BuchWelt: Heeresbericht

Edlef Köppen


Von den von mir bis dato zum Thema 1. Weltkrieg gelesenen Romanen ist „Heeresbericht“ von Edlef Köppen der wohl Unbekannteste. Zu Unrecht – tatsächlich denke ich, dass dieses Buch zwei deutschsprachige Referenzwerke übertrifft: „Im Westen nichts Neues“ (1929, Erich Maria Remarque) und „In Stahlgewittern“ (Erstfassung 1920, Ernst Jünger). Dabei dürfte die geringere Bekanntheit von Köppens Werk vor allem dem mehr oder weniger zeitgleichen Erscheinen von u. a. „Im Westen nichts Neues“ geschuldet sein, das bereits damals zum Bestseller wurde, was es ähnlich gelagerten Romanen schwer machte, überhaupt wahrgenommen zu werden.

Gesamteindruck: 7/7


Vom Soldaten zum Pazifisten.

Freilich änderte auch die verhältnismäßig kleinere Auflage von „Heeresbericht“ nichts daran, dass auch dieses Werk der Bücherverbrennung der Nationalsozialisten zum Opfer fiel. Daran zeigt sich schon, dass der Inhalt des Buches keineswegs geeignet war, erneute Kriegsbegeisterung in Deutschland zu schüren; ganz im Gegensatz zum abenteuerlich-unkritischen „In Stahlgewittern“.

Inhalt in Kurzfassung
Student Adolf Reisiger meldet sich 1914 freiwillig zum Kriegseinsatz. Als Artillerist kämpft er im Westen, wird später an die Ostfront verlegt und kehrt schließlich – mittlerweile zum Leutnant der Reserve befördert – mit seinem Regiment an die Westfront zurück. Anfänglich noch mit Begeisterung in den Weltkrieg gezogen, hinterfragt Reisinger mehr und mehr den Sinn dieses Konflikts. Schließlich weigert er sich, an weiteren Kämpfen teilzunehmen und erlebt das Ende des Krieges im Irrenhaus.

Auf den ersten Blick entspricht der „Heeresbericht“, dessen fiktive Handlung stark autobiografische Züge trägt, dem, was Ernst Jünger in seinem Buch beschreibt: Protagonist Adolf Reisiger meldet sich 1914 freiwillig und dient sich im Laufe der Zeit vom einfachen Soldaten zum Offizier hoch (wobei ihm das eher „passiert“, wenn man es genau nimmt), wird mehrfach verwundet, wird ausgezeichnet und überlebt den Krieg. Er sieht wie seine Kameraden verwundet werden und/oder sterben, immer wieder muss er sich mit neuen Leuten arrangieren, die als Ersatz in seine Batterie kommen.

Eine Art Entwicklungsroman.

All das kommt Lesern von „In Stahlgewittern“ bekannt vor. Und doch ist es ganz anders, denn Köppen lässt seinen Protagonisten tatsächlich eine Entwicklung durchmachen, die dem von Anfang bis Ende schneidigen und nahezu perfekten Soldaten Ernst Jünger meiner Ansicht nach völlig abgeht. Denn Adolf Reisiger (bzw. Edlef Köppen selbst) ist als junger Kanonier naiv, fragt sich zum Beispiel, wo denn der Krieg sei und was die Front eigentlich ist (als Artillerist war man ja Kilometer hinter den Gräben der Infanterie stationiert und bekam kaum jemals einen Feind zu sehen). Mit Fortdauer des Krieges beginnt Reisiger mehr und mehr zu zweifeln – nicht nur an der Obrigkeit, sondern vor allem auch an sich selbst. Und das endet auch mit seiner Beförderung zum Leutnant der Reserve nicht, im Gegenteil, als solcher ist es seine Pflicht, Menschen in den Tod zu schicken, womit er schwer fertig wird. Der „Heeresbericht“ ist damit eindeutig ein Statement gegen den Krieg und kombiniert die Stärken von „Im Westen nichts Neues“ mit der militärisch detaillierteren Ausgestaltung und sprachlichen Leichtigkeit von „In Stahlgewittern“.

Neben dem Lob für eine eindringliche, realistische und wirkungsvolle Schilderung scheinen mir zwei Dinge erwähnenswert: Einerseits sind in den „Heeresbericht“ durchgängig historische Auszüge aus echten Heeresberichten, Tagesbefehlen, Zeitungsausschnitten usw. eingearbeitet. Dadurch werden u. a. Differenzen in der Wahrnehmung der Frontsoldaten und dem, was in der zensierten Presse erscheint, kritisch beleuchtet. Zweiter Punkt, der hervorzuheben ist: Es ist hochinteressant, einmal nicht die übliche Perspektive des Infanteristen zu verfolgen. Reisiger ist Artillerist, das Geschehen findet also nur am Rande in den Schützengräben statt, spielt sich vielmehr weit dahinter ab. Freilich war es auch dort alles andere als angenehm, stand man doch häufig mit den gegnerischen Kanonen im mörderischen Fernduell. Für den an die Leiden der Infanterie gewöhnten Leser ist das durchaus bemerkenswert, weil dadurch ein gänzlich anderes Gefühl und eine andere Atmosphäre erzeugt werden. Immerhin sieht der Artillerist kaum jemals seinen Feind, nicht mal, ob die Geschosse überhaupt treffen, ist in der Regel zu erkennen. Man schießt und tötet blind, sozusagen anonym, was aber den Soldaten nicht von seinen Schuldgefühlen zu befreien vermag.

Kaufempfehlung.

Stilistisch ist Edlef Köppen sehr sauber unterwegs. „Heeresbericht“ liest sich angenehm und deutlich flüssiger als das stellenweise etwas schwerfällige „Im Westen nichts Neues“. Ich halte den Bestseller von Remarque zwar auch für ein Meisterwerk, im direkten Vergleich offenbaren sich dann aber doch einige sprachliche Schwächen. Für mein Dafürhalten ist Köppen stilistisch übrigens auch Ernst Jünger überlegen, hat ihm gegenüber außerdem den Vorteil (wenn man das als Vorteil sehen will), sich mit diesem Buch eindeutig gegen den Krieg zu positionieren. Zu alledem kommt noch die genannte Einarbeitung von zeitgenössischen Dokumenten, die sich perfekt in das Gesamtwerk einfügen. Damit ist „Heeresbericht“ für mich tatsächlich einer der besten, wenn nichts sogar der beste Roman zum 1. Weltkrieg. Klare Kaufempfehlung!

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Edlef Köppen
Originaltitel: Heeresbericht.
Erstveröffentlichung: 1930
Umfang: ca. 315 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Heeresbericht

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