MusikWelt: Metallica

Metallica


Im Heavy Metal und all seinen verschiedenen Spielarten gibt es ein interessantes Phänomen: Sobald eine Band kommerziell erfolgreich wird, verliert sie einen Teil ihrer Fanbasis. Die ansonsten viel beschworene, unbeirrbare Treue der Anhänger ist oft nicht so groß, wie man denkt, wenn plötzlich überall lauthals „Ausverkauf!“ gebrüllt wird. Zumindest „offiziell“, denn ich bin mir sicher, dass viele Fans der ersten Stunde, die plötzlich nichts mehr mit der Band zu tun haben wollen, im stillen Kämmerlein auch die erfolgreicheren Sachen mit Begeisterung hören. Eines der prominentesten und ersten Beispiele für den geschilderten Sachverhalt ist „Das schwarze Album“ von Metallica.

Gesamteindruck: 6/7


Kommerzieller Erfolg – na und?

Nun bin ich ebenfalls Heavy-Metal-Fan (hauptsächlich Thrash, Power und Black Metal, auch ein wenig Death Metal und Industrial), und das nicht erst seit gestern oder – um beim Beispiel dieser Rezension zu bleiben – seit ich zum ersten Mal „Enter Sandman“ gehört habe. Trotzdem stellte sich mir niemals die Frage nach der musikalischen Qualität des schlicht „Metallica“ betitelten 1991er Albums der Herren aus der Bay Area. Das hat für mich zwei Gründe: Zum einen verstehe ich nicht, was es für mich als Fan für einen Unterschied machen soll, wie viele Leute meine Lieblingsband gut finden. Mir ist es herzlich egal, ob eine Metallica-Scheibe auf Platz 1 oder Platz 100 der Charts platziert ist. Und genau dieser Ansatz führt mich zum zweiten Punkt: Die Sturheit, mit der manche darauf pochen, wie Metallica zu klingen haben. Ich selbst bin – wie schon erwähnt – u. a. Thrash-Metal-Fan. Mit Thrash hat diese Platte aber nicht mehr viel zu tun. Das stört mich aber nicht, wenn das Songwriting stimmt. In so einem Fall gibt es für mich auch keine Genre-Grenzen, Lieder die mir gefallen, gefallen mir eben, egal in welchem Stil sie geschrieben sind und wie viele Leute sie sonst noch mögen. Insofern habe ich kein Problem damit, die ersten 5 (!) Alben von Metallica als sehr gut zu bezeichnen. Die Phase danach ist eine andere Geschichte – aber ich empfinde sie ebenfalls nicht als so durchgängig mies wie manch anderer. Eine etwas lange Einführung, die aber vielleicht denen zugute kommt, die das Album bzw. die Band wirklich noch nicht kennen – soll’s ja auch geben.

Kommen wir zur Sache: „Metallica“ bietet in meinen Ohren eine sehr ausgewogene Mischung aus Härte und Melodie – zwei Faktoren, die für die Musik dieser Band schon immer bestimmend waren. Wenn man sich die musikalische Entwicklung von Metallica bis 1991 ansieht, kann man den Prozess recht gut erkennen, der zu diesem ALbum führte. Die unkontrollierte Rasanz und Härte gab es meiner Ansicht nur auf dem Debüt „Kill ´Em All“(1983), alles, was danach kam verschob sich doch eher in Richtung Kontrolle und Melodie (natürlich angereichert mit mal mehr, mal weniger Härte). Vor allem am Gesang ist das ausgezeichnet zu beobachten.

„Metallica“ beginnt mit „Enter Sandman“, einer Hymne sondergleichen, an der sich bereits die ersten Geister aus oben genannten Gründen scheiden. Nichtsdestotrotz habe ich bei einem Metallica-Konzert noch niemanden gesehen, der bei diesem Lied nicht mitsingt oder sogar so konsequent ist und die Halle verlässt, wenn das ach-so poppige Mainriff angestimmt wird. Ähnliches gilt für das Groove-Monster „Sad But True“ und für die typische Halbballade „The Unforgiven“, die sofort ins Ohr gehen und dort auch hängenbleiben. Auch „Wherever I May Roam“, „Don’t Tread On Me“ (mit seinen „West Side Story“-Anleihen und sozialkritischem Text) und „Of Wolf And Man“ können auf ganzer Linie überzeugen, von Radiotauglichkeit kann ich hier jedenfalls nicht allzu viel erkennen – vor allem dann nicht, wenn ich dran denke, dass das Album 1991 erschienen ist, das waren schon noch andere Zeiten. Ebenfalls gut gelungen sind „The God That Failed“ und „My Friend Of Misery“, einer der wenigen vom damaligen Bassisten Jason Newsted mitgeschriebenen Songs. Immerhin guter Durchschnitt sind die im Gesamtkontext etwas untergehenden „Holier Than Thou“ und „Through The Never“.

An Ausfällen bzw. Füllern kann ich lediglich „The Struggle Within“ und vor allem „Nothing Else Matters“, die einzige echte Ballade von Metallica ausmachen. Letztere Nummer dürfte wohl den größten Anteil am „Ausverkauf!“-Geschrei haben, ich persönlich finde sie im Vergleich zu den klassischen Metallica-Halbballaden einfach langweilig und, ja, der Song war spätestens vor 20 Jahren totgespielt. Wahrscheinlich schon vorher.

Fazit: „Metallica“ ist alles in allem eine Platte, die sich sehr schnell erschließt, im Gegensatz zum viel zitierten Radio-Pop aber dennoch nicht nach dem dritten Mal hören langweilig wird. Damit ist das „schwarze Album“ gleichzeitig aber tatsächlich ein krasser Gegensatz zu seinem Vorgänger „…And Justice For All“ (1988), der wesentlich schwerer zugänglich war. Und ja, das bedeutet auch, dass ein Teil der Härte, die Metallica früher schon ausgezeichnet hat, verloren gegangen ist. Für mich persönlich macht das „Metallica“ aber keinen Deut schlechter. Nur anders. Was man bevorzugt, muss letztlich jeder für sich entscheiden. Oder man macht es wie ich, entscheidet sich nicht und findet einfach beide Metallica-Varianten gut.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Enter Sandman – 5:32 – 6/7
  2. Sad But True – 5:25 – 6/7
  3. Holier Than Thou – 3:48 – 5/7
  4. The Unforgiven – 6:27 – 7/7
  5. Wherever I May Roam – 6:44 – 7/7
  6. Don’t Tread On Me – 4:00 – 6/7
  7. Through the Never – 4:04 – 4/7
  8. Nothing Else Matters – 6:29 – 4/7
  9. Of Wolf and Man – 4:17 – 5/7
  10. The God That Failed – 5:09 – 5/7
  11. My Friend of Misery – 6:50 – 5/7
  12. The Struggle Within – 3:54 – 4/7

 Gesamteindruck: 6/7 


Metallica auf “Metallica” (1991):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm & Lead Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Jason Newsted – Bass, Backing Vocals
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: The Unforgiven


 

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