MusikWelt: Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken

HammerFall


Das 4. Album von HammerFall, „Crimson Thunder“ (2002), wurde vielerorts kritisiert, weil sich die Schweden einmal mehr auf ihre bewährte Formel verließen, die ihnen geradezu unfassbaren kommerziellen Erfolg beschert hatte. Musikalische Weiterentwicklung, so die Kritiker, fand höchstens in Nuancen statt, was man dem Quintett aus Göteborg meiner Ansicht nach jedoch nicht verdenken kann (ich selbst fand „Crimson Thunder“ übrigens sehr gut). Dann erschien 2005 der Nachfolger „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“, eine Platte, der man das Bemühen, es den Nörglern zu zeigen, deutlich anhörte. Leider gelang das nur bedingt. Noch schlimmer ist in der Retrospektive aber, dass dieses Album am Anfang den Niedergangs einer der wichtigsten Bands der Jahrtausendwende einleitete.

Gesamteindruck: 3/7


Ein erstes Anzeichen von Schwäche.

HammerFall waren schon immer dann am besten, wenn sie möglichst einfach und leicht konsumierbar sind. Und wenn sie aufspielen, als gäbe es kein Morgen. Seit dem legendären Debüt „Glory to the Brave“ (1997) sind es die grandiosen, unwiderstehlichen Ohrwürmer, die diese Band auszeichnen. Den stärksten und erfolgreichsten Songs der Schweden ist vor allem eines gemeinsam: Ein epischer, alles überstrahlender Refrain, getragen von einer hymnenhaften Melodie. Fehlt ein solcher, ist der Rest meist nicht der Rede wert. Der Grad, auf dem das funktioniert, ist sehr schmal, konnte von der Band bis zu „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ aber mit fast schon traumwandlerischer Sicherheit gemeistert werden.

Auf vorliegendem Longplayer kann man – im Gegensatz zu einigen späteren Releases – den Unterschied zwischen Mega-Hit und Rohrkrepierer sogar sehr deutlich sehen bzw. hören. Die Referenz, das einzige Stück auf dem Album, das voll und ganz alten HammerFall-Spirit atmet, ist Track 2, „Blood Bound“. Bei dieser Nummer passt alles zu- und ineinander und ist so, wie man es als Fan hören möchte: Einfaches aber wirkungsvolles Riffing, ein starker Refrain, ein schönes Solo, die richtige Länge, guter Gesang; kurz: ein unterhaltsames und energetisches Stück Musik. Hätte so auch auf jedem der vorhergehenden Alben eine tolle Figur gemacht und ist neben der (guten) Ballade „Never, Ever“ der einzige Song auf „Chapter V“, an den ich mich auch nach Jahren des Nichthörens der Platte erinnern konnte.

„Blood Bound“ und der Rest.

Demgegenüber steht zunächst die Eröffnungsnummer „Secrets“. Dieser Song soll vermutlich einen komplexeren Kompositionsansatz repräsentieren, zeigt mit seiner Zerfahrenheit aber gnadenlos die Schwächen der Göteborger in Sachen Songwriting auf. Dabei geht es ganz gut los: Das Intro passt, die Strophe geht in Ordnung. Aber was passiert dann? Der Refrain wird unpassend mit Doublebass-Geballer unterlegt, was noch in Ordnung wäre, wenn der Song nicht immer wieder so merkwürdig unterbrochen würde. Das nimmt dem Stück jegliche Energie und verhindert das Zustandekommen eines „Flows“, der die relativ lange Gesamtdauer von über 6 Minuten anhält. All das ist zwar keine Vollkatastrophe, aber so richtig Lust auf das Album macht die Nummer halt auch nicht. Übrigens habe ich das Gefühl, Helloween hätten sich bei ihrer 2015er-Single „Battle’s Won“ ein bisschen an „Secrets“ orientiert, aber das nur am Rande.

Das zweite Beispiel für einen misslungenen Versuch, facettenreicher zu werden, ist das finale „Knights of the 21st Century“. Dieser Track, mithin der erste Versuch von HammerFall, auf der Langstrecke zu punkten, ist in meinen Ohren praktisch ein Totalausfall. Und das trotz des Gastauftrittes eines gewissen Cronos (Venom). Zunächst dauert es gut und gerne 3 Minuten, bis der Song wirklich losgeht – viel zu lang, um den Zuhörer, der von HammerFall ganz andere Kost gewohnt ist, bei der Stange zu halten. Der Einstieg bietet dann nettes Riffing, allerdings im verschleppten Midtempo, was auch nicht dazu beiträgt, den geneigten Fan aufzuwecken. Ich verstehe sogar, was die Schweden wollten – extrem episch sollte es werden, wie auch an den Chören zu erkennen ist. Nur haut das leider hinten und vorne nicht hin, weil das Songwriting einfach viel zu zäh ist. Flott wird es erst bei 7 Minuten – zu spät für mich (auch wenn der Galopp-Rhythmus dann sehr gut umgesetzt ist). Übrigens ist die Überlänge ohnehin Makulatur: Nicht nur, dass es spät richtig losgeht, eigentlich ist auch nach 10 Minuten „schon“ Schluss. Bei ca. 12:05 erfolgt zwar nochmal ein von Cronos rausgewürgtes „Oaaaargh! Hell fucking yeah!“, dazwischen herrscht aber gähnende Leere. 7 Minuten dauert „Knights of the 21st Century“ also ungefähr. Sorry Leute, das ist mal so gar nix – ich werde diesen Song sicher nicht noch einmal freiwillig hören. Und damit hätten wir den Bogen vom Anfang zum Ende von „Chapter V“ gespannt. Dazwischen liegen die erwähnten „Blood Bound“ und „Never, Ever“, das übrigens nach einer stark verbesserten Version von „Always Will Be“ klingt.

Jetzt noch ein paar Worte zu den übrigen 6 Songs: Am besten machen es die Göteborger mit „The Templar Flame“, das einen starken Einschlag von „A Touch of Evil“ (Judas Priest auf „Painkiller“, 1991) aufweist. Hier funktioniert es tatsächlich, etwas Abwechslung in die übliche HammerFall-Chose zu bringen. Daumen hoch dafür! Dann gibt es noch „Take the Black“, das zumindest ein wenig nach alten Großtaten klingt. Schade, dass der Refrain, der am Ende einmal zu oft wiederholt wird, nicht etwas zwingender ist. Die restlichen Nummern sind Kategorie „geht so“ oder „einmal gehört, gleich wieder vergessen“. Störend sind für mich vor allem Gesang und Songaufbau von „Fury of the Wild“, das sehr deutlich zeigt, dass HammerFall eben nicht Judas Priest sind. Gefällt mir überhaupt nicht, wie der eigentlich von mir geschätzte Joacim Cans hier versucht, seine Stimme in Rob Halford-Höhen zu schrauben. Und was soll der Refrain mit der Stimmüberlagerung und der Unterbrechung? Ich verstehe nicht, wem so etwas gefallen soll… Ansonsten sei noch erwähnt, dass beim wiederholten Hören von „Chapter V“ vorwiegend hängen bleibt, dass sage und schreibe 4 von 10 Songs („Blood Bound“, „Hammer of Justice“, „Born to Rule“ und „The Templar Flame“) gefühlt mit dem selben Riff beginnen. Das ist dann aber schon ein bisschen zu viel des Guten, oder, Herr Dronjak? Davon abgesehen gibt es zu den weiteren Songs nicht viel zu sagen – hier ein gutes Solo, dort ein passabler Mitsing-Part – viel mehr ist es einfach nicht.

Talentierte Musiker, schwaches Songwriting.

Damit ist es amtlich: „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ war zum Zeitpunkt seines Erscheinens das mit Abstand schwächste Album von HammerFall. Daran gibt es leider nichts zu beschönigen – auch nicht, wenn man daran denkt, dass die Releases der Tempelritter aus Göteborg in den folgenden Jahren nicht wesentlich besser werden sollten. Ich möchte aber auch nicht unerwähnt lassen, dass das nicht an den technischen Fähigkeiten der Musiker liegt. Joacim Cans hat das Singen nicht verlernt, die Gitarristen spielen blitzsauber und scheinen technisch sehr beschlagen zu sein. Überhaupt haben HammerFall tatsächlich fast immer sehr gute Gitarrensolos zu bieten, was im krassen Gegensatz zum simplen Riffing steht. Bass und Schlagzeug sind wie üblich von der einfachsten Sorte, was mich aber nicht so sehr stört. Das Problem ist, dass die Schweden aus diesen Komponenten so wenig machen, wie noch nie zuvor in ihrer Karriere. Da hilft auch die gute Produktion (wie üblich sogar etwas zu gut!) nichts – das Songwriting ist schlicht und einfach öde. Vielleicht liegt es auch am weitgehend fehlenden Tempo? Ich kann es wirklich nicht genau sagen, Fakt ist, dass das gewisse Etwas einfach abgeht. Leider.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Secrets – 6:06 – 3/7
  2. Blood Bound – 3:49 – 6/7
  3. Fury of the Wild – 4:44 – 2/7
  4. Hammer of Justice – 4:38 – 4/7
  5. Never, Ever – 4:06 – 5/7
  6. Born to Rule – 4:08 – 3/7
  7. The Templar Flame – 3:41 – 6/7
  8. Imperial – 2:30 – 4/7
  9. Take the Black – 4:47 – 5/7
  10. Knights of the 21st Century – 12:19 – 1/7

Gesamteindruck: 3/7 


HammerFall auf “Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken” (2005):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Rhythm, Lead & Acoustic Guitars, Keyboard, Backing Vocals
  • Stefan Elmgren – Lead, Rhythm & Acoustic Guitars
  • Magnus Rosén – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: Blood Bound

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5 Gedanken zu “MusikWelt: Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken

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