MusikWelt: Versus the World

Amon Amarth


Ich habe mir unerwartet schwer getan, das vierte Album der schwedischen Melodic Death Metaller Amon Amarth zu bewerten. Wir haben es hier mit einer Platte zu tun, die sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht sofort und beim ersten Hören erschließt. Aber auch nach vielen Durchgängen war ich lange unschlüssig, wie ich das Gehörte einordnen sollte, was den Schluss nahelegt, dass es weder ein Rohrkrepierer noch eine zeitloser Klassiker ist.

Gesamteindruck: 5/7


Halb-stark.

Als „Versus the World“ 2002 auf den Markt kam, waren Amon Amarth – bis dahin eher noch ein Geheimtipp – gerade dabei, sich für höhere Aufgaben zu empfehlen. Hilfreich auf dem unaufhaltsamen Weg nach oben waren zwei Tracks dieses Albums: Der Opener „Death in Fire“ ist ein veritabler Hit, der den Status der Wikinger weiter festigte. Viel braucht man zu diesem Song nicht zu sagen, er ist eine eingängige Hymne, die auch heute noch mit Recht ihren fixen Platz auf der Setlist der Schweden genießt. Die zweite Nummer, die man gleich nach dem ersten Durchlauf getrost als künftigen Klassiker abspeichern konnte, ist der Titeltrack, der ebenfalls mit einer typischen Melodieführung, dem kraftvollen Riffing und dem Standard-Growling von Johan Hegg überzeugen kann. So weit so gut? Naja, auf „Versus the World“ stehen ja noch sieben weitere Tracks. Es stellt sich also schon die Frage, ob zwei Hits den Rest des Materials zu Recht in den Schatten stellen – oder ob sich auf dem Album weitere Schätze verbergen.

Zunächst eine Anmerkung: Hätte man mir vor ein paar Tagen (also bevor ich das Album einer intensiven Neubewertung unterzogen habe) gesagt, ich solle alle Tracks auf „Versus the World“ aufzählen oder gar die Melodien dazu pfeifen, wäre ich grandios gescheitert. Das ist zwar auch bei anderen Bands häufig so, allerdings habe ich dieses Problem eher bei neuerer Musik. Als „Versus the World“ auf die Menschheit losgelassen wurde, habe ich Musik noch deutlich intensiver gehört und wahrgenommen als es mir heute leider möglich ist; die Zeit ist einfach zu knapp geworden. Wie dem auch sei, dass ich mich im Endeffekt aus dem Stegreif nur an zwei Songs erinnern konnte, ist jedenfalls kein gutes Zeichen. Zumindest im ersten Moment nicht, zum Glück hat das genaue Hinhören offenbart, dass der Rest des Materials keineswegs für die Tonne ist.

Eine Vielzahl an Durchläufen hat mir vor allem folgende, durchaus überraschende Erkenntnis gebracht: „Versus the World“ ist als Gesamtwerk deutlich langsamer und kontrollierter, als ich es in Erinnerung hatte. Könnte natürlich damit zu tun haben, dass „Death in Fire“ und „Vs the World“ nicht nur eingängig sind, sondern generell eher zur flotten Fraktion gehören. Dieses Tempo muss ich im Geiste irgendwie auf das restliche Album übertragen habe. Interessant ist nun, dass die Tracks „For the Stabwounds in Our Backs“, „Down the Slopes of Death“ und „Bloodshed“ ebenfalls im oberen Geschwindigkeitsbereich (der bei Amon Amarth freilich nicht ganz so rasant ist) angesiedelt sind. Auffällig ist aber keine dieser Nummern, sodass trotz eigentlich relativ ausgeglichenem Verhältnis der Eindruck eines langsamen Albums überwiegt. Merkwürdige Sache…

Beim Rest des Materials nehmen die Schweden das Tempo jedenfalls tatsächlich raus. Zweimal gelingt ihnen das ausgezeichnet: „Where Silent Gods Stand Guard“ und der finale Track „…and Soon the World Will Cease to Be“ haben nicht nur unglaublich gute Riffs, sondern wahrhaft epische Melodien zu bieten. Vor allem der Rausschmeißer verfügt über Gitarrenharmonien, die von den allmächtigen Iron Maiden nicht hätten besser komponiert werden können. Generell muss man dafür natürlich eine Ader haben, denn mit Death Metal haben diese Nummern, sieht man vom Gesang ab, nicht mehr so viel zu tun. Ich würde das Gros der Songs dann doch eher im etwas aggressiveren, traditionellen Heavy Metal verorten. Ob man den von Amon Amarth hören möchte, war damals schon die Gretchenfrage, an der sich bis heute nicht viel geändert hat. Mir persönlich gefällt’s jedenfalls. An guten Songs würde ich im Übrigen noch „Across the Rainbow Bridge“ und „Thousand Years of Opression“ nennen, wobei ich zugebe, dass sich die Nummern auf „Versus the World“ teilweise schon sehr stark ähneln. Auf der anderen Seite zeigt gerade ein Song wie „Thousand Years of Opression“, dass die Schweden anno 2002 auch sehr gute Lyrics abliefern konnten. Diese Fähigkeit ist ihnen mittlerweile leider ein bisschen abhanden gekommen – aber das ist eine anderes Thema, das hier den Rahmen sprengen würde.

Ich fasse zusammen: Wir haben mit „Death in Fire“, „Vs the World“, „Where Silent Gods Stand Guard“ und „…and Soon the World Will Cease to Be“ vier sehr starke Tracks auf diesem Album. Den gesamten Rest würde ich unter „gute Ansätze aber nicht komplett überzeugend“ abheften. Ein Beispiel ist „Down the Slopes of Death“, wohl die Death Metal-lastigste Nummer auf „Versus the World“. Gute Riffs sind hier durchaus da, aber das Songwriting verhindert – warum auch immer – dass dieser Track nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Ähnliches gilt für „Across the Rainbow Bridge“ (das übrigens über schön geschriebene Lyrics verfügt) und „Bloodshed“, bei dem vor allem der Refrain hervorsticht. Nicht falsch verstehen: Auf keinen Fall ist eine dieser Nummern schlecht, jede davon lässt immer wieder typische Amon Amarth-Genialität aufblitzen. Im Vergleich zum Rest sind sie aber einfach nicht ganz rund, ich weiß nicht, wie ich es besser ausdrücken soll. Erwähnt sei noch, dass „For the Stabwounds in Our Backs“ der einzige Song ist, der mir tatsächlich nicht gefallen will.

Im Endeffekt kommt man nicht umhin, zuzugeben, dass sich „Versus the World“ relativ wenig von seinem Vorgänger „The Crusher“ unterscheidet. Ich denke, dass Amon Amarth das Gefühl hatten, ihre Formel (vorerst) gefunden zu haben; man kann ihnen kaum verdenken, dass sie daran festgehalten haben. Für mich als Fan spielt es keine Rolle bzw. ist es sogar gut, denn mehr von der Art von Material, die ich gerne mag, ist ja kein Fehler. Was Weiterentwicklung im Metal bedeuten kann, sollten Amon Amarth später in ihrer Karriere noch zu spüren bekommen, aber das ist eine Geschichte für eine andere Rezension…

Man merkt schon, ich drücke mich um ein Fazit herum. Tatsächlich verfügt dieses Album über Material, das so gut ist, dass eine durchschnittliche Bewertung zu schwach erscheint. Andererseits bleibt ein Teil der Songs hinter den hohen Erwartungen zurück, ohne wirklich schlecht zu sein, aber im Kontext von Band und Album ist es halt doch ein kleiner Dämpfer. In Hinblick auf die vielleicht doch etwas zu großzügigen 6/7 für den Vorgänger „The Crusher“ (2001) würde ich sagen, dass hier 5/7 Punkten angemessen sind.

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1Death in Fire4:547/7
2For the Stabwounds in Our Backs4:564/7
3Where Silent Gods Stand Guard5:476/7
4Vs the World5:226/7
5Across the Rainbow Bridge4:515/7
6Down the Slopes of Death4:084/7
7Thousand Years of Opression5:416/7
8Bloodshed5:145/7
9…and Soon the World Will Cease to Be6:577/7
47:50

Amon Amarth auf “Versus the World” (2002):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Death in Fire
Anspieltipp 2: …and Soon the World Will Cease to Be
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2 Gedanken zu “MusikWelt: Versus the World

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