SerienWelt: Ratched – Staffel 1

Beinahe wäre es passiert: Ich fand den Piloten der 2020er Netflix-Produktion „Ratched“ dermaßen wirr, dass ich kurz davor stand, die als Prequel von „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) konzipierte Serie direkt ad acta zu legen. Das wäre ein Fehler gewesen, denn Staffel 1 ist deutlich spannender und unterhaltsamer, als man nach der ersten Folge zunächst vermutet.

Gesamteindruck: 4/7


American Horror Story: Kuckucksnest.

Reden wir nicht um den heißen Brei: Ich Banause habe weder den 1976 mit fünf (!) Oscars geadelten Film von Miloš Forman (in den Hauptrollen: Jack Nicholson und Louise Fletcher) gesehen noch dessen literarische Vorlage (1962, geschrieben von Ken Kesey) gelesen. Ist das ein Problem? Nun, es ist auf jeden Fall eine Bildungslücke, die ich zu schließen gedenke – davon wird dann hoffentlich auch irgendwann auf WeltenDing zu lesen sein. Für das Verständnis der Serie „Ratched“, die sich als Prequel zum Film versteht und von der Krankenschwester gleichen Namens handelt, sind Vorkenntnisse allerdings nicht zwingend notwendig. Es kann natürlich durchaus sein, dass ich etwaige Anspielungen, Zitate und Hinweise auf spätere Ereignisse nicht erkannt habe, was für den Eingeweihten sicher auch einen Teil des Reizes von „Ratched“ ausmacht.

Inhalt in Kurzfassung
Nach einem grausamen Mord an mehreren Priestern landet der offenbar schwer gestörte Edmund Tolleson Mitte der 1940er Jahre in einer psychiatrischen Anstalt in Kalifornien. Eben dort bewirbt sich die rhetorisch außerordentlich begabte Mildred Ratched als Krankenschwester und wird bald zur rechten Hand des Klinikleiters Dr. Hanover, der mit überaus fragwürdigen Behandlungsmethoden an den wehrlosen Patienten experimentiert.

Irgendwo habe ich gelesen, dass es geradezu an Betrug grenzen soll, „Ratched“ als Prequel zu „Einer flog über das Kuckucksnest“ zu bezeichnen. Ich kann das, wie in der Einleitung angedeutet, nicht beurteilen – eines möchte ich aber dennoch hervorheben: Wenn die Serie „American Horror Story: Ratched“ heißen würde, wäre das nicht verkehrt. Eigentlich logisch, ist ja nicht nur Hauptdarstellerin Sarah Paulson (die auch an der Produktion beteiligt war) in jeder Staffel von „AHS“ sehr prominent am Start; auch Ryan Murphy ist hier wie dort als Regisseur und Drehbuchschreiber verantwortlich.

Als jemand, der „Einer flog über das Kuckucksnest“ nicht kennt, wage ich sogar zu behaupten: „Ratched“ ist ungefähr das, was man gerne von „AHS“ gesehen hätte, nachdem jene Serie in den letzten Staffeln immer chaotischer und schwächer geworden war. Fast wirkt es, als wäre „Ratched“ zunächst als Versuch eines Neustarts von „AHS“ mit alten Tugenden gedacht gewesen (allerdings minus übernatürlicher Phänomene) und man hätte den Stoff erst nach einer gewissen Zeit in die endgültige Richtung entwickelt. Wobei die gefühlte Ähnlichkeit auch ein wenig auf Staffel 2 von „AHS“ (mit dem vielsagenden Untertitel „Asylum“) zu tun haben könnte.

Charakter vor Story.

Die Handlung von ist relativ stringent, verwirrt im Endeffekt nur im Piloten ein wenig und pendelt sich dann auf spannendem Niveau ein. Im letzten Drittel gibt es einen kleinen Einbruch, insgesamt ist die Serie aber durchaus zum Binge-Watching geeignet. Alles in allem lebt „Ratched“ aber ohnhin weniger von der ausgeklügelten Geschichte, sondern fast nur von der namensgebenden Hauptfigur. Eine Sympathieträgerin im eigentlichen Sinne ist sie freilich nicht – es macht aber durchaus Laune, die wortgewandte und gewissenlose Mildred Ratched bei ihren Intrigen zu beobachten. Sarah Paulson schafft es dabei, die Figur dort, wo es notwendig ist, eiskalt rüberkommen zu lassen, in anderen Situationen wiederum verletzlich, aber auch nur dann, wenn es ihr für die Erreichung eines Zieles notwendig scheint.

Dabei hilft natürlich, dass Drehbuch und Dialoge praktisch nur auf einen Charakter zugeschnitten sind. Das soll aber die gute Leistung, die der „AHS“-Star hier abruft, nicht schmälern. Der restliche Cast ist demgegenüber nicht sonderlich auffällig. Mir persönlich haben hier Jon Jon Briones als dubioser Klinikleiter Dr. Hanover und Judy Davis als schrullige Schwester Betsy Bucket am besten gefallen. Übrigens gibt es sogar ein kleines Staraufgebot zu bewundern: Vincent D’Onofrio (u. a. „Full Metal Jacket“, „Criminal Intent“), Cynthia Nixon („Sex and the City“) und die lange nicht mehr gesehene Sharon Stone (u. a. „Total Recall“, „Sliver“) geben sich in Nebenrollen die Ehre.

Der Stil: Typisch.

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht: „Ratched“ ist rein stilistisch nach wenigen Sekunden als Serie eines Streaming-Anbieters zu erkennen. Es ist ein ganz eigenes Flair, dass die Serien von Netflix, Amazon & Co bei aller inhaltlichen Unterschiedlichkeit umgibt – man hat stets das Gefühl, dass eine derartige Stilistik bei klassischen Fernsehserien praktisch nie vorkommt. Und damit meine ich nicht nur die Bilder, es ist vielmehr die Kombination aus Bild, Ton und Schnitt, die den Unterschied auszumachen scheint. „Ratched“ bildet da keine Ausnahme – und stellt sich ebenfalls überaus eigenwillig dar.

Vor allem das Farbenspiel beeindruckt: Intensive Landschaftsbilder wechseln sich mit der kalten Atmosphäre der Nervenheilanstalt ab, extravagante, farbenfrohe Kostüme mit der einfachen Tracht der Krankenschwestern. Aber auch Autos, Speisen und Getränke, verschiedene Alltagsgegenstände – vieles strahlt in unnatürlich kräftigen Farben. Andere Szenen werden wiederum komplett in Farbe ausgeleuchtet, z. B. eisiges Blau, wenn die Hauptfigur einen ihrer perfiden Pläne schmiedet. Im ersten Moment mag all das chaotisch klingen, das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die Serie als Ganzes sieht trotz ihrer grellen Optik geradezu schmerzhaft clean aus. Alles hat seinen Platz und ist wohlgeordnet, was ein merkwürdiger Kontrast zum brutalen Inhalt und zum bedrückenden Ort des Geschehens ist. Dazu passt übrigens auch der Soundtrack, der sich durchgehend in klassischen Gefilden bewegt, ab und an auch mal die Klassiker der Filmgeschichte zitiert (z. B. „Psycho“). Lange Rede, kurzer Sinn: Der Stil von „Ratched“ mag nicht jedem gefallen, ich selbst finde ihn gut.

Schwierig zu bewerten.

Beim Schreiben dieser Rezension ist es mir schon aufgefallen: Ich tue mir mit einer Bewertung von „Ratched“ relativ schwer. Ich glaube, dass liegt daran, dass mir die Serie zwar gefallen hat, ich aber immer das Gefühl hatte, es wäre mehr drin gewesen und aus einer „nur“ guten und spannenden Staffel hätte etwas wirklich Begeisterndes werden können. Ich fühlte mich zwar (fast) durchgehend recht gut unterhalten, aber ein unvergessliches Serienerlebnis sieht dennoch anders aus. Denn „Ratched“ ist kurzfristig definitiv spannend, eine nachhaltige Wirkung kann ich aber bisher nicht erkennen.

Ich frage mich, wie diejenigen die Serie sehen, die „Einer flog über das Kuckucksnest“ nicht nur kennen, sondern vielleicht auch eine Art emotionale Bindung zum Film haben. Mir scheint, das wäre für eine abschließende und wirklich umfassende Bewertung der Serie notwendig. Von mir gibt es vorerst einmal 4 von 7 Punkten für Staffel 1. Wie auf Nadeln sitze ich definitiv nicht, wenn ich an die irgendwann erscheinende Fortsetzung denke; neugierig, wie es weitergeht, bin ich aber trotzdem.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Ratched.
Idee: Ryan Murphy, Evan Romansky
Land: USA
Jahr: 2020
Episoden: 8
Länge: ca. 45-60 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Sarah Paulson, Jon Jon Briones, Finn Wittrock, Cynthia Nixon, Judy Davis, Charlie Carver, Sharon Stone, Corey Stoll, Vincent D’Onofrio