SpielWelt: Star Trek: Judgment Rites


„Der Weltraum… unendliche Weiten…“ – ganze Generationen wurden von diesen bedeutungsschwangeren Worten geprägt. Bis die darbenden Fans von „Raumschiff Enterprise“ allerdings am heimischen Computer in Galaxien vordringen durften, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, sollte es lange dauern. Denn alles, was bis zur Veröffentlichung von „Star Trek: 25th Anniversary“ (1992) auf den Markt gekommen war, war wenig zufriedenstellend gewesen. Das änderte sich erst mit jenem Adventure; „Judgment Rites“ ist dessen Nachfolger, erschien 1993, und machte das Glück der Trekkies komplett. 

Gesamteindruck: 6/7


Faszinierendes Abenteuer.

Merkwürdig: In meiner Erinnerung existierte lange nur „Star Trek: 25th Anniversary“. Ich habe das Spiel damals nicht gespielt, kann aber noch heute weite Teile der zeitgenössischen Testberichte (vor allem aus der Play Time) Wort für Wort zitieren. Vom ein Jahr später erschienen „Star Trek: Judgment Rites“ habe ich hingegen nur ab und an mal einen Screenshot gesehen, viel mehr ist da nicht in meinem Gedächtnis. Warum das so ist, kann ich beim besten Willen nicht erklären. So oder so war ich höchst erfreut, als ich „25th Anniversary“ auf GOG.com entdeckte – und „Judgment Rites“ nahm ich bei der Gelegenheit halt auch gleich mit.

Die Handlung in Kurzfassung
Die USS Enterprise ist auf dem Weg zu einer Wissenschaftsstation, als plötzlich die schwer beschädigte USS Alexander auftaucht. Der Captain der Alexander, die offenbar in der Zeit zurück gereist ist, schafft es gerade noch, die Enterprise vor der bevorstehenden Zerstörung der Föderation zu warnen – dann verteilt sich sein Schiff in einer gewaltigen Explosion im Universum. Ehrensache, dass Captain James T. Kirk und Crew sich umgehend auf den Weg machen, diese Katastrophe zu verhindern.  

Fangen wir direkt mit dem größten Pluspunkt an: Der Star Trek-Zauber ist dermaßen treffsicher von Entwickler Interplay umgesetzt worden, dass fast alle Unzulänglichkeiten des Spiels (dazu unten mehr) komplett in den Hintergrund treten. Und das, obwohl es bald 30 Jahre her ist, dass „Judgment Rites“ erschienen ist – ich kann mir gut vorstellen, wie groß die Euphorie unter den Trekkies in den 1990ern gewesen sein muss. Auch heute sorgt es jedenfalls noch für gehörigt Atmosphäre, wenn man die Mannschaft auf der Brücke beobachtet, plötzlich ein Funkspruch reinkommt und der Admiral das Schiff hierhin und dorthin beordert, wo dann meist ein Außeneinsatz auf die Crew wartet. Jede der acht Missionen, aus denen das Spiel besteht, fühlt sich tatsächlich wie eine Episode der Serie an. Es gibt fantasievolle Planeten zu bewundern, man plaudert mit fremdartigen Wesen, setzt dieses oder jenes Gerät ein, hört sich pseudo-wissenschaftliches Techno-Babble an und löst seine Aufgaben.

Das Spiel hat gegenüber der Serie sogar einen Vorteil, denn die musste ja möglichst kostengünstig produziert werden, während der Fantasie der Game-Designer kaum Grenzen gesetzt waren. Was freilich nicht heißt, dass sie es ganz wild getrieben haben, alles ist glücklicherweise schön im Rahmen und Canon geblieben. Zu den einzelnen Episoden (die im Gegensatz zu „25th Anniversary“ über obenstehende Rahmenhandlung zumindest ein wenig miteinander verbunden sind) ist zu sagen, dass sie auch und vor allem bezüglich Tonalität und Moral sehr gut zu Star Trek passen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass das Spiel – recht ungewöhnlich für ein Point & Click-Adventure – über eine Art Rufsystem verfügt. Nur, wenn man so handelt, wie es die hehren Ideale der Föderation verlangen, kann man „Judgment Rites“ mit der höchstmöglichen Punktzahl abschließen. Passt man nicht auf und versucht, alle Probleme mit einem auf „Töten“ gestellten Phaser zu lösen, kann es schon passieren, dass Kirk am Ende das Kommando über sein Schiff verliert. Das schlägt sich übrigens auch in manchen Dialogen nieder, in denen man verschiedene Antworten zur Auswahl hat. Abgerechnet wird nach der jeweiligen Mission durch den Admiral.

Eine Anmerkung am Rande habe ich in Richtung Handlung noch: Die einzelnen Missionen sind in sich stimmig, für den größeren Handlungsbogen gilt das hingegen weniger. Am Ende hatte ich jedenfalls nicht das Gefühl hatte, dass eine Auflösung erfolgt ist. Vielleicht täusche ich mich aber auch bzw. habe es eventuell nicht verstanden – so richtig befriedigend waren für mich definitiv nur die Einzelmissionen, wobei ich zugebe, dass in diesem Fall ohnehin eher gilt, dass der Weg das Ziel ist.

Grafik-Sound-Schere.

Nach so viel Lob ist es nun an der Zeit, auf ein paar Einzelaspekte des Spiels einzugehen – natürlich immer unter Berücksichtigung des Alters von „Judgment Rites“. Zur Grafik ist zu sagen, dass die Zwischensequenzen, zu denen ich auch den kultigen, aus der TV-Serie bekannten Vorspann zähle, immer noch sehr gut aussehen. Es gibt zwar hier und da ein kleines Ruckeln, im Wesentlichen kommt aber ungestörtes Star Trek-Feeling auf, wenn die Enterprise in der Außenansicht in den Orbit eines Planeten eintritt, die Phaser abfeuert oder ähnlich ikonische Dinge passieren.

Leider kann die Grafik im Spiel selbst bei weitem nicht mithalten. Klar, „Judgment Rites“ wurde programmiert, als von High Definition noch keine Rede sein konnte und die Monitore zwar gewaltige Abmessungen hatten, die sich allerdings nicht auf die Bilddiagonale bezogen. Ich weiß mangels zeitgenössischer Spielerfahrung nicht, wie pixelig das Spiel damals wirkte – Fakt ist aber, dass vor allem die Gesichter der Sprites praktisch nicht zu erkennen sind (sieht man mal vom langohrigen Mr. Spock) ab. Die bis auf kleine Animationen statischen Hintergründe sind deutlich besser gelungen, das gilt auch für das Schiffs-Interieur, speziell die Kommandobrücke. All das lässt mich vermuten, dass die optisch einwandfreien Zwischensequenzen vielleicht aus der 1995 veröffentlichten CD-ROM-Edition stammen.

Im Gegensatz zur Grafik gibt es am Sound überhaupt nichts zu kritisieren. Im Gegenteil: Die Kombination aus der typischen Geräuschkulisse (beispielsweise beim Abfeuern der Phaser, beim Beamen oder wenn auf der Brücke alle Systeme einfach vor sich hin werkeln) und den Stimmen der Original-Schauspieler reißt so gut wie alles raus, was es am Rest des Spiels vielleicht zu beanstanden gibt. Mir ist schon klar, dass „Judgment Rites“ 1993 nicht ganz so ausgeliefert wurde – die von mir gespielte GOG-Variante hat diese Features jedenfalls. Einfach großartig, vor allem das Geplänkel zwischen Spock und McCoy ist grandios („Judgment Rites“ war übrigens der letzte Auftritt des 1999 verstorbenen DeForest Kelley in seiner Rolle als emotionaler Schiffsarzt). Die musikalische Untermalung ist zwar kein Meisterwerk, aber immerhin nicht aufdringlich oder gar nervtötend, was bei einem Spiel aus den 1990ern auch schon viel Wert ist.

… und wie spielt es sich nun?

Großartige Atmosphäre, starker Sound, mittelprächtige Grafik – alles schön und gut; doch „Judgment Rites“ ist immer noch ein Spiel und keine Serie, es stellt sich also schon auch die Frage nach dem Gameplay. Nun, für mein Dafürhalten bietet uns Interplay hier relativ durchschnittliche Rätselkost. Mit ein bisschen herumprobieren und etwas Geduld kommt man fast überall ohne Hilfe weiter, die sprichwörtliche Unlogik vieler alter Adventures ist kaum jemals zu spüren. Abgesehen davon hat man meistens einen gewissen Schlaukopf mit spitzen Ohren als Ratgeber an seiner Seite. Und auch andere Crewmitglieder (netterweise dürfen im Gegensatz zu „25th Anniversary“ nicht nur Spock und Pille, sondern auch Uhura, Checkov, Sulu und Scotty gelegentlicht mit runterbeamen) kann man immer mal nach ihrer Meinung fragen, was mehr oder weniger hilfreiche Tipps zur Folge hat.

Allerdings musste ich trotz des moderaten Schwierigkeitsgrades ein- oder zweimal zu einem Guide im Internet greifen. Der Grund war so simpel wie ärgerlich: Ich kam nicht weiter, weil ich irgendwo in der Landschaft einen relativ winzigen Gegenstand nicht bemerkt hatte – den hätte ich aber aufheben und verwenden sollen. Selbst mit Komplettlösung tat ich mir schwer, das gesuchte Objekt im Pixelsumpf aufzuspüren, was einerseits ungemein frustrierend war, andererseits weniger am Rätseldesign als an der grafischen Aufbereitung lag. Von solchen Erlebnissen abgesehen, die man ja auch aus anderen Adventures kennt, ist das Rätseldesign aber durchaus in Ordnung – erfreulicherweise scheint es auch keine Sackgassen zu geben, zumindest wäre ich in keine gestolpert.

Wirklich gestört hat mich hingegen folgendes: Das Interface (per Rechtsklick zu öffnen) ist nicht übel, allerdings ist der daraus resultierende Mauszeiger oft ziemlich grobschlächtig. Das führt immer wieder zu nervigen Fehlklicks, die Kirk z. B. mit einem spätestens beim fünften Mal irrsinnig lästigen „I don’t think that’s necessary“ kommentiert. Und weil die Shortcuts etwas dünn gesät sind, ist die gesamte Bedienung höchst umständlich – was, so glaube ich, relativ wenig mit dem Alter des Spiels zu tun hat, weil es z. B. LucasArts zur selben Zeit wesentlich besser gemacht haben. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass das am Anfang noch nette Geräusch des Tricorders (wenn es für den ein Tastenkürzel gegeben hätte, wäre viel gewonnen gewesen!) mit zunehmender Spieldauer chronisch zu nerven beginnt – kein Wunder, sollte doch Alles und Jedes sowohl mit wissenschaftlichem als auch medizinischem Scanner untersucht werden. Abschließend ist in Sachen Bedienbarkeit noch zu kritisieren, dass die Laufwege der Figuren gelegentlich sehr unvorteilhaft sind, was das Ganze erheblich in die Länge ziehen kann.

Ein Punkt, den ich persönlich an „25th Anniversary“ überhaupt nicht leiden konnte, ist zum Glück obsolet geworden: Die Raumkämpfe, bei denen man die Enterprise wie einen Kampfjäger aus – ausgerechnet! – Star Wars steuert, können gänzlich deaktiviert werden. Eine überaus sinnvolle Option, wie ich finde, denn diese Spiele sind ganz eindeutig Adventures und keine Space-Simulationen.

Fazit: Kaufen, spielen, genießen!

Ich gehe mal davon aus, dass man das in weiten Teilen obiger Rezension ohnehin zwischen den Zeilen herauslesen konnte: Ich finde „Judgment Rites“ nach wie vor empfehlenswert – es ist schlicht und einfach ein großartiges Spiel für alle Fans des guten, alten „Raumschiff Enterprise“. Jeder, der es noch nicht gespielt hat und ansatzweise etwas mit der originalen Crew anfangen kann, sollte sich daran versuchen. Jeder Rückkehrer ebenfalls – gibt sicher den einen oder anderen Nostalgie-Moment zu erleben. Wenn die Möglichkeit besteht, sollte man aber definitiv zur CD-ROM-Edition greifen. Denn erst der richtige Sound hebt das Spiel meines Erachtens auf dieses hohe Niveau. Würde man nicht William Shatner, Lenonard Nimoy, DeForest Kelley & Co. sprechen hören, wären manche Textwüsten wohl kaum zu ertragen.

Abzüge gibt es in der B-Note für die Grafik und Teile der Bedienung, die ein ansonsten problemloses Spielerlebnis doch ab und an in Frust ausarten lassen. Ansonsten ist alles Tipp-Top, sodass ich 6 von 7 Punkten vergebe.

Gesamteindruck: 6/7


Genre: Adventure
Entwickler:
Interplay
Publisher: Interplay
Jahr:
1993
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Star Trek: Judgment Rites“ – Copyright beim Entwickler!

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2 Gedanken zu “SpielWelt: Star Trek: Judgment Rites

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