BuchWelt: Japantown

Barry Lancet


Dass es in vielen amerikanischen Städten chinesische Viertel, genannt Chinatown, gibt, gehört zur Allgemeinbildung. Weniger bekannt ist hingegen – zumindest hierzulande – dass es u. a. in San Francisco und Los Angeles auch Japantowns gibt. Ich glaube, mir ist der Begriff tatsächlich erstmals untergekommen, als ich Ende 2020 vorliegendes Buch gelesen habe. Übrigens einmal mehr ein Zufallsfund in einem offenen Bücherschrank hier in Wien.

Gesamteindruck: 4/7


Die düstere Seite Japans.

Der Ferne Osten ist in meiner „Karriere“ als Bücherwurm bisher ein weißer Fleck gewesen, sieht von Kenzaburô Ôe ab, von dem ich das eine oder andere Werk gelesen habe. „Japantown“ ist im Gegensatz dazu allerdings Werk eines asiatischen Autors, sondern wurde von einem US-Amerikaner geschrieben. Barry Lancet lebt jedoch seit Jahrzehnten in Japan und hat sich im Laufe der Zeit vor allem als profunder Kenner hiesiger Kunst, Kultur und Bräuche einen Namen gemacht. Mit „Japantown“ legte er 2013 seinen ersten Roman vor.

Inhalt in Kurzfassung
Jim Brodie ist Antiquitätenhändler in San Francisco und gleichzeitig Teilhaber einer Detektei in Tokio. Als anerkannter Experte für japanische Kunst und Kultur wird er von der Polizei in San Francisco gelegentlich als Berater engagiert – so auch in einem Mordfall im Stadtviertel Japantown. Seine Aufgabe: Herausfinden, was es mit dem merkwürdigen japanischen Schriftzeichen auf sich hat, das bei den Leichen gefunden wurde. Es dauert nicht lange, bis Brodie selbst ins Visier einer geheimnisvollen Organisation gerät…

Vom Lesegefühl her ist „Japantown“ ein typischer US-Thriller: Von geradliniger Brutalität, schnell zu lesen und eher simpel gehalten – und durchaus spannend. Nimmt man nur diese Aspekte, würde ich das Buch aufgrund gewisser schriftstellerischer Schwächen eher im unteren Durchschnitt verorten (wieso das so ist, erkläre ich etwas weiter unten). Was „Japantown“ dann aber doch aus der Masse hervorhebt, ist das Setting: Barry Lancet beschäftigt sich sehr stark mit den Eigenheiten der japanischen Kultur, die den meisten Europäern und Amerikanern nach wie vor ein Rätsel ist und wohl auch immer sein wird. Der Autor schafft es dabei, einige dunklere Aspekte seiner Wahlheimat hervorzuheben und dem Außenstehenden verständlich zu machen. Freilich nicht so genuin, wie es ein Japaner könnte; aber vielleicht ist es gerade das, was an „Japantown“ fasziniert: Der gebürtige Amerikaner, der seit Ewigkeiten in Japan lebt, steht sozusagen zwischen den Kulturen und hat darum eine ganze eigene Sichtweise auf die Dinge.

Eine weitere Besonderheit an „Japantown“ ist, dass Autor Barry Lancet seiner Hauptfigur Jim Brodie offenbar stark autobiografische Züge verpasst hat. Zumindest teilen die beiden ihren Status als Wanderer zwischen zwei Welten. Und wie sein Schöpfer hat sich auch Jim Brodie breites Wissen über alle möglichen Bereiche der fernöstlichen Kultur angeeignet. Inwieweit sich die beiden von der Art her ähneln, wage ich nicht zu beurteilen, für mich sieht es aber fast so aus, als hätte Lancet mit seinem heldenhaften Multitalent Brodie eine idealisierte Version (vielleicht sogar sowas wie eine Kindheitsvorstellung) seiner selbst erschaffen.

Brodie nimmt es mit allen auf.

Und damit kommen wir auch schon zum größten Kritikpunkt an „Japantown“: Jim Brodie ist ungefähr so, wie man als Kind oder Jugendlicher selbst gern gewesen wäre, egal wie unrealistisch das sein mag. Ein Hansdampf in allen Gassen, unkaputtbarer Experte in verschiedenen Kampfsportarten, gleichzeitig aber feinsinnig, intellektuell und höchst bewandert in einer uns völlig fremden Kultur. Der Autor nimmt seinem Helden zwar nicht jegliche Menschlichkeit und lässt dem Leser durchaus die eine oder andere Identifikationsmöglichkeit, letztlich wird es im Laufe der Lektüre aber immer unglaubwürdiger, wie sich der Antiquitätenhändler/Detektiv aus scheinbar ausweglosen Situationen befreien kann. Von seiner messerscharfen Kombinationsgabe ganz abgesehen. Auch all das scheint mir das typisch-amerikanische Heldenklischee zu sein. Freilich freut man sich beim Lesen, dass der Gute dermaßen erfolgreich ist, andererseits wäre es vielleicht noch wirkungsvoller gewesen, wenn Jim Brodie auch die eine oder andere Schwäche zeigen würde.

Ein bisschen steht sich der Autor auch selbst im Weg: Er schafft mit den Soga, einer Geheimgesellschaft, die außerhalb der Gesetze operiert, einen übermächtigen (und durchaus interessanten) Gegenspieler. Die Antagonisten sind fast genauso unfehlbar wie der Held, verfügen über praktisch unbegrenzte finanzielle Mittel, sind in der Überzahl – und existieren seit Jahrhunderten, ohne aufgedeckt worden zu sein. Und was macht Lancet? Er lässt diese höchst verschwiegene Truppe, deren Mitglieder auf eine Art und Weise ausgebildet werden, die die US-Marines vor Neid erblassen lassen würde, durch ein paar japanische Detektive und einen amerikanischen Antiquitätenhändler vorführen… das erschien mir im Nachgang, so spannend das Buch über weite Strecken auch war, arg unglaubwürdig.

Wozu der Perspektivenwechsel?

Einen Punkt muss ich, bevor ich zum Schluss komme, noch erwähnen: Mehrmals im Buch gibt es einen Wechsel aus der Ich-Perspektive hin zu einem allwissenden Erzähler. Das empfand ich als sehr störend, weil es einerseits den Lesefluss immer ein wenig unterbrochen, andererseits die Identifikation erschwert hat. Zumindest ging es mir so – anfangs ist man als Leser mittendrin, man ist Jim Brodie, der Stück für Stück ermittelt, was in Japantown eigentlich passiert ist. Das ist höchst spannend – wird aber zwischendurch immer wieder aufgebrochen, weil man beobachten „darf“, was die Bösewichte so treiben und besprechen. Vielleicht ist das ein Stilmittel, das ich nicht verstehe, vielleicht ist es auch der Unerfahrenheit geschuldet, die Barry Lancet bei seinem Roman-Debüt hatte – ich weiß es nicht, kann nur sagen, dass es mir nicht gefallen hat.

Abgesehen davon und vom oben genannten Ein-Mann-Armee-Klischee, das man ja aus vielen Thrillern so oder so ähnlich kennt, kann ich die Lektüre von „Japantown“ aber empfehlen. Für mich war es höchst aufschlussreich und interessant, einmal in Thriller-Form an das Land der aufgehenden Sonne herangeführt zu werden. Schnell gelesen ist das Buch ohnehin, sodass ich trotz teils relativ grober Schwächen 4 von 7 Punkten vergebe.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Barry Lancet
Originaltitel: Japantown.
Erstveröffentlichung: 2013
Umfang: ca. 590 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

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Ein Gedanke zu “BuchWelt: Japantown

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