborger leben von starken Refrains. Gelingen ihnen die nicht zu 100% wird es schwierig. Das ist ein schmaler Grat, den sie auf ihrem Debüt zumindest bei drei Nummern perfekt meistern. Weil 6 der 9 Stücke den test of time aber nicht ganz so gut bestehen, fehlt auf Albumlänge ein Quentchen zu dem, was sie später auszeichnen sollte. Auch, wenn eine so retrospektive Betrachtung unfair erscheinen mag und ich das 1997 anders gesehen habe.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. The Dragon Lies Bleeding – 4:22 – 7/7
  2. The Metal Age – 4:27 – 4/7
  3. HammerFall – 4:45 – 6/7
  4. I Believe – 4:49 – 3/7
  5. Child of the Damned [Warlord Cover] – 3:40 – 7/7
  6. Steel Meets Steel – 3:58 – 5/7
  7. Stone Cold – 5:40 – 6/7
  8. Unchained – 5:34 – 4/7
  9. Glory to the Brave – 7:20 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


HammerFall auf “Glory to the Brave” (1997):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitar, Backing Vocals
  • Glenn Ljungström – Guitar
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals

Anspieltipp: The Dragon Lies Bleeding

7 Gedanken zu “MusikWelt: Glory to the Brave

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