BuchWelt: Die Affenpfote

Rainer Winkel


„Die Affenpfote“ von Rainer Winkel ist ein Buch für junge Leser aus dem Jahr 1987. Für mich sozusagen ein Fehlkauf – wollte ich doch eigentlich die international wesentlich bekanntere, klassische Horror-Kurzgeschichte „Die Affenpfote“ von William Wymark Jacobs, die erstmals 1902 veröffentlicht wurde. Im ersten Moment war die Enttäuschung freilich groß, dann habe ich dieses kurze Erzählung aber doch gelesen. Und auch wenn wir es dabei keineswegs mit einem literarischen Meisterwerk zu tun haben, habe ich sie gar nicht so schlecht gefunden, wie zunächst befürchtet. 

Gesamteindruck: 3/7


Nette Gruselgeschichte.

Der Blick auf untenstehende Inhaltsangabe zeigt es schon: Diese „Affenpfote“ hat bis auf den Namen nichts mit ihrem Namensvetter aus dem Jahre 1902 gemein. Eventuell noch, dass beide Erzählungen in England spielen – was bei einem deutschen Autor in den 1980er Jahren irgendwie merkwürdig erscheint. Apropos Autor: Rainer Winkel, Jahrgang 1943, ist Schulpädagoge und Professor an der Universität der Künste in Berlin. Als solcher hat er natürlich jede Menge wissenschaftliche Veröffentlichungen vorzuweisen, „Die Affenpfote“ war allerdings, soweit ich das seiner Website entnehmen konnte, sein erstes literarisches Werk. Das, und dass das Buch sich eindeutig an ein jüngeres Publikum richtet, sollte man bei der Bewertung bedenken.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in England findet ein Junge eine Affenpfote in einer Mülltonne. Er nimmt sie mit und versteckt sie auf dem Schrank in seinem Zimmer – nicht ahnend, dass die Pfote in der anstehenden Vollmondnacht ein Eigenleben entwickeln wird. Doch das ist erst der Beginn eines unheimlichen Abenteuers…

„Die Affenpfote“ ist großteils flüssig geschrieben und locker in ein oder zwei Stunden gelesen. Inhaltlichen Tiefgang sollte man sich freilich nicht erwarten, mir kam das Ganze alles in allem eher wie eine literarische Übung als eine durchdachte Geschichte vor. Es gibt das eine oder andere Highlight, einige unheimlich-düstere Passagen, insgesamt ist aber kaum ein Ansatz richtig ausgearbeitet. Manchmal schien mir während der Lektüre außerdem, dass der Autor sich nicht recht entscheiden konnte, ob er ein Buch für Erwachsene oder für Kinder schreiben wollte. Ein Beispiel: Der junge Protagonist trägt, genau wie seine Eltern, keinen Namen. Das passt hervorragend zum doch recht dunklen Grundton der „Affenpfote“, ist aber gleichzeitig ein Effekt, der sich für mein Gefühl eher für Erwachsenenliteratur eignet. Umgekehrt könnte es natürlich auch sein, dass sich Kinder gerade dadurch angesprochen fühlen – der Held trägt keinen definierten Namen, sie können also problemlos ihren eigenen Namen einsetzen, was zur Identifikation beitragen dürfte. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, kann aber sagen, dass mir auch diese durchaus unkonventionelle Herangehensweise gut gefallen hat.

Davon abgesehen wäre das unheimliche Setting zu erwähnen: Englische Moorlandschaften eignen sich ja seit jeher für Spukgeschichten. An dieser Stelle sei aber auch gesagt, dass der Autor mit seinen Beschreibungen ausgesprochen rudimentär bleibt. So richtig würde sich das Kopfkino wohl nicht in Bewegung setzen, wären da nicht die zahlreichen Illustrationen von Claudia Hardey versehen. Deren Bilder muten teils fast verstörend an, ich könnte mir vorstellen, dass man ein Kinderbuch heute nicht mehr so illustrieren würde. Mir persönlich gefällt es jedoch gut, verleiht es der Geschichte doch einen düsteren Touch. Und: Die Fantasie regen die Holzschnitt-artigen Bilder definitiv an. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich überhaupt erst durch die Kombination aus Text und Bild eine einigermaßen faszinierende Geschichte; für sich genommen sind die Beschreibungen von Landschaften, Szenen und Figuren durch Rainer Winkel zu ungenau und vage, um überzeugen zu können.

Alles in allem ist „Die Affenpfote“ für Leser mit gehörig eigener Vorstellungskraft durchaus einen Versuch wert. Zumindest die Atmosphäre stimmt – für die Handlung gibt es von mir allerdings Abzüge, denn so richtig wird nicht klar, was das Ganze eigentlich soll. Ich denke, dass „Die Affenpfote“ sich für eine mündliche Erzählung, für eine kleine Gruselgeschichte am Lagerfeuer, eignet, in ihrer schriftlichen Form wirkt sie auf mich allerdings eher wie ein Manuskript. Oder wie eine Sammlung guter Ideen, die noch ausgearbeitet gehört hätten. Eine passable Wertung von drei Punkten halte ich damit für angemessen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Rainer Winkel
Originaltitel: Die Affenpfote.
Erstveröffentlichung: 1987
Umfang: ca. 120 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover