BuchWelt: Im tiefen Wald

Adam Nevill


Als ich vor ein paar Jahren den Film „The Ritual“ (2017) gesehen habe, war mir nicht bewusst, dass die Handlung auf dem gleichnamigen Roman von Adam Nevill aus dem Jahre 2011 basiert. Im deutschsprachigen Raum wurde das Buch unter dem Titel „Im tiefen Wald“ veröffentlicht

Gesamteindruck: 4/7


Männer allein im Wald.

Wie schon der Film „The Ritual“ ist auch „Im tiefen Wald“ eine zweigeteilte Geschichte. Die erste Hälfte (tatsächlich umfasst Teil 1 sogar fast 280 der insgesamt 480 Seiten) befasst sich mit den Irrwegen, die die Protagonisten im urtümlichen schwedischen Wald beschreiten, inklusive ihrer persönlichen Probleme, die zusehends zu Spannungen innerhalb der Gruppe führen. Für diesen Abschnitt des Buches passt der Titel „Im tiefen Wald“ perfekt. Teil 2 ist damit relativ lose verbunden und thematisiert vorwiegend die gescheiterte Existenz einer kleinen Gruppe Jugendlicher. Was die in der schwedischen Einöde vorhaben, könnte man auch unter dem Titel „Das Ritual“ abheften – so gesehen haben sowohl der englische als auch der deutsche Titel ihre Berechtigung.

Inhalt in Kurzfassung
Nach ihrem Studium haben sich Luke, Hutch, Dom und Phil auseinandergelebt, treffen sich aber immerhin ab und zu, um ihre Freundschaft zu erneuern. Und was wäre dafür besser geeignet, als eine Trekking-Tour durch die schwedische Wildnis? Zumindest so lange, bis eine vermeintliche Abkürzung dafür sorgt, dass sie sich hoffnungslos im Wald verirren. Diese Situation stellt aber nicht nur die Männerfreundschaft auf die Probe – bald merken die Mittdreißiger, dass sie keineswegs allein im Wald sind.

Adam Nevill schafft in der ersten Hälfte seines Romanes unter dem Titel „Unter den Gebeinen“ ein Szenario, das äußerst unheimlich ist, ohne auf große Schock-Effekte zu setzen (die gibt es zwar, sie sind aber eher rar gesät). Die Mittel sind eigentlich recht simpel: Es regnet ständig, der gesamte Wald ist fast undurchdringlich dicht, sodass jeder Schritt zur Qual wird, man hört und sieht keine Vögel, Verfall und Moder sind allgegenwärtig. Durch ständige Wiederholung verschiedener Motive, die interessanterweise zu keinem Zeitpunkt nervt, baut der Autor eine höchst bedrohliche Stimmung auf, der man sich kaum entziehen kann. Dass man dazu nicht einmal die Bilder des Films im Kopf haben muss, zeigt, wie gut Adam Nevill diese Klaviatur beherrscht.

Wenn man „Im tiefen Wald“ liest, versteht man auch relativ schnell, wieso sich die Filmemacher von „The Ritual“ so stark an „The Blair Witch Project“ orientiert haben. Die Umstände, unter denen die Protagonisten im Wald verloren gehen, die latente Bedrohung und die Urtümlichkeit der Natur an sich – all das erinnert mehr als einmal an den Found Footage-Klassiker. Apropos Protagonisten: Die vier Charaktere sind ganz in Ordnung; abgesehen von der Hauptfigur Luke gibt es aber kaum tiefergehende Beschreibungen. Daran merkt man recht deutlich, dass der Wald (und das, was sich darin herumtreibt, man aber nie zu Gesicht bekommt) der eigentliche Star des Buches ist. Positiv ist anzumerken, dass der Autor darauf verzichtet, seine Figuren überlebensgroß zu zeichnen. Es sind ganz normale Durchschnittstypen – wobei es gegen Ende des ersten Teils tatsächlich unrealistisch viel wird, was Adam Nevill dem armen Luke zumutet.

Teil 2 als Stolperstein.

All das wäre jedenfalls eine hohe Punktzahl wert. Allerdings folgt, nachdem das Ende des Waldes erreicht ist, ein zweiter Teil, der für sich genommen leider nicht ganz so gut, aber immer noch in Ordnung ist. Darum gibt es hier nun eine Premiere auf diesem Blog: Erstmals schreibe ich innerhalb einer Rezension eine weitere Inhaltsangabe, die den zweiten Teil von ein- und demselben Roman betrifft.

Inhalt in Kurzfassung:
Irgendwo in der schwedischen Wildnis stehen ein paar uralte, halb verfallene Häuser. Die Einsamkeit und Ruhe wird nur von drei jungen Leuten gestört, die – wer weiß woher – erfahren haben, dass an diesem Ort merkwürdigen Göttern gehuldigt werden kann. Die drei, Mitglieder einer Black Metal-Band, möchten unter Führung einer rätselhaften Schamanin zu gerne an einem Ritual beteiligt sein, dass das Ende der Welt bringen soll.

War „Im tiefen Wald“ bis zum Ende des ersten Teils ein echter Page-Turner, den man kaum aus der Hand legen konnte, ändert sich das in beschriebenem zweiten Abschnitt. Dessen Untertitel „Südlich des Himmels“ ist eine Anspielung auf das Album „South of Heaven“ der Thrash Metal-Band Slayer aus dem Jahr 1988. Interessanterweise passiert im ersten Part der Geschichte relativ wenig, er lebt vor allem von der unglaublich düsteren Atmosphäre. Teil 2 bietet etwas mehr Action, auch etwas explizitere Brutalität, liest sich aber nicht ganz so flüssig und wird stellenweise regelrecht zäh.

Charaktere überzeugen nicht.

Grund dafür ist meines Erachtens, dass die eigens dafür neu eingeführten Figuren nicht überzeugen können. Die undurchschaubare, alte Hausbewohnerin ist mit Abstand am stärksten – was vielleicht daran liegt, dass sie kaum spricht. Zwei der drei Jugendlichen hingegen plappern fast ohne Punkt und Komma, was meiner Meinung nach einfach nicht zu der ihnen zugedachten Rolle passt. Der Autor beschreibt die Mitglieder der fiktiven Band Blood Frenzy im Prinzip als leicht verführbare, sich selbst vollkommen überschätzende und ziemlich einfältige Versager mit einem Hang zum Sadismus. Soll so sein, die teils sehr philosophisch angehauchten Dialoge sprechen jedoch eine völlig andere Sprache. Damit geht dem Buch in der zweiten Hälfte ein Gutteil der Glaubwürdigkeit, die es trotz des Horror-Settings bis dahin hatte, verloren. Es ist einfach zu merkwürdig, wenn besoffene, Corpsepaint-tragende Burschen über das hochkomplexe Verhältnis zwischen Christentum und alt-nordischer Mythologie sinnieren.

Letzteres bringt mich zu einem weiteren Punkt: Im Nachwort führt Adam Nevill unter anderem aus, dass er einige Ideen und Ansätze aus dem Buch „Lords of Chaos“ (1998) entnommen hat. Das kann ich als Leser dieses Werks definitiv bestätigen, teilweise liest sich die zweite Hälfte von „Im tiefen Wald“ so, als hätte man ein Interview mit Varg Vikernes abgedruckt. Ich bin diesbezüglich sehr zwiegespalten – einerseits gut, dass diejenigen, die diesem wirren Geist im Roman offensichtlich folgen, als unreife, idiotische Kinder darstellt werden. Andererseits wirft das ein sehr schiefes Licht auf eine Bewegung, die keineswegs nur aus derartigen Auswüchsen bestand und besteht. Mir selbst ist das zwar klar, wer sich aber noch nie mit der Materie auseinandergesetzt hat, könnte hier einen völlig falschen Eindruck von der Black Metal-Szene bekommen. Nicht, dass das heute noch eine große Rolle spielen würde – aber irgendwie hat mich das tatsächlich ein wenig geärgert, vor allem, weil es trotz Band-Name-Dropping sehr oberflächlich wirkt. Hier hätte man definitiv Gegenargumente bringen können, die ich als Autor dem verbliebenen Helden aus Teil 1 in den Mund gelegt hätte – das hätte der Story keinen Abbruch getan (es hätte sogar zur Figur, die ja in einem Plattenladen arbeitet, gepasst) und nur noch mehr aufgezeigt, wie fehlgeleitet und ahnungslos die vermeintlich bösen Kalkfressen sind, die Adam Nevill hier auftreten lässt. Ob das ein Hinweis darauf ist, dass der Autor die Entwicklung und Philosophie des Black Metal selbst nicht verstanden hat? Wäre zumindest weniger schlimm als die Alternative: Er hat es sehr wohl verstanden aber absichtlich anders dargestellt. Aber all das nur am Rande, dafür dürfte sich ohnehin nur eine Minderheit interessieren.

Greift zum Schluss wieder halbwegs ineinander.

Was das Finale und die Auflösung des Romans betrifft, wird der Bogen zwischen den beiden Einzelteilen mehr schlecht als recht nachgezeichnet. So richtig ist am Ende nicht klar, was das Ganze soll, wer oder was das nun ist, das da im Wald wohnt. Im Gegensatz zum Film bekommen wir die Kreatur auch nicht zu sehen, was aber vielleicht gar nicht so schlecht ist. Davon abgesehen ergibt sich meiner Meinung nach trotz der relativ scharfen Zweiteilung des Romans ein einigermaßen stimmiges Gesamtbild – was freilich nichts daran ändert, dass Teil 1 deutlich stärker ist. Von daher erreicht „Im tiefen Wald“ bei weitem nicht die Punktzahl, die es haben könnte; vielleicht wäre es sogar besser gewesen, zwei Bücher zu schreiben, die Ideen dafür waren ja offenbar vorhanden…

Abschließend: Keine Rezension zum Buch zum Film (oder Film zum Buch) ohne einen kurzen Vergleich zu ziehen: Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen „The Ritual“ und „Im tiefen Wald“ nicht so groß, wie man es von anderen Buchverfilmungen kennt. Vor allem der erste Teil des Films hat die Romanvorlage sehr werkgetreu übernommen, die Unterschiede sind mit der Lupe zu suchen. Folgerichtig ist sowohl im Buch als auch im Film die erste Hälfte deutlich stärker. Der zweite Teil des Films weicht allerdings stark von dem ab, was Adam Nevill geschrieben hat. Die Vermutung liegt nahe, dass auch den Filmemachern aufgefallen ist, dass der Autor die Symbiose seiner zweigeteilten Geschichte nicht richtig hinbekommen hat. „The Ritual“ merkt man den Versuch an, einen plausibleren Zusammenhang herzustellen – die gesamte Black Metal-Referenz fiel dem Rotstift zum Opfer, was kein Fehler ist. Letztlich muss man aber konstatieren, dass beide Varianten nicht das Gelbe vom Ei sind.

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Gesamteindruck: 4/7


Autor: Adam Nevill
Originaltitel: The Ritual.
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: ca. 480 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

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