MusikWelt: Enthrone Darkness Triumphant

Dimmu Borgir


Wir schreiben das Jahr 1997. Es ist ein gutes Metal-Jahr, das die Debüts von HammerFall, Children of Bodom und Nightwish sieht, außerdem großartige Alben von Emperor, Immortal, In Flames, Stratovarius und Rammstein. Und auch der dritte Longplayer von Dimmu Borgir, „Enthrone Darkness Triumphant“, wird auf die Menschheit losgelassen – und verändert die öffentliche Wahrnehmung des Black Metal für immer.

Gesamteindruck: 7/7


Der Durchbruch.

„Enthrone Darkness Triumphant“ war für Dimmu Borgir in vielerlei Hinsicht eine Zäsur. Dabei unterscheidet sich das Album musikalisch gar nicht so sehr von seinen Vorgängern, wie man vielleicht meinen könnte – es dominieren regelrecht verträumt wirkende Keyboard-Harmonien, die über mal mehr, mal weniger harsche Black Metal-Riffs gestülpt sind. Insgesamt ist Album Nummer 3 sogar härter und schneller als „Stormblåst“. Und auch das Bandgefüge hat sich nur an einer Position (der neue Mann am Bass hört auf den Namen Nagash) verändert. Und dennoch – 1997 ist plötzlich alles ganz anders. Das beginnt beim Bandlogo, das nicht mehr klassisch-unlesbar ist, setzt sich bei Album- und Songtiteln fort (bis zu diesem Zeitpunkt spielte sich im Hause Dimmu Borgir alles auf norwegisch ab), reicht über die professionelle Peter Tägtgren-Produktion und endet bei der modifizierten Atmosphäre.

In der Retrospektive scheint jede einzelne dieser Veränderungen, die Basis für die Anfeindungen durch die trve Black Metal-Szene sind, auf den Wechsel des Labels zurückzuführen zu sein. Denn es begab sich just zu jener Zeit, dass Dimmu Borgir, gestartet beim zweifelhaften No Colours Records, dann schnell gesigned vom recht undergroundigen Cacophonous Records (dort standen u.a. Cradle of Filth unter Vertrag), bei Nuclear Blast landeten. Das deutsche Label war damals gerade im Aufstieg begriffen, hatte u. a. mit HammerFall, Hypocrisy, Therion und Amorphis diverse heiße Eisen im Feuer. Mit Dimmu Borgir bewiesen die Verantwortlichen ebenfalls den richtigen Riecher. Auch weil es – im Gegensatz zu heute – überhaupt nicht üblich war, Black Metal aus Norwegen im Portfolio zu haben. Zu lebhaft war damals noch die Erinnerung an die brennenden Stabkirchen, an Mord und Gewalt. Eine lange Vorgeschichte, ich weiß. Aber die halte ich für essenziell, weil sie letztlich nicht nur Dimmu Borgir betrifft, sondern das Tor für eine breitere Wahrnehmung des wohl extremsten aller Musikgenres in der Öffentlichkeit aufstieß – mit allen positiven und negativen Konsequenzen.

Punktet auf allen Ebenen.

Nun kommen aber endlich zur Musik auf „Enthrone Darkness Triumphant“. Wie erwähnt unterscheidet sich dieses Album vom Songwriting her nicht so sehr von seinen Vorgängern, wie man meinen könnte, wenn man verschiedene Reviews liest. Ja, insgesamt ist die Platte etwas härter, aber die Unterschiede zu „Stormblåst“ scheinen mir im Großen und Ganzen dann doch eher der guten (zu guten?) Produktion geschuldet zu sein. Außerdem von Beginn an auffällig: Shagrath tritt hier erstmals als hauptamtlicher Sänger auf. Seine Stimmlage unterscheidet sich tatsächlich stark vom klassisch-schwarzen Gekrächze, das er selbst und Kumpel Silenoz auf früheren Platten zum Besten gegeben haben. Auch das ist ein Faktor, der „Enthrone Darkness Triumphant“ zugänglicher macht, obwohl man hier den Klargesang späterer Alben vergeblich sucht.

„Enthrone Darkness Triumphant“ startet mit drei Songs, die direkt zu Klassikern auf der Setlist der Norweger avancieren sollten. Vor allem der Opener „Mourning Palace“ ist hier zu nennen, nicht, weil er meines Erachtens der beste Song des Albums ist (allerdings ist er nah dran), sondern weil er einfach zum Soundtrack des Jahre 1997 gehört. Bei den ersten Keyboard-Klängen fühlt sich hier auch der Fan der esten beiden Alben der Osloer noch recht heimisch, wenn es dann aber mit den Gitarren los geht, reibt man sich im ersten Moment verwundert die Ohren. Denn so heavy wie hier klangen Dimmu Borgir in den alten Tagen keineswegs. Hier gibt es Heavy Metal-Riffing vom Feinsten, clever arrangiertes Keyboard-Spiel und ausgefeiltes Songwriting. Ähnliches gilt für „Spellbound (By the Devil)“ und meinen persönlichen Favoriten „In Death’s Embrace“. Letztere Nummer ist mit dem zwischen Shagrath und Nagash aufgeteilten Gesang und stark verzerrten Gitarren zum Teil tatsächlich sehr Black Metal-affin. Was mich hier aber wirklich begeistert, ist die Art, wie das Keyboard eingesetzt wird, einerseits in der Melodieführung während der Strophen, andererseits im instrumentalen Mittelteil. Ich denke, diese Nummer steht für alles, was ihre Fans an Dimmu Borgir schätzen. Und das in völlig unverbrauchter und frischer Form.

Nach solchen Lobeshymnen folgt oft ein Satz wie „naturgemäß fällt der Rest des Songmaterials im Vergleich dazu etwas ab“. Im Falle dieses Albums gibt es allerdings mit „Tormentor of Christian Souls“, „Entrance“, „Master of Disharmony“ und dem finalen, fast schon romantisch-verträumten „A Succubus in Rapture“ vier weitere Hits, die jeder, der zumindest ein bisschen was mit der melodischen Seite des Black Metal anfangen kann, zu schätzen wissen müsste. Wobei speziell zu „Tormentor of Christian Souls“ gesagt sei, dass derartige Texte bei Dimmu Borgir immer schon höchst irritierend waren. Denn das Image der bösen Satanisten hat dem Quintett tatsächlich von Anfang an niemand abgenommen – und dass die Lyrics auf diesem Album in weiten Teilen in diese Kerbe hauen, war der Credibility auch nicht unbedingt zuträglich.

Zu erwähnen sind noch die übrigen drei Songs, die immer ein bisschen vergessen werden, wenn man über „Enthrone Darkness Triumphant“ spricht. Im Fall von „Prudence’s Fall“ zu Unrecht, diesen Track finde ich schon sehr stark. „Relinquishment of Spirit and Flesh“ ist hingegen eine Art Opfer des Dimmu Borgir’schen Songwritings: Eigentlich wäre das ein Song, der jeder Black Metal-Band gut zu Gesicht stehen könnte. Bei der speziellen Form von Black Metal, die Dimmu Borgir spielen, wirkt die Nummer aufgrund ihrer vergleichsweise geringen Eingängigkeit hingegen wie ein Fremdkörper. Mir gefällt der Song eigentlich gar nicht so schlecht, aber von dieser Band und auf diesem Album ist er irgendwie fehl am Platze. Und schließlich gibt es noch „The Night Masquerade“, ein Lied, an das man sich nur wegen der kurzen weiblichen Stimmeinlage gegen Ende erinnert. Ausfälle sind das alles keine, aber richtig gut geht halt auch anders.

Fazit: Das Songmaterial gehört meiner Ansicht nach zum Besten, das Dimmu Borgir jemals veröffentlicht haben. Das liegt vornehmlich daran, dass die Norweger hier tatsächlich die perfekte Balance zwischen melodiöser Zugänglichkeit und schroffer Härte schaffen. Klar muss man dafür als Hörer eine grundsätzliche Affinität für neoklassizistisch-symphonische Klänge mitbringen – die sollte theoretisch aber bei jedem Metalhead, der ein etwas breiteres Spektrum zu schätzen weiß, vorhanden sein. Auch logisch, dass dem Anhänger des ursprünglichen Black Metal der 2. Generation selbst Nummern wie „Tormentor of Christian Souls“ oder „Spellbound (By the Devil“, die ja vom Titel her genau ins Beuteschema fallen müssten, höchstens ein müdes Lächeln abringen. Ich persönlich verstehe das gut, bin aber deshalb nicht bereit, Dimmu Borgir zu verdammen. Selbstverständlich klingen sie nicht wie Darkthrone, ich halte das aber keinesfalls für ein Qualitätskriterium – das anders handzuhaben bleibt natürlich jedem unbenommen.

Nuclear Blast und die Folgen.

Eine Schlussbemerkung zum Deal mit Nuclear Blast sei mir gestattet – freilich, ohne genaue Hintergründe zu kennen. Fakt ist, dass das Label schon immer ein Händchen bei der Auswahl seiner Talente hatte. Inwiefern die unter Vertrag genommenen Bands musikalisch, aber auch hinsichtlich Auftreten, Ideologie etc. geformt werden, entzieht sich zwar meiner Kenntnis. Fakt ist jedoch auch, dass Dimmu Borgir nach dem Wechsel zu Nuclear Blast in fast allen Bereichen herzeigbarer und leichter konsumierbar wurden. Es war weder ihr Schaden, noch der des Labels, muss man konstatieren. Für die um Kredibilität bemühte Black Metal-Szene muss es hingegen eine Art Weckruf gewesen sein, schien es doch plötzlich möglich, mit vermeintlich geringen Anpassungen auch mit dieser Musik Geld zu machen.

Ich weiß es tatsächlich nicht, glaube aber, hierin DIE Ursache einer bis heute dauernden Diskussion und Spaltung der Szene erkennen zu können. Und auch wenn Dimmu Borgir vom Start weg sowohl musikalisch als auch ideologisch weit weniger radikal als viele ihrer Landsleute zu Werke gingen, ist die Zusammenarbeit mit Nuclear Blast definitiv eine Erwähnung wert, weil sie letztlich zur Initialzündung für eine breitere öffentliche Wahrnehmung der schwarzen Tonkunst wurde. Freilich mit dem Nachteil, dass Außenstehende tatsächlich glaubten, Black Metal klinge immer wie bei Dimmu Borgir und sich mit Grausen von traditionelleren Klängen der 2. Generation (Darkthrone, anyone?) abwandten. Vermutlich, weil deren Musik allein, also ohne das richtige Feeling dafür, kaum konsumierbar ist, ganz im Gegenteil zu dem, was Dimmu Borgir machten und machen. Dieser Verwirrung fielen im Endeffekt auch die zwei Vorgängerwerke der Osloer zum Opfer, die bei vielen, die sie mit „Enthrone Darkness Triumphant“ kennengelernt hatten, so gar nicht punkten konnten. So jedenfalls meine, vermutlich sehr eingeschränkte und freie Interpretation der Ereignisse.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Mourning Palace – 5:12 – 7/7

    metal-archives.com

  2. Spellbound (By the Devil) – 4:07 – 6/7
  3. In Death’s Embrace – 5:41 – 7/7
  4. Relinquishment of Spirit and Flesh – 5:31 – 5/7
  5. The Night Masquerade – 4:23 – 4/7
  6. Tormentor of Christian Souls – 5:38 – 6/7
  7. Entrance – 4:46 – 6/7
  8. Master of Disharmony – 4:14 – 5/7
  9. Prudence’s Fall – 5:54 – 6/7
  10. A Succubus in Rapture – 5:57 – 6/7

Gesamteindruck: 7/7 


Dimmu Borgir auf “Enthrone Darkness Triumphant” (1997):

  • Shagrath – Vocals, Lead Guitars
  • Erkekjetter Silenoz – Rhythm Guitars
  • Nagash – Bass, Backing Vocals
  • Tjodalv – Drums, Percussion
  • Stian Aarstad – Keyboards, Piano

Anspieltipp: In Death’s Embrace

 

7 Gedanken zu “MusikWelt: Enthrone Darkness Triumphant

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