BuchWelt: Das Orakel vom Berge

Philip K. Dick


„Was wäre, wenn…“ ist ein reizvolles Spiel. So auch in der Variante von Philip K. Dick, der mit dem 2. Weltkrieg eines der einschneidenden Ereignisse der Geschichte auf eine Art und Weise enden lässt, die ein mulmiges Gefühl hinterlässt… 

Gesamteindruck: 6/7


Was wäre, wenn…

Eines der bekanntesten Werke des US-amerikanischen Science Fiction-Autors Philip K. Dick ist „Das Orakel vom Berge“ aus dem Jahre 1962. Noch nie davon gehört? Nun, vielleicht klingelt es ja bei der Original-Bezeichnung: „The Man in the High Castle“. Nicht zuletzt dank der gleichnamigen Serie aus den Amazon Studios, die es von 2015 bis 2019 auf vier Staffeln brachte und auf dem Buch basiert, sollte dieser Titel deutlich mehr Menschen ein Begriff sein. Freilich unterscheidet sich die Serie teils gravierend von den Schilderungen des Buches – aber das soll uns in dieser Rezension nur am Rande tangieren.

Inhalt in Kurzfassung
Die frühen 1960er Jahre: Die Achsenmächte, allen voran das nationalsozialistische Deutschland und das Kaiserreich Japan, haben den 2. Weltkrieg 1947 nach langem Ringen für sich entschieden. Die USA sind ein besetztes und geteiltes Land – der Westen gehört den Japanern, der Osten den Deutschen, dazwischen gibt es eine neutrale Pufferzone. In dieser alternativen Realität leben und arbeiten verschiedene Protagonisten, deren Schicksal mehr oder weniger stark miteinander verbunden ist.

Das Ergebnis des 2. Weltkrieges, das in „Das Orakel vom Berge“ beschrieben wird, ist eine bedrückende, aber auch sehr starke Fiktion – und muss es zu der Zeit, als der Roman geschrieben wurde, noch mehr gewesen sein; immerhin lag das Kriegsende damals noch keine 20 Jahre zurück. Freilich zeigt die moderne Forschung, dass ein Sieg der Achsenmächte auch bei für sie günstigstem Kriegsverlauf kaum zu realisieren gewesen wäre, zu überlegen waren die alliierten Ressourcen an Mensch, Material und Wirtschaftskraft. Wie es dennoch zu diesem verheerenden Ausgang des bisher größten und schrecklichsten Waffengangs der Menschheitsgeschichte hätte kommen können, wird in „Das Orakel vom Berge“ allerdings ohnehin nur in Andeutungen abgehandelt, darunter z. B. eine Reihe von „schwachen US-Präsidenten„, die ihr Land in die Isolation führten.

Erzählerische Dichte.

Inhalt des Buches ist weniger die Frage, wie es überhaupt soweit kommen konnte, wobei es der Autor durch verschiedene Anspielungen und immer wieder eingestreute Passagen versteht, dem Leser sozusagen Brocken hinzuwerfen, aus denen er sich mit Hilfe der Charaktere die Geschichte ganz von selbst konstruieren kann. Dennoch: „Das Orakel vom Berge“ behandelt in erster Linie die Lebensumstände für Sieger und Besiegte im Alltag und bleibt dabei vorwiegend im japanisch besetzten San Francisco bzw. in der neutralen Pufferzone. So erfährt man beispielsweise, dass die Japaner weit gnädigere Herren sind als ihre Verbündeten (die sich ihrerseits wiederum den Japanern überlegen fühlen). Und doch haben sich viele Aspekte der fernöstlichen Kultur in den amerikanischen Alltag geschlichen, was sich beispielsweise im ständigen Verbeugen und im Versuch, stets die wahren Gefühle zu verbergen, zeigt – und was zu langsam aber sicher aufkeimendem Widerstand im amerikanischen Volk führt.

An dieser Ebene des Buches könnte ich jetzt keinerlei Kritik üben, im Gegenteil: All das ist sehr gut gelungen und dargestellt und schafft das Gefühl unglaublicher Tiefe. Es ist geradezu unbegreiflich, wie erzählerisch dicht Philip K. Dick trotz – oder vielleicht gerade wegen? – des relativ geringen Umfanges unterwegs ist.  Man sieht direkt vor sich, wie San Francisco unter japanischer Herrschaft aussehen könnte – und das auf sehr realistische Art und Weise. Das betrifft übrigens auch die durch und durch interessanten und vor allem glaubwürdigen Charaktere. Es gibt hier keine Helden und Schurken, sondern nur Menschen mit verschiedenen Facetten. Eine ganz feine Klinge, die der Autor diesbezüglich führt, das gilt sowohl für die Figuren selbst als auch für deren Handlungen.

Von Heuschrecken und Widerständlern.

Interessant ist, dass „Das Orakel vom Berge“ trotz des relativ geringen Umfangs auf mehreren Ebenen funktioniert. Oben beschrieben habe ich die reizvolle Idee der alternativen Realität und wie das Leben darin aussehen könnte. All das ist für sich schon eine sehr gelungener Roman. Wer aber tiefer gehen möchte, kann sich gemeinsam mit dem Autor auf philosophischer Ebene mit der Frage nach der Wirklichkeit beschäftigen. An dieser Stelle muss ich zugeben, dass mir das teilweise schon fast zu komplex war und ich nicht ganz durchschaut habe, wie der Ansatz genau lautet. Klar ist, dass es mehrfach Anspielungen in diese Richtung gibt – beispielsweise beim Gespräch zweier Figuren über den Wert echter und gefälschter Antiquitäten, der diesen Gegenständen nur durch die emotionale Bindung des Käufers zugewiesen wird. Ob das Objekt echt ist oder nicht, spielt keine Rolle – zumindest solange nicht, wie es der Interessent nicht weiß.

Und dann gibt es da noch das „Buch im Buch“, genannt „Die Plage der Heuschrecke“ (in der Serie handelt es sich dabei übrigens um Filmrollen). Dieses Werk zeigt, wie eine andere Realität aussehen könnte und erzählt wiederum eine Geschichte, in der Deutschland und Japan den Krieg verlieren, wobei die geschilderten Ereignisse nicht denen entsprechen, die wir kennen. Die Frage, wie Hawthorne Abendsen, Autor des „Heuschreckenbuches“ (im Original: „The Grasshopper Lies Heavy“), sein Werk geschrieben hat, bleibt teilweise unbeantwortet, während das Buch selbst ein weiterer Aspekt ist, der zeigt, wie Unwirkliches die Wirklichkeit beeinflussen kann. Denn dieses Buch, verboten bei den Nazis, viel gelesen bei den Japanern, ist durch sein Aufzeigen einer anderen Möglichkeit, wie der Krieg hätte ausgehen können, wichtig für die Widerstandsbewegung und gibt den Menschen Hoffnung.

Der Leser ist gefordert.

Es wäre jetzt zu komplex, auf alle Details einzugehen – und ich bin mir auch nicht ganz sicher, alles zu 100% verstanden zu haben. Gesagt sei aber, dass Philip K. Dick all diese Elemente zu einer interessanten, lesenswerten, nachdenklichen und – ja, auch unterhaltsamen, Geschichte verquickt. Man muss natürlich ein wenig aufpassen, was man erwartet. Denn gerade in dem Punkt, der die Aufklärung bringen könnte, die man sich als Leser erhofft, hält sich der Autor bedeckt. So ist bis zum Schluss nicht klar, ob „Das Orakel vom Berge“ auch in sich in einer alternativen Realität spielt; zumindest bleibt den Charakteren verborgen, ob es so ist. Ein paar Hinweise gibt es, aber so richtig wird nicht offenbart, ob z. B. das „Heuschreckenbuch“ reine Fiktion oder ein Tatsachenbericht aus einem anderen Universum ist. Im Endeffekt überlässt es Philip K. Dick dem Leser, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Er hat eine ansprechende „was wäre, wenn“-Geschichte geschrieben, alles, was darüber hinausgeht, ist ein Bonus, der den, der dazu gewillt ist, zur Gehirnakrobatik anregt. Mitdenken ist also erlaubt, Pflicht ist es aber nicht (zumindest nicht im philosophischen Ausmaß), um das Buch gut zu finden.

Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich glaube, ich brauche einen zweiten Versuch, ich habe das Gefühl, dass mir einiges entgangen ist…

Gesamteindruck: 6/7

amazon.com


Autor: Philip K. Dick
Originaltitel: The Man in the High Castle.
Erstveröffentlichung: 1962
Umfang: ca. 200 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

MusikWelt: St. Anger

Metallica


Ich erinnere mich, dass die Erwartungen an „St. Anger“ (2003) riesengroß, eigentlich übermächtig, waren – das letzte reguläre Metallica-Album „Reload“ (1997) hatte zu jenem Zeitpunkt 6 Jahre auf dem Buckel, dazwischen gab es mit „Garage Inc.“ (1998) eine (gute) Kompilation aus Coversongs teilweise recht ungewöhnlicher Künstler und mit „S&M“ (1999) ein meiner Ansicht nach sehr durchwachsenes, orchestrales Live-Album. Außerdem hatte man mit internen Querelen zu kämpfen, die mit dem Aus für Bassist Jason Newsted und einem James Hetfield, der sich endlich seinen Dämonen stellte, endeten.

Gesamteindruck: 1/7


Ein Album – für wen eigentlich?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich den bis heute umstrittensten Metallica-Longplayer in dessen Erscheinungsjahr 2003 zum letzten Mal in einem Zug und voll konzentriert durchgehört habe. Wobei konzentriert so eine Sache ist, denn die Platte ist a) sehr lang und b) nicht gerade easy listening. Jedenfalls weiß ich noch, dass ich damals kein gutes Haar daran gelassen habe. Könnte natürlich jugendlicher (bzw. studentischer) Übermut gewesen sein – also habe ich mir „St. Anger“ nun, nach 17 (!) Jahren, erstmals wieder in voller Länge gegeben, um zu überprüfen, ob sich für mich was geändert hat. Übrigens habe ich mir direkt zwei Durchgänge gegönnt, einmal einfach so, einmal beim Sport, für den die Platte laut dem einen oder anderen Kommentator ja besonders geeignet sein soll. Für mehr hatte ich keinen Nerv, was das Fazit eigentlich schon vorweg nimmt.

Mit inzwischen doch sehr großer zeitlicher Distanz kann ich zunächst ganz neutral sagen, dass meine damalige Hoffnung auf eine Rückkehr Metallicas zu alter Größe enttäuscht werden musste. Allerdings in einem Ausmaß, das kaum vorherzusehen war. Kleine Anmerkung: Ich hatte die Band tatsächlich 2003 erstmals überhaupt live gesehen und war begeistert von der Energie, die die älteren Nummern auf der Bühne versprühten. Genau davon wollte ich mehr –  bekommen habe ich etwas völlig Anderes, etwas, mit dem ich als Fan traditioneller Klänge herzlich wenig anfangen konnte. Und doch war ich damals der Meinung – und bin es noch – dass ein gewisses Maß an Verbohrtheit dazu gehört, sich groß über die stilistische Veränderung, die Metallica im Laufe der Jahre durchgemacht haben, zu echauffieren. Meine Kritik richtet sich daher weniger an den veränderten Stil (der mir zwar nicht gefällt, aber damit könnte ich wie bei „Load“/„Reload“ gerade noch leben), sondern an das völlig misslungene Songwriting.

Bis auf wenige Ausnahmen („Frantic“, „St. Anger“, „The Unnamed Feeling“ und „Dirty Window“), die im Vergleich zum vorherigen Output ebenfalls nur unterer Durchschnitt sind, bewegen sich alle Songs auf einem Niveau, das einer so talentierten Band eigentlich unwürdig ist. Dabei handelt es sich um zwanghaft modernes Geknüppel (also das, was 2003 als „modern“ galt) ohne Sinn und Verstand, das noch dazu mit einer Produktion aufwartet, die jeglichen Anflug von wirklicher Härte im Keim erstickt. Dazu kommt, dass einzelne Songs und auch das Album als Ganzes für diese Art von Musik viel zu lang sind. Hier sinnvolle Strukturen zu erkennen ist nahezu unmöglich – maximal lässt sich eine gewisse schnell-/langsam-Dynamik in vielen Songs festzustellen. Interessanterweise finde ich jeweils die langsamen, ruhigeren Parts deutlich stärker als das restliche Material.

Kurz zusammengefasst: Insgesamt empfinde ich „St. Anger“ als so anstrengend, dass wohl nur echte Krach-Liebhaber alles an einem Stück genießen können. Übrigens ändert es für mich nichts, ob ich mir die Platte im heimischen Wohnzimmer oder beim Laufen reinziehe: Ersteres geht praktisch gar nicht, für zweiteres sind mir die einzelnen Tracks letztlich zu lang und zu ähnlich aufgebaut. Das pusht mich jedenfalls nicht, im Gegenteil, dadurch wird die Laufrunde gefühlt immer länger.

Damit haben ich auch schon meine Probleme mit dem Album und in der Folge die niedrige Wertung (vor allem in Bezug zum restlichen Metallica-Katalog) erklärt – keine richtigen Songs, kaum Strukturen, mangelhafte Produktion. Der ungewohnte Gesang hingegen stört mich weniger, ich finde ihn sogar recht passend (zum Songmaterial, nicht als Maßstab für Hetfields Fähigkeiten). Mehr Punkte sind aber einfach nicht drin, auch wenn man das Album als das betrachtet, was es eigentlich ist: Weniger Anbiederung an die Moderne, obwohl man auch das raushören kann, sondern eher Gruppentherapie für die Band. Als solche mag es funktioniert haben, aber „St. Anger“ deswegen als Meisterwerk hochzujubeln, wie es einige nach wie vor tun (wohl nur weil Metallica drauf steht), halte ich für übertrieben. Dieses Album mag gut und wichtig als Therapie für die Band sein – für den Großteil der Fans ist es meiner Ansicht nach unbrauchbar.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Frantic – 5:50 – 4/7
  2. St. Anger – 7:21 – 4/7
  3. Some Kind of Monster – 8:26 – 1/7
  4. Dirty Window – 5:25 – 5/7
  5. Invisible Kid – 8:30 – 4/7
  6. My World – 5:46 – 1/7
  7. Shoot Me Again – 7:10 – 1/7
  8. Sweet Amber – 5:27 – 3/7
  9. The Unnamed Feeling – 7:08 – 4/7
  10. Purify – 5:14 – 2/7
  11. All Within My Hands – 8:46 – 1/7

 Gesamteindruck: 1/7 


Metallica auf “St. Anger” (2003):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: Dirty Window

SpielWelt: Avernum 2

„Avernum“ (2000), Auftakt der gleichnamigen Rollenspiel-Reihe von Spiderweb Software, war letztlich wohl nur für Puristen interessant. Krude Grafiken, rudimentärer Sound und keinerlei Komfort, der über eine Automap hinausging, dürften nicht nur Einsteiger und jüngeres, an aktuelle Genrevertreter gewöhnte Spieler abgeschreckt haben, sondern auch viele erfahrene Recken. Der Nachfolger „Avernum 2“ (ebenfalls 2000) macht es dem geneigten Spieler etwas leichter. Von einem Quantensprung kann man jedoch wahrlich nicht sprechen. 

Gesamteindruck: 5/7


Das Imperium schlägt zurück.

Zu Beginn eine kleine Prise Geschichte: Die ersten drei Teile der „Avernum“-Serie (insgesamt besteht sie aus sechs regulären Spielen und einem Ableger) stammen nicht originär aus dem Jahre 2000 bzw. 2003. Es handelt sich dabei um Remakes und stark erweiterte Versionen der von 1995 bis 1997 erschienen „Exile“-Trilogie. Die wurde ebenfalls von Spiderweb Software-Gründer Jeff Vogel geschaffen und eben zu „Avernum“ ausgebaut, ohne die Grundhandlung großartig zu verändern. Erwähnt sei außerdem, dass „Avernum“ wie schon „Exile“ zuvor nach wie vor als Shareware angeboten wird – heißt, dass man, wenn man es möchte, bis zu einem gewissen Punkt der Handlung gratis spielen kann und sich dann entscheiden muss, ob man das Spiel kauft. Ob das heutzutage noch interessant ist, weiß ich nicht – weil „Avernum“ aber dermaßen speziell aussieht und gerade zu Beginn recht schwer von der Hand geht, könnte es eine gute Möglichkeit zum Testen sein. Ich wusste das übrigens vorher nicht und habe die komplette Saga bei gog.com erstanden (Preis zum Zeitpunkt dieser Rezension: 10,79 Euro). Bereut habe ich es nicht.

Die Handlung in Kurzfassung
Fünf Jahre sind seit den Ereignissen aus „Avernum“ vergangen. Das Imperium, das die Oberfläche beherrscht, musste damals schmerzhaft erfahren, dass die in das unterirdische Gefängnis Avernum Verbannten auf Rache sinnen – und durchaus fähig sind, diesen Wunsch zu befriedigen. Um der wachsenden Bedrohung den Garaus zu machen, werden daher laufend Truppen in die Unterwelt geschickt, denen sich die zahlenmäßig hoffnungslos unterlegenen Averniten entgegen stellen. Deren eh schon schwierige Lage verschlimmert sich noch weiter, als plötzlich überall in Avernum mysteriöse und undurchdringliche Energiebarrieren auftauchen, was die avernitische Armee weiter schwächt. Und eben dieser Armee hat sich der Spieler angeschlossen…  

Screenshot

Bei Spieleserien war es ja schon immer so: Zwischen zwei Teilen sollten zumindest technische Verbesserungen erkennbar sein, idealerweise konnte der Hersteller auch in Sachen Gameplay, Story usw. zulegen. Von solchen Zwängen ist „Avernum“ als Indie-Reihe befreit, sodass es nicht sonderlich überrascht, dass „Avernum 2“ seinem Vorgänger optisch wie ein Ei dem anderen gleicht (fairerweise muss man aber auch sagen, dass beide Titel im gleichen Jahr veröffentlicht wurden). Bedeutet: Es sind weiterhin keine nennenswerten Animationen vorhanden, die Grafiken sind wenig detailliert, es gibt so gut wie keine neuen bzw. generell wenige unterschiedliche Sprites und nach einer beweglichen Kamera, Zoom oder ähnlichem Schnickschnack sucht man vergeblich. Ebenfalls unverändert und nur einen Nebensatz wert: Der rudimentäre Sound, der abgesehen von einer kleinen Melodie im Titel-Screen nicht stattfindet bzw. sich in wenigen Geräuschen erschöpft. Ja, „Avernum 2“ ist, wie sein Vorgänger, 2000 erschienen und nicht 1985. Nur, damit keine Missverständnisse aufkommen…

Wer über die zweifelhafte Optik hinwegsehen kann und meint, sich wenigstens auf eine neue Umgebung freuen zu können, wird ebenfalls schnell eines Besseren belehrt. Das kleine Startgebiet ist zwar tatsächlich neu, bald darauf findet man sich aber in großteils bekannten Gefilden wieder. Logisch, „Avernum 2“ spielt eben in der gleichen Welt und es wäre wenig glaubwürdig gewesen, wenn sich die in den Jahren, die im Spiel zwischen Teil 1 und 2 liegen, grundlegend verändert hätte. Wer also bereits in „Avernum“ unterwegs war, wird sich schnell zurecht finden – ein paar neue Gebiete sind dann aber doch hinzugekommen.

Eine glaubwürdige Welt.

Interessanterweise stört all das, was oben negativ klingt, den „Avernum“-erprobten Kämpen kaum. Im Gegenteil, es sorgt für eine weitere Vertiefung der von Beginn der Serie an gut erzählten und detailliert ausgestalteten Welt. Tatsächlich macht es sogar einen Teil des Reizes aus, bereits aus „Avernum“ bekannte Orte zu besuchen und festzustellen, was sich dort in der Zwischenzeit geändert hat. Denn das ist mal mehr, mal weniger, einige bekannte NPCs sind noch da, andere verschwunden oder gestorben. Es gibt eine Menge Geschichten und Quests – manche sind neu, manche beziehen sich auf die Ereignisse des Vorgängers. Eine runde Sache, wie ich finde.

Story und Gameplay sind – ich habe es schon angedeutet – wieder sehr gut gelungen. Die gesamte Welt von „Avernum“ ist weiterhin sehr stimmig – als Beispiel sei die Charakterauswahl (s. u.) genannt, an der man erkennen kann, dass ehemalige Feinde aus „Avernum“ sich mit dem gemeinsamen Ziel, ihr mittlerweile zur Heimat gewordenes Gefängnis gegen das Imperium zu verteidigen, zusammengetan haben. Darüber – und über viele andere Details – erhält man im Laufe des Spiels weitere Informationen, die die Atmosphäre nochmal verdichten. Man muss Spiderweb an dieser Stelle generell loben: Dass im Spiel fünf Jahre seit „Avernum“ vergangen sind, ist überall zu merken, es ist aber keineswegs so, dass alle Veränderungen nur auf die Aktionen des Spielers im Vorgänger zurückzuführen wären. Oder dass man das Gefühl hat, der 5-Jahres-Zeitraum wurde nur gewählt, um eine Ausrede zu haben, nicht direkt anschließen zu müssen. Letztlich hat man dank der unzähligen und großteils gesprächigen NPCs tatsächlich den Eindruck, in Avernum wäre die Zeit nicht einfach stehen geblieben, sondern es hätte sich immer wieder was getan, mal sind es Kleinigkeiten, mal weltbewegende Ereignisse. All das zeigt, wie durchdacht dieses Programm ausgestaltet wurde und was für ein faszinierendes Universum die Verantwortlichen hier geschaffen haben.

Screenshot

In Sachen Gameplay ist es meiner Ansicht nach übrigens ganz gut, dass man nicht mit den Helden aus „Avernum“ weiterspielt – das hätte unweigerlich zu Problemen mit verschiedenen losen Fäden in der Story und mit dem einen oder anderen NPC geführt – es ist also kein Wunder, dass man darauf im Sinne der Kontinuität lieber verzichtet hat. Abgesehen davon ist das Spielziel gänzlich anders gelagert als in Teil 1, in dem man aus dem unfreiwilligen Exil zu entkommen trachtete. Weil das diesmal so gar nicht der Fall ist, ist die Motivation erneut hoch, die unzähligen Probleme und Quests, die das Spiel einem in den Weg legt, zu lösen. Stichwort Quests: Im Großen und Ganzen sind fast alle Aufgaben überdurchschnittlich gut und interessant. Die eine oder andere bring dies dorthin und jenes dahin-Quest hat sich natürlich eingeschlichen, muss aber nicht zwangsweise erledigt werden. Ein Wermutstropfen ist allerdings, dass es kaum verschiedene Lösungsansätze für die Aufgaben gibt und man daher auch keine schweren Entscheidungen über die Vorgangsweise zu treffen hat.

Und noch ein Punkt, der kritisch in punkto Motivation sein könnte: Das Spiel ist vor allem anfangs sehr schwer, wird aber zusehends leicht, vor allem, wenn man mit Glück früh Quests löst und Kämpfe gewinnt, die eigentlich für später gedacht sind. Das ist ein typisches Open World-Problem, das dazu führen kann, dass die Charaktere schnell so mächtig werden, dass die Herausforderung immer kleiner wird. Allerdings kann das durch die Wahl eines höheren Schwierigkeitsgrades einigermaßen ausgeglichen werden. Eventuell könnte es noch ein Problem für manche sein, dass auch „Avernum 2“ den Spieler zeitenweise arg alleine lässt, was die nächsten Schritte im Spiel betrifft. Es gibt z.B. kaum Hinweise, wo das eine oder andere wichtige Artefakt zu finden ist – das mag nicht spielentscheidend sein, aber es kann schon frustrieren, wenn es von Meister Zufall abhängt, ob man einen mächtigen Gegenstand findet, der gehörig Spielspaß bringt. Andererseits: Auch das gehört beim Retro-Feeling dazu. Ein bisschen mehr Anleitung hätte ich mir hin und wieder allerdings gewünscht, so musste ich einmal mehr gelegentlich zu den Tipps im Internet greifen.

Usability weiterhin gewöhnungsbedürftig.

Kommen wir an dieser Stelle noch einmal auf die Bedienung des Spiels zu sprechen. Zwei Dinge, die eigentlich Kleinigkeiten darstellen, sorgen für die mit Abstand deutlichste Verbesserung gegenüber „Avernum“: Es gibt nun ein Questlog (Hallelujah!) und das Aufheben von Gegenständen und Münzen wurde deutlich vereinfacht. Das ist jetzt nichts, das jemanden, der „The Witcher“ als Höhepunkt der Rollenspiel-Geschichte betrachtet, für „Avernum 2“ begeistern wird. Aber für alle Fans der Reihe sind das definitiv eine wichtige und sinnvolle Neuerungen.

Screenshot

Alle Ärgernisse in Sachen Usability sind damit jedoch keineswegs ausgeräumt. Immer noch gibt es keine komplette Weltkarte, was die Orientierung stellenweise stark erschwert. Immer noch kann man, wenn man z.B. einen Zauberspruch kaufen möchte, nicht direkt im entsprechenden Dialog erfahren, was der Spruch genau bewirkt, sondern muss dafür umständlich in die Charakterinfos. Immer noch sind die Wege, die man ohne Schnellreise-System gehen muss, zum Teil erschreckend weit. Und immer noch ist das Fenster, in dem das Spielgeschehen abläuft, ziemlich klein, was speziell in Kampfsituationen negativ auffällt, weil man in größeren Gefechten mühsam per Mausklick scrollen muss, um überhaupt alle Gegner im Blick zu haben. Von daher: Kleine Verbesserungen gibt es, dennoch bleibt auch „Avernum 2“ in weiten Teilen eine Geduldsprobe, zumindest, bis man sich einigermaßen mit den Umständen arrangiert hat.

Nichts geändert hat sich hingegen an den grundlegenden Elementen: Rollenspiel-typisch erschafft man seine Abenteurergruppe, wobei man optional erneut auch allein losziehen kann. Im Spiel gibt es ein paar wenige NPCs, die man in die Party aufnehmen kann, wenn man einen Platz frei hat – mehr als vier Helden darf man nie gleichzeitig am Start haben. Bei der Charaktererstellung verteilt man wie üblich Fertigkeitspunkte, wählt Geschlecht, Klasse und – neu – auch zwischen drei Rassen: Menschen, katzenartige Nephilim oder echsenartige Slithzerikai. Sobald das erledigt ist, wird man ins Abenteuer geworfen und kann – relativ frei – entscheiden, was man tut und wohin man geht. Ein bisschen ist man anfangs noch durch die magischen Barrieren eingeschränkt, im Wesentlichen ist aber auch „Avernum 2“ ein großes Open World-Spiel mit allen Vor- und Nachteilen. Groß heißt in diesem Zusammenhang übrigens nicht nur, dass Avernum ein weitläufiges Land ist – wer viele Nebenquests lösen möchte, kann gut und gern 70 Stunden oder mehr mit diesem Spiel verbringen. Für ein Indie-Programm ist das schon ordentlich Holz, wie ich finde.

Nichts für Casual-Gamer.

Screenshot

Generell hat sich zwischen „Avernum“ und „Avernum 2“ wenig getan, wer also von Anfang an dabei war, braucht sich nicht umzustellen. Das bedeutet gleichzeitig, dass man sich wie schon im Vorgänger stark auf das Spiel einlassen muss, um Spaß daran zu finden. Vieles spielt sich weiterhin im Kopf ab, das Geschehen auf dem Bildschirm ist mehr der Rahmen des Ganzen. So zumindest mein Gefühl, weil ich mich immer mal wieder dabei ertappt habe, wie ich im Bett lag und über das in „Avernum 2“ Erlebte nachdachte.

Eines muss man jedenfalls festhalten: Auch „Avernum 2“ ist nichts für Gelegenheitsspieler und/oder Casual-Gamer. Wie schon beim Vorgänger gibt es hier eine starke Diskrepanz zwischen der naiv-kruden Optik und dem tatsächlichen Anspruch des Spiels. Das alles mag kindisch und höchst einfach aussehen, hinter der Fassade verbirgt sich aber ein beinhartes Rollenspiel, das kaum Fehler verzeiht und anfangs eine sehr steile Lernkurve hat. Die Motivation, diese Kurve zu meistern, wird verständlicherweise nicht jeder mitbringen, denn man wird hier nicht mit schönen Grafiken und Videos belohnt. Jeder, der sich aber darauf einlässt, jeder, der – um ein Klischee zu strapazieren – den Weg als Ziel sieht und jeder, dem Inhalt wichtiger ist als Optik, macht auch mit „Avernum 2“ nichts falsch. Im Gegenteil, kleine Verbesserungen und eine erneut spannende Story machen das Spiel sogar noch eine Spur besser als den Vorgänger.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Rollenspiel
Entwickler: Spiderweb Software
Publisher: Spiderweb Software
Jahr:
2000
Gespielt auf: PC


MusikWelt: Metallica

Metallica


Im Heavy Metal und all seinen verschiedenen Spielarten gibt es ein interessantes Phänomen: Sobald eine Band kommerziell erfolgreich wird, verliert sie einen Teil ihrer Fanbasis. Die ansonsten viel beschworene, unbeirrbare Treue der Anhänger ist oft nicht so groß, wie man denkt, wenn plötzlich überall lauthals „Ausverkauf!“ gebrüllt wird. Zumindest „offiziell“, denn ich bin mir sicher, dass viele Fans der ersten Stunde, die plötzlich nichts mehr mit der Band zu tun haben wollen, im stillen Kämmerlein auch die erfolgreicheren Sachen mit Begeisterung hören. Eines der prominentesten und ersten Beispiele für den geschilderten Sachverhalt ist „Das schwarze Album“ von Metallica.

Gesamteindruck: 6/7


Kommerzieller Erfolg – na und?

Nun bin ich ebenfalls Heavy-Metal-Fan (hauptsächlich Thrash, Power und Black Metal, auch ein wenig Death Metal und Industrial), und das nicht erst seit gestern oder – um beim Beispiel dieser Rezension zu bleiben – seit ich zum ersten Mal „Enter Sandman“ gehört habe. Trotzdem stellte sich mir niemals die Frage nach der musikalischen Qualität des schlicht „Metallica“ betitelten 1991er Albums der Herren aus der Bay Area. Das hat für mich zwei Gründe: Zum einen verstehe ich nicht, was es für mich als Fan für einen Unterschied machen soll, wie viele Leute meine Lieblingsband gut finden. Mir ist es herzlich egal, ob eine Metallica-Scheibe auf Platz 1 oder Platz 100 der Charts platziert ist. Und genau dieser Ansatz führt mich zum zweiten Punkt: Die Sturheit, mit der manche darauf pochen, wie Metallica zu klingen haben. Ich selbst bin – wie schon erwähnt – u. a. Thrash-Metal-Fan. Mit Thrash hat diese Platte aber nicht mehr viel zu tun. Das stört mich aber nicht, wenn das Songwriting stimmt. In so einem Fall gibt es für mich auch keine Genre-Grenzen, Lieder die mir gefallen, gefallen mir eben, egal in welchem Stil sie geschrieben sind und wie viele Leute sie sonst noch mögen. Insofern habe ich kein Problem damit, die ersten 5 (!) Alben von Metallica als sehr gut zu bezeichnen. Die Phase danach ist eine andere Geschichte – aber ich empfinde sie ebenfalls nicht als so durchgängig mies wie manch anderer. Eine etwas lange Einführung, die aber vielleicht denen zugute kommt, die das Album bzw. die Band wirklich noch nicht kennen – soll’s ja auch geben.

Kommen wir zur Sache: „Metallica“ bietet in meinen Ohren eine sehr ausgewogene Mischung aus Härte und Melodie – zwei Faktoren, die für die Musik dieser Band schon immer bestimmend waren. Wenn man sich die musikalische Entwicklung von Metallica bis 1991 ansieht, kann man den Prozess recht gut erkennen, der zu diesem ALbum führte. Die unkontrollierte Rasanz und Härte gab es meiner Ansicht nur auf dem Debüt „Kill ´Em All“(1983), alles, was danach kam verschob sich doch eher in Richtung Kontrolle und Melodie (natürlich angereichert mit mal mehr, mal weniger Härte). Vor allem am Gesang ist das ausgezeichnet zu beobachten.

„Metallica“ beginnt mit „Enter Sandman“, einer Hymne sondergleichen, an der sich bereits die ersten Geister aus oben genannten Gründen scheiden. Nichtsdestotrotz habe ich bei einem Metallica-Konzert noch niemanden gesehen, der bei diesem Lied nicht mitsingt oder sogar so konsequent ist und die Halle verlässt, wenn das ach-so poppige Mainriff angestimmt wird. Ähnliches gilt für das Groove-Monster „Sad But True“ und für die typische Halbballade „The Unforgiven“, die sofort ins Ohr gehen und dort auch hängenbleiben. Auch „Wherever I May Roam“, „Don’t Tread On Me“ (mit seinen „West Side Story“-Anleihen und sozialkritischem Text) und „Of Wolf And Man“ können auf ganzer Linie überzeugen, von Radiotauglichkeit kann ich hier jedenfalls nicht allzu viel erkennen – vor allem dann nicht, wenn ich dran denke, dass das Album 1991 erschienen ist, das waren schon noch andere Zeiten. Ebenfalls gut gelungen sind „The God That Failed“ und „My Friend Of Misery“, einer der wenigen vom damaligen Bassisten Jason Newsted mitgeschriebenen Songs. Immerhin guter Durchschnitt sind die im Gesamtkontext etwas untergehenden „Holier Than Thou“ und „Through The Never“.

An Ausfällen bzw. Füllern kann ich lediglich „The Struggle Within“ und vor allem „Nothing Else Matters“, die einzige echte Ballade von Metallica ausmachen. Letztere Nummer dürfte wohl den größten Anteil am „Ausverkauf!“-Geschrei haben, ich persönlich finde sie im Vergleich zu den klassischen Metallica-Halbballaden einfach langweilig und, ja, der Song war spätestens vor 20 Jahren totgespielt. Wahrscheinlich schon vorher.

Fazit: „Metallica“ ist alles in allem eine Platte, die sich sehr schnell erschließt, im Gegensatz zum viel zitierten Radio-Pop aber dennoch nicht nach dem dritten Mal hören langweilig wird. Damit ist das „schwarze Album“ gleichzeitig aber tatsächlich ein krasser Gegensatz zu seinem Vorgänger „…And Justice For All“ (1988), der wesentlich schwerer zugänglich war. Und ja, das bedeutet auch, dass ein Teil der Härte, die Metallica früher schon ausgezeichnet hat, verloren gegangen ist. Für mich persönlich macht das „Metallica“ aber keinen Deut schlechter. Nur anders. Was man bevorzugt, muss letztlich jeder für sich entscheiden. Oder man macht es wie ich, entscheidet sich nicht und findet einfach beide Metallica-Varianten gut.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Enter Sandman – 5:32 – 6/7
  2. Sad But True – 5:25 – 6/7
  3. Holier Than Thou – 3:48 – 5/7
  4. The Unforgiven – 6:27 – 7/7
  5. Wherever I May Roam – 6:44 – 7/7
  6. Don’t Tread On Me – 4:00 – 6/7
  7. Through the Never – 4:04 – 4/7
  8. Nothing Else Matters – 6:29 – 4/7
  9. Of Wolf and Man – 4:17 – 5/7
  10. The God That Failed – 5:09 – 5/7
  11. My Friend of Misery – 6:50 – 5/7
  12. The Struggle Within – 3:54 – 4/7

 Gesamteindruck: 6/7 


Metallica auf “Metallica” (1991):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm & Lead Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Jason Newsted – Bass, Backing Vocals
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: The Unforgiven


 

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MusikWelt: Eonian

Dimmu Borgir


Eine Faustregel im Heavy Metal lautet: Alle zwei Jahre kommt ein neues Album. Freilich gibt es immer wieder Ausnahmen aus verschiedensten Gründen – eine Pause von acht Jahren ist für eine Band, die sich nie offiziell aufgelöst hat, dennoch ungewöhnlich. Entsprechend gespannt war man 2018 auf „Eonian“, und das auch, weil Dimmu Borgir in den Jahren vor ihrer Absenz vor allem durch bandinterne Querelen, merkwürdige Allüren und halbgare Veröffentlichungen aufgefallen waren. Ist „Eonian“ nun also der erhoffte Befreiungsschlag, der die Norweger nach dem dringend notwendigen Aufladen der kreativen Akkus zurück zu alter Stärke führt?

Gesamteindruck: 2/7


Keine Trendwende.

Um das Fazit vorweg zu nehmen: Nein, „Eonian“ leitet keine Trendwende ein. Im Gegenteil, es ist meiner Ansicht nach sogar ein qualitativer Rückschritt im Vergleich zum eh schon schwachen Vorgänger „Abrahadabra“ (2010). Ich kann mir zwar vorstellen, dass auch „Eonian“ seine Fans hat; das werden aber kaum die sein, die Dimmu Borgir für die Art von Musik schätzen, die die Band groß gemacht hat. Und damit meine ich gar nicht die Die-Hard-Black Metaller, die sind ohnehin schon lange weg. Ich meine eher diejenigen, die bis Anfang/Mitte der 2000er noch etwas mit der Band anfangen konnten. Zu denen darf auch ich mich zählen – aber spätestens seit „Abrahadabra“, eigentlich schon seit „In Sorte Diaboli“ (2007), tue ich mich sehr schwer mit den Herren.

Was hat sich in acht Jahren ohne reguläres Studioalbum im Hause Dimmu Borgir überhaupt getan? Auf den ersten Blick gar nicht so viel, wie man meinen möchte. Die Akteure sind gleich geblieben, heißt, die verbliebenen Gründungsmitglieder Shagrath und Silenoz haben sich nicht von Gitarrist Galder getrennt. Und auch die Session-Musiker Gerlioz (k) und Daray (d) wurden wieder verpflichtet, unterstützen das trio infernale auch live. Kreatives Mitspracherecht werden die Jungs zwar nicht gehabt haben, interessanterweise sind sie aber dennoch am Bandfoto im Booklet. Immerhin. An dieser Stelle noch ein Wort zu den Äußerlichkeiten, bevor wir zur Musik kommen: Das Covermotiv und die Gestaltung des Booklets unterscheiden sich tatsächlich erheblich von allem, was Dimmu Borgir bis dahin veröffentlicht haben. Ich könnte jetzt nicht sagen, dass mir das rein optisch nicht gefallen würde – sieht schon recht fein aus, was man da auf die Beine gestellt hat.

Kaum noch Metal.

Das Cover und die mystisch angehauchten Bandfotos sind in meinen Augen jedenfalls ein Fingerzeig auf das, was den geneigten Hörer musikalisch auf „Eonian“ erwartet. Denn Dimmu Borgir haben auf ihre alten Tage genau jene Art rituell-spiritualistischer, hier und da etwas folkiger Musik entdeckt, die seit einigen Jahren immer angesagter wird. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt… Zugute halten muss man den Osloern, dass Ansätze davon bereits auf „Abrahadabra“ zu hören waren, man sie also nicht komplett als Trittbrettfahrer abstempeln sollte. Ob es nun besonders glaubwürdig ist, wenn man sich die Diskografie der Band so ansieht, ist eine andere Frage, die ich für mich persönlich mit „Nö!“ beantwortet habe, dazu kann man aber durchaus auch eine andere Meinung haben.

Musikalisch bedeutet die Hinwendung zur Geistigkeit vor allem eine Reduktion von Härte und Tempo. Beides war bei Dimmu Borgir schon auf „Abrahadabra“ nur mehr Makulatur, bei „Eonian“ fällt es mir aber tatsächlich nochmal wesentlich schwerer, das Dargebotene überhaupt noch als Heavy Metal zu bezeichnen. Warum ist das so? Einerseits wurden die überbordenden Orchesterparts, die „Abrahadabra“ so schwer verdaulich machten, stark zurückgefahren und sind nicht mehr derartig dominant. Und: Es gibt erstmals seit „Enthrone Darkness Triumphant“ (1997) keinen Klargesang mehr zu hören. Zumindest ersteres würde ich durchaus als positiv bezeichnen, an zweiterem scheiden sich ja schon länger die Geister.

Leider haben sich Dimmu Borgir jedoch nicht mit dieser Reduktion auf das Wesentliche begnügt, sie mussten den so entstandenen Freiraum offenbar dringend mit etwas Anderem füllen. Wenn das harte Riffs gewesen wären: Super, nur her damit. Aber das wäre wohl zu einfach gewesen, daher gibt es auf „Eonian“ erstmals in praktisch jedem Song Einlagen des gemischten Chors Schola Cantorum. Das und die Art des Songwritings führen dazu, dass dieses Album in meinen Ohren noch mehr nach einem Soundtrack klingt als sein Vorgänger. Es mag Leute geben, die das mögen – ich gehöre definitiv nicht dazu, wie ich nach zig Durchläufen feststellen musste. Ich will Dimmu Borgir so einfach nicht hören, nicht nur, weil das kaum noch Heavy Metal ist, sondern vor allem, weil sie es songwriterisch offenbar nicht drauf haben. Es ist das bekannte Problem: Dimmu Borgir haben ein Element gefunden, das ihnen – aus welchem Grund auch immer – gefällt und packen das mit Gewalt in jeden Song. Was in kleinen Dosen ok wäre, wird damit zum riesigen Ärgernis, weil es jeden Anflug eines guten Songs im Keim zu ersticken vermag.

Gute Einzelteile machen keine guten Songs.

Apropos „gute Songs“: Hier haben wir abseits von jeglicher Diskussion um den Stil die eigentliche Schwachstelle gefunden. Auf den sub-optimalen Studioalben ab „Death Cult Armageddon“ (2003) fand sich immer der eine oder andere gute Track, der zumindest im Rahmen der jeweiligen Platte (manchmal sogar darüber hinaus) überzeugen konnte. Auf „Eonian“ habe ich echte Schwierigkeiten, einen solchen Song zu finden. Es gibt gute Passagen (gut im Kontext dieses Albums, wohlgemerkt!), aber so richtig in Erinnerung will hier nichts bleiben. Zumindest nicht positiv – das viel diskutierte „Council of Wolves and Snakes“ mag ins kollektive Gedächtnis eingegangen sein, aber erfreulich ist das in diesem Fall nur bedingt. Ich finde die in dieser experimentellen Nummer gezeigte, okkulte Herangehensweise jedenfalls vollkommen unpassend für eine Band wie Dimmu Borgir, und das unabhängig davon, dass dieser Song auch musikalisch sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Einigermaßen passt die Kombination auf „Eonian“ bei „Interdimensional Summit“, hinter dem man allerdings eher Nightwish und – bei der Melodieführung im SoloLimahl mit „Neverending Story“ (!) vermuten würde. Mein Favorit auf dem Album ist übrigens „Archaic Correspondence“, mit schwarzem Geriffe, fast schon an „For All Tid“ (1995) gemahnenden Keyboards und sparsameren Chor-Einsatz. Nur schade, dass der langsame Mittelteil hier die Dynamik so jäh unterbricht. Ein anderes Beispiel für partiell gelungenes Songwriting ist „Alpha Aeon Omega“, das schwarzmetallisch beginnt (gut!), ab der Hälfte dann aber plötzlich irgendwie folkig wird, inklusive fast schon heldenhaften Chören und Gitarrenharmonien, die man so vielleicht von Ensiferum oder meinetwegen auch von Summoning erwarten würde.

Der Rest der Platte ist meiner Ansicht nach nicht der Rede wert. Ironie des Schicksals, dass genau jene Teile von „Eonian“ gut klingen, die entweder von anderen Bands inspiriert scheinen oder zumindest einigermaßen die Black Metal-Wurzeln von Dimmu Borgir bloß legen. Genau, wenn sie das machen, womit sie 25 Jahre vor diesem Album begonnen haben, macht „Eonian“ sogar Spaß. Doch das Vergnügen währt immer nur kurz, denn der Fokus liegt mittlerweile klar woanders. Schade, dass sich Dimmu Borgir im Versuch, möglichst alle Geschmäcker zu bedienen, so verzettelt haben. Aber es hilft nichts: „Eonian“ ist meiner Meinung nach das bisher schwächste Album in der kompletten Diskographie dieser Band. Mit Abstand.

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. The Unveiling – 5:47 – 3/7
  2. Interdimensional Summit – 4:39 – 4/7
  3. Ætheric – 5:27 – 2/7
  4. Council of Wolves and Snakes – 5:19 – 3/7
  5. The Empyrean Phoenix – 4:44 – 3/7
  6. Lightbringer – 6:06 – 2/7
  7. I Am Sovereign – 6:48 – 2/7
  8. Archaic Correspondence – 4:55 – 5/7
  9. Alpha Aeon Omega – 5:18 – 4/7
  10. Rite of Passage – 5:16 – 3/7

Gesamteindruck: 2/7 


Dimmu Borgir auf “Eonian” (2018):

  • Shagrath – Vocals, Bass, Keyboards
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Bass
  • Galder – Lead Guitars, Bass

Anspieltipp: Archaic Correspondence

 

MusikWelt: Abrahadabra

Dimmu Borgir


Dass Dimmu Borgir nicht dort weitermachen wollten, wo sie drei Jahre vor „Abrahadabra“ mit „In Sorte Diaboli“ aufgehört hatten, ist irgendwo verständlich. Es schien eine musikalische Sackgasse zu sein, in die sich die Norweger manövriert hatten – und die bis dahin so erfolgreiche Formel hatte begonnen, auch den letzten Optimisten schal zu schmecken. „Abrahadabra“ klingt tatsächlich ziemlich anders und kann damit durchaus als Versuch betrachtet werden, sich mit einer Art Frischzellenkur neu zu positionieren, ohne gänzlich auf die eigenen Trademarks zu verzichten.

Gesamteindruck: 4/7


Eine Art Frischzellenkur.

„In Sorte Diaboli“ (2007) war aus meiner Sicht kein ganz schlechtes Album, bis auf wenige Songs jedoch reichlich belanglos. „Abrahadabra“ bricht hingegen bereits äußerlich mit unverrückbar geglaubten Traditionen: auf den ersten Blick fällt der Verzicht auf den typischen Drei-Wort-Nonsens-Titel der Platte auf (nicht, dass dieser Titel irgendwie sinnvoll wäre). Erst recht schwindelig dürfte so manchem alten Fan beim Betrachten des Booklets werden: Die Band posiert nicht mehr im üblichen Schwarz sondern in schmutzigem Weiß. Ganz neu ist das nicht, erinnert vom Ansatz her ein wenig ans „weiße“ Cover von Immortals „Battles In The North“ (1995). Noch viel gravierender ist allerdings der personelle Umbruch im Hause Dimmu Borgir: Das einstige Sextett ist auf drei Mann geschrumpft. Unfreiwillig raus sind die langjährigen Mitglieder Mustis (Keaboard) und ICS Vortex (Bass/Klagesang), außerdem war auch für Schlagzeug-Legende Hellhammer nach nur zwei Alben und ein paar Konzerten wieder Schluss. Neben den Gründungsmitgliedern Shagrath (Gesang) und Silenoz (Rhythmus-Gitarre) bleibt Galder (Lead Gitarre) in der Band, die vakanten Positionen wurden durch Gastmusiker aufgefüllt, die das Trio auch live unterstützen sollten. Fix angestellte Mitglieder wollte man sich offenbar nicht mehr an Bord holen.

Aus musikalischer Sicht stellt sich folgerichtig die Frage, wie sehr speziell die Abgänge von Mustis und Vortex den Sound der Norweger verändert haben; vor allem letzterer trug ja mit seiner charismatischen Stimme einen Gutteil zur Einzigartigkeit der Band bei. Nun denn: „Abrahadabra“ beginnt nach dem üblichen Intro mit „Born Treacherous“, das sich anfangs gar nicht so sehr von dem unterscheidet, was Dimmu Borgir in den Jahren vorher veröffentlicht haben. Heißt: Harte, ansatzweise auf die Black-Metal-Wurzeln der Band verweisende Gitarren treffen auf ein Rhythmus-Fundament, das eher nach Industrial Metal klingt und die Stimme von Shagrath, die mir gar nicht so schlecht gefällt. Bereits nach wenigen Takten horcht man jedoch erstmals auf – ein sehr dominantes Orchester setzt ein, der Refrain (naja…) ist von Chören unterlegt. Manche werden sich fragen, was daran neu sein soll, denn Orchesterparts kommen bei Dimmu Borgir seit längerer Zeit regelmäßig wieder vor. Stimmt, hier ist jedoch erstmals so was wie komplette Gleichberechtigung zwischen Band und Orchester zu hören, heißt: Die klassischen Musiker agieren wie zusätzliche Instrumente und greifen nicht nur unterstützend ein.

Nutzt sich rasch ab.

Anfangs geht das sogar noch einigermaßen gut. Neben „Born Treacherous“ sind das schon vorab bekannte „Gateways“ (mit dem zusätzlichen Element der äußerst aggressiven Stimme von Agnete Kjølsrud) sowie die folgenden „Chess With The Abyss“ und „Dimmu Borgir“ durchaus interessant, danach beginnt sich allerdings ein gewisser Abnutzungseffekt einzustellen. Zu ähnlich ist das Songwriting, sodass Tracks wie „Ritualist“ oder „The Demiurge Molecule“ nahezu identitätslos an mir vorbeirauschen. Wie schon früher bei Dimmu Borgir ist es bei ersterem Song einmal mehr der Einsatz von Klargesang, der zumindest ein wenig aufhorchen lässt. Am zweiten Mikro steht hier Multitalent Snowy Shaw (einem größeren Publikum wohl am ehesten als Gastsänger bei Therion bekannt) – schade, dass der Schwede nicht permanent ins Lager von Dimmu Borgir wechselte, er wäre sicherlich auch live eine Bereicherung und ein guter Ersatz für ICS Vortex gewesen; aber das führt jetzt zu weit. Einziger Song, auf dem die Band das Orchester dominiert, ist das heftige „Renewal“. Hier fügt sich der Klargesang noch mal besser ins Bild ein, was aber nicht heißt, dass die Nummer per se überzeugend ist.

Metal?

Soviel zu den Songs an sich, die leider einmal mehr nicht durchgehend überzeugen können. Doch auch, wenn man einzelne Tracks gelungen finden kann, bedeutet das noch nicht, dass das Album als Ganzes überzeugt – denn die Geister scheiden sich bei „Abrahadabra“ meines Erachtens an anderer Stelle: Stellenweise ist von der üblichen Metal-Instrumentierung bis auf das Schlagzeug nichts zu hören und das Orchester übernimmt die gesamte Melodieführung. Dadurch entsteht für die gesamte Platte ein regelrechter Soundtrack- bzw. Musical-Charakter, der „Abrahadabra“ zwar wie aus einem Guss klingen lässt, gleichzeitig aber nicht mehr viel mit Heavy- oder gar Black Metal zu tun hat. Dazu sei am Rande außerdem angemerkt, dass man sich stellenweise nicht wundern würde, wenn statt dem Gekrächze von Shagrath plötzlich lieblicher Nightwish-Gesang ertönen würde. Auch nicht gerade das, was man in Verbindung mit Dimmu Borgir haben möchte…

Im ersten Moment mag „Abrahadabra“ sogar beeindruckend klingen, wenn man länger hinhört, merkt man aber, dass vieles davon eher auf den maximalen Effekt ausgerichtet ist, die Langzeitwirkung hingegen ausbleibt. „Überambitioniert“ ist ein weiterer Ausdruck, der mir dazu einfällt. Vielleicht könnte man sich die vielen Spuren, die Dimmu Borgir auf das Album gepresst haben, sogar schönhören, dazu müssten die Songs aber deutlich spannender und besser geschrieben sein. Tatsächlich glaube ich, dass ohne eine gewisse Affinität zu klassischer Musik „Abrahadabra“ so manchem vielleicht sogar als unhörbar erscheinen könnte. Alles in allem finde ich „Abrahadabra“ aber ein wenig stärker als das konzeptlose Konzeptalbum „In Sorte Diaboli“. Zumindest im ersten Moment schmeckt das, was uns die Osloer auf dem 2010er-Longplayer kredenzen, deutlich frischer. Und das ist besser als nichts. Ein Meisterwerk ist freilich weder die eine noch die andere Platte.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Xibir – 2:50 – 3/7
  2. Born Treacherous – 5:02 – 4/7
  3. Gateways – 5:10 – 5/7
  4. Chess With the Abyss – 4:08 – 5/7
  5. Dimmu Borgir – 5:36 – 5/7
  6. Ritualist – 5:14 – 4/7
  7. The Demiurge Molecule – 5:31 – 2/7
  8. A Jewel Traced Through Coal – 5:16 – 3/7
  9. Renewal – 4:11 – 4/7
  10. Endings And Continuations – 5:58 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 


Dimmu Borgir auf “Abrahadabra” (2010):

  • Shagrath – Vocals, Keyboards
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Galder – Lead Guitars, Backing Vocals

Anspieltipp: Gateways