MusikWelt: Puritanical Euphoric Misanthropia

Dimmu Borgir


Stilistisch unterscheidet sich Album Nummer fünf recht stark von der bisherigen Dimmu Borgir-Diskografie. Einerseits liegt das an einigen neuen Elementen, die dem Sound hier und da einen starken Industrial-Einschlag verleihen. Andererseits wurde für „Puritanical Euphoric Misanthropia“ erstmals ein richtiges Orchester engagiert, anstatt die symphonischen Parts rein über das Keyboard zu generieren. Beides zusammen sorgt für ein deutlich anderes Hörerlebnis, was aber nicht heißen soll, dass man nicht sofort weiß, mit wem man es hier zu tun hat. Dafür sorgen die typische Melodieführung und die durchaus markanten Stimmen von Shagrath und Vortex.

Gesamteindruck: 5/7


Industrial chic.

Nein, es ist insgesamt kein schlechtes Album, das die Osloer mit „Puritanical Euphoric Misanthropia“ 2001 vorgelegt haben (zumindest für all jene, die kein grundsätzliches Problem mit Dimmu Borgir haben). Allerdings leidet die Platte meines Erachtens an einem ähnlichen Problem, wie es mir schon beim Vorgänger „Spiritual Black Dimensions“ (1999) aufgefallen ist: Es gibt eine handvoll gute Nummern, die überdecken, dass wir es hier nicht mit jenem Meisterwerk zu tun haben, das mir meine Erinnerung suggeriert hat – und zu dem auch die zeitgenössischen Reviews die Platte hochstilisiert haben. Dabei ist man im ersten Moment durchaus beeindruckt von der progressiv anmutenden Vertracktheit mancher Kompositionen. Bei genauerem Hinhören sind Songs wie vor allem „IndoctriNation“ oder „The Maelstrom Mephisto“ jedoch nicht komplex, sondern gnadenlos überladen und führen letztlich nirgendwo hin. Das Problem ist bekannt: Durch den überbordenden Orchester- und Keyboard-Bombast hat man stellenweise Schwierigkeiten, die teils sehr guten Riffs überhaupt vernünftig zu hören.

Für die Aufnahmen wurde das Göterborgs Operans Orkester engagiert. Allein das macht die ganze Chose nochmal bombastischer macht, als es allein mit Keyboard-Arrangements gelungen wäre. Die Idee wäre grundsätzlich vielleicht gar nicht so schlecht gewesen, aber für mein Gefühl gibt es einfach zu viele Spuren und man kann dem Gehörten kaum folgen, was keinesfalls ein gutes Zeichen ist. Ich sogar bin versucht zu sagen, dass Teile von „Puritanical Euphoric Misanthropia“ in diesem Zusammenhang einem ähnlichen Schicksal erliegt wie „S&M“ (1998) von Metallica. Hier wie dort versucht man meiner Meinung nach, viel zu viel in Songs zu packen, die nicht dafür ausgelegt sind. Diese Gratwanderung sollten Dimmu Borgir auf späteren Alben aber zumindest rein technisch besser hinbekommen.

Klargesang als Rettungsanker?

Vor der Veröffentlichung von „Puritanical Euphoric Misanthropia“ hat sich das Besetzungskarusell bei Dimmu Borgir erneut gedreht. Gründungsmitglied Tjodalv räumte den Platz an der Schießbude, sein Ersatz kommt aus England: Nicholas Barker, der bis dahin bei Cradle of Filth die Felle gegerbt hatte. Weiters verabschiedeten sich Astennu (g) und Nagash (b) in Richtung ihrer Hauptband The Kovenant. Als Lead Gitarrist kommt Old Man’s Child-Mastermind Thomas Runde „Galder“ Andersen zu den Osloern. Der schnauzbärtige Glatzkopf bildet gemeinsam mit Shagrath und Silenoz übrigens bis heute das Kernteam von Dimmu Borgir. Neuer Mann am Viersaiter und wie bereits auf „Spritual Black Dimensions“ zuständig für den Klargesang ist Borknagar– und Arcturus-Fronter Simen „Vortex“ Hestnæs.

Mit letzerer Personalie verstärken Dimmu Borgir ein Element ihrer Musik, über das man trefflich streiten kann: Den Einsatz von Klargesang. Auf „Puritanical Euphoric Misanthropia“ ist die Stimme von Vortex häufiger und deutlich akzentuierter eingebaut, als es auf dem Vorgänger der Fall war. Damit kann man – je nach Geschmack – per se ein Problem haben, immerhin bedient sich der Rotschopf einer sehr speziellen, ziemlich melodramatischen Gesangsform. Dass das nicht jeder mag, ist klar; ich eigentlich schon, gleichzeitig komme ich aber nicht umhin, zuzugeben, dass sich Dimmu Borgir viel zu sehr darauf zu verlassen scheinen. Will sagen: Auf „Enthrone Darkness Triumphant“ (1997) brauchte man keinen Klargesang, um grandiose Nummern vorzulegen. Bereits auf dem folgenden „Spiritual Black Dimensions“ waren die Songs, bei denen Vortex am Start war, dem Rest des Materials überlegen (man höre vor allem „The Insight and the Catharsis“). Und genau so verhält es sich auch auf vorliegendem Album über weite Strecken. Man sehnt Vortex‘ Auftritte regelrecht herbei – und er schafft es meines Erachtens tatsächlich, die eine oder andere Nummer hörbar zu veredeln. Die Kehrseite der Medaille: Die Stücke, in denen unser Mann nicht zu hören ist, sind meistens… naja… bestenfalls mittelmäßig. Offenbar ist Dimmu Borgir irgendwo auf dem Weg zu „Puritanical Euphoric Misanthropia“ die Möglichkeit verloren gegangen, auch ohne die jubilierenden Gesangspassagen herausragende Nummern zu schreiben. Und das ist tatsächlich sehr schade.

Erste Albumhälfte deutlich stärker.

Wie erwähnt gibt es zwei weitere Auffälligkeiten auf „Puritanical Euphoric Misanthropia„, die man mögen kann oder auch nicht. Einerseits wäre da die Verwendung von allerlei Effekten und teilweise auch Songstrukturen, die man nicht im Black Metal sondern im Industrial verorten würde. Ohrenfälligstes (aber nicht einziges) Beispiel ist „Puritania“, das sich im gesamten Backkatalog von Dimmu Borgir wie ein absoluter Fremdkörper ausnimmt – und das bis heute. Einfach hier mal reinhören und vor allem auf das abgehackte Drumming, die elektronischen Spielereien und den merkwürdigen Aufbau achten. Ich muss aber ehrlich zugeben, dass mir der Song gefällt und dass er nach wie vor einer der besten auf dem Album ist, gemeinsam mit dem ebenfalls recht industriell anmutenden“Kings of the Carnival Creation“. Freilich nur, wenn man sich überhaupt an derartiges Songwriting, ausgerechnet von dieser Band, gewöhnen kann.

Abgesehen davon ist meines Erachtens die erste Albumhälfte deutlich stärker. Hier haben wir nach dem Soundtrack-mäßigen Intro „Fear and Wonder“, das es gut versteht, die Spannung aufzubauen, gleich fünf Songs, die mir gefallen. Die erwähnten „Kings of the Carnival Creation“ und „Puritania“, dann noch das rasante (vielleicht sogar schnellste Stück der Band überhaupt?) „Blessings Upon the Throne of Tyranny“, das eher an ältere Dimmu Borgir erinnernde „Hybrid Stigmata – The Apostasy“ und das mit galoppierenden Thrash-Riffs und Cradle of Filth-mäßigem Horror-Feeling ausgestattete „Architecture of a Genodical Nature“. Und ja, auch diese Songs sind teilweise sehr überladen, es passiert viel. Genaues Zuhören ist also notwendig, wenn es dann aber einmal Klick macht, unterhalten die genannten Stücke jedoch sehr gut.

Der Rest vom Schützenfest ist zwar nicht unterirdisch, kann aber mit genanntem Material nicht mithalten (sieht man vom positiven Ausreißer „Sympozium“ ab, der die gesamte zweite Albumhälfte „rettet“). Das Problem ist meines Erachtens, dass Dimmu Borgir ihr Pulver bereits vorher verschossen haben. Und das meine ich durchaus wörtlich – die drei Nummern „IndoctriNation“, „The Maelstrom Mephisto“ und „Absolute Sole Right“ klingen ein bisschen wie Ideen, die von den guten Songs auf dem Album sozusagen übrig geblieben sind und auch noch verwertet werden mussten, um die volle Spielzeit zu erreichen.

Abschließend noch ein Wort zur viel gescholtenen Produktion: Den Wechsel von einem Schweden zum anderen (von Peter Tägtgren hin zu Fredrik Nordström) hört man sehr deutlich. „Puritanical Euphoric Misanthropia“ klingt nicht nur im songwriterischen Sinne industriell; die Produktion wirkt auf mich kalt und maschinell, was recht gut zur futuristischen Ausrichtung passt. Ich denke tatsächlich, dass das die richtige Entscheidung war, denn „Spiritual Black Dimensions“ hatte aus meiner Sicht tatsächlich mit einem zu warmen Klang zu kämpfen. Der altmodische Black Metaller stört sich natürlich an der allzu cleanen Produktion, meiner Ansicht nach hätte es aber keine andere Möglichkeit gegeben, diesen Bombast-Overkill überhaupt hörbar zu machen. Von daher: Daumen hoch für die Fredman-Studios, das passt schon so.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Fear and Wonder – 2:48 – 6/7
  2. Blessings Upon the Throne of Tyranny – 5:19 – 5/7
  3. Kings of the Carnival Creation – 7:45 – 7/7
  4. Hybrid Stigmata – The Apostasy – 6:57 – 5/7
  5. Architecture of a Genocidal Nature – 6:08 – 5/7
  6. Puritania – 3:01 – 6/7
  7. IndoctriNation – 5:57 – 3/7
  8. The Maelstrom Mephisto – 4:41 – 4/7
  9. Absolute Sole Right – 6:24 – 4/7
  10. Sympozium – 5:12 – 6/7
  11. Perfection or Vanity – 3:27 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Dimmu Borgir auf “Puritanical Euphoric Misanthropia” (2001):

  • Shagrath – Vocals
  • Silenoz – Rhythm Guitars
  • Galder – Lead Guitars
  • Vortex – Bass, Vocals
  • Nicholas Barker – Drums, Percussion
  • Mustis – Keyboards, Piano

Anspieltipp: Kings of the Carnival Creation

 

3 Gedanken zu “MusikWelt: Puritanical Euphoric Misanthropia

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