BuchWelt: Der Schwarm

Frank Schätzing


„Der Schwarm“, ein mit Auszeichnungen überhäufter Bestseller des deutschen Autors Frank Schätzing, lag jahrelang auf (bzw. mitten in) meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB). Das Buch ist 2004 erschienen – und nun, ausgerechnet im „Seuchenjahr 2020“, bin ich erstmals dazu gekommen, es zu lesen. Und, soviel sei vorweggenommen, die knapp 1.000 Seiten haben sich durchaus gelohnt

Gesamteindruck: 6/7


Die Natur schlägt zurück.

Dass ich eingangs das für die ganze Welt sehr schwierige Jahr 2020 erwähne, hat einen Grund, der nicht nur mit der Corona-Pandemie zu tun hat. Wobei ich zunächst dran dachte, diese Verbindung zumindest ansatzweise herzustellen, denn auch im Buch kommt es zu einer Seuche, die unzählige Menschen dahinrafft; viel naheliegender ist allerdings ein anderes Ereignis, das kurz, nachdem ich „Der Schwarm“ zu Ende gelesen hatte, in den Nachrichten war: Offenbar häuften sich rätselhafte Attacken von Orcas auf Segelboote, wie u. a. hier berichtet wurde. Normalerweise hätte ich dieser Meldung nicht viel Bedeutung beigemessen – allerdings ist das tatsächlich etwas, das in Schätzings Roman praktisch 1:1 so vorkommt!

Inhalt in Kurzfassung
Auf den Weltmeeren und an den Küstenlinien häufen sich merkwürdige und tödliche Ereignisse: Quallen- und Algeninvasionen, Angriffe durch sonst so friedliche Wale, Tsunamis, die durch die Destabilisierung des Meeresbodens ausgelöst werden und Krabben, die gefährliche Bakterien an Land tragen. Zunächst als Zufall abgetan, wird nach und nach klar, dass es einen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen gibt – oder steckt gar ein Plan zur Vernichtung der Menschheit dahinter? Eine Gruppe von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen versucht unter Hochdruck, das Geheimnis zu lüften…

Frank Schätzing ist mit „Der Schwarm“ ein echter Pageturner gelungen. Primär hat das natürlich mit dem Stil zu tun: Der Autor schafft es mit scheinbarer Leichtigkeit, Cliffhanger an Cliffhanger zu reihen – und zwar ohne dermaßen plakativ und simpel zu wirken wie beispielsweise Dan Brown. Dabei sind die Kapitel bei Schätzing in weiten Teilen ähnlich kurz, was die Spannung praktisch über die gesamte Distanz sehr hoch hält. Anders als beim genannten Brown führt das im Falle von „Der Schwarm“ aber nicht zu einem „gehetzten“ Gefühl beim Lesen im Gegenteil, man hat nie den Eindruck, Frank Schätzing würde nur an der Oberfläche kratzen, um möglichst schnell durch die Kapitel toben zu können. Angenehm ist auch, dass der deutsche Autor es hinkriegt, trotz weitgehenden Verzichts auf Nebenhandlungen einiges an Tiefgang zu erzeugen. Ja, es gibt ein bisschen Gefühl und den einen oder anderen Schauplatz, den es nicht unbedingt gebraucht hätt, insgesamt liegt der Fokus aber klar darauf, die Handlung voranzutreiben.

Das allein würde schon für eine gute Wertung reichen – vorausgesetzt man kann mit einer Mischung aus Technik, Science Fiction, Naturkatastrophen und einer kleinen Prise Philosophie etwas anfangen. Für mich ist aber noch erstaunlicher, wie Frank Schätzing diese Zutaten zu einem beeindruckenden Gesamtwerk verquickt. Alles greift hier sehr gut ineinander, speziell aber die Verbindung aus realer Naturwissenschaft bzw. Technologie (hier seien als Beispiele Genetik und Meeresbiologie genannt) mit den fantastischen Elementen einer bisher unbekannten Intelligenz ist ausgezeichnet gelungen. Wenn ich einen Vergleich ziehen müsste, würde ich „Der Schwarm“ in einer ähnlichen Kategorie wie „DinoPark“ (Michael Crichton, 1990) einordnen – ebenfalls ein Techno-Thriller par excellence.

Science, Fiction und Philosophie.

Wenn man einen Kritikpunkt finden möchte, muss man wohl am ehesten bei den Charakteren suchen. Es gibt mehrere Hauptpersonen (übrigens schreckt Schätzing nicht davor zurück, die eine oder andere liebgewonne Figur sterben zu lassen), von denen mich aber nur wenige voll und ganz überzeugen können (speziell der norwegische Biologieprofessor Sigur Johanson ist ein Sympathieträger). Gepatzt hat der Autor zwar nicht direkt – man merkt aber recht deutlich, dass in „Der Schwarm“ die Wissenschaft die Hauptrolle spielt, garniert mit einer Prise Philosophie. Wirklich störend empfinde ich aber vor allem das Fehlen eines vernünftigen Bösewichts. Zwar stellt sich im Laufe der Handlung heraus, dass nicht alle am gleichen Strang ziehen, allerdings sind diejenigen Charaktere, die zweifelhafte Motive an den Tag legen, nichts als ein großes Klischee. An dieser Stelle kann man sich durchaus fragen, ob es überhaupt einen Antagonisten gebraucht hätte – aus meiner Sicht hätte „Der Schwarm“ auch ohne diesen Twist sehr gut funktioniert; und dann hätten wir uns die ausgelutschte Mär von den bösen Militärs und Geheimdienstlern sparen können.

Abgesehen von dieser Schwäche, die mir vorkommt, als hätte Frank Schätzing einfach etwas zu viel in seinem Buch unterbringen wollen, kann ich wenig an „Der Schwarm“ aussetzen. Freilich darf man nicht vergessen, dass die Ideen, die der Autor in diesem Roman diskutiert, nicht unbedingt neu sind. Er lässt seine Figuren selbst Filme wie „Independence Day“ (1996) und „The Abyss“ (1989) erwähnen (vor allem mit zweiterem gibt es schon einige Gemeinsamkeiten), mein erster Gedanke war hingegen das Buch „Solaris“ von Stanisław Lem aus dem Jahr 1972.

Dennoch: „Der Schwarm“ ist meines Erachtens eigenständig genug – und wirkt allein deshalb ordentlich nach, weil die Geschichte (vermutlich) in unserer Gegenwart spielt, durch die umfangreiche Recherche wissenschaftlich plausibel wirkt und – nicht zuletzt – das sehr aktuelle Problem der globalen Umweltverschmutzung auf dramatische Weise aufgreift. Dass Schätzing zusätzlich darüber philosophiert, wie man mit Lebewesen, mit denen wir absolut nichts gemeinsam haben, Kontakt aufnehmen könnte (darum auch meine Assoziation mit „Solaris“), ist hingegen ein Lieblingsthema der ernsthaften Science Fiction und sollte bei deren Fans sehr gut ankommen.

Ich finde beide Aspekte ausgesprochen gelungen, sodass ich 6 von 7 Punkten vergebe. Für die Höchstwertung reicht es nicht ganz, weil ich während der Lektüre ab und an das Gefühl hatte, Schätzing hätte etwas zu viel gewollt und manchmal nicht ganz genau gewusst, wie er alles unterbringen soll. Spannend, schnell lesbar und gleichzeitig zum Nachdenken animierend bleibt „Der Schwarm“ dennoch.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Frank Schätzing
Originaltitel: Der Schwarm.
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: ca. 1.000 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book

2 Gedanken zu “BuchWelt: Der Schwarm

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