FilmWelt: Kadaver

Dieser Film hat mich am Ende mit zwei Fragen hinterlassen: Hat Regisseur und Drehbuchautor Jarand Herdal jemals „Fallout: New Vegas“ (2010) gespielt? Und warum fühlt sich der Film trotz guter Ansätze so enttäuschend an? Über ersteres erlaube ich mir mangels Wissen kein Urteil, die zweite Frage versuche ich in folgender Rezension zu beantworten.

Gesamteindruck: 3/7


Postapokalyptisches Theater.

Die Frage, was man als Überlebender der Apokalypse so machen würde, stellt sich – zumindest mir – immer mal wieder. Vermutlich gar nichts, weil man eher zu den Leichen am Straßenrand gehören würde, aber ich schweife ab. In der skandinavischen Netflix-Produktion „Kadaver“ (2020) versuchen Normalos, mit den neuen Verhältnissen klarzukommen – und treffen naturgemäß ein paar ganz schlechte Entscheidungen.

Inhalt in Kurzfassung
Nach einer nuklearen Katastrophe kämpfen Überlebende, darunter auch eine dreiköpfige Familie, täglich gegen den Hunger und die Unbilden der norwegischen Natur. Die Verzweiflung ist groß bis eines Tages der Besitzer eines luxuriösen Hotels die Menschen zu einer Theateraufführung inklusive warmer Mahlzeit einlädt. Inmitten all des Elends eine willkommene Abwechslung – die sich allerdings bald als neuer Alptraum entpuppt…

Damit sollte Kennern klar sein, wie ich in der Einleitung auf „New Vegas“ gekommen bin. Einerseits kämpfen sowohl im Spiel als auch im Film die Menschen nach einem nuklearen Zwischenfall um ihr Überleben. Andererseits erinnert das Konzept mit dem post-apokalyptischen Nobelhotel und seinen merkwürdigen Bewohnern frappant an die „Feinschmecker-Gesellschaft“ (im Original „White Glove Society“) aus dem Bethesda-Klassiker. Ob das wirklich nur Zufall ist? Wie gesagt: Ich wage es nicht zu beurteilen.

Abgesehen davon hat mich „Kadaver“ an einen Film, den ich vor gar nicht allzu langer Zeit gesehen habe, denken lassen: „Performaniax“ aus dem Jahr 2017. Der wird aufgrund seiner Unbekanntheit wohl keine Inspiration für den Norweger Jarand Herdal gewesen sein, fußt aber auf einer ähnlichen Prämisse: Ein Theaterstück, in dem es (fast) keine Grenzen zwischen Publikum und Schauspielern, zwischen Realität und Performance, zu geben scheint.

Gute Ansätze.

Nun aber genug der Vergleiche, kommen wir zu vorliegendem Film. „Kadaver“ beginnt vielversprechend und zeigt die Postapokalypse in einer trostlosen, nass-kalten und schmutzigen Stadt in Norwegen. Die Bilder sind sehr stark und machen das Elend der Überlebenden geradezu greifbar – man bekommt schnell das Gefühl, dass man Derartiges im verregneten Skandinavien noch weniger erleben möchte als anderswo auf der Welt. Die übliche Vorstellung der Protagonisten und die Einleitung der eigentlichen Handlung gehen einigermaßen reibungslos vonstatten, man wird als Zuseher definitiv neugierig, was es mit dem merkwürdigen Hotel auf sich hat. Dort angekommen gibt es dann den letzten ganz großen Pluspunkt des Films zu bestaunen: Der Kontrast zwischen der düsteren, tristen Außenwelt und dem leuchtenden, luxuriösen Interieur hat auf mich geradezu schmerzhaft gewirkt und ist tatsächlich aller Ehren wert.

Abwärtsspirale.

An dieser Stelle wird auch der Antagonist eingeführt. Dessen Darsteller Thorbjørn Harr macht seine Sache allerdings fast schon zu gut – und leitet damit die Abwärtsspirale des Films ein. Gut, das war jetzt wegen der Überleitung passend, in Wirklichkeit beginnen die Problem von „Kadaver“ schon früher. Ich habe oben ja geschrieben, dass die Hauptpersonen reibungslos eingeführt werden. Das ist aber nicht zwangsläufig ein gutes Zeichen, ist es in diesem Falle doch so, dass die von Gitte Witt, Thomas Gullestad und Tuva Olivia Remman gespielte Familie relativ konturlos bleibt. Außer, dass die Mutter Schauspielerin ist, kann ich mich an keinerlei Besonderheiten erinnern. Das ist zwar kein Beinbruch, plastische Charaktere sehen jedoch definitiv anders aus. Vor allem wird in der Vorstellung der Fokus relativ stark auf die Tochter gelegt, die im restlichen Film allerdings komplett zur Nebensache wird. Letztlich führen genau diese sehr flachen Helden zum meiner Ansicht nach „zu gut“ gespielten Bösewicht. Der ist im Endeffekt die interessanteste Figur, wirkt aber von Anfang an alles andere als vertrauenerweckend. Das wirft sofort die Frage auf, warum die Gäste des Hotels nicht spätestens an dieser Stelle merken, das etwas ganz und gar nicht stimmt – der allgemein herrschende Hunger hätte als Erklärung gereicht, spielt im Aufbau aber keine so große Rolle, dass er das Vertrauen der, ich sage es, wie es ist: Opfer, rechtfertigen würde.

Andererseits ist das fast schon egal, wenn man sieht, wie mal wieder munter jedes Horror-Klischee erfüllt wird. Man trennt sich, man verliert sich nach Sekunden aus den Augen – und was am Schlimmsten ist: Man lässt die Tochter sofort wieder entwischen, nachdem man sie gerade erst panisch gesucht und wiedergefunden hat. Dass solche Momente im Genre Usus sind, ist mir schon klar – „Kadaver“ übertreibt es damit aber wie schon lange kein Film mehr. Kurioserweise liegt das Problem auch hier in den guten Bildern: Regisseur Herdal weiß, wie man mit langen Hotelgängen ein mulmiges Gefühl beim Zuseher erzeugen kann. Es ist aber völlig unglaubwürdig, dass seine Charaktere das nicht auch spüren und sich wie Idioten verhalten.

Über all das könnte man eventuell hinwegsehen, weil das Setting von „Kadaver“ gut und die schauspielerische Leistung zumindest ordentlich ist. Leider macht die Handlung (und damit die Spannung) relativ bald schlapp, heißt: Man weiß als Zuseher viel zu früh, was gespielt wird. Und damit meine ich: Man weiß es wirklich, es gibt zum Schluss keinen Twist, der alles rausreißen würde. Das letzte Drittel von „Kadaver“ ist, so deutlich muss ich es leider sagen, völlig unspektakulär, das Ende eingeschlossen. Dabei hätte sich in diesem Theater-Setting ein Finale, in dem sich herausstellt, dass nichts so ist, wie es scheint, geradezu angeboten. Dafür dürften dann aber doch die Ideen – oder der Mut? – gefehlt haben. Dass im Übrigen viele offene Fragen ungeklärt bleiben (Wieso hat das Hotel beispielsweise als einziges Gebäude in der Stadt Strom?), setzt dem „Spaß“ die Krone auf.

Schade, aber so gibt es nur drei Punkte – und die auch nur, weil mir die Bildkomposition ganz außerordentlich gut gefallen hat und weil man sich den Film problemlos und schmerzfrei ansehen kann, wenn man mal Zeit hat. Viel sollte man sich aber nicht erwarten.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Kadaver.
Regie:
Jarand Herdal
Drehbuch: Jarand Herdal
Jahr: 2020
Land: Norwegen
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gitte Witt, Thomas Gullestad, Thorbjørn Harr, Tuva Olivia Remman, Kingsford Siayor



2 Gedanken zu “FilmWelt: Kadaver

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.
  2. Pingback: FilmWelt: His House | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.