MusikWelt: Once Sent from the Golden Hall

Amon Amarth


„Once Sent from the Golden Hall“ (1998) ist das Debüt der schwedischen Death Metaller Amon Amarth. Ohne große Erwartungen habe ich das Album, das in meiner Erinnerung reichlich chaotisch und wenig eingängig war, unlängst erstmals seit vielen, vielen Jahren wieder aufgelegt. Direkt nach den ersten Takten hatte ich ein gutes Gefühl, jetzt, zig Durchläufe später, bin ich geradezu euphorisch und behaupte: Das hier ist besser als alles, was die Nordmänner nach und einiges, das sie vor „Twilight of the Thunder God“ (2008) veröffentlicht haben. 

Gesamteindruck: 6/7


Düsteres Debüt.

Die Musik auf „Once Sent from the Golden Hall“ ist härter, schneller und ungezügelter als man es von späteren Amon Amarth-Alben gewohnt ist. Für eine Metal-Band ist das nun nicht ungewöhnlich – und doch reibt man sich im ersten Moment verwundert die Ohren, wenn die Stockholmer auf ihrem Debüt loslärmen. Denn, und das mag den geneigten Fan, der sich melodischen Death Metal erwartet, überraschen: Amon Amarth scheinen sich in ihren frühen Jahren keineswegs sicher gewesen zu sein, ob der Todesstahl wirklich das Mittel der Wahl ist, um ihre Geschichten über die Welt der Wikinger zu vertonen.

Nur so kann ich mir erklären, dass diverse Songs auf „Once Sent from the Golden Hall“ einen deutlichen Black Metal-Einschlag aufweisen. Das betrifft einerseits die Gitarrenfraktion, deren Riffs und Leads immer wieder angeschwärzt flirren – man höre beispielsweise das bedrohlich-verschleppte Schlachtengemälde „Amon Amarth“. Andererseits klingt Frontmann Johan Hegg hier nicht wie der abgrundtief grollende Donnergott, zu dem er später werden sollte, sondern bedient sich eher giftigem Gekeife und heiserem Gebelle. Beides zusammen (und auch das Songwriting) verleiht „Once Sent from the Golden Hall“ eine ordentliche Bathory-Schlagseite, die dem Album ausgezeichnet zu Gesicht steht.

Was die Atmosphäre betrifft, möchte ich außerdem anmerken, dass die Schweden hier eine ganze Schippe düsterer und melancholischer zu Werke gehen, als auf späteren Platten. Und, um mich vollends aufs Glatteis zu begeben: Manchmal hat man sogar das Gefühl, hier eine Art von atmosphärischem Black Metal zu hören, wie er erst viel später so richtig Verbreitung finden sollte (z. B. durch Bands wie Alcest oder Harakiri From The Sky). Sehr, sehr interessant – und wohl auch mit ein Grund, wieso mir „Once Sent from the Golden Hall“ gar so gut gefällt.

„Victorious March“ und ein Fettnäpfchen.

Bei alledem sollte man aber nicht unter den Tisch fallen lassen, dass wir hier auch jene Trademarks vernehmen, die Amon Amarth später zum Headliner-Status und sogar in höchste Chart-Regionen führen sollten. Ich spreche natürlich von „Victorious March“, der bis heute mit Abstand bekanntesten Nummer dieses Albums. Hier sind sie, die groovenden Riffs, das eher gemächliche Tempo, die hochmelodischen und eingängigen Leads. Nur der Gesang erinnert daran, dass wir es nicht mit einem Song auf einer jüngeren Platte der Schweden zu tun haben. Das ist – unabhängig davon, was man von der weiteren Entwicklung der Band halten mag – eindeutig die Grundlage ihres Erfolgsrezeptes. Und, man muss es zugeben, ein verdammter Hit, der seinen Platz in den Annalen der Metal-Geschichte verdient hat; wohlgemerkt ohne ganz auf die einfache Art komponiert zu sein und über einen eingängigen Mitgröl-Refrain zu verfügen.

Erwähnt sei an dieser Stelle außerdem das etwas simplere, aber grundsätzlich ähnlich gelagerte „Friends of the Suncross“. Mit dessen Titel haben sich die jungen Schweden prompt in die Nesseln gesetzt – ob aus quasi-schwarzmetallisch verstandenen Provokationsgründen, aus Versehen oder vielleicht doch aus anderen, weniger wohlwollend zu betrachtenden Gründen, weiß man nicht. Ich habe dazu auch nie ein Interview oder irgendwelche Erklärungen gelesen, abgesehen davon, dass der Text angeblich erst in letzter Sekunde, ich glaube, sogar erst im Studio, geschrieben wurde. Kurze Exkursion: Das besungene Sonnenkreuz ist ein altes, heidnisches Symbol. Wie so oft wurde es jedoch leider von rechtsextremen bis faschistischen Kräften missbraucht, auch und vor allem in Skandinavien. Das endete übrigens nicht vor 80 Jahren, sondern war noch zur Zeit als dieses Album auf den Markt kam, der Fall (die schwedische Neonazi-Partei, die es verwendete, bestand von 1956 bis 2009). Soviel dazu, muss ohnehin jeder selbst entscheiden, wie das einzuordnen ist. Ich für meinen Teil sage: Im Zweifel für den Angeklagten, ich kann mir ohnehin nicht vorstellen, dass Amon Amarth dermaßen erfolgreich geworden wären, wenn sie eine so üble Gesinnung verinnerlicht hätten. Rein thematisch passt das Symbol jedenfalls auch ohne politischen Hintergedanken perfekt zu ihrer Heiden- und Wikingerlyrik. Alles in allem jedenfalls ein leidiges Thema, das ich aber nicht unter den Tisch fallen lassen wollte.

Drei große Hits und der gute Rest.

Nun aber zurück zum Wesentlichen – und das ist natürlich die Musik. Neben dem genannten „Victorious March“ empfinde ich das eingangs erwähnte „Amon Amarth“ als zweiten, extrem starken Titel. Ein eher langsamer Song, getragen von einer geradezu unglaublich epischen Gitarrenmelodie. Das ist kein Death Metal, so viel ist klar – für mich aber dafür eine der kompositorisch exzellentesten Nummern, die Amon Amarth jemals geschrieben haben. Und ja, der Song ist deutlich komplexer, als man es von jüngeren Werken der Schweden kennt. Erwähnen möchte ich außerdem noch das räudige „Without Fear“, dass wohl am besten die ungezügelte Seite der Anfangstage der Band zur Geltung bringt.

Damit finden wir auf „Once Sent from the Golden Hall“ drei Songs, die ohne Wenn und Aber die Höchstwertung verdienen. Einige andere stehen dem kaum nach, genannt seien die brachiale Eröffnung „Ride for Vengeance“ und das nicht minder rasante, in der Mitte „versteckte“ „Abandoned“, von dem ich vor den aktuellen Sessions nicht mal mehr wusste, dass es existiert. Einzige Nummer, die ein wenig abfällt, ist der als Rausschmeißer platzierte Titeltrack. Dort zeigen sich dann tatsächlich erste Ermüdungserscheinungen und es dürfte schon ein bisschen an Kreativität gefehlt haben – dieser Song ist im Vergleich zum Rest kaum memorabel.

Zum Schluss möchte ich nochmal kurz erwähnen, was ich ganz oben (in der Einleitung) kurz angedeutet habe: „Once Sent from the Golden Hall“ ist von der gesamten Machart her eigentlich nur mit seinen unmittelbaren Nachfolgern „The Avenger“ (1999) und „The Crusher“ (2001) direkt vergleichbar. Danach biegt die Entwicklung von Amon Amarth in eine andere Richtung ab. Wer also nur die größten Hits und eingängigsten Refrains mag (was auch legitim ist), wird mit diesem Album kaum glücklich werden. Das war bei mir selbst anfangs auch so, hat sich mittlerweile dank verändertem Musikgeschmack aber fast ins Gegenteil verkehrt. Heute mag ich Songs, die etwas komplexer sind (nein, Proggie bin ich deshalb keiner!) lieber – umso beeindruckter bin, dass Amon Amarth solche in jungen Jahren in dermaßen hoher Qualität im Programm hatten.

Nach so viel Begeisterung und so wenig Kritik: Haben wir gleich zu Beginn die (bisher) beste Platte von Amon Amarth aller Zeiten gehört? Nein, nicht ganz, es kommt noch Einiges nach, das mindestens genauso gut ist. Aber ich höre „Once Sent from the Golden Hall“ aktuell dermaßen gerne, dass ich nicht anders kann: 6 von 7 Punkten, viel geiler kann man es auf einem Debüt eigentlich nicht machen!

Gesamteindruck: 6/7 


NoTitelLängeNote
1Ride for Vengeance4:286/7
2The Dragon’s Flight Across the Waves4:345/7
3Without Fear4:507/7
4Victorious March7:577/7
5Friends of the Suncross4:435/7
6Abandoned6:016/7
7Amon Amarth8:067/7
8Once Sent from the Golden Hall4:124/7
44:51

Amon Amarth auf “Once Sent from the Golden Hall” (1998):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavie Mikkonen − Guitars
  • Anders Hansson − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Martin Lopez − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Amon Amarth
Anspieltipp 2: Victorious March

5 Gedanken zu “MusikWelt: Once Sent from the Golden Hall

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