FilmWelt: The Autopsy of Jane Doe

„The Autopsy of Jane Doe“ ist das englischsprachige Debüt des Norwegers André Øvredal, dessen „Trollhunter“ (2010) mir als gute Arbeit im Gedächtnis geblieben ist. Mit jener Hommage an die skandinavische Folklore hat vorliegender Film freilich nichts zu tun, vielmehr bekommt man nicht mehr und nicht weniger als einen klassischen Gruselfilm.

Gesamteindruck: 5/7


Geheimnisse einer Toten.

Der moderne Horrorfilm ist häufig geprägt von zugegebenermaßen guten Effekten, die den Zuseher ordentlich erschrecken. Jump Scares werden mal mehr, mal weniger gut platziert, die Charakterentwicklung bleibt hingegen meist völlig auf der Strecke und die Handlung ist oft genug ein einziges Klischee. Den Tiefpunkt dieser Entwicklung stellt das nicht totzukriegende Sub-Genre der Teenie-Slasher dar, aus dem sich auch Spuk- und Geisterfilme gerne mal bedienen (siehe z. B. „Slender Man“). „The Autopsy of Jane Doe“ aus dem Jahr 2016 steht glücklicherweise aber für eine andere Herangehensweise als viele zeitgenössische Produktionen.

Worum geht’s?
Gemeinsam mit seinem Sohn Austin arbeitet Tommy Tilden als Leichenbeschauer in einer amerikanischen Kleinstadt. Eines Abends bringt ihnen der Sheriff eine unbekannte Tote, die halb vergraben im Keller eines Hauses gefunden wurde, in dem drei Menschen brutal ermordet worden waren. Bei der Obduktion der wie üblich „Jane Doe“ genannten jungen Frau zeigen sich schnell die ersten Merkwürdigkeiten – und bald darauf wird es für Vater und Sohn richtig gefährlich

„The Autopsy of Jane Doe“ verfügt über einen bedächtigen, vor allem aber gut durchdachten und sinnvollen Aufbau: Die zwei Hauptprotagonisten werden mit einem plausiblen Hintergrund eingeführt, eine Prise Tragik und ein Quäntchen Humor sind auch dabei. Klar, wirklich tiefgründig geht anders, im Vergleich zu vielen Genre-Genossen ist die hier präsentierte Form des Einstiegs jedoch definitiv eine wohltuende Abwechslung. Letzten Endes haben wir es hier aber immer noch mit einem Horrorfilm und keinem Drama zu tun – und für einen solchen wurde mit der angedeuteten Charaktertiefe genau die richtige Tonalität getroffen.

Hilfreich dabei ist aber auch und vor allem die ausgezeichnete Chemie zwischen den Hauptdarstellern (dem erfahrenen Brian Cox und dem jungen Emile Hirsch), die für sich genommen schon Glaubwürdigkeit schafft. Apropos Darsteller: Nicht viel weniger Screen-Time als ihre männlichen Kollegen hat Olwen Catherine Kelly, die die Jane Doe spielt. Ihre Rolle beschränkt sich freilich darauf, nackt auf dem Seziertisch zu liegen, die Obduktion über sich ergehen zu lassen und dabei ganz und gar tot auszusehen. Klingt nach wenig, ich könnte mir aber vorstellen, dass das ein ziemlich hartes Stück Arbeit war. Abgesehen davon gibt es im Film übrigens nur zwei etwas größere Rollen und eine Handvoll Statisten.

(Fast) ein Kammerspiel.

Entsprechend wichtig ist –  neben dem Zusammenspiel der Darsteller – dass es dem Regisseur gelungen ist, passende Kulissen zu wählen, die diese Form des Films möglichst gut unterstützen. Auch an dieser Stelle kann man dem Norweger keinen Vorwurf machen: Den Ort der Handlung in den Keller des Hauses zu verlegen, in dem Vater und Sohn auch wohnen, war eine gute Idee. Zwar habe ich das Gefühl, dass der Schauplatz etwas zu weitläufig inszeniert wurde, insgesamt haben mir die Kulissen aber dennoch sehr gut gefallen. Gleiches gilt für Ausstattung und Effekte, die durchgehend auf hohem Niveau sind. Zu den Effekten sei noch angemerkt, dass der Film sich gut eine Stunde lang wissenschaftlich plausibel, aber auch entsprechend explizit, vor allem mit dem Ablauf der Obduktion an sich beschäftigt. Für Zartbesaitete ist das naturgemäß nichts.

Erst im letzten Drittel wird „The Autopsy of Jane Doe“ tatsächlich übernatürlich (vorher kommt der Film eher mit Andeutungen aus). Zunächst passt der zunehmende Horror auch gut zum sich im Laufe der Autopsie stetig steigernden, mulmigen Gefühl. Die Art und Weise, wie die Pathologen Stück für Stück herausfinden, was mit Jane Doe passiert sein könnte und nach der Reihe unheimliche und wissenschaftlich nicht erklärbare Details zu Tage fördern, hat fast etwas von einem Roman von H. P. Lovecraft oder Edgar Allan Poe. Natürlich gibt es ab und an einen eher plakativen Schockmoment, im Wesentlichen wird die düstere Stimmung aber bis zum Schluss hin aufrecht erhalten. Leider – und das verwehrt dem Film eine noch bessere Wertung – ist das Ende überhastet und wirkt nicht mehr ganz fertig gedacht, teils sogar etwas unlogisch. Schade, der durchgehend gute Aufbau ließ für das Finale mehr erwarten.

Der letzte Twist ist dann aber wieder sehr gut und versöhnt einigermaßen mit der kurz vorher Gebotenen, sodass ich 5 von 7 Punkten mit Tendenz nach oben vergebe.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: The Autopsy of Jane Doe.
Regie:
André Øvredal
Drehbuch: Ian B. Goldberg, Richard Naing
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emile Hirsch, Brian Cox, Olwen Catherine Kelly, Ophelia Lovibond, Michael McElhatton



Ein Gedanke zu “FilmWelt: The Autopsy of Jane Doe

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