MusikWelt: Eonian

Dimmu Borgir


Eine Faustregel im Heavy Metal lautet: Alle zwei Jahre kommt ein neues Album. Freilich gibt es immer wieder Ausnahmen aus verschiedensten Gründen – eine Pause von acht Jahren ist für eine Band, die sich nie offiziell aufgelöst hat, dennoch ungewöhnlich. Entsprechend gespannt war man 2018 auf „Eonian“, und das auch, weil Dimmu Borgir in den Jahren vor ihrer Absenz vor allem durch bandinterne Querelen, merkwürdige Allüren und halbgare Veröffentlichungen aufgefallen waren. Ist „Eonian“ nun also der erhoffte Befreiungsschlag, der die Norweger nach dem dringend notwendigen Aufladen der kreativen Akkus zurück zu alter Stärke führt?

Gesamteindruck: 2/7


Keine Trendwende.

Um das Fazit vorweg zu nehmen: Nein, „Eonian“ leitet keine Trendwende ein. Im Gegenteil, es ist meiner Ansicht nach sogar ein qualitativer Rückschritt im Vergleich zum eh schon schwachen Vorgänger „Abrahadabra“ (2010). Ich kann mir zwar vorstellen, dass auch „Eonian“ seine Fans hat; das werden aber kaum die sein, die Dimmu Borgir für die Art von Musik schätzen, die die Band groß gemacht hat. Und damit meine ich gar nicht die Die-Hard-Black Metaller, die sind ohnehin schon lange weg. Ich meine eher diejenigen, die bis Anfang/Mitte der 2000er noch etwas mit der Band anfangen konnten. Zu denen darf auch ich mich zählen – aber spätestens seit „Abrahadabra“, eigentlich schon seit „In Sorte Diaboli“ (2007), tue ich mich sehr schwer mit den Herren.

Was hat sich in acht Jahren ohne reguläres Studioalbum im Hause Dimmu Borgir überhaupt getan? Auf den ersten Blick gar nicht so viel, wie man meinen möchte. Die Akteure sind gleich geblieben, heißt, die verbliebenen Gründungsmitglieder Shagrath und Silenoz haben sich nicht von Gitarrist Galder getrennt. Und auch die Session-Musiker Gerlioz (k) und Daray (d) wurden wieder verpflichtet, unterstützen das trio infernale auch live. Kreatives Mitspracherecht werden die Jungs zwar nicht gehabt haben, interessanterweise sind sie aber dennoch am Bandfoto im Booklet. Immerhin. An dieser Stelle noch ein Wort zu den Äußerlichkeiten, bevor wir zur Musik kommen: Das Covermotiv und die Gestaltung des Booklets unterscheiden sich tatsächlich erheblich von allem, was Dimmu Borgir bis dahin veröffentlicht haben. Ich könnte jetzt nicht sagen, dass mir das rein optisch nicht gefallen würde – sieht schon recht fein aus, was man da auf die Beine gestellt hat.

Kaum noch Metal.

Das Cover und die mystisch angehauchten Bandfotos sind in meinen Augen jedenfalls ein Fingerzeig auf das, was den geneigten Hörer musikalisch auf „Eonian“ erwartet. Denn Dimmu Borgir haben auf ihre alten Tage genau jene Art rituell-spiritualistischer, hier und da etwas folkiger Musik entdeckt, die seit einigen Jahren immer angesagter wird. Ein Schelm, wer dabei Böses denkt… Zugute halten muss man den Osloern, dass Ansätze davon bereits auf „Abrahadabra“ zu hören waren, man sie also nicht komplett als Trittbrettfahrer abstempeln sollte. Ob es nun besonders glaubwürdig ist, wenn man sich die Diskografie der Band so ansieht, ist eine andere Frage, die ich für mich persönlich mit „Nö!“ beantwortet habe, dazu kann man aber durchaus auch eine andere Meinung haben.

Musikalisch bedeutet die Hinwendung zur Geistigkeit vor allem eine Reduktion von Härte und Tempo. Beides war bei Dimmu Borgir schon auf „Abrahadabra“ nur mehr Makulatur, bei „Eonian“ fällt es mir aber tatsächlich nochmal wesentlich schwerer, das Dargebotene überhaupt noch als Heavy Metal zu bezeichnen. Warum ist das so? Einerseits wurden die überbordenden Orchesterparts, die „Abrahadabra“ so schwer verdaulich machten, stark zurückgefahren und sind nicht mehr derartig dominant. Und: Es gibt erstmals seit „Enthrone Darkness Triumphant“ (1997) keinen Klargesang mehr zu hören. Zumindest ersteres würde ich durchaus als positiv bezeichnen, an zweiterem scheiden sich ja schon länger die Geister.

Leider haben sich Dimmu Borgir jedoch nicht mit dieser Reduktion auf das Wesentliche begnügt, sie mussten den so entstandenen Freiraum offenbar dringend mit etwas Anderem füllen. Wenn das harte Riffs gewesen wären: Super, nur her damit. Aber das wäre wohl zu einfach gewesen, daher gibt es auf „Eonian“ erstmals in praktisch jedem Song Einlagen des gemischten Chors Schola Cantorum. Das und die Art des Songwritings führen dazu, dass dieses Album in meinen Ohren noch mehr nach einem Soundtrack klingt als sein Vorgänger. Es mag Leute geben, die das mögen – ich gehöre definitiv nicht dazu, wie ich nach zig Durchläufen feststellen musste. Ich will Dimmu Borgir so einfach nicht hören, nicht nur, weil das kaum noch Heavy Metal ist, sondern vor allem, weil sie es songwriterisch offenbar nicht drauf haben. Es ist das bekannte Problem: Dimmu Borgir haben ein Element gefunden, das ihnen – aus welchem Grund auch immer – gefällt und packen das mit Gewalt in jeden Song. Was in kleinen Dosen ok wäre, wird damit zum riesigen Ärgernis, weil es jeden Anflug eines guten Songs im Keim zu ersticken vermag.

Gute Einzelteile machen keine guten Songs.

Apropos „gute Songs“: Hier haben wir abseits von jeglicher Diskussion um den Stil die eigentliche Schwachstelle gefunden. Auf den sub-optimalen Studioalben ab „Death Cult Armageddon“ (2003) fand sich immer der eine oder andere gute Track, der zumindest im Rahmen der jeweiligen Platte (manchmal sogar darüber hinaus) überzeugen konnte. Auf „Eonian“ habe ich echte Schwierigkeiten, einen solchen Song zu finden. Es gibt gute Passagen (gut im Kontext dieses Albums, wohlgemerkt!), aber so richtig in Erinnerung will hier nichts bleiben. Zumindest nicht positiv – das viel diskutierte „Council of Wolves and Snakes“ mag ins kollektive Gedächtnis eingegangen sein, aber erfreulich ist das in diesem Fall nur bedingt. Ich finde die in dieser experimentellen Nummer gezeigte, okkulte Herangehensweise jedenfalls vollkommen unpassend für eine Band wie Dimmu Borgir, und das unabhängig davon, dass dieser Song auch musikalisch sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Einigermaßen passt die Kombination auf „Eonian“ bei „Interdimensional Summit“, hinter dem man allerdings eher Nightwish und – bei der Melodieführung im SoloLimahl mit „Neverending Story“ (!) vermuten würde. Mein Favorit auf dem Album ist übrigens „Archaic Correspondence“, mit schwarzem Geriffe, fast schon an „For All Tid“ (1995) gemahnenden Keyboards und sparsameren Chor-Einsatz. Nur schade, dass der langsame Mittelteil hier die Dynamik so jäh unterbricht. Ein anderes Beispiel für partiell gelungenes Songwriting ist „Alpha Aeon Omega“, das schwarzmetallisch beginnt (gut!), ab der Hälfte dann aber plötzlich irgendwie folkig wird, inklusive fast schon heldenhaften Chören und Gitarrenharmonien, die man so vielleicht von Ensiferum oder meinetwegen auch von Summoning erwarten würde.

Der Rest der Platte ist meiner Ansicht nach nicht der Rede wert. Ironie des Schicksals, dass genau jene Teile von „Eonian“ gut klingen, die entweder von anderen Bands inspiriert scheinen oder zumindest einigermaßen die Black Metal-Wurzeln von Dimmu Borgir bloß legen. Genau, wenn sie das machen, womit sie 25 Jahre vor diesem Album begonnen haben, macht „Eonian“ sogar Spaß. Doch das Vergnügen währt immer nur kurz, denn der Fokus liegt mittlerweile klar woanders. Schade, dass sich Dimmu Borgir im Versuch, möglichst alle Geschmäcker zu bedienen, so verzettelt haben. Aber es hilft nichts: „Eonian“ ist meiner Meinung nach das bisher schwächste Album in der kompletten Diskographie dieser Band. Mit Abstand.

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. The Unveiling – 5:47 – 3/7
  2. Interdimensional Summit – 4:39 – 4/7
  3. Ætheric – 5:27 – 2/7
  4. Council of Wolves and Snakes – 5:19 – 3/7
  5. The Empyrean Phoenix – 4:44 – 3/7
  6. Lightbringer – 6:06 – 2/7
  7. I Am Sovereign – 6:48 – 2/7
  8. Archaic Correspondence – 4:55 – 5/7
  9. Alpha Aeon Omega – 5:18 – 4/7
  10. Rite of Passage – 5:16 – 3/7

Gesamteindruck: 2/7 


Dimmu Borgir auf “Eonian” (2018):

  • Shagrath – Vocals, Bass, Keyboards
  • Silenoz – Rhythm Guitars, Bass
  • Galder – Lead Guitars, Bass

Anspieltipp: Archaic Correspondence