MusikWelt: Spiritual Black Dimensions

Dimmu Borgir


„Spiritual Black Dimensions“ ist der vierte Longplayer der Osloer Formation Dimmu Borgir – und gleichzeitig Album Nummer 1 nach dem internationalen Durchbruch „Enthrone Darkness Triumphant“ (1997). Das Ziel war also klar: Die Qualität des Vorgängers mindestens zu halten, um zu beweisen, dass der Erfolg weder Zufall noch eine Eintagsfliege war. Um das zu schaffen, setzen die Norweger auf ihr bewährtes Rezept, erweitern es aber um die eine oder andere Nuance.

Gesamteindruck: 5/7


Überzeugt nicht voll.

Wenn ich an „Spiritual Black Dimensions“ denke, fallen mir auf Anhieb drei definierende Songs ein: Der Opener „Reptile“, dann „Dreamside Dominions“ und – als mein Highlight des Albums – „The Insight and the Catharsis“. Diese Nummern stehen meines Erachtens für alles, was man bereits vorher an Dimmu Borgir zu schätzen wusste (bzw. wofür viele die Band spätestens ab „Enthrone Darkness Triumphant“ zu verachten begannen). Ausufernde, mal unheimliche, mal verträumte Keyboardharmonien treffen auf harschen Gesang und (teils) schwarzmetallisches Riffing. Soweit, so bekannt und gut. Erweitert wird dieses Konzept hier um den fast als „opernhaft“ zu bezeichnenden Gesang von Borknagar-Frontmann Simen „Vortex“ Hestnæs, der bald nach Veröffentlichung des Albums als Vollzeit-Mitglied (Bass und Klargesang) bei Dimmu Borgir einsteigen sollte.

Abgesehen von dieser Neuerung hätten vor allem die relativ geradlinigen und sehr zugänglichen „Reptile“ und „Dreamside Dominions“ aber auch auf „Enthrone Darkness Triumphant“ eine gute Figur gemacht. „The Insight and the Catharsis“ verfolgt hingegen einen etwas komplexeren Ansatz und kann durchaus als Fingerzeig in Richtung Zukunft von Dimmu Borgir gedeutet werden. In diesen Song sind verhältnismäßig viele Ideen gepackt, was schnell nach hinten losgehen kann. Im Falle von „The Insight and the Catharsis“ gelingt den Norwegern allerdings das Kunststück, aus vielen Zutaten eine dramatische und spannende Nummer zu konstruieren – man höre allein den Übergang bei ca. 5:30 Minuten, der meines Erachtens mit zu den besten Beispielen für grandioses Songwriting der sonst in dieser Hinsicht eher einfach gestrickten Dimmu Borgir gehört.

An dieser Stelle sei auf zwei Änderungen im Bandgefüge hingewiesen, die durchaus Einfluss auf das Hörerlebnis haben: Shagrath legt die Klampfe mit „Spiritual Black Dimensions“ endgültig aus der Hand und konzentriert sich voll auf den Gesang – die Lead Gitarre übernimmt der Australier (!) Jamie „Astennu“ Stinson, der gemeinsam mit Bassist Nagash bei den damals noch unter Covenant firmierenden The Kovenant tätig war. Dieser Wechsel führt dazu, dass es nun tatsächlich das eine oder andere gelungene und memorable Solo zu hören gibt (z.B. ab ca. 4:05 Minuten in „The Insight and the Catharsis“), während Shagrath seine bis dato beste und variablste Gesangsleistung abliefert. Mindestens ebenso auffällig ist der Wechsel am Keyboard: Stian Aarstad, der zu „Stormblåst“-Zeiten als Plagiator entlarvte Tastenmann, musste für Øyvind „Mustis“ Mustaparta Platz machen. Abgesehen vom optischen Aspekt (Aarstad ging gerne mal mit Umhang, Zylinder und wenig Corpsepaint auf die Bühne, was so gar nicht zum bemüht bösen Image der Band passen wollte) scheint mir, dass Mustis seine eigenen Instrumente mitgebracht hat. Zumindest klingen die Keyboards in meinen Ohren deutlich symphonischer und orchestraler, als das bisher im Hause Dimmu Borgir der Fall gewesen war. Nicht falsch verstehen: Das Gefühl, hier wäre ein echtes Orchester am Werk, schafft Mustis nicht. Aber sein Spiel und seine Effekte gehen in eine noch neo-klassizistischere Richtung als die seines Vorgängers.

Stellenweise überladen.

Die veränderte Personalsituation scheint mir auch erwähnenswert, weil damit zu tun haben könnte, dass „Spiritual Black Dimensions“ insgesamt etwas an fehlender Kohärenz leidet. Will sagen: Die Keyboard-Harmonien, die sich auf „Enthrone Darkness Triumphant“ noch nahezu perfekt in das Gesamtbild eingefügt haben, fühlen sich hier stellenweise etwas …hmmm… entrückt von der metallischen Basis an. Bei den oben genannten Songs fällt das nicht so sehr auf, weil das einfach gut geschriebene Nummern sind, in denen das Tasteninstrument entweder ganz klar die Führung übernimmt oder die Atmosphäre verdichtet. Beim Rest des Albums verhält es sich ein wenig anders. Über weite Strecken fühlt sich „Spiritual Black Dimensions“ an, als würden ausladende, nein, überladene Keyboard-Arrangements gegen ziemlich straighte, wenig originelle Metal-Riffs kämpfen, statt eine Symbiose mit ihnen einzugehen oder sich gegenseitig zu veredeln. Besonders ohrenfällig ist das für mein Dafürhalten in „The Promised Future Aeons“ und dem Rausschmeißer „Arcane Lifeforce Mysteria“ zu vernehmen. Beide Nummern scheinen mir extrem überfrachtet, verwirrend und ziellos. „United in Unhallowed Grace“ kann zumindest mit seinen thrashigen Riffs und einer vergleichsweise unauffälligen Pianobegleitung punkten, was eine nette Abwechslung auf diesem Album ist.

Abgesehen davon gibt es noch die wenig auffälligen „Behind the Curtains of Night – Phantasmagoria“ und „The Blazing Monoliths of Defiance“ zu hören, die beide am ehesten als klassische Black Metal-Nummern durchgehen können, dabei aber einmal mehr offen legen, dass das nicht der Weg ist, den Dimmu Borgir kompositorisch glaubwürdig zu gehen vermögen. Wie schon bei „Relinquishment of Spirit and Flesh“ (auf „Enthrone Darkness Triumphant“) wäre vor allem zweiterer Song per se gar nicht so schlecht, ist aber nicht zwingend das, was man von dieser Band hören will; um vielleicht trotzdem zu begeistern, soll es ja auch geben, ist dieses Material leider einfach nicht gut genug. Und was schließlich „Grotesquery Conceiled (With Measureless Magic)“ betrifft: Ein netter Cradle of Filth Rip-off. Genau so schreiben die Engländer ihre Songs, ihre Riffs und setzen das Keyboard ein. Ja, macht schon Spaß, der Track, aber eigentlich passt sowas dann doch wesentlich besser zu den Vampiren um Dani Filth.

Merkwürdige Produktion.

Dass „Spiritual Black Dimensions“ gegenüber seinem großartigen Vorgänger das Nachsehen hat, lässt sich letztlich auf zwei Bereiche zurückführen: Einerseits wären da die Keyboards, die ich keineswegs per se verdammen möchte. Aber so, wie sie auf diesem Album eingesetzt werden, hat man teilweise Probleme, die Songs dahinter überhaupt zu erkennen. Das liegt – andererseits – zu einem Gutteil an der Produktion, der die scharfen Kanten von „Enthrone Darkness Triumphant“ vollkommen fehlen. Unverständlich, saß doch hier wie dort Peter Tägtgren, eigentlich ein Könner seines Faches, hinter den Reglern. Wieso der Hypocrisy– und Pain-Chef die Keyboards mit ihren gefühlt 1.000 Spuren hier dermaßen in den Vordergrund gestellt hat, ist mir ein Rätsel. Die Riffs von Dimmu Borgir mögen einfach sein, aber so, wie sie hier zugedeckt werden, hat man stellenweise keine Chance, das überhaupt zu erkennen. Generell ist die gesamte Produktion viel zu verschwommen ausgefallen, was das Gefühl eines wabernden Keyboard-Teppichs, der alles überdeckt, noch verstärkt. All das macht „Spiritual Black Dimensions“ trotz eigentlich eingängiger Melodien insgesamt unerwartet schwer am Stück hörbar. Konfus und verworren, so präsentiert sich die Platte bei den ersten Durchgängen; ein Eindruck, der sich bei manchen Songs auch nach zig Hörversuchen nicht bessern will.

All das heißt nun nicht, dass „Spiritual Black Dimensions“ eine miese Platte ist. Aber, und damit schließt sich der Kreis zum ersten Absatz dieser Rezension: Mein Gedächtnis hat mich nicht getäuscht, es gibt tatsächlich nur drei uneingeschränkte Highlights auf dem Album. Das ebenfalls recht starke „United in Unhallowed Grace“ hatte ich hingegen – aus welchen Gründen auch immer – verdrängt. Diese Nummern sind meines Erachtens so stark, dass sie den Gesamteindruck, den ich nach wie vor von „Spiritual Black Dimensions“ habe, deutlich nach oben korrigieren würden, wenn ich nicht aufpasse. Zu Unrecht, wenn ich ganz ehrlich und halbwegs objektiv sein soll – daher müssen wohlwollende 5 Punkte reichen, auch wenn 4 vermutlich noch angemessener gewesen wären.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Reptile – 5:17 – 6/7
  2. Behind the Curtains of Night – Phantasmagoria – 3:20 – 3/7
  3. Dreamside Dominions – 5:13 – 7/7
  4. United in Unhallowed Grace – 4:22 – 5/7
  5. The Promised Future Aeons – 6:51 – 3/7
  6. The Blazing Monoliths of Defiance – 4:37 – 4/7
  7. The Insight and the Catharsis – 7:17 – 7/7
  8. Grotesquery Conceiled (With Measureless Magic) – 5:10 – 4/7
  9. Arcane Lifeforce Mysteria – 7:03 – 3/7

Gesamteindruck: 5/7 


Dimmu Borgir auf “Spiritual Black Dimensions” (1999):

  • Shagrath – Vocals
  • Silenoz – Rhythm Guitars
  • Astennu – Lead Guitars
  • Nagash – Bass, Backing Vocals
  • Tjodalv – Drums, Percussion
  • Mustis – Keyboards
  • Vortex [Guest] – Vocals

Anspieltipp: The Insight and the Catharsis

 

5 Gedanken zu “MusikWelt: Spiritual Black Dimensions

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