MusikWelt: Dominion

HammerFall


Der Vorwurf, ihre Songs schablonenhaft am Reißbrett zu entwerfen, begleitet die schwedischen Veteranen HammerFall seit über 20 Jahren. Und doch ist die Band nach wie vor gut im Geschäft, ganz getreu ihrer eigenen Textzeilen: „HammerFall, we will prevail…“. Daran – und auch am generischen Klangbild – ändert wohl auch das 11. Studio-Album mit dem knackigen Titel „Dominion“ nichts.

Gesamteindruck: 6/7


(Zum Glück) Keine Überraschungen.

HammerFall waren schon immer ein Fall von „lieben“ oder „hassen“. Wer in zweitere Kategorie fällt, wird auch mit „Dominion“ nicht warm werden. Wer das Quintett aus Göteborg hingegen gerne hört, bekommt mit dem 2019er-Album eine weitere Kelle der liebgewonnen Zutaten serviert: Hochmelodiösen, eingängigen Power Metal in den drei Geschwindigkeitsstufen schnell, Midtempo und balladesk; garniert ist die Chose wie immer mit dem unverwechselbaren (Falsett-)Gesang von Joacim Cans. Man braucht sich also keine Sorgen zu machen, dass HammerFall wie anno 2011 auf „Infected“ versuchen, neue Wege zu gehen. Wozu auch – die unmittelbaren Vorgänger von „Dominion“ waren ja durchaus gefällig und läuteten tatsächlich sowas wie den 2. Frühling für die Band ein.

Überraschungen sind auf dem 2019er-Dreher folgerichtig Fehlanzeige. Den Hörer erwartet die gewohnte Mischung aus starken und soliden Nummern. Einen richtigen Ausfall gibt es übrigens nicht zu beklagen, obwohl sich an der Single-Auskoppelung „(We Make) Sweden Rock“ die Geister scheiden dürften. Ja, der Track ist eingängig und live-tauglich, gleichzeitig aber auch ein Song, der den oben genannten Reißbrett-Vorwurf erhärtet, wie kaum ein anderer seit „Hearts on Fire“. Und auch wenn ich hier wie dort mitnicke und mich insgesamt als Fan der HammerFall-Formel oute, plagt mich beim Hören ständig das ungute Gefühl, dass beide Songs sogar für die Verhältnisse dieser Band extrem generisch sind. Als Hommage an die schwedische Rock- und Metal-Szene kann man „(We Make) Sweden Rock“ aber gerade noch so durchgehen lassen.

Wenig auszusetzen.

Abgesehen von diesem Bauchweh-Kandidaten gibt es auf „Dominion“ nicht viel zu bemängeln. Es gibt einen Strauß an veritablen Hits, darunter die Tracks „Dominion“, „One Against the World“ und „Scars of a Generation“. Allesamt Ohrwürmer vor dem Herrn, genau wie die HammerFall-Verneigung vor dem aktuellen Wikinger-Trend, „Bloodline“. Klar, ist das alles sehr auf Eingängigkeit und Dynamik getrimmt – man vergleiche nur „Bloodline“ und „On the Edge of Honour“ von „Renegade“ (2004) oder „Never Forgive, Never Forget“ und „Dethrone and Defy“ von „Built to Last“ (2016). Aber ich tue mir schwer, den Schweden daraus ernsthaft einen Strick zu drehen, zu viel Spaß macht es mir, diese Songs zu hören. Ist das noch objektiv? Keine Ahnung, es hilft aber nichts, wenn ich nicht Einschlafen kann, weil mir die ganze Zeit der Refrain von „One Against the World“ (Templars of the world / Victorious immortals / Thunder up your souls / Rebel and shout out loud) durch den Kopf schwirrt. Ich interpretiere das mal als komplett positives Zeichen. Ja, ich weiß, das passiert bei unsäglichen Pop-Songs auch ab und an… dennoch, bei HammerFall bleibt das Gefühl dabei positiv. Besser als „(We Make) Sweden Rock“ gefallen mir diese Nummern übrigens, weil sie sich wesentlich stärker an den Judas Priest– und Helloween-Wurzeln von HammerFall orientieren. A pro pos Zitate: „Dead by Dawn“ bezieht sich auf eine andere Inspiration der Band und klingt genau so, wie man es von Accept erwarten würde. Kann man sich also schon beim Lesen des Titels vorstellen, wie der Refrain hier aufgebaut wird.

Auch am Rest von „Dominon“ habe ich wenig auszusetzen. Am schwächsten finde ich „Testify“, das nicht richtig in Fahrt kommen will und auch die Power Ballade „Second to One“ ist nicht gerade eine Offenbarung, ebenso das „Bloodline“ einleitende, kurze Instrumental „Battleworn“. Hinten raus ist „Chain of Command“ eher bieder. Das war’s dann aber auch schon mit der Kritik (sieht man vom katastrophalen Cover im Manga-Look ab – warum??). Etwas sei vielleicht noch zum Rausschmeißer „And Yet I Smile“ gesagt: Diese Nummer ist recht episch angelegt, was HammerFall normalerweise gut zu Gesicht steht. In meinen Ohren schrammt der Track aber ganz, ganz knapp an einem Musical-Stück vorbei, was wiederum keine so tolle Assoziation für eine Metal-Band wäre. Aber sei’s drum, die Schweden kriegen gerade noch die Kurve und schaffen einen gelungenen Abschluss für ein grundsolides Album. Und das ist mehr, als man von HammerFall in den vergangenen Jahren erwarten konnte/wollte.

Zum Abschluss noch ein Wort noch zur technischen Seite: Sieht man über die mangelnde Innovationsfreude im Songwriting und die teils arg infantilen Texte hinweg (was jeder Fan ohnehin tut, weil er HammerFall einfach nicht anders haben möchte), ist „Dominion“ auf zwei Ebenen sogar großartig geworden: Erstens sitzen die Riffs und Solos nahezu perfekt, die Drums haben gut Punch und Joacim Cans singt fast wie sein 20 Jahre jüngeres Ich. Haut live natürlich bei weitem nicht mehr so hin, aber was soll’s, hier bewerten wir ja das Album. Und zweitens wurde „Dominion“ eine amtliche Produktion verpasst, die ebenfalls an längst vergangene, glorreiche Tage denken lässt. Chapeau, das ist tatsächlich aller Ehren wert! Dem geneigten HammerFall-Freund sei der eine oder andere Durchgang empfohlen, ein bisschen Zeit muss man dem Material tatsächlich geben. Ist das geschehen, erhält man mit „Dominion“ eine der stärksten Platten, die die Veteranen aus Göteborg in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Never Forgive, Never Forget – 5:31 – 5/7
  2. Dominion – 4:39 – 5/7
  3. Testify – 4:29 – 4/7
  4. One Against the World – 3:53 – 6/7
  5. (We Make) Sweden Rock – 4:15 – 4/7
  6. Second to One – 4:10 – 4/7
  7. Scars of a Generation – 4:41 – 6/7
  8. Dead by Dawn – 3:59 – 5/7
  9. Battleworn – 0:38 – 3/7
  10. Bloodline – 4:46 – 6/7
  11. Chain of Command – 4:00 – 4/7
  12. And Yet I Smile – 5:28 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


HammerFall auf “Dominion” (2019):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars
  • Pontus Norgren – Guitars
  • Fredrik Larsson – Bass
  • David Wallin – Drums

Anspieltipp: Bloodline

Ein Gedanke zu “MusikWelt: Dominion

  1. Pingback: Musik A-Z | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.