BuchWelt: The Running Man

Richard Bachman (alias Stephen King)


„The Running Man“ (zu deutsch „Menschenjagd“) ist das vierte Buch, das US-Schriftsteller Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht hat. Für mich war dieses Werk aus dem Jahre 1982 mein erster Bachman-Roman und ich war sehr auf die Unterschiede zwischen King und seinem Pseudonym gespannt. 

Gesamteindruck: 6/7


Flotte aber düstere Medienkritik.

Richard Bachman liest sich tatsächlich etwas anders als Stephen King. Im Falle von „The Running Man“ äußert sich das meiner Ansicht nach nicht nur in Hinblick auf den Schreibstil – auch inhaltlich unterscheidet sich dieses Buch recht deutlich von dem, was der Bestseller-Autor unter seinem echten Namen bis zu diesem Zeitpunkt veröffentlicht hatte. Denn „The Running Man“ hat praktisch nichts mit den Horror-Geschichten zu tun, für die King im Veröffentlichungsjahr allseits bekannt war. Dieses Buch ist vielmehr eine ausgesprochen düsterer Zukunftsroman – und verbreitet als solcher nicht weniger Unbehagen als „Carrie“, „Shining“ und wie sie alle heißen.

Inhalt in Kurzfassung
Benjamin Richards ist verzweifelt: Seine Tochter ist schwer krank, die dringend notwendigen Medikamente kann sich der Arbeitslose trotz aller Bemühungen nicht leisten. Die einzige Möglichkeit, doch noch irgendwie zu Geld zu kommen, sieht er in der beliebten Fernsehshow „The Running Man“, in der Kandidaten von professionellen Jägern verfolgt und getötet werden. Die Höhe des Gewinns richtet sich dabei nach der Anzahl der Stunden, die ein Teilnehmer sich vor seinen Häschern verbergen kann – schafft er es, einen Monat zu überstehen, gewinnt er den Jackpot und sein Leben…

An der Inhaltsangabe mag man es erkennen: Als Richard Bachman verzichtet Stephen King in „The Running Man“ vollständig auf die für ihn typischen übernatürliche Elemente. Dadurch liest sich dieses Werk erschreckend realistisch – heute, anno 2020, vielleicht sogar mehr noch als Anfang der 1980er Jahre. Der Protagonist lebt in einem Amerika, das durch Misswirtschaft und Umweltzerstörung völlig am Boden liegt. Demokratie existiert nicht, Menschenrechte ebenso wenig, nur wer Geld hat, erhält Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder? Und auch das Setting mit verschiedenen Gameshows, die der verzweifelten Masse einen scheinbaren Ausweg aus ihrer Misere bieten, ist nichts, was uns fremd ist.

Glücklicherweise wird heute im Reality TV (noch?) nicht gemordet, aber ich habe das Gefühl, dass es der Schritt von „Big Brother“, „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ und „Schwiegertochter gesucht“ bis zu „The Running Man“ kleiner ist, als uns lieb sein kann. Übertrieben pessimistisch? Mag sein, aber ich glaube, in den 1980ern hätte auch niemand erwartet, dass sich Mitglieder einer vermeintlichen Unterschicht wenige Jahre im TV dermaßen vorführen lassen würden, nur um den einen oder anderen Cent zu verdienen. Und vor allem, dass jemals ein Publikum für derartige Absonderlichkeiten existieren würde. Folgerichtig ist dieses Buch eine harsche, düstere und zynische Kritik, nicht nur an den modernen Massenmedien, sondern auch an denen, die sich am dort Dargebotenen ergötzen.

Mehr Bachman als King.

„The Running Man“ ist mit rund 300 Seiten vergleichsweise kurz ausgefallen. Entsprechend schnell ist man damit durch, was aber nicht nur am Umfang liegt, sondern auch am Stil: King/Bachman schildert die Geschehnisse in hohem Tempo, teils sind die Kapitel nur ein oder zwei Seiten lang. Daran wird auch ein großer stilistischer Unterschied zwischen King und seinem alter Ego deutlich: Während Veröffentlichungen von Stephen King im Allgemeinen durch einen extrem hohen Detailgrad und genaueste Beschreibungen von Personen, Landschaften und Verhaltensweisen bestechen, ist in „The Running Man“ alles sehr knapp gehalten. Klar, dass dadurch die Lektüre wesentlich flüssiger wird und auch für diejenigen zu empfehlen ist, denen King normalerweise zu sperrig daherkommt. Das bedeutet umgekehrt aber keineswegs, dass dieses Buch oberflächlich ist. Im Gegenteil, der Autor versteht es, der von ihm geschaffenen Welt durch bloße Andeutungen und Randbemerkungen eine ungeahnte Tiefe zu verleihen, die sich freilich mehr im Kopf des Lesers als auf den Seiten des Buches abspielt. Das Ergebnis ist, dass „The Running Man“ trotz seiner Kürze erstaunlich lange nachhallt, was freilich auch mit der erwähnten Realitätsnähe und seiner prophetischen Kraft zu tun haben mag. Alles in allem würde ich sagen, dass „The Running Man“ tatsächlich nur ansatzweise ein Buch von Stephen King, dafür mit Fug und Recht ein Roman von Richard Bachman ist. Aber das nur am Rande, viel wichtiger ist und bleibt, dass dieses Werk vor allem eines ist: Clever und flott inszenierte Medienkritik, die gerade uns modernen Reality-TV-Zusehern ein erschreckendes Spiegelbild vorhält.

Dass es nicht ganz für die Höchstwertung reicht, ist einem kleinen Paradoxon geschuldet: Im Vorwort erwähnt King die gleichnamige 1987er-Verfilmung des Stoffes. Das aber nicht unbedingt positiv, denn der Film hat bis auf die Grundprämisse und den Namen des Helden recht wenig mit dem Buch gemein. Vor allem, so King, unterscheidet sich der von Arnold Schwarzenegger verkörperte Ben Richards maßgeblich von der von ihm erdachten Figur. Dem stimme ich nur bedingt zu, denn im Roman ist der Held zwar als Typ „wie du und ich“ charakterisiert. Allerdings wird sein Überlebenskampf mit Fortschreiten der Handlung heftiger – und gleichzeitig werden sein Entkommen in letzter Sekunde und die Strategien, die er dafür aus dem Hut zaubert, immer abenteuerlicher. Letztlich muss ich King also widersprechen: Der überlebensgroße Held aus dem Film ist seinem Ben Richards aus dem Roman in vielen Momenten näher, als der Autor zugeben möchte.

Kleiner Exkurs zum Schluss: Im Vorwort der von mir gelesenen 1996er-Ausgabe schildert der Autor außerdem, wieso das Bachman-Pseudonym für ihn wichtig war und ist. Im Wesentlichen scheint – so die Quintessenz – Richard Bachman Dinge sagen zu dürfen, die Stephen King so nie schreiben würde. Ich kann dem ehrlich gesagt nicht ganz folgen – wie oben beschrieben gibt es zwar stilistische und inhaltliche Unterschiede zwischen King und Bachman, ich hätte in „The Running Man“ nun aber nichts gefunden, dass ich mir nicht auch von King so hätte vorstellen können, sieht man mal vom Fehlen jeglicher Horror-Elemente ab. Aber das wird der Meister selbstverständlich besser wissen als ich.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: The Running Man.
Erstveröffentlichung: 1982
Umfang: ca. 300 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

2 Gedanken zu “BuchWelt: The Running Man

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