MusikWelt: Abrahadabra

Dimmu Borgir


Dass Dimmu Borgir nicht dort weitermachen wollten, wo sie drei Jahre vor „Abrahadabra“ mit „In Sorte Diaboli“ aufgehört hatten, ist irgendwo verständlich. Es schien eine musikalische Sackgasse zu sein, in die sich die Norweger manövriert hatten – und die bis dahin so erfolgreiche Formel hatte begonnen, auch den letzten Optimisten schal zu schmecken. „Abrahadabra“ klingt tatsächlich ziemlich anders und kann damit durchaus als Versuch betrachtet werden, sich mit einer Art Frischzellenkur neu zu positionieren, ohne gänzlich auf die eigenen Trademarks zu verzichten.

Gesamteindruck: 4/7


Eine Art Frischzellenkur.

„In Sorte Diaboli“ (2007) war aus meiner Sicht kein ganz schlechtes Album, bis auf wenige Songs jedoch reichlich belanglos. „Abrahadabra“ bricht hingegen bereits äußerlich mit unverrückbar geglaubten Traditionen: auf den ersten Blick fällt der Verzicht auf den typischen Drei-Wort-Nonsens-Titel der Platte auf (nicht, dass dieser Titel irgendwie sinnvoll wäre). Erst recht schwindelig dürfte so manchem alten Fan beim Betrachten des Booklets werden: Die Band posiert nicht mehr im üblichen Schwarz sondern in schmutzigem Weiß. Ganz neu ist das nicht, erinnert vom Ansatz her ein wenig ans „weiße“ Cover von Immortals „Battles In The North“ (1995). Noch viel gravierender ist allerdings der personelle Umbruch im Hause Dimmu Borgir: Das einstige Sextett ist auf drei Mann geschrumpft. Unfreiwillig raus sind die langjährigen Mitglieder Mustis (Keaboard) und ICS Vortex (Bass/Klagesang), außerdem war auch für Schlagzeug-Legende Hellhammer nach nur zwei Alben und ein paar Konzerten wieder Schluss. Neben den Gründungsmitgliedern Shagrath (Gesang) und Silenoz (Rhythmus-Gitarre) bleibt Galder (Lead Gitarre) in der Band, die vakanten Positionen wurden durch Gastmusiker aufgefüllt, die das Trio auch live unterstützen sollten. Fix angestellte Mitglieder wollte man sich offenbar nicht mehr an Bord holen.

Aus musikalischer Sicht stellt sich folgerichtig die Frage, wie sehr speziell die Abgänge von Mustis und Vortex den Sound der Norweger verändert haben; vor allem letzterer trug ja mit seiner charismatischen Stimme einen Gutteil zur Einzigartigkeit der Band bei. Nun denn: „Abrahadabra“ beginnt nach dem üblichen Intro mit „Born Treacherous“, das sich anfangs gar nicht so sehr von dem unterscheidet, was Dimmu Borgir in den Jahren vorher veröffentlicht haben. Heißt: Harte, ansatzweise auf die Black-Metal-Wurzeln der Band verweisende Gitarren treffen auf ein Rhythmus-Fundament, das eher nach Industrial Metal klingt und die Stimme von Shagrath, die mir gar nicht so schlecht gefällt. Bereits nach wenigen Takten horcht man jedoch erstmals auf – ein sehr dominantes Orchester setzt ein, der Refrain (naja…) ist von Chören unterlegt. Manche werden sich fragen, was daran neu sein soll, denn Orchesterparts kommen bei Dimmu Borgir seit längerer Zeit regelmäßig wieder vor. Stimmt, hier ist jedoch erstmals so was wie komplette Gleichberechtigung zwischen Band und Orchester zu hören, heißt: Die klassischen Musiker agieren wie zusätzliche Instrumente und greifen nicht nur unterstützend ein.

Nutzt sich rasch ab.

Anfangs geht das sogar noch einigermaßen gut. Neben „Born Treacherous“ sind das schon vorab bekannte „Gateways“ (mit dem zusätzlichen Element der äußerst aggressiven Stimme von Agnete Kjølsrud) sowie die folgenden „Chess With The Abyss“ und „Dimmu Borgir“ durchaus interessant, danach beginnt sich allerdings ein gewisser Abnutzungseffekt einzustellen. Zu ähnlich ist das Songwriting, sodass Tracks wie „Ritualist“ oder „The Demiurge Molecule“ nahezu identitätslos an mir vorbeirauschen. Wie schon früher bei Dimmu Borgir ist es bei ersterem Song einmal mehr der Einsatz von Klargesang, der zumindest ein wenig aufhorchen lässt. Am zweiten Mikro steht hier Multitalent Snowy Shaw (einem größeren Publikum wohl am ehesten als Gastsänger bei Therion bekannt) – schade, dass der Schwede nicht permanent ins Lager von Dimmu Borgir wechselte, er wäre sicherlich auch live eine Bereicherung und ein guter Ersatz für ICS Vortex gewesen; aber das führt jetzt zu weit. Einziger Song, auf dem die Band das Orchester dominiert, ist das heftige „Renewal“. Hier fügt sich der Klargesang noch mal besser ins Bild ein, was aber nicht heißt, dass die Nummer per se überzeugend ist.

Metal?

Soviel zu den Songs an sich, die leider einmal mehr nicht durchgehend überzeugen können. Doch auch, wenn man einzelne Tracks gelungen finden kann, bedeutet das noch nicht, dass das Album als Ganzes überzeugt – denn die Geister scheiden sich bei „Abrahadabra“ meines Erachtens an anderer Stelle: Stellenweise ist von der üblichen Metal-Instrumentierung bis auf das Schlagzeug nichts zu hören und das Orchester übernimmt die gesamte Melodieführung. Dadurch entsteht für die gesamte Platte ein regelrechter Soundtrack- bzw. Musical-Charakter, der „Abrahadabra“ zwar wie aus einem Guss klingen lässt, gleichzeitig aber nicht mehr viel mit Heavy- oder gar Black Metal zu tun hat. Dazu sei am Rande außerdem angemerkt, dass man sich stellenweise nicht wundern würde, wenn statt dem Gekrächze von Shagrath plötzlich lieblicher Nightwish-Gesang ertönen würde. Auch nicht gerade das, was man in Verbindung mit Dimmu Borgir haben möchte…

Im ersten Moment mag „Abrahadabra“ sogar beeindruckend klingen, wenn man länger hinhört, merkt man aber, dass vieles davon eher auf den maximalen Effekt ausgerichtet ist, die Langzeitwirkung hingegen ausbleibt. „Überambitioniert“ ist ein weiterer Ausdruck, der mir dazu einfällt. Vielleicht könnte man sich die vielen Spuren, die Dimmu Borgir auf das Album gepresst haben, sogar schönhören, dazu müssten die Songs aber deutlich spannender und besser geschrieben sein. Tatsächlich glaube ich, dass ohne eine gewisse Affinität zu klassischer Musik „Abrahadabra“ so manchem vielleicht sogar als unhörbar erscheinen könnte. Alles in allem finde ich „Abrahadabra“ aber ein wenig stärker als das konzeptlose Konzeptalbum „In Sorte Diaboli“. Zumindest im ersten Moment schmeckt das, was uns die Osloer auf dem 2010er-Longplayer kredenzen, deutlich frischer. Und das ist besser als nichts. Ein Meisterwerk ist freilich weder die eine noch die andere Platte.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Xibir – 2:50 – 3/7
  2. Born Treacherous – 5:02 – 4/7
  3. Gateways – 5:10 – 5/7
  4. Chess With the Abyss – 4:08 – 5/7
  5. Dimmu Borgir – 5:36 – 5/7
  6. Ritualist – 5:14 – 4/7
  7. The Demiurge Molecule – 5:31 – 2/7
  8. A Jewel Traced Through Coal – 5:16 – 3/7
  9. Renewal – 4:11 – 4/7
  10. Endings And Continuations – 5:58 – 3/7

Gesamteindruck: 4/7 


Dimmu Borgir auf “Abrahadabra” (2010):

  • Shagrath – Vocals, Keyboards
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Galder – Lead Guitars, Backing Vocals

Anspieltipp: Gateways

 

2 Gedanken zu “MusikWelt: Abrahadabra

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