BuchWelt: Graue Nächte

Arnaldur Indriðason


Ich weiß nicht genau, was es mit skandinavischen Krimis auf sich hat. Sie werden mir laufend im Netz, aber auch im realen Leben empfohlen, sind Bestseller – und ich habe kaum einen davon gelesen. Wenn ich es recht bedenke, ist „Graue Nächte“ überhaupt erst mein zweiter Versuch (nach der „Millenium“-Trilogie von Stieg Larsson).

Gesamteindruck: 3/7


Dunkle Zeiten.

Falls jemand wissen möchte, warum ich ausgerechnet dieses Buch für meine zweite Erfahrung mit einem skandinavischen Krimi ausgewählt habe: Es lag so ‚rum. Also nicht bei mir, sondern auf einem Tisch vor einem Haus hier in Wien. „Zur freien Entnahme“, wie es so schön heißt. Und als eingefleischter Skandinavien- und Island-Fan dachte ich mir: „Warum nicht?“ und habe zugegriffen. Dass es sich dabei um den zweiten Teil einer Reihe um die Ermittler Flóvent und Thorsson handelt, wusste ich nicht – war aber kein Problem, das Buch ist auch ohne Vorkenntnisse problemlos lesbar.

Worum geht’s?
1943 ist Island von den Amerikanern besetzt. Die Stimmung zwischen Einheimischen und Soldaten ist häufig angespannt. Als in der Nähe einer halb-legalen Kneipe mitten in Reykjavík ein junger Mann brutal ermordet wird, übernehmen Kommissar Flóvent von der isländischen Polizei und der Kanadier Thorson von der Militärpolizei die Ermittlungen. Bald stellt sich die Frage, ob dieser Fall – und ein zweiter, an dem Flóvent gerade arbeitet – mit dem Krieg, der in Island so fern scheint, in Verbindung stehen

Mir hat „Graue Nächte“ ganz gut gefallen, vom Hocker gerissen hat mich das Buch allerdings nicht. Ich fange mal mit den positiven Aspekten an: Arnaldur Indriðason hat mit dem Island der 1940er Jahren einen Schauplatz gewählt, den man als Mitteleuropäer so gar nicht auf dem Schirm hat. Die Insel im Nordatlantik ist heutzutage zwar ein beliebtes Ziel für Touristen aus aller Welt, ihre jüngere Geschichte ist in unseren Breiten hingegen weniger bekannt. So gesehen sind Ort und Zeit der Handlung nicht nur ungewöhnlich, sondern machen den Leser nebenbei mit einigen interessanten Aspekten der Zeitgeschichte vertraut, darunter wie sich die Bevölkerung mit den ausländischen Soldaten arrangiert (oder auch nicht) und nationalsozialistische Tendenzen in Island.

„Graue Nächte“ ist letztlich aber kein Geschichtsbuch, sondern ein Krimi und muss auch als solcher funktionieren – vor allem, weil die Historie Islands im 2. Weltkrieg zwar schön angerissen, aber nicht allzu sehr vertieft wird. Muss natürlich auch nicht sein, ich wollte es nur angemerkt haben. Spannend ist jedenfalls, dass die Handlung zumindest teilweise nicht linear erzählt wird. Darauf kommt man erst im Laufe der Lektüre – und es ist tatsächlich einigermaßen befriedigend, wenn die Puzzlesteine mit der Zeit ein immer klareres Bild über die Abläufe ergeben. Es ist außerdem durchaus kurzweilig, zu lesen, wie die Ermittler an den Fall des so brutal ums Leben gekommenen jungen Mannes herangehen und dabei eher düstere Seiten der nordischen Beschaulichkeit aufdecken. Und auch der zweite Fall, der eher ein Nebenstrang der Handlung ist, ist gefällig inszeniert.

Kleinere Längen und wenig Charakterzeichnung.

All das wäre gute Punkte wert, ganz überzeugen konnte mich der Autor aber dennoch nicht. Ein Grund dafür sind Längen, die sich trotz des relativ geringen Umfangs immer mal wieder einschleichen. Und: Die Handlungsstränge sind per se schon spannend, allerdings wirken sie gegen Ende hin nicht so richtig ausgereift und werden auch nicht ganz befriedigend zusammengeführt bzw. abgeschlossen. Und dann gibt es da noch die eine oder andere Unwahrscheinlichkeit, die zumindest mir nicht so richtig in den Kopf wollte – oder war es im 2. Weltkrieg normal, dass Unteroffiziere einen Vertreter der Militärpolizei dermaßen respektlos behandeln und der sich das gefallen lässt? Wir sind ja – zum Glück – weit von solch dramatischen Zeiten entfernt, aber wenn ich an meine Militärzeit zurückdenke, kommt es mir so vor, als ob sogar Offiziere ein mulmiges Gefühl gehabt hätten, wenn Vertreter der Militärpolizei aufgetaucht sind…

Abgesehen davon: Ich habe oben erwähnt, dass das Buch zwar Teil 2 einer Reihe ist, aber dennoch auch für sich gelesen werden kann. Das trifft zumindest auf die Kriminalhandlung zu. Nicht so sicher bin ich mir allerdings, was die Charaktere betrifft. Die zwei Ermittler sind zwar durchaus sympathisch, andererseits wirken sie nicht gerade tiefgründig. Ich kann natürlich nicht sagen, ob das ein generelles Versäumnis des Autors ist – oder ob sie in Band 1 der Reihe („Der Reisende“) genauer charakterisiert werden und das, was man in „Graue Nächte“ zu lesen bekommt, eine kleine, feine Fortentwicklung ist. Steht das Buch für sich, ist es jedenfalls sehr handlungsbezogen und baut eine im Allgemeinen eher düstere, aber gute Atmosphäre auf, mit der die Hauptfiguren nicht mithalten können.

Alles in allem ist „Graue Nächte“ für mich damit ein durchschnittliches Buch ohne große Stärken und mit ein paar kleineren Schwächen. Der historische Aspekt ist gut gelungen, wenn auch nicht sonderlich tiefschürfend, der Krimi wäre gut, hat aber mit Längen und einer nicht ganz zufriedenstellenden Auflösung zu kämpfen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Arnaldur Indriðason
Originaltitel: Petsamo.
Erstveröffentlichung: 2016
Umfang: ca. 400 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

2 Gedanken zu “BuchWelt: Graue Nächte

  1. Pingback: Autoren A-Z | Weltending.
  2. Man muss diese Krimis mögen, ich glaube, da gibt es kein Zwischending. Ich persönlich liebe gerade Arnaldur Indritason, weil er eine unvergleichliche Art hat, mit Sprache umzugehen. Er gehört zu den wenigen, wo ich eine Seite für den Genuss zwei mal lese…

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