MusikWelt: Death Cult Armageddon

Dimmu Borgir


Als ich unlängst begonnen habe, mir die gesamte Diskographie von Dimmu Borgir erneut und in chronologischer Reihenfolge zu Gemüte zu führen, habe ich festgestellt, dass ich gleich mehrere Platten der Norweger wesentlich stärker in Erinnerung habe, als ich sie heute einschätze. Das betrifft vor allem drei Alben aus der mittleren Phase der Band: „Spiritual Black Dimensions“ (1999), „Puritanical Euphoric Misanthropia“ (2001) und „Death Cult Armageddon“ (2003). Erstere habe ich bereits in Rezensionen besprochen; nun möchte ich zeigen, wie sich „Death Cult Armageddon“ anno 2020 für mich anfühlt.

Gesamteindruck: 4/7


Armageddon für die Dimmus?

Eigentlich unterscheidet sich die Problematik von „Death Cult Armageddon“ nicht sehr von dem, was für beide Vorgänger galt: Fragt man mich, welche Songs auf dem Album stehen, könnte ich aus dem Stegreif jeweils drei oder vier nennen, von denen ich ganz genau weiß, wie sie klingen und die mir auch sehr gut gefallen. Von ein paar weiteren fallen mir vielleicht noch die Titel ein, aber das war’s dann auch schon (immerhin könnte ich jetzt umgekehrt auch keinen einzigen Song nennen, der ein Totalausfall wäre – ist ja auch etwas). Beginnen wir bei „Death Cult Armageddon“ (hach, wie vermisse ich mittlerweile diese 3-Wort-sinnlos-Titel) mit dem Offensichtlichen: Wir haben hier mit „Progenies of the Great Apocalypse“ einen veritablen Hit in der Tracklist. Für diese Nummer wurde auch ein Musikvideo produziert, außerdem hat ex-Immortal-Frontpanda Abbath ein paar Zeilen eingesungen. Man sieht schon: Hier wird schweres Geschütz aufgefahren, was den Song aus meiner Sicht aber keineswegs schlecht macht. Am besten könnte man ihn vielleicht als eine reduzierte Variante von „Kings of the Carnival Creation“ (auf „Puritanical Euphoric Misanthropia“) beschreiben. Ein paar Breaks, ein bisschen Industrial und Klargesang von ICS Vortex gibt es, dazu die üblichen Orchesterpassagen (diesmal übrigens eingespielt vom Prager Symphonie Orchester). Passt für mich, auch wenn ich weiß, dass das alles viel zu eingängig für wahre Black Metaller ist. Aber hören die bei Dimmu Borgir überhaupt noch rein? Wenn ja: Selbst schuld, ihr solltet wissen, was euch erwartet.

Alle anderen dürfen sich freuen (oder auch nicht?), dass die Osloer endlich wieder zwei Songs in ihrer Landessprache am Start haben. Das gab es seit „Stormblåst“ (1996) nicht mehr. Dabei ist „Vredesbyrd“ (zu Deutsch etwa „Bürde des Zorns“) die weit aggressivere Nummer. Weil ich oben bereits „Kings of the Carnival Creation“ genannt habe: Auch bei „Vredesbyrd“ bemerkt man gewisse Passagen, die einem bekannt vorkommen. Dennoch bleibt das unterm Strich ein sehr guter Song, der tatsächlich auch mit klassischem Black Metal-Riffing punkten kann. Ja, wirklich. Und auch die symphonischen Passagen sind hier keineswegs fehl am Platze. Für mich der beste Track auf diesem Album. Zweiter norwegischer Song auf „Death Cult Armageddon“ ist „Allehelgens død i Helveds rike“ und im hinteren Drittel der Platte zu finden. Auch nicht übel, weil ebenfalls recht traditionell-schwarzmetallisch. In Erinnerung bleiben allerdings vor allem ein paar „Woh-oh-oh„-Passagen von Vortex. Das ist dann schon hart an der Grenze dessen, was man von einer solchen Band hören möchte. Vor allem bei einem Songtitel, der sich ungefähr als „Der Tod aller Heiligen im Reich der Hölle“ übersetzen lässt. Keine weiteren Fragen. Es sei mir aber die Anmerkung gestattet, dass es genau diese Diskrepanz zwischen ach-so-bösen Titeln und der musikalischen Umsetzung ist, die Dimmu Borgir schon öfter zum Verhängnis geworden ist. Wenn sie ihr Image nicht so zwanghaft auf evil zu trimmen versuchen würden, hätten die Norweger wohl nicht einen so schweren Stand – aber das führt jetzt zu weit.

Gut sind auf „Death Cult Armageddon“ außerdem noch: Der flotte Opener „Allegiance“, die schleppende Horrorgeschichte „Blood Hunger Doctrine“ und der von Tempowechseln geprägte Rausschmeißer „Heavenly Perverse“, bei dem sich Abbath ein zweites Stelldichein gibt. Dazwischen gibt es einiges an Füllmaterial – und damit sind wir auch schon wieder bei dem, was ich eingangs angedeutet habe: Ich weiß zwar ungefähr, dass es von Dimmu Borgir Songs wie „Lepers Among Us“ und „Unorthodox Manifesto“ gibt. Mit Mühe und Not kann ich sie vielleicht noch „Death Cult Armageddon“ zuordnen und würde sie eventuell sogar wiedererkennen, wenn ich sie irgendwo höre. Aber ein Stück wie z.B. „Eradication Instincts Defined“? Keine Ahnung, noch nie davon gehört. Der Hund liegt im Songwriting begraben, das wahlweise zerfahren und nichtssagend ist oder – genauso schlimm – sich an eigenen, bereits mehrfach verbratenen Ideen oder sogar der Konkurrenz orientiert. Beides macht mir das konzentrierte Hören des Albums streckenweise sehr schwer.

Bessere Produktion? Ja, tatsächlich.

Einen Vorteil gegenüber seinen beiden Vorgängern hat das „Death Cult Armageddon“ allerdings: Die Orchesterparts sind deutlich besser in die Songs integriert, der neo-klassizistische Overkill, der ein herber Kritikpunkt an „Puritanical Euphoric Misanthropia“ war, bleibt aus. Überhaupt ist die Produktion meiner Ansicht nach auf der Habenseite zu verbuchen. Nein, ich bin nicht verrückt geworden – auch wenn einem in unzähligen Reviews versucht wird, einzureden, dass ein Album nicht so produziert sein „darf“, stehe ich zu meiner Meinung. Ich glaube, Dimmu Borgir wollten die maschinelle Kälte, die diese futuristische Vision vom Ende der Welt mit sich bringt, auch im Klang des Albums umgesetzt haben. Das ist meines Erachtens gelungen – organisch-warm klingt hier gar nichts, alles ist kalt und steril. Das fügt sich für mein Dafürhalten perfekt in das Gesamtkonzept inklusive Albumcover ein. Am Rande sei noch angemerkt, dass der Mix ebenfalls passt und allen Instrumenten ihren gleichberechtigten Part lässt. Das gilt auch für den Gesang, zu dem noch zu sagen ist, dass man durch Gastvokalist Abbath deutlich merkt, wer das Vorbild von Shagrath in dieser Hinsicht ist, fällt es doch bei „Progenies of the Great Apocalypse“ schwer, überhaupt zu unterscheiden, wer von den beiden gerade ins Mikro krächzt. Wie dem auch sei – die Stimmlage von Shagrath, die mittlerweile nicht mehr viel mit klassichem Black Metal-Gekeife zu tun hat, passt ebenfalls perfekt zum Thema des Albums.

Fazit: Auch wenn ich letztlich diverse positive Aspekte an „Death Cult Armageddon“ gefunden habe, muss ich konstatieren, dass der Gesamteindruck nicht so gut ist, wie er sein könnte. Das Songmaterial ist – abgesehen von ein paar Ausreißern – dem auf „Puritanical Euphoric Misanthropia“ nicht gewachsen. Und wenn dieser Punkt nicht stimmt, nutzen die genannten Verbesserungen (vor allem in punkto orchestraler Integration) nicht viel. Damit müssen 4 von 7 Punkten reichen. Das klingt erstmal nicht so gut – aber das Armageddon ist dieses Album für die Norweger (noch) nicht. Leider sollte es noch viel, viel schlimmer kommen. Doch das ist eine andere Geschichte für andere Rezensionen.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Allegiance – 5:50 – 5/7
  2. Progenies of the Great Apocalypse – 5:17 – 6/7
  3. Lepers Among Us – 4:44 – 4/7
  4. Vredesbyrd – 4:44 – 6/7
  5. For the World to Dictate Our Death – 4:46 – 4/7
  6. Blood Hunger Doctrine – 4:39 – 5/7
  7. Allehelgens død i Helveds rike – 5:35 – 5/7
  8. Cataclysm Children – 5:15 – 4/7
  9. Eradication Instincts Defined – 7:12 – 3/7
  10. Unorthodox Manifesto – 8:50 – 4/7
  11. Heavenly Perverse – 6:32 – 5/7

Gesamteindruck: 4/7 


Dimmu Borgir auf “Death Cult Armageddon” (2003):

  • Shagrath – Vocals
  • Silenoz – Rhythm Guitars
  • Galder – Lead Guitars
  • ICS Vortex – Bass, Vocals
  • Nicholas Barker – Drums, Percussion
  • Mustis – Keyboards, Piano

Anspieltipp: Vredesbyrd

 

4 Gedanken zu “MusikWelt: Death Cult Armageddon

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