BuchWelt: The Stars My Destination

Alfred Bester


Dass es selten gut ausgeht, wenn man sein Leben einzig und allein darauf ausrichtet, Rache für (vermeintlich) erlittenes Unrecht zu nehmen, weiß man aus verschiedenen Geschichten. „Moby-Dick“ (Herman Melville, 1851) wäre ein Beispiel dafür. Und auch in „The Stars My Destination“ von Alfred Bester erleben wir einen Protagonisten, der nur dafür lebt, seine Peiniger aufzuspüren und sich an ihnen zu rächen. 

Gesamteindruck: 6/7


Die Rache des Tigers.

Vorbild für „The Stars My Destination“ (ursprünglich als „Tiger! Tiger!“ veröffentlicht, auf Deutsch meist „Die Rache des Kosmonauten“, später ebenfalls „Tiger! Tiger!“, mittlerweile „Der brennende Mann“) war allerdings nicht Melvilles berühmte Jagd nach dem Weißen Wal sondern ein noch älteres Werk: „Der Graf von Monte Christo“ (Alexandre Dumas, 1844). Ein reales Vorbild für den im Weltraum schiffbrüchigen Gulliver Foyle existierte übrigens auch: Angeblich las Bester in der Zeitung von einem Matrosen, der im 2. Weltkrieg monatelang auf einem Floß trieb und von vorbeifahrenden Schiffen (aus Angst vor lauernden U-Booten) ignoriert wurde.

Inhalt in Kurzfassung
Das 24. Jahrhundert: Einem Zufall ist es zu verdanken, dass die Menschheit das „Jaunten“, eine Form von Teleportation, als neues Fortbewegungsmittel entdeckt hat. Freilich hilft das Gulliver „Gully“ Foyle nicht viel: Der einfache Maschinist treibt als letzter Überlebender auf dem havarierten Raumschiff „Nomad“ hilflos durchs All, außerhalb jeder Möglichkeit zu jaunten. Nach sechs Monaten erbärmlichen Dahinvegetierens wähnt er sich jedoch gerettet, als plötzlich das Schwesterschiff der „Nomad“ auftaucht. Doch die „Vorga“ reagiert nicht auf die Notsignale, nähert sich erst und dreht dann doch ab. Dieses Ereignis weckt Foyle aus seiner Lethargie, bringt ihn dazu, alles dafür zu tun, sich selbst zu helfen, um irgendwann schreckliche Rache an jenen nehmen zu können, die ihn im Stich gelassen haben.

Um das Fazit vorweg zu nehmen: Ich habe „The Stars My Destination“ mit Genuss gelesen und wundere mich, dass dieses Werk heute nicht bekannter ist. Der Stoff würde sich meines Erachtens auch gut für eine dieser modernen Streaming-Serien eignen, aber das nur am Rande. Alfred Bester schafft es jedenfalls ausgezeichnet, die Erzählung über den „Graf von Monte Christo“ in ein Science Fiction-Setting zu transferieren, das – wie man heute weiß – zum Vorbild für viele andere Zukunftsromane wurde. Übrigens: Das Buch ist keineswegs schlecht gealtert, im Gegenteil, viel anders wäre der Inhalt wohl nicht ausgefallen, wenn es heute statt 1956 (!) verfasst worden wäre. So oder so: Die Geschichte über den zurückgelassenen Astronauten, den sein brennender Wunsch nach Rache zu ungeahnten körperlichen und geistigen Leistungen antreibt, ist sehr spannend geschrieben. Es gibt einige Höhepunkte, die tatsächlich den Puls des Lesers beschleunigen. Gegen Ende hin wird die Story (und auch der Stil) etwas … hmmm … psychedelisch, was mir nicht ganz so zusagt, aber insgesamt ist die Handlung durchwegs fesselnd.

Der Anti-Held.

Das liegt mitunter auch daran, dass Bester mit Gulliver Foyle eine Figur geschaffen hat, die so gar nicht den üblichen Helden-Klischees in der Science Fiction entspricht. Der Protagonist ist genau genommen sogar die Anti-These zu jedem Helden – er ist egoistisch, überheblich, kaltblütig und schreckt auch vor nicht Gewalt zurück, die sogar die wenigen ihm einigermaßen freundlich gesinnten Charaktere zu spüren bekommen. Dabei hat man anfangs noch Mitleid mit dem im Weltall im Stich gelassenen Foyle, sobald der sich aber entschließt, nur noch für die Befriedigung seiner Rachegelüste zu leben, hat er nichts mehr Sympathisches an sich.

Mit einer derart negativ angelegten Hauptfigur hätte ich in einem Roman aus den 1950ern ehrlich gesagt nicht gerechnet. Umso beeindruckter war ich, dass man trotz dieser Art der Darstellung kaum dazu kommt, das Buch aus der Hand zu legen. Denn: Alfred Bester versteht es, die Entwicklung seines Protagonisten trotz aller Abneigung stets verständlich nachzuzeichnen. Interessant, weil sich der Autor kaum in psychologischen Beschreibungen ergeht – es ist vielmehr die Welt in der Foyle agiert, es sind die äußeren Umstände, die glaubwürdig machen, wie sich ein Mensch in dieses Monster verwandeln kann. An dieser Stelle sei erwähnt, dass der Rest der Charaktere bei weitem nicht so lebendig wirkt, aber immerhin seinen Zweck erfüllt.

Starkes Setting.

Dass „The Stars My Destination“ wie aus einem Guss wirkt, ist auch der sehr glaubwürdigen Welt geschuldet, in der Alfred Bester seine Figuren platziert hat. Diese Vision des 24. Jahrhundert enthält viele jener Aspekte, die man in teilweise oder zur Gänze auch in späteren Dystopien findet – ein Zeichen für den enormen Einfluss, den Besters Werk auf das Genre hatte und immer noch hat. Gesellschaftliche und ökonomische Spannungen, die die Menschheit an den Rand eines neuen Weltkrieges (nein, eines solaren Krieges) führen, Mega-Konzerne, die mächtiger als Regierungen sind und irrsinnige Profite mit zweifelhaften Geschäften machen, Modifizierungen des menschlichen Körpers, um besser, stärker, schneller zu sein – all das nimmt Alfred Bester in diesem Roman vorweg.

Die Kombination aus spannender Geschichte, interessanter Hauptfigur und glaubwürdiger Welt sowie die insgesamt sehr düster angelegte Vision der Zukunft macht „The Stars My Destination“ zu einem ausgezeichneten Science Fiction-Roman. Einziger Grund für einen kleinen Punkteabzug ist für mich das etwas merkwürdige Ende, das wohl den geistigen Zustand von Gulliver Foyle widerspiegeln soll. Diese Art von psychologischer Beschreibung gehört meiner Meinung nach nicht zu den Stärken von Alfred Bester. Ansonsten finde ich hier aber tatsächlich kein Haar in der Suppe. Klare Kaufempfehlung!

Gesamteindruck: 6/7

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Autor: Alfred Bester
Originaltitel: Tiger! Tiger!
Erstveröffentlichung: 1956
Umfang: ca. 230 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

Ein Gedanke zu “BuchWelt: The Stars My Destination

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