FilmWelt: Die Wikinger

Seit einigen Jahren erfreuen sich die Wikinger großer Beliebtheit, was vor allem der über weite Strecken gelungenen Serie „Vikings“ zu verdanken sein dürfte. Vorliegender Film nahm sich bereits 1958 (!) ebenfalls der gefürchteten Nordmänner an, es gibt sogar die eine oder andere Überschneidung, was die dargestellten historischen Persönlichkeiten betrifft. Abgesehen davon ist „Die Wikinger“ freilich kaum mit moderneren Produktionen zu vergleichen.

Gesamteindruck: 3/7


Bruderzwist im Norden.

Die 1950er und 60er Jahre habe ich in Hinblick auf Historienfilme immer mit dem alten Rom, eventuell noch Ägypten oder Griechenland assoziiert. Dass Hollywood schon so früh einen Beitrag zu den damals außerhalb der Geschichtswissenschaft kaum bekannten Wikingern fabriziert hatte, war mir bisher nicht bewusst. Viel erwartet habe ich mir von „Die Wikinger“ jedenfalls nicht – und tatsächlich ist der Film eher als Kuriosität, eventuell noch wegen seiner Inszenierung, einen Blick wert. Als ernsthafter Versuch, eine Episode aus der Geschichte darzustellen, taugt er hingegen nicht wirklich.

Worum geht’s?
Im 8. Jahrhundert nach Christus wird England immer wieder von Wikingern überfallen. Bei einem dieser Beutezüge kommt der König von Northumbria ums Leben. Dessen Witwe bringt nach einer Vergewaltigung durch den Wikinger-Anführer Ragnar einen Sohn zur Welt, der nach vielen Jahren und Irrwegen just in jenem norwegischen Dorf als Sklave lebt, in dem Ragnar und dessen anderer Sohn, Einar, herrschen. Freilich weiß niemand um die Herkunft von Erik, auch er selbst nicht. Erst der in England wegen Hochverrats gesuchte Lord Egbert erkennt die Herkunft des jungen Mannes, den mittlerweile eine unversöhnliche Feindschaft mit seinem Halbbruder verbindet. Indes planen die Wikinger, eine englische Prinzessin zu entführen und Lösegeld zu fordern

„Die Wikinger“ ist stark besetzt: Kirk Douglas (Einar), Tony Curtis (Erik), Ernest Borgnine (Ragnar, fun fact: Borgnine, zwei Monate jünger als Douglas, spielt im Film dessen Vater; der Anfang 2020 verstorbene Douglas überlebte seinen Kollegen übrigens um stolze 8 Jahre) und Janet Leigh (Morgana) gehören nach wie vor zum Besten, das Hollywood zu bieten hat. Und auch auf dem Regiestuhl nahm mit Richard Fleischer (u. a. „20.000 Meilen unter dem Meer“, „Tora! Tora! Tora!“, „Die fantastische Reise“, aber auch „Red Sonja“ und „Conan, der Zerstörer“) ein durchaus bekannter und erfahrener Mann Platz, der seinerzeit sogar einen Oscar gewinnen konnte (1948, allerdings für eine Dokumentation). Die personellen Voraussetzungen waren also durchaus beeindruckend. Auch die Drehorte konnten sich sehen lassen, wurde doch sogar im norwegischen Hardangerfjord gefilmt, was damals kaum selbstverständlich gewesen sein dürfte. Dass Teile des Films in der Adria gedreht wurden, soll auch nicht unerwähnt bleiben – normalerweise kein Problem, allerdings war hier das Wetter meiner Ansicht nach etwas zu traumhaft und man tut sich schwer, die eine oder andere Szene mit dem trüben und kühlen England zu assoziieren. Vor allem im Finale fand ich das überaus störend.

Ambivalente Ausstattung, gemächliche Kämpfe.

Die Ausstattung pendelt zwischen grandios (die Drachenboote und das Wikingerdorf, die Große Halle und das Innere der Burgen stehen modernen Produktionen in nichts nach), mittelprächtig (die Kostüme wirken auf den „Vikings“-verwöhnten Zuseher arg gewöhnungsbedürftig) und schwach (den Waffen sieht man an, dass sie stumpf bzw. viel zu leicht sind, die Perücken vieler „Wikinger“ sehen ausgesprochen billig aus). Das Fehlen jeglicher Special Effects ist hingegen kaum störend, im Gegenteil, es ist direkt eine Wohltat, so viel echte Handarbeit zu sehen.

Das größte Hindernis für moderne Sehgewohnheiten dürften die zahlreichen Kämpfe sein. Klar, man muss den Film im Kontext der Zeit, in der er gedreht wurde, betrachten. Leider ist man durch die unglaublich flotten und realistisch anmutenden Choreografien, die man aus aktuellen Filmen und Serien kennt („Vikings“ ist in der Hinsicht keine Ausnahme sondern die Regel) dermaßen verwöhnt, dass es schwer fällt, mit den deutlich gemächlicheren Auseinandersetzungen dieses Werks klarzukommen. Ich wage nicht zu beurteilen, was realistischer ist – die geschmeidigere Optik bietet in diesem Zusammenhang jedenfalls neuerer Stoff.

Dazu sei angemerkt, dass „Die Wikinger“ aus heutiger Sicht bei weitem nicht so brutal ausfällt, wie man es erwarten würde. Freilich wird auch hier fleißig erstochen und erschlagen, allerdings ist die Kamera meist nicht direkt auf die Bluttat gerichtet oder schwenkt im letzten Moment weg. Apropos Blut: Es gibt relativ wenig davon zu sehen – und wenn es mal im Bild ist, ist es, wie früher üblich, von Ketchup-artiger Konsistenz und Farbe.

Kein Pflichtprogramm.

Kommen wir nun zum Inhalt, der leider kaum mit der weitgehend gelungenen Inszenierung (in der Hinsicht stechen vor allem die Szenen mit den Drachenbooten hervor) mithalten kann: Die Geschichte über die zwei ungleichen Brüder, die noch dazu die gleiche Frau lieben bis hin zum wenig überraschenden Finale ist ausgesprochen simpel. Durch die Dialoge, die sich bis auf ein hin und wieder eingestreutes „Oooodiiiiin!“ kaum von anderen Produktionen unterscheiden, kommt nie so richtig mittelalterliche Stimmung auf. Zusammengenommen bedeutet das, dass sich „Die Wikinger“ – sieht man von den Kostümen ab – kaum von Filmen anderer Genres, vor allem Western, unterscheidet.

Die schauspielerischen Leistungen können daran nicht viel ändern. In diesem Bereich würde ich vor allem Kirk Douglas hervorheben, der seiner Rolle bis zum Schluss so gut wie keine sympathischen Züge verleiht. Das soll positiv sein? Nunja, erstens passt es gut zum Charakter des jähzornigen und arroganten Einar, zweitens macht die Darstellung durch Douglas es dem Zuschauer leichter, sich mit dem reichlich blass bleibenden Tony Curtis zu identifizieren. Der restliche Cast ist nicht sonderlich präsent, ich würde aber zumindest Janet Leigh ein gewisses Maß an Sympathiewerten zusprechen. Und auch Ernest Borgnine bringt den raubeinigen, aber im Gegensatz zu seinem wilden Sohn deutlich besonneneren Ragnar gut rüber.

Wie ist das alles nun zu bewerten? Ich bin mir nicht sicher, fasse daher nochmal zusammen: Im Haben verbuche ich einen Teil der Ausstattung, die eine oder andere Darstellung und die Inszenierung, die uns tatsächlich einen Teil der Wikinger-Riten näher bringt. Demgegenüber steht der Rest der Ausstattung, die relativ platte Story und die viel zu wenig auf das Setting abgestimmten Dialoge. Alles in allem ist „Die Wikinger“ damit ein ausgesprochen mittelprächtiges Erlebnis, das man gesehen haben kann, aber nicht muss. Auch (oder gerade) nicht als an historischen Fakten interessierter Wikinger-Freund (was freilich nicht heißen soll, dass „Vikings“ immer akkurat auf historische Ereignisse eingeht, aber das ist ein anderes Thema).

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Vikings.
Regie:
Richard Fleischer
Drehbuch: Dale Wasserman, Calder Willingham
Jahr: 1958
Land: USA
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Kirk Douglas, Tony Curtis, Ernest Borgnine, Janet Leigh, James Donald, Maxine Audley



Ein Gedanke zu “FilmWelt: Die Wikinger

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