BuchWelt: Feuerkind

Stephen King


„Feuerkind“ aus dem Jahre 1980 gehört zwar nicht zu den ganz großen Werken von Stephen King, ein guter Roman ist es aber dennoch. Wer allerdings eine klassische Horror-Geschichte des Meisters erwartet, erlebt eine Überraschung: Vorliegendes Werk ist eher ein Thriller, versetzt mit Science Fiction und, ja, auch dem einen oder anderen Horror-Element. Der Schwerpunkt liegt aber definitiv woanders. Ein bisschen ungewohnt also, der Spannung tut das – wie bei King zu erwarten – freilich kaum Abbruch.

Gesamteindruck: 5/7


King auf Thriller-Pfaden.

Klar, „Feuerkind“ hat durchaus furchteinflößende Szenen zu bieten – beispielsweise, wenn Menschen nur durch Willenskraft in Flammen aufgehen oder ein Telepath seinem Gegner suggeriert, er wäre plötzlich erblindet. In solchen Szenen weiß Stephen King durchaus, Entsetzen beim Leser zu wecken. Allein: Das übernatürliche und unfassbare Böse, das in vielen anderen Romanen des Autors eine Rolle spielt, finden wir in diesem Buch nicht. Vielmehr ist es so, dass sich „Feuerkind“ nach ein wenig Science Fiction (bezüglich der experimentellen Droge) zu einer Art Polit-Thriller inklusive Kritik an der einen oder anderen US-Regierungsorganisation entwickelt.

Um sich etwas Geld zu verdienen, haben Andy McGee und seine spätere Frau Victoria als Studenten an einem Experiment teilgenommen. Dabei wurde ihnen eine neuartige Droge injiziert, die nicht nur kurzfristige Halluzinationen auslöste, sondern telepathische und telekinetische Fähigkeiten aktivierte. Einige Jahre später bekommen die beiden Nachwuchs – und bald stellt sich heraus, dass Tochter Charlene, genannt Charlie, ebenfalls übersinnliche Fähigkeiten hat. Die sind aber weit gefährlicher als das, was ihre Eltern können. Und auch viel nützlicher für eine geheimnisvolle Organisation…

An der Inhaltsangabe ist es vielleicht zu erkennen oder zumindest zu erahnen: In „Feuerkind“ umreißt Stephen King Fragen, die durchaus Bezug zur Realität haben. Einerseits geht es darum, wie Kinder mit außergewöhnlichen Fähigkeiten umgehen können und sollen – es gibt zwar keine Pyrokinese, wie sie im Buch beschrieben wird, dass es aber Kinder mit ungewöhnlich hohem IQ oder anderweitig hoch entwickelten Talenten gibt, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass so etwas nicht spurlos an der kindlichen Psyche vorübergeht, weiß man heutzutage ebenfalls; ob das Anfang der 1980er auch schon so war, ist mir übrigens nicht klar. So oder so: King beschreibt in diesem Buch zumindest ansatzweise, welche Probleme das „anders sein“ mit sich bringen kann. Die Betonung liegt auf „ansatzweise“, ein Entwicklungsroman ist „Feuerkind“ nämlich nicht. Übrigens ist das ein Motiv, das bei King wiederum ziemlich häufig vorkommt – und das teilweise auch besser umgesetzt als in diesem Buch.

Dunkle Machenschaften.

Viel ausführlicher und tiefgehender ist ohnehin das zweite zentrale Thema. Die Protagonisten werden von einer dubiosen Organisation gejagt, deren Ziel es ist, die übersinnlichen Fähigkeiten nach Möglichkeit für den amerikanischen Staat nutzbar zu machen – und wenn das nicht gelingt, zu verhindern, dass es eine ausländische Macht schafft. In „Feuerkind“ heiligt dabei der Zweck die Mittel: „Die Firma“ (die auch in anderen King-Romanen erwähnt wird, im Original interessanterweise übrigens „The Shop“, also „Das Geschäft“ oder „Der Laden“) ist skrupellos, verfügt über praktisch unerschöpfliche Mittel und setzt diese auch ohne Bedenken ein.

Dieser Teil des Buches ist sehr ausführlich und berichtet detailliert von den Methoden, mit denen Die Firma (als Synonym für die US-Regierung zu verstehen) versucht, die Protagonisten gefügig zu machen. Daran ist natürlich nichts Übersinnliches – unheimlich ist es dennoch, weil es auch 40 Jahre nach Veröffentlichung von „Feuerkind“ kaum an Aktualität eingebüßt hat. Und das, obwohl King seinen Roman noch im Kalten Krieg geschrieben hat, als derartige Katz-und-Maus-Spiele zwischen den Supermächten einen ganz anderen Stellenwert hatten. „Feuerkind“ passt also sehr gut in seine Zeit, man möchte das Thema fast als typisch für die 1970er und 80er Jahre bezeichnen. Und doch hat man das Gefühl, dass es immer noch so oder so ähnlich ablaufen könnte, auch wenn sich der Gegner geändert hat und vielleicht nicht einmal mehr unbedingt im Ausland zu suchen ist.

Schnelle Lektüre – und fast ein Bachman…

Ein kurzer Sidestep an dieser Stelle: Nach der Lektüre habe ich mich gefragt, ob King jemals darüber nachgedacht hat, „Feuerkind“ unter seinem Pseudonym Richard Bachman zu veröffentlichen. Ich habe zumindest das Gefühl, dass das Werk auch sehr gut dorthin gepasst hätte, vielleicht sogar noch besser als zu King selbst. Denn Thematik und auch Stil haben mich bei der Lektüre zumindest ein wenig an „The Running Man“ erinnert, das aber nur am Rande.

„Feuerkind“ liest sich jedenfalls schnell und locker-flockig. Die knapp 480 Seiten meiner deutschsprachigen Ausgabe hatte ich wie im Fluge durch, Längen gibt es so gut wie nicht. Von daher: Es mag sicherlich bessere und akkuratere Thriller zu diesem oder ähnlichen Themen geben. Stephen King schafft es jedoch wie wenige andere, zu fesseln. Dabei ist sein Stil für mein Gefühl relativ trocken, manchmal auch etwas sperrig – und doch kommt man von seinen Büchern, wenn man sie einmal für sich entdeckt hat, kaum noch los.

Gesamteindruck: 5/7


Copyright: Verlag

Autor: Stephen King
Originaltitel: Firestarter.
Erstveröffentlichung: 1980
Umfang: ca. 480 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Feuerkind

  1. Pingback: Autoren A-Z | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.