SerienWelt: The Man in the High Castle – Staffel 1

„The Man in the High Castle“ basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Philip K. Dick aus dem Jahre 1962. In der von Amazon produzierten Serie ist häufig recht holprig vom „Mann im hohen Schloss“ die Rede, der Roman erschien im deutschsprachigen Raum hingegen unter dem Titel „Das Orakel vom Berge“. Die Serie besteht aus vier Staffeln, die zwischen 2015 und 2019 erstmals ausgestrahlt wurden. In dieser Rezension behandle ich Staffel 1 aus dem Jahr 2015.

Gesamteindruck: 6/7


Spannendes Alternativwelt-Szenario.

In meiner Rezension zum Buch „Das Orakel vom Berge“ habe ich es schon geschrieben: Eine alternative Realität, in der die Geschichte ganz anders abgelaufen ist, als wir sie kennen, ist eine reizvolle Idee. Den Roman von Philip K. Dick finde ich gut, umso gespannter war ich, wie das eher philosopophisch-nüchterne Werk für ein audio-visuelles Medium umgesetzt werden würde. So viel sei vorweg genommen: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ hat meine Erwartungen tatsächlich erfüllt, auch wenn nicht alles perfekt ist.

Inhalt in Kurzfassung
Das Deutsche Reich und das Japanische Kaiserreich haben den 2. Weltkrieg gewonnen. Die ehemaligen USA stehen unter Verwaltung der Achsenmächte – die Japaner regieren die Westküste, die Nazis den Osten, dazwischen liegt eine neutrale Zone. Beide Siegermächte herrschen mit Willkür, oft auch mit Brutalität, wenig verwunderlich also, dass sich Widerstand regt. Und dann gibt es da noch merkwürdige Filmrollen, die eine alternative Realität zu zeigen scheinen, eine Welt, in der der Krieg ganz anders ausgegangen ist…

Wer „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat, wird anhand der Inhaltsangabe vermuten, dass sich die Serie relativ nahe an der Vorlage orientiert. Zumindest in gewissen Aspekten – sieht man genauer hin, merkt man beispielsweise schnell, dass es doch recht große Unterschiede gibt. Nichtsdestotrotz schafft die Serie eine hervorragende Atmosphäre, die meines Erachtens genau das Amerika zeigt, das Dick in seinem Roman beschreibt. Das betrifft die Figuren (die selbstherrlichen und sich stets überlegen fühlenden Nazis, die zurückhaltenden und verschlossenen Japaner, die zwischen Hoffnungslosigkeit und Trotz schwankenden Amerikaner), aber auch die gesamte Umgebung. Letztere zeigt eine interessante Mischung aus heruntergekommenen Gegenden, in denen die verarmte Bevölkerung ihr Dasein fristet und den luxuriösen Verwaltungsgebäuden der Besatzer. Vor allem die bombastisch-bedrückenden Nazi-Bauwerke stehen in starkem Kontrast zum 1960er-Feeling. Ich würde sogar sagen, dass die Serie durch ihre visuellen Möglichkeiten dem Buch in dieser Hinsicht überlegen ist, das aber auch, weil Philip K. Dick ein eher philosophischer Autor war, der wenig Wert auf Außenbeschreibungen gelegt hat. Umso erstaunlicher, was die Serien-Macher hier geleistet haben.

Freilich gibt es, wie angedeutet, auch gravierende Unterschiede zum Buch, auf die ich aber nicht allzu sehr eingehen möchte. Gesagt sei, dass die Story nur sehr rudimentär auf den Ereignissen des Romans basiert. Letztlich muss man konstatieren, dass die Geschichte in weiten Teilen vollkommen anders abläuft, was aber nicht zwangsweise bedeutet, dass die Serie schlecht ist. Im Gegenteil – wer sich darauf einlassen kann und nicht ständig Vergleiche mit dem Buch zieht (wobei fraglich ist, ob überhaupt ein nennenswerter Teil des Serienpublikums „Das Orakel vom Berge“ gelesen hat), darf sich auf spannende und unterhaltsame 10 Stunden freuen.

Kleinere Kritikpunkte.

Zwei Kritikpunkte habe ich aber dennoch: Erstens hat man des Öfteren das Gefühl, dass die Showrunner versucht haben, viel zu viele Ideen unterzubringen. Eventuell war ursprünglich nur eine Staffel geplant und man wollte deshalb so viel wie möglich umsetzen? Ich weiß es nicht, aber teilweise entsteht dadurch ein regelrecht gehetzt wirkendes Erzähltempo. Damit geht der zweite Punkt einher: Die Hauptfiguren müssen häufig in hoher Schlagzahl ein Problem nach dem anderen lösen und wechseln dabei auch mal munter ihre Ausrichtung. Ihnen passiert einfach zu viel, sodass man einerseits die Glaubwürdigkeit in Frage stellt, andererseits tatsächlich Probleme hat, einen echten Sympathieträger zu identifizieren.

Dennoch: Die erste Staffel von „The Man in the High Castle“ ist gutes Handwerk, bietet ein tolles Setting und ist spannend, kurz: Hier bekommt man alles, was man von einer modernen Serie erwarten darf. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie es in Staffel 2 weitergeht.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Man in the High Castle
Idee: Frank Spotnitz
Land: USA
Jahr: 2015
Episoden: 10
Länge: ca. 50-60 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime Video
Haupt-Besetzung: Alexa Davalos, Rupert Evans, Luke Kleintank, DJ Qualls, Rufus Sewell, Cary-Hiroyuki Tagawa, Joel de la Fuente, Brennan Brown, Carsten Norgaard