FilmWelt: CAM

Die Identität in Zeiten von Social Media ist das zentrale Element von „CAM“. Was bedeutet es für einen Menschen, eine Art virtuelles Doppelleben zu führen – tagsüber als brave Tochter mit einem erfundenen „Job im IT-Bereich“ und nachts als verruchtes Webcamgirl mit sehr realem Einkommen? Der Thriller mit Horror-Elementen ist trotz bunter Farben ein düsteres Spiegelbild unserer Zeit, in der viele Menschen ihren Wert einzig und allein über „Likes“ und „Follower“ definieren. Und das betrifft nicht nur emotionale Werte, sondern hat durchaus auch monetäre Aspekte. Doch was passiert, wenn jemandem, der in jeder Hinsicht davon abhängig ist, seine Online-Identität gestohlen wird?

Gesamteindruck: 4/7


Black Mirror als Film.

Der 2018 von Netflix auf den Markt gebrachte Film „CAM“ orientiert sich für mein Dafürhalten sehr stark an der britischen Anthology-Serie „Black Mirror“. Auch in deren Folgen wird immer wieder vor den katastrophalen Entwicklungen, die unser Technik- und Social Media-Wahn für ganze Gesellschaften aber auch für den Einzelnen haben kann, gewarnt. So auch in „CAM“, wobei es hier eher um ein Einzelschicksal geht.

Inhalt in Kurzfassung
Alice Ackerman alias „Lola_Lola“ bestreitet ihren Lebensunterhalt als Webcamgirl. Mit immer ausgefalleneren Methoden versucht sie, ihre zahlreichen Konkurrentinnen in der Rangliste des einschlägigen Portals zu überholen. Gleichzeitig ringt die junge Frau mit der Entscheidung, ihre Mutter über ihren außergewöhnlichen Job zu informieren. Das alles wird hinfällig, als sich Alice plötzlich nicht mehr in ihren Account einloggen kann und fassungslos mit ansehen muss, dass „Lola_Lola“ weiterhin sendet. Live, mit ihrem Gesicht und ihrer Stimme. 

Der Plot gliedert sich in vier Teile: Zunächst werden Haupt- und Nebenfiguren vorgestellt, dann berichtet der Film über die Verzweiflung der Protagonistin, als sie sich nicht mehr in ihren Account einloggen kann. Als nächstes bestimmen die Versuche, das Geschehene aufzuklären die Handlung, bis es schließlich zur finalen Auseinandersetzung mit der vermeintlichen Identitätsdiebin kommt. Die ersten gut drei Viertel der Laufzeit beschäftigen sich auf durchaus spannende Weise mit aktuellen Fragen. Wenn die Protagonistin beispielsweise plötzlich aus ihrem eigenen Account ausgesperrt ist, alle Klärungsversuche beim gesichtslosen Betreiber des Portals scheitern und die Polizei weder versteht, um was es geht, noch gewillt ist, zu helfen, hat das etwas beunruhigend Realistisches. Das liegt vorwiegend an der guten Darstellung durch Madeline Brewer, die die Diskrepanz zwischen echten Gefühlen im wirklichen Leben und der Plastik-Welt als Webcamgirl sehr stark umsetzt. Dadurch schafft es der Film hier tatsächlich, aufklärend zu wirken und die Schattenseiten der schönen neuen Medienwelt vor den Vorhang zu zerren.

Überhaupt muss man der Hauptdarstellerin gratulieren, die den zwei  Facetten ihrer Rolle Leben einhaucht. Einerseits ist da das Webcamgirl Lola_Lola, das nicht mehr als ein Geschäftsmodell ist. Das Lächeln wirkt aufgesetzt, die Quasi-Dialoge mit den Typen im Chatroom, die die Cam-Show verfolgen, künstlich und gestellt, aber genau in der Sprache, die man aus allen möglichen Social Media-Kontexten kennt. Etwas realer wirkt Lola_Lola nur beim Privatchat mit besonders zahlungswilligen Kunden. Die andere Seite ihrer Persönlichkeit ist die junge Frau Alice Ackerman, die tatsächlich reale Gefühle hat und zeigt. Daher: Lob an die Schauspielerin, die scheinbar mühelos zwischen diesen beiden Rollen wechselt. Übrigens helfen Ton- und Bildkomposition sehr gut, all das glaubhaft zu machen – denn auch hier gibt es, vor allem in Sachen Optik – den starken Kontrast zwischen virtuellem und realem Leben.

Merkwürdiger Schluss.

Leider, und damit kommen wir zum letzten Viertel des Films, wird der zu Beginn aufgebaute Realismus nicht konsequent bis zum Schluss beibehalten. Scheinbar waren sich die Verantwortlichen nicht sicher, wie sie „CAM“ vernünftig zu Ende bringen können – denn fast bis zum Finale haben wir es mit einem reinrassigen, technoiden Thriller zu tun, der so oder so ähnlich tatsächlich in unserer Welt passieren könnte; und das vermutlich sogar tagtäglich tut. Dann tauchen aber plötzlich Horror-Elemente auf, die meines Erachtens nicht notwendig gewesen wären und den Gesamteindruck stören. Die „Schuld“ für die Ereignisse, speziell den vermeintlichen Identitätsdiebstahl, wird auf ein übernatürliches Phänomen geschoben, was nicht zum bis dahin sehr realitätsnahen Geschehen passen will. Noch dazu gibt es keinerlei weiterführende Erklärungen dazu, was das Ganze noch einmal merkwürdiger macht.

Das ist doppelt schade – einerseits, weil es eben einen Teil der Beklemmung, den „CAM“ durch seinen Realismus bis dahin ausgelöst hat, direkt raus nimmt. Andererseits kann der Film dadurch in letzter Konsequenz nicht als ernstgemeinte Warnung vor den Auswüchsen unseres Internet-Zeitalters durchgehen. Gerade letzteres hätte ich bis zum Finale jedoch sehr wohl als Intention des Films verstanden. Damit nimmt sich „CAM“ selbst einen Gutteil seiner Bedeutung.

Für die Gesamtwertung bedeutet das, dass „CAM“ auf den letzten Metern einiges von seinem Potenzial liegen lässt. Das stimmt mich ein bisschen traurig, weil der Film seine Geschichte sehr gut aufbaut und die Darsteller einwandfreie Arbeit leisten (an dieser Stelle seien neben der Hauptdarstellerin vor allem zwei ihrer „Kunden“ genannt, die etwas längere Auftrittehaben). Letztlich bleibt durch das vermurkste Finale aber der Eindruck, nicht mehr als eine durchschnittliche Black Mirror-Folge gesehen zu haben.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: CAM.
Regie: Daniel Goldhaber
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Madeline Brewer, Patch Darragh, Melora Walters, Devin Druid, Imani Hakim, Michael Dempsey



 

Ein Gedanke zu “FilmWelt: CAM

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.

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