MusikWelt: Stormblåst MMV

Dimmu Borgir


Ich gestehe, dass ich das zweite Album von Dimmu Borgir, „Stormblåst“ (1996), erst nach vorliegender Fassung von 2005 kennengelernt habe. Mir waren zwar einzelne Songs bekannt, aber intensiver damit beschäftigt habe ich mich erst 10 Jahre nach der Veröffentlichung. Dass es überhaupt so gekommen ist, ist mit Sicherheit auch „Stormblåst MMV“ zu verdanken. Denn dieses Album klingt für jemanden, der wie ich erst mit „Enthrone Darkness Triumphant“ (1997) bei Dimmu Borgir eingestiegen ist, völlig anders als die gewohnte Musik der Norweger. Die Neugier war damit geweckt und es war nur noch ein kleiner Schritt bis zur Entdeckung des Originals. Hier geht es allerdings um die Neuaufnahme – oder auch nicht, denn eine Rezension derselben ist meines Erachtens nicht möglich, ohne auf das 1996er-Werk Bezug zu nehmen.

Gesamteindruck: 4/7


Guter Sound macht nicht alles besser.

Eines musste man Stian Aarstad, Keyboarder auf „„Stormblåst“ (1996), lassen: Er wusste ganz genau, was er klauen und wie er es einsetzen musste, um der Musik von Dimmu Borgir den letzten Kick zu verpassen. Das wird einem gleich bei den ersten Takten des „Stormblåst MMV“-Openers „Alt Lys er Svunnet Hen“ klar, aus dem die markante Keyboard-Melodie der Originalaufnahme komplett entfernt wurde. Ja, die Nummer bleibt dennoch gut, aber ein ganz so großes Ausrufezeichen wie ihr 1996er-Pendant ist sie in meinen Ohren nun nicht mehr. Zur Erklärung: Aarstad hatte für diesen Song 1996 „Sacred Hour“ von Magnum plagiiert, ohne seine Bandkollegen darüber zu informieren.

Im weiteren Verlauf von „Stormblåst MMV“ zeigt sich dann, dass die Neuauflage dem Original generell in fast allen Punkten unterlegen ist. Ja, ich weiß, das klingt ein bisschen nach ewiggestrigem Klischee – nur ist es aus meiner Sicht tatsächlich so, dass das, was ich oben über „Alt Lys er Svunnet Hen“ geschrieben habe, auf mehrere Songs dieses Albums passt. Nehmen wir zum Beispiel eine weitere, im Original sehr starke Nummer: „Broderskapets Ring“. Auch hier wurden Keyboard-Elemente des Originals entfernt und in diesem Fall durch ähnliche Gitarrenriffs ersetzt. Und auch hier gereicht das dem Song meines Erachtens nicht zum Guten, nimmt ihm sein ursprüngliches Feeling. Doch während ich beim Opener den Grund für die Maßnahme verstehen kann, erschließt sich die Veränderung in „Broderskapets Ring“ für mich nicht, es sei denn, man wollte einfach alles entfernen, das an den als Plagiator entlarvten Ex-Keyboarder erinnert. Wenn dem so ist, hat man damit unbeabsichtigt erreicht, dass deutlich zu hören ist, wer die Songs der Osloer Formation damals offenbar über den Durchschnitt hinaus gehoben hat.

Sorgen mit der Kammer.

Ein Stück von 1996 musste überhaupt komplett dem Rotstift zum Opfer fallen: „Sorgen’s Kammer“, das ebenfalls den Makel des Plagiats (in diesem Fall stammt die Melodie aus dem Computerspiel „Agony“) trug, wurde durch einen neu komponierten Song mit dem kreativen Namen „Sorgen’s Kammer – Del II“ ersetzt. Spätestens bei diesem Track wird es ein wenig ungemütlich für die Herren Shagrath und Silenoz: Die Neukomposition kann weder musikalisch noch atmosphärisch mit dem mithalten, was auf „Stormblåst“ ein Highlight war. Übrigens gilt ähnliches für das zweite neue Lied auf „Stormblåst MMV“, „Avmaktslave“, mit dem ich noch weniger anfangen kann. Beiden gemein ist, dass sie sich im Reigen der älteren Kompositionen wie Fremdkörper ausmachen und einen deutlichen Unterschied in Sachen Songwriting offenbaren, obwohl sie angeblich Überbleibsel der damaligen Sessions sein sollen. So wie anno 1996 wollten oder konnten Shagrath und Silenoz jedenfalls nicht mehr, was bei einem neuen Album vollkommen in Ordnung wäre – nicht aber, wenn man auf einer Neueinspielung den Geist alter Zeiten beschwören möchte. Ganz besonders eklatant wird diese Diskrepanz übrigens beim Gesang von „Sorgens Kammer – Del II“, der im Gegensatz zu den anderen neu aufgenommenen Nummern nicht mal versucht, sich am Geist von ’96 zu orientieren. Elektronisch verfälschte Vocals sind ein Markenzeichen neuerer Dimmu Borgir. Ja, auch das kann man machen, aber irgendwie finde ich es nicht so richtig passend, weil man ja versucht hat, beim Rest des Albums einigermaßen originalgetreu zu agieren, wo es möglich war.

An dieser Stelle nebenbei bemerkt: Das Albumcover zeigt deutlich, wie sehr sich die Zeiten geändert haben. „Stormblåst“ mit seinem mysteriösen, vom Boden aus betrachteten Turm, fand und finde ich großartig. „Stormblåst MMV“ ist hingegen… wie sagen die Kids heute? … random bebildert. Das Covermotiv ist dermaßen beliebig, ich habe das Gefühl, man hätte einfach den Reaper von Children of Bodom genommen, weil der irgendwie cool ist und ihm mit dem Computer ein paar Hörner aufgesetzt. Ganz schwach.

Besser als vieles nach „Enthrone Darkness Triumphant“.

Böse Zungen könnten behaupten, dass ausgerechnet zwei der besten Songs auf „Stormblåst“ nur reüssieren konnten, weil sie nicht auf eigenen Ideen von Dimmu Borgir fußten. Stimmt, ungefähr. Allerdings muss man den Osloern zugute halten, dass „Alt Lys er Svunnet Hen“ ganz grundsätzlich eine gute Nummer ist, woran auch das fehlende Plagiat nicht so viel ändert, wie man meinen könnte. Das ist nämlich die Kehrseite der Medaille, die ebenfalls mit den ersten Takten dieses Songs auffällt: Der Unterschied zu dem, was Dimmu Borgir seit der Jahrtausendwende veröffentlicht haben, ist eklatant. Die Atmosphäre unterscheidet sich massiv von dem, was man z.B. auf dem unmittelbaren Vorgänger von „Stormblåst MMV“, „Death Cult Armageddon“ (2003), findet. Und ich muss ehrlich sagen, dass mir die älteren Dimmu Borgir trotz aller Probleme der Neuaufnahme besser gefallen, so merkwürdig es mir im ersten Moment auch fällt, das zu schreiben, weil ich im Falle dieser Truppe immer eher ein Fan der neueren Alben war.

Aber man höre nur „Når Sjelen Hentes til Helvete“ – die Nummer, die meines Erachtens tatsächlich stark von der besseren Produktion profitiert und mit Abstand das Highlight auf „Stormblåst MMV“ ist. Hier zeigen die Osloer, dass sie a) früher mal wirklich starken Black Metal machen konnten und b) derartige Musik nicht zwangsweise mies produziert sein muss, um Atmosphäre zu entfalten. Dieser Song ist letztlich besser als vieles, was die Norweger nach 1997 auf den Markt gebracht haben. Wer ein bisschen was mit altmodischem Black Metal anfangen kann und von Dimmu Borgir nicht nur überbordende Keyboards hören möchte, wird das vermutlich wie ich sehen. Überhaupt ist das sehr einfache und straighte Songmaterial von „Stormblåst MMV“ eine Wohltat für die von Orchester-Bombast überlasteten Ohren. Zugegeben, auch nach 1997 hatten Dimmu Borgir große Momente („The Insight and the Catharsis“, um nur ein Beispiel zu nennen). Aber „richtiger“ für den Black Metaller fühlt sich definitiv an, was auf „Stormblåst“ und damit auch auf „Stormblåst MMV“ steht. Klingt wirr? Mag sein, ich weiß auch nicht recht, wie ich das beschreiben soll.

Auch das Original war nicht nur gut.

Nostalgie hin oder her, man muss konstatieren, dass bereits auf dem originalen „Stormblåst“ bei weitem nicht alles Gold war, was glänzte. Dazu (und zur Überlegenheit der ersten Albumhälfte) habe ich in meiner dortigen Rezension einiges geschrieben und daran ändert auch die zeitgemäße Produktion, die allgemein betrachtet schon ein Pluspunkt von „Stormblåst MMV“ ist, nichts. Richtig gelesen, ich finde den Klang hier tatsächlich besser, das Album wirkt härter und kälter als sein Vorbild. Ich glaube, dass das der Platte gut zu Gesicht steht, wobei man auch hier ein „aber“ setzen könnte (das jedoch nicht so viel mit der Produktion an sich zu tun hat): Als Drummer fungiert hier Hellhammer, der offenbar Gefallen daran findet, fast jede Nummer ein klein wenig schneller einzuspielen, als sie ursprünglich aufgenommen worden war. Gut, er ist definitiv der bessere Schlagzeuger als es Tjodalv anno 1996 war – dennoch ist das eine Änderung, die der Atmosphäre nicht immer gut tut. Das fällt aber vermutlich eh nur denen auf, die das Original tatsächlich in- und auswendig kennen.

Wie dem auch sei – wie sein 1996er-Pendant lässt auch „Stormblåst MMV“ irgendwann nach dem Titeltrack (der übrigens in der neuen Variante besser, weil kälter und schneidender ist) nach. In Sachen Produktion zeigt sich aber, dass eher schwache Nummern wie „Dødsferd“ tatsächlich besser geworden sind. Und auch das im Original schon gute „Vinder fra en Ensom Grav“ bekommt einen schönen Kick, der ihm ganz gut tut. Interessanterweise finde ich aber, dass der Mix, der übrigens von Peter Tägtgren stammt (ja, jenem Mann, der „Spiritual Black Dimensions“ anno 1999 so übel mitgespielt hat) das ohnehin schon schwache „Antikrist“ erst recht ruiniert.

Wie soll man das alles nun bewerten? Ich sag‘ mal so: Den guten Songs auf dem Original-“Stormblåstschadet die Neuaufnahme, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Trotz von einer allgemeinen Warte aus gesehen besserem Klang, nimmt sie ihnen einfach die Atmosphäre, die sie 1996 besonders gemacht hat. Ja, es ist wirklich merkwürdig: “Stormblåst hatte mit einer dünnen, kraftlosen Produktion zu kämpfen und klang stellenweise viel zu zahm für Black Metal. Das wurde 2005 behoben – und siehe da, so richtig passt es nun nicht mehr. Offenbar hatte der unorthodoxe Sound doch sein Gutes. Umgekehrt zeigt sich, dass einige der im Original recht schwachen Songs durch die verbesserte Tontechnik zumindest sehr gut hörbar geworden sind, auch wenn sie das nicht zu Alltime-Classics macht.

Zu welcher Platte man nun greifen soll, kann ich nicht abschließend beantworten. Ich persönlich tendiere zum Original, gebe aber zu, dass man als moderner Hörer mehr Arbeit investieren muss, als in die 2005er-Fassung. Im Endeffekt sind es – und das ist jetzt vielleicht unbefriedigend – praktisch zwei verschiedene Alben. Ja, trotz aller Vergleiche komme ich zu diesem Schluss. Man kann und sollte sich meines Erachtens unbedingt beide zu Gemüte führen, dann kann man sich vielleicht ein Urteil bilden. Bei mir schneidet “Stormblåst MMV im Gesamteindruck nicht so schlecht ab, wie ich anfangs dachte. Ein Punkt weniger als das Original.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Alt Lys er Svunnet Hen – 4:44 – 6/7

    metal-archives.com

  2. Broderskapets Ring – 5:30 – 4/7
  3. Når Sjelen Hentes til Helvete – 4:43 – 7/7
  4. Sorgens Kammer – Del II – 5:51 – 3/7
  5. Da den Kristne Satte Livet til– 4:46 – 5/7
  6. Stormblåst – 6:10 – 6/7
  7. Dødsferd – 5:42 – 4/7
  8. Antikrist – 3:36 – 2/7
  9. Vinder fra en Ensom Grav– 4:00 – 6/7
  10. Guds Fortapelse – Åpenbaring av Dommedag– 4:01 – 4/7
  11. Avmaktslave – 3:54 – 2/7

Gesamteindruck: 4/7 


Dimmu Borgir auf “Stormblåst MMV(2005):

  • Shagrath – Vocals, Lead Guitars, Bass
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Bass, Vocals
  • Mustis [Guest] – Keyboards, Piano
  • Hellhammer [Guest] – Drums, Percussion

Anspieltipp: Når Sjelen Hentes til Helvete

 

2 Gedanken zu “MusikWelt: Stormblåst MMV

  1. Pingback: Musik A-Z | Weltending.
  2. Pingback: MusikWelt: In Sorte Diaboli | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.