FilmWelt: Der Goldene Handschuh

Fritz Honka war ein deutscher Serienmörder, der zwischen 1970 und 1975 in Hamburg vier Frauen getötet hat. „Der Goldene Handschuh“ zeigt einige Episoden aus dem Leben des Killers, sollte aber nicht unbedingt als Biographie verstanden werden, denn der Film spart u. a. komplexe, psychologische Vorgänge aus und ergeht sich hauptsächlich darin, Ekel beim Zuseher auszulösen. Letzteres gelingt immerhin meisterhaft.

Gesamteindruck: 3/7


Verwahrloste Brutalität.

Von Fritz Honka habe ich persönlich noch nie etwas gehört, bevor ich diesen Film gesehen habe. Eine Bildungslücke? Vielleicht. Jedenfalls habe ich mich nun zumindest ein wenig mit ihm beschäftigt – vor allem, um eine einigermaßen qualifizierte Rezension abgeben zu können. Zur Einordnung für alle, die so unwissend sind, wie ich es war: „Zum Goldenen Handschuh“ heißt eine bis heute existierende Kneipe auf St. Pauli, in der Honka seinerzeit häufig anzutreffen war. Vorliegender Film ist eine Umsetzung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk, der 2016 veröffentlicht wurde. Regie führte Fatih Akin, der am Kiez selbst kein Fremder ist, was „Der Goldene Handschuh“ fast zu einer Art Heimspiel für den Hamburger Filmemacher macht.

Worum geht’s?
In den 1970er Jahren lebt der gebürtige Leipziger Fritz Honka in bescheidensten Verhältnissen als Hilfsarbeiter in Hamburg. Seine körperlichen Unzulänglichkeiten und seine Schüchternheit machen es ihm unmöglich, auf normalem Wege Frauen kennenzulernen. Das und der Frust über sein verkorkstes und zunehmend verwahrlostes Leben haben ihn zum Trinker gemacht – und lassen ihn schließlich immer tiefer in den Wahnsinn abgleiten und sogar zum Mörder werden

Ein Film wie dieser ist immer eine zwiespältige und schwierige Angelegenheit: Wie stellt man einen Mörder dar, der bei aller Monstrosität seiner Taten letztlich auch nur ein Mensch ist? Der Schwächen, aber vielleicht sogar den einen oder anderen sympathischen Zug hat? Darf man dem Publikum auch nur den leisesten Ansatz zur Identifikation geben – oder muss man ein entmenschlichtes Monster zeigen? Aus meiner Sicht gehören wohl beide Aspekte zur Realität, und ich denke, dass Regisseur Fatih Akin zumindest versucht hat, dem irgendwie gerecht zu werden. Mangels umfangreicherer Kenntnisse über den realen Fritz Honka wage ich nicht zu beurteilen, ob und wie das gelungen ist. Insofern bezieht sich meine Meinung zum Film eben auf diesen, nicht so sehr auf das reale Leben des Mörders oder den Roman von Heinz Strunk (2016), den ich bis dato nicht gelesen habe. Übrigens gibt es diese Diskussion ja immer wieder, besonders in Erinnerung ist mir diesbezüglich „Der Untergang“ (2004) geblieben.

Keine Jugendfreigabe? Kein Wunder!

„Der Goldene Handschuh“ hat keine Jugendfreigabe erhalten. Warum das so ist, erschließt sich beim Ansehen recht schnell – denn auch, wenn die Kamera nicht immer voll draufhält und obwohl sich das Unaussprechliche meist knapp außerhalb des Bildes abspielt, ist dieser Film von unsagbarer Gewalt geprägt. Gegen Ende hin ändert sich deren Darstellung übrigens rapide und die Brutalität kommt direkt und detailliert ins Bild. Von daher dürfte der FSK 18-Sticker schon gerechtfertigt sein, zumindest aber verwundert es nicht, dass der Film ihn verpasst bekommen hat.

Gespielt ist „Der Goldene Handschuh“ meines Erachtens sehr gut. Es sind ja durchaus bekannte Schauspieler am Start, die man teilweise allerdings kaum erkennt: Fettige Haare, schiefe und faule Zähne, blaue Flecken, Augenringe und Alkoholdunst aus allen Poren – schon beeindruckend, was die Maske hier geleistet hat, um die allgemeine Verwahrlosung auch an den Figuren deutlich sichtbar zu machen. Davon abgesehen werden die Nebendarsteller ihrem Namen weitgehend gerecht: Der Film ist, fast in der Tradition eines Kammerspiels, praktisch ausschließlich auf die Hauptfigur ausgerichtet. Der Rest ist Staffage und hat auch kaum Sprechtext, was die Frage aufwirft, ob das Realismus ist – oder ob hier niemand bedacht hat, dass dadurch jegliche Identifikation mit den Opfern stark erschwert wird.

Bei Hauptdarsteller Jonas Dassler bin ich etwas zwiegespalten. Ich glaube, er spielt seine Rolle gut, jedenfalls so, wie es ihm vom Drehbuch wohl vorgegeben wurde. Bei ihm wirkt die Maske geradezu grotesk und dürfte wohl wenig mit dem Aussehen des echten Fritz Honka zu tun haben. Diese Übersteigerung mag Stilmittel sein, ich persönlich fand sie eher deplatziert. Das mag auch damit zu tun haben, dass Akin die Opfer – wie oben beschrieben – ähnlich hässlich und verkommen aussehen lässt, was es eben ungleich schwerer macht, sich mit ihnen zu solidarisieren. Die Verwahrlosung ist allgegenwärtig und mag es auch in Wirklichkeit gewesen sein – dem Film hätte eine Abstufung aber eventuell gut getan. Fast schon fahrlässig ist, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller auch über eine junge, gut aussehende Blondine fantasieren lässt, mit der das männlich-moderne Publikum problemlos Mitleid haben würde. Das ist nicht nur ungerecht, sondern geradezu respektlos den echten Opfern gegenüber.

Es fehlt einiges.

Zusammengefasst: Es liegt es meines Erachtens nicht an den Schauspielern, wenn der Film nicht so gut bewertet wird, wie man es eigentlich erwarten könnte. Ich glaube letztlich, dass das Drehbuch nicht ganz ausgewogen ist. Einerseits wurde viel Mühe investiert, um zu zeigen, in welchem Elend die Figuren – nicht nur Fritz Honka – leben. Das ist gelungen, aber eben nur in Auszügen. Warum es überhaupt soweit gekommen ist, kann man nicht einmal richtig erahnen. Andererseits ist es schwierig, den Mörder überhaupt angemessen zu verurteilen, einfach, weil er sogar in diesem eher seichten Kontext deutlich mehr Persönlichkeit auf den Leib geschrieben bekommen hat, als alle Opfer zusammen. Nimmt man dann noch seinen sächsischen Dialekt und die Rolle als schüchterner Außenseiter dazu, kann er schon den einen oder anderen Sympathiepunkt für sich verbuchen. Und genau das ist es, was den Opfern fehlt – und daher fragt man sich am Ende auch, was uns der Regisseur mit diesem Film eigentlich sagen wollte.

Abschließend möchte ich noch kurz auf die Ausstattung eingehen: Die Dachgeschoßwohnung der Hauptfigur ist meines Erachtens eine der besten Kulissen, die ich in einem deutschsprachigen Film bisher gesehen habe. Ekelhaft versifft, unglaublich detailliert und von klaustrophobischer Enge – man meint jederzeit, den grauenhaften Gestank riechen zu können, der in dieser Bruchbude geherrscht haben muss. Hut ab für Kulissenbauer und Kamerateam, so muss man das erst einmal hinbekommen bzw. dann auch in eindrücklichen Bildern umsetzen. Anmerkung am Rande: In Sachen Ton ist der Soundtrack toll, aber der Mix ist weniger gelungen und verhindert teilweise, dass man Dialoge überhaupt versteht. Schade.

Von mir gibt’s 3 Punkte für die grandiose Ausstattung und die guten schauspielerischen Leistungen. Mehr ist nicht drin, weil der Film weder ein Psychogramm, noch eine Biografie ist und deutlich an Komplexität vermissen lässt. Am schwersten wirkt aber, dass hier einfach so hingenommen wird, dass Honka ein Mörder ist. Nach Hintergründen wird nicht gefragt, es bleibt auch völlig unklar. Das mag einen gesellschaftlich-brisanten Hintergrund haben, der kommt in „Der Goldene Handschuh“ allerdings kaum bis gar nicht zur Geltung.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Der Goldene Handschuh.
Regie:
Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Jahr: 2019
Land: Deutschland, Frankreich
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Marc Hosemann



FilmWelt: Unknown Soldier (2017)

„Der unbekannte Soldat“ gewinnt als Titel für einen Kriegsfilm sicher keinen Innovationspreis . Dazu muss man allerdings wissen, dass die Vorlage ein Roman eben dieses Titels (finnisch: „Tuntematon sotilas“, auf Deutsch ursprünglich auch als „Kreuze in Karelien“ erschienen) aus dem Jahr 1954, geschrieben von Väinö Linna, ist. Dabei handelt es sich übrigens eines der meistverkauften finnischen Bücher überhaupt und vorliegender Film von Regisseur Aku Louhimies ist bereits die dritte Adaption in Bewegtbild nach 1955 und 1985.

Gesamteindruck: 4/7


Der finnische „Steiner“.

Die finnische Beteiligung am 2. Weltkrieg ist ein relativ komplexes und hierzulande kaum bekanntes Thema – verkürzt und vereinfacht lässt es sich ungefähr so darstellen: Erst im „Winterkrieg“ (1939-1940) allein gegen Russland, dann Unterstützung des deutschen Angriffs gegen die Sowjetunion („Fortsetzungskrieg“, 1941-1944) und schließlich im „Lapplandkrieg“ (1944-1945) auf Seiten der Roten Armee gegen in Finnland stationierte Truppen der Wehrmacht. Die in „Unknown Soldier“ thematisierten Ereignisse sind im „Fortsetzungskrieg“ angesiedelt.

Worum geht’s?
1941 tritt die finnische Armee an, um die im Winterkrieg an die Sowjetunion verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern und die Wehrmacht gegen Russland zu unterstützen. Mittendrin ist eine Maschinengewehrkompanie aus bunt zusammengewürfelten Soldaten. Bald merken die großteils unbedarften Männer, dass der Krieg alles andere als ein Abenteuer ist

Ich habe oben ein paar Worte zur historischen Einordnung geschrieben – die Männer, die in „Unknown Soldier – Kampf ums Vaterland“ (so der vollständige Titel im deutschsprachigen Raum) in die Schlacht ziehen, interessieren sich freilich nicht für solche Spitzfindigkeiten. Der Film ist insofern komplett unpolitisch, er moralisiert und verurteilt auch nicht – er stellt einfach nur dar. Wie die einfachen Soldaten bekommt der Zuseher nichts von den geopolitischen Ereignissen und Umwälzungen mit, sieht man vom gelegentlichen, Wochenschau-artigen Einschub ab. Anmerkung am Rande: Der deutsche Titel gibt dem Film meines Erachtens eine Konnotation, die er in Wirklichkeit überhaupt nicht hat. „Ums Vaterland“ geht es den wenigsten der hier dargestellten Soldaten.

Sehr wohl thematisiert wird allerdings die Unfähigkeit und Borniertheit der Vorgesetzten, die wohl in allen Armeen der Welt ähnliche Auswüchse zeitigt. Aber auch das ist nicht das Hauptmotiv des Films – denn eigentlich geht es hier schlicht und einfach darum, den Alltag einer kleinen Gruppe von Männern darzustellen, vom Offizier bis zum einfachen Soldaten, die allesamt Spielball von Kräften sind, die sie weder verstehen noch beeinflussen können. Als Zuseher ist man ständig bei der Kompanie (häufig sogar mit Handkamera, sozusagen durch die Augen eines Soldaten, gefilmt); man bekommt nicht mit, warum die Führung die Männer mal hierin, mal dorthin schickt, mal den Rückzug befiehlt, dann wieder angreifen lässt. Diese Perspektive ermöglicht die Identifikation mit ganz normalen Menschen, die aus ihrer Umgebung gerissen und in ein lebensgefährliches „Abenteuer“ geworfen werden, in dem alles andere als Heldentum und Glorie warten.

Im Norden nichts Neues?

Man darf nun aber nicht erwarten, dass „Unknown Soldier“ eine Art finnisches „Im Westen nichts Neues“ ist. Das ist meines Erachtens nicht der Fall, weil der Film trotz aller Tragik nicht jene fast greifbare Hoffnungslosigkeit atmet, wie es Remarques Werk (bzw. auch dessen filmische Umsetzung von 1930) tut. Eigentlich hat mich der Film vom Aufbau her eher ein bisschen an „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ (1977) erinnert, was das Zusammenspiel zwischen Vorgesetzten und Soldaten, zwischen Gehorsam und Disziplinlosigkeit betrifft – etwas, das man in „Im Westen nichts Neues“, in dem sich die Soldaten praktisch widerspruchslos in ihr Schicksal fügen (müssen), kaum findet. Wobei auch der Vergleich mit „Steiner“ nicht so richtig passt, weil „Unknown Soldier“ durch den gelegentlichen Perspektivenwechsel zur „Heimatfront“ ein ganzes Stück emotionaler und weniger plakativ ist.

Wieso mich der Film insgesamt trotz positiver Ansätze dennoch nicht recht überzeugen konnte, ist schnell erklärt: Wie häufig in diesem Genre ist auch „Unknown Soldier“ letztlich nicht mehr als eine durch einen losen Handlungsstrang verbundene Ansammlung an Kampfhandlungen. Auf die mindestens genauso wichtigen Zwischentöne verzichtet der Film zwar nicht, allerdings können sie qualitativ bei Weitem nicht mit der wirklich großartigen Optik (dazu unten mehr) mithalten. Heißt: Es fehlt „Unknown Soldier“ vor allem an Charakteren, die realistisch Emotionen vermitteln können. Zwar gibt es mit der Hauptfigur, dem widerspenstigen Rokka (übrigens sehr gut von Eero Aho dargestellt), eine starke Identifikationsfigur, der Rest des Casts geht demgegenüber aber fast vollständig unter. Man spürt regelrecht, wie der Regisseur versucht, das mit verschiedenen Einstellungen, mit dem Zeigen der Heimat und ähnlichen Kniffen wettzumachen – nur gelingt ihm das nicht, seine Figuren bleiben großteils blass und nichtssagend. Entsprechend kühl steht man ihrem Leiden letztlich gegenüber, was schon fast zu einem schlechten Gewissen führt.

Technisch brillant.

Abschließend ein paar Worte zu Technik und Ausstattung: Es ist fast schon unglaublich, wie hochwertig und realistisch alles in „Unknown Soldier“ wirkt. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich hierbei um keinen Hollywood-Blockbuster handelt. Das Budget lag, so ist es zu lesen, allerdings dennoch bei rund 7 Millionen Euro, was wohl die höchste Summe ist, die in Finnland je für einen Film ausgegeben wurde. Insofern hat sich das definitiv gelohnt, denn alles in „Unknown Soldier“ sieht hervorragend und in die Zeit passend aus. Aber nicht nur die Ausstattung ist großartig: Auch und vor allem die Kamera-Arbeit beeindruckt. Nicht nur, weil es in Finnland per se sehr schön ist und die wilde Rauheit der Landschaft toll eingefangen wurde, sondern auch die Art und Weise, wie mit Licht und Farben gespielt wurde, hat mich schwer beeindruckt. Dazu die Handkamera in den Kampfszenen, wirklich beängstigende Explosionen, der ständige Eindruck von Improvisation bei Waffen und Ausrüstung – so geht Realismus!

Unterm Strich ist und bleibt „Unknown Soldier“ für mein Dafürhalten dennoch ein zweischneidiges Schwert. Auf der Habenseite stehen einerseits die beeindruckende Inszenierung nebst Ausstattung und Kamera-Arbeit, andererseits die eindrückliche Botschaft über die Sinnlosigkeit und das Drama das Krieges für den Einzelnen. Leider – und das meine ich ernst, ich finde es wirklich sehr schade – spiegelt sich das nicht in den Emotionen wieder, die man als Zuseher für die Figuren entwickeln sollte. Es mag wie ein Klischee klingen, aber „Unknown Soldier“ ist skandinavisch-unterkühlt, was hier einfach nicht so gut passt, wie ich finde. Wahrscheinlich hätten eine weitere echte Identifikationsfigur oder ein stärkerer Antagonist gereicht, um dem Film den letzten Schub nach vorne zu geben. So reicht es bei mir nur für eine mittelmäßige Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Tuntematon sotilas.
Regie:
Aku Louhimies
Drehbuch: Aku Louhimies, Jari Olavi Rantala
Jahr: 2017
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 180 Minuten
Besetzung (Auswahl): Eero Aho, Johannes Holopainen, Jussi Vatanen, Aku Hirviniemi, Paula Vesala, Samuli Vauramo



FilmWelt: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Dieser Film – ein Herzensprojekt von Regisseur Luc Besson – reiht sich nahtlos in die Riege jener Produktionen ein, die stark im Ungleichwicht sind: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ sieht unglaublich gut aus und zeugt von einer Liebe zum Detail, die man in der Form eher selten sieht. Man spürt den Enthusiasmus, mit dem sich der französische Filmemacher in die Adaptierung der Comicvorlage für die große Leinwand geworfen hat. Leider hat er jedoch – wie so viele seiner amerikanischen Kollegen – den Fehler gemacht, sich darauf zu verlassen, dass die grandiose Optik Mängel in der Story und im Drehbuch kaschiert. Bei bekannten US-Franchises mag das immer mal wieder für gute Ergebnisse reichen, in diesem Fall floppte der Film an den Kinokassen. Zu recht, wie ich konstatieren muss…

Gesamteindruck: 3/7


So viele Details, so wenige Ideen.

Ich habe den Comic „Valerian und Veronique“ (im französischen Original „Valérian et Laureline“) nie gelesen. Von daher kann ich nicht sagen, ob die Umsetzung einigermaßen werkstreu ist oder die Vorlage mit Füßen tritt. So gesehen vielleicht ganz gut, denn damit kann ich „Die Stadt der tausend Planeten“ als eigenständigen Film betrachten – und als solcher muss er ja funktionieren, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Comic-Serie außerhalb von Frankreich weit verbreitet ist.

Worum geht’s?
Im 28. Jahrhundert arbeiten Major Valerian und Sergeant Laureline als Spezialagenten für die Regierung. Ihre aktuelle Mission: Den letzten Transmutator, der noch im Universum existiert, sicherstellen. Zunächst scheint es sich dabei um einen Routine-Auftrag zu handeln, bald stellt sich jedoch heraus, dass mehr dahinter steckt und hohe Militärs ein dunkles Geheimnis verbergen.

Zu einer Sache kann, will und muss ich Luc Besson definitiv gratulieren: Er lässt diesen Film einfach unglaublich gut aussehen und man merkt, dass es ihm wichtig war, eine fast schon unendlich wirkende Vielfalt abzubilden. Ich vermute, dass der Regisseur großer Fan des Comics ist und sich wie ein kleines Kind gefreut haben muss, als er den Zuschlag für die Verfilmung bekommen hat. Angeblich sieht man im Film an die 200 (!) unterschiedliche außerirdische Spezies – ich weiß nicht, ob es so etwas schon einmal gegeben hat, aber hier waren der Fantasie offenbar keine Grenzen gesetzt. Per se erinnert die Bildsprache übrigens stark an „Das fünfte Element“, fast scheint es, als hätte Besson mit der deutlich besseren Technik, die ihm genau 20 Jahre nach jenem Überraschungserfolg zur Verfügung stand, eine Vision, die er schon damals hatte, endgültig umsetzen können. Meistens ist „Die Stadt der tausend Planeten“ knallbunt, oft auch erschreckend düster, immer jedoch voller Fantasie. Das betrifft übrigens nicht nur die Ausstattung, auch die rasante Action, die den gesamten Film durchzieht, sieht ausgesprochen ästhetisch aus und ist großartig choreografiert. Zur Optik muss man also sagen: Hut ab; trotz massivem CGI-Einsatz wirkt übrigens alles wie aus einem Guss, was in modernen Produktionen keineswegs selbstverständlich ist.

Wenn das alles aber so großartig ist – wie komme ich dann zur enttäuschenden Gesamtwertung? Naja, es ist vermutlich nicht schwer zu erraten und ein mittlerweile leider weit verbreitetes Problem: Story, Drehbuch und Charaktere bleiben meilenweit hinter der glitzernden Fassade zurück. Dem Plot kann man dabei noch am wenigsten vorwerfen – er ist halt sehr konservativ, bietet so gut wie keine Überraschungen und ordnet sich weitgehend der atemlosen Action unter. Es ist das übliche „wir müssen verhindern, das dieses Transmutator-Dingens in falsche Hände gerät“-Spiel. Das wäre ja nun gar nicht verkehrt, würde die Story wenigstens die eine oder andere Wendung nehmen. Tut sie meines Erachtens nicht (ich empfand „Das fünfte Element“ in dieser Hinsicht als deutlich intelligenter und erfrischender) – und das macht ein erneutes Ansehen des Films überflüssig, denn man wird dadurch keine versteckten Andeutungen o. ä. entdecken, die einem beim ersten Durchlauf entgangen sind.

Keine Sympathieträger.

Kann man bei der Story noch beide Augen zudrücken (bzw. das Hirn in bester Hollywood-Action-Tradition abschalten), habe ich mit Drehbuch und Charakteren echte Probleme. Beim Drehbuch ist mir zunächst eine massive Diskrepanz zwischen der fast schon als übersteigert zu betrachtenden Lässigkeit der Figuren und der immer wieder durchkommenden Brutalität der Action aufgefallen. Ich bin wahrlich niemand, der ein Problem mit harten Filmen hat – aber „Die Stadt der tausend Planeten“ wirkt über weite Strecken (es reicht eigentlich, den Trailer zu sehen) wie ein Film für Jugendliche. Das liegt wohl an den sehr jungen Hauptdarstellern und an der weitgehend bunten Optik. Andererseits wird oft und gerne ordentlich gemetzelt – und das in Teilen durchaus detailliert. Wie gesagt: Mich stört das an und für sich nicht, dennoch finde ich die genannte Diskrepanz äußerst irritierend. An dieser Stelle sei, weil es gerade passt, auf eines von vielen Plot-Holes hingewiesen: Im letzten Drittel des Films muss unser Held seine Partnerin aus einer Art Tempel retten, den er als Mensch aber nicht betreten darf. Um einen diplomatischen Zwischenfall mit den primitiv wirkenden Außerirdischen zu vermeiden, verkleidet er sich nach langem Hin & Her als ein solcher – nur um später, als die Befreiungsaktion misslingt, erst recht alle Aliens zu beseitigen. Konsequenz ergibt sich daraus keine, was bei mir das Gefühl eines nicht zu Ende gedachten Drehbuchs weiter verfestigt hat.

Nun noch etwas Klartext zu den Charakteren: Ich kann mich ad hoc an keinen Film erinnern, in dem mir sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren dermaßen unsympathisch waren. Vielleicht bin ich zu alt, um das zu verstehen – aber weder der als physisch und psychisch unkaputtbarer Superheld und -macho überzeichnete, selbstverliebte und in keiner Situation ansatzweise ernsthafte Valerian, noch die unterkühlte und arrogante Laurelin haben mir irgendeine Möglichkeit zur Identifikation geboten. Letztere lässt wenigstens ab und an so etwas wie Verletzlichkeit durchschimmern – aber eigentlich stand ich beiden Helden vollkommen emotionslos gegenüber. Da rettet auch der großteils eh ziemlich platte Humor nichts. Es ist schon klar, was hier versucht wurde: Die beiden Helden sollten sich als eine Art dysfunktionales Paar laufend gegenseitig Stichwörter geben, so etwas wie „Gilmore Girls“ im Weltraum. Nur leider haut das aus meiner Sicht überhaupt nicht hin, sondern ist bestenfalls holprig, schlimmstenfalls peinlich (speziell die „romantischen“ Einlagen mit pubertierendem Balzverhalten unseres Top-Agenten spottet jeder Beschreibung). Übrigens konnten mich auch die Nebenrollen überhaupt nicht überzeugen. Im Endeffekt fand ich ausgerechnet die Nicht-Schauspielerin Rihanna in ihrer Rolle als tragische Gestaltwandlerin Bubble am besten, gefolgt von Ethan Hawke als zwielichtigen Clubbesitzer (den aber schon mit Einschränkungen).

Schade um die guten Ideen.

Bisher dachte ich, das Problem läge an Hollywood. Tut es wohl auch, irgendwie – denn dort werden die vermeintlichen Erfolgsrezepte produziert, an denen sich (Action-)Filmemacher scheinbar auch außerhalb dieses Molochs zu orientieren haben. Luc Besson hat die Hollywood-Formel, nach der Schein wichtiger ist als Sein, mittlerweile offenbar leider auch verinnerlicht. Dabei hat der Mann u. a. mit „Léon – Der Profi“ (1994) und „Das fünfte Element“ (1997) bewiesen, dass er mehr als nur oberflächliche Action kann.

Ganz ehrlich: Ich wollte diesen Film wirklich mögen. Und so übel, wie das alles klingt ist „Die Stadt der tausend Planeten“ eh nicht. Man kann sich den Film durchaus ansehen, vielleicht auch zweimal, weil es tatsächlich viele Details zu entdecken gibt – nicht an der simplen Handlung, aber der Hintergrund der gigantischen Raumstation „Alpha“ erschlägt einen im ersten Moment mit einer unglaublichen Kleinteiligkeit. So gesehen kann sich ein zweiter oder dritter Besuch schon lohnen. Andererseits habe ich selten einen Film gesehen, in dem die Schere zwischen Schein und Sein dermaßen auseinanderklafft. Nein, stimmt nicht, einer ist mir nach kurzem Nachdenken doch eingefallen: „Avatar“ (2009), dessen wegweisende Technik Luc Besson als Anstoß genannt hat, sich an „Die Stadt der tausend Planeten“ heranzuwagen. Und ähnlich wie James Cameron ordnet sein französischer Kollege alles der hervorragenden Optik unter. Das mag vielen reichen, mir schon lange nicht mehr. Und, wie die Einspielergebnisse zeigen, bin ich keineswegs allein. Bessons Produktionsfirma stand nach diesem Film kurz vor der Pleite, was die Chancen auf eine Fortsetzung zum Zeitpunkt dieser Rezension (Februar 2021) nicht gerade rosig erscheinen lässt. Ist aber vielleicht auch besser so.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Valerian and the City of a Thousand Planets.
Regie:
Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Jahr: 2017
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 140 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dane DeHaan, Cara Delevigne, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke, Sam Spruell



BuchWelt: The Martian

Andy Weir


„The Martian“, zu deutsch „Der Marsianer“, ist eine moderne Robinsonade. Dieses literarische Motiv scheint nie aus der Mode zu kommen – und weil die Prämisse sattsam bekannt ist, geht es in der Regel vorwiegend um die Qualität der literarischen Umsetzung. So auch bei diesem Roman des US-Autors, Software-Entwicklers und Hobby-Astrophysikers Andy Weir, der seinen Robinson Crusoe Mark Whatney nennt und auf dem Mars stranden lässt.

Gesamteindruck: 5/7


Robinson Whatney.

Wie vermutlich viele Andere auch, habe ich zunächst den gleichnamigen Film von Kult-Regisseur Ridley Scott aus dem Jahre 2015 (in der Hauptrolle: Matt Damon) gesehen. Der hat mir sehr gut gefallen, daher habe ich nicht lange gezögert, als ich unlängst zufällig über die englischsprachige Ausgabe des Romans von Andy Weir gestolpert bin…

Worum geht’s?
Der Mars ist gefährliches Terrain, wie Astronaut Mark Whatney schmerzhaft erfahren muss: Durch einen Sandsturm ist seine Crew gezwungen, die Mission auf dem Roten Planeten nach nur sechs Tagen abzubrechen und zur Erde zurückzukehren – ohne Whatney, der von der Gruppe getrennt und für tot gehalten wird. Allerdings hat der findige Ingenieur/Botaniker überlebt und unternimmt alles, damit das auch so bleibt

„The Martian“ ist der Form und dem Inhalt nach zwar eine ganz traditionelle Robinsonade, mit dem Kampf gegen die Elemente als das alles bestimmende Element. Allerdings ist die Lage, in der sich Mark Whatney befindet, noch verzwickter als die des originalen Robinson: Er ist das einzige Lebewesen (Crusoe hatte wenigstens Tiere) auf einer einsamen Insel, auf der es nicht einmal Luft zum Atmen gibt. Das ist im Wesentlichen aber der einzige Unterschied, denn beide Figuren eint ihr unbedingter Überlebenswille und ihr Improvisationstalent. Und noch eines haben die beiden Bücher, die aus so unterschiedlichen Epochen stammen, gemeinsam: Sie lesen sich fantastisch und sind ähnlich flott geschrieben.

Ein lässiger Held.

In punkto Unterhaltungswert kann man Andy Weir wahrlich wenig vorwerfen: „Der Marsianer“ hat praktisch keine Längen, ist immer spannend und – auch nicht zu unterschätzen – sehr humorvoll geschrieben. Das Buch ist außerdem ein echter Pageturner, was geschickt platzierten Cliffhangern zu verdanken ist. Zum insgesamt locker-flockigen Lesegefühl trägt wohl auch bei, dass das eigentlich bedrückende Gefühl der Isolation, das die Robinsonade ja eigentlich ausmacht, immer wieder durchbrochen wird: Der Großteil des Buches besteht aus Tagebuch-Einträgen der Hauptfigur, die natürlich in der Ich-Form verfasst sind. Demgegenüber wird zwischendurch erzählt, was auf der fernen Erde passiert und auch der eine oder andere Abstecher zu Whatneys Kameraden, die sich auf dem Rückweg dorthin befinden, ist dabei.

Das würde eigentlich überhaupt nicht stören, würde es nicht gleichzeitig offenlegen, dass sowohl die Crew in ihrem Raumschiff als auch das NASA-Personal charakterlich tiefgründiger wirkt, als der einsame Held. Das hat wohl damit zu tun, dass wir von Mark Whatney nur das hören, was er seinem Tagebuch anvertraut, während der Rest der Charaktere von einem allwissenden Erzähler beschrieben wird. Whatney liegt anscheinend nicht viel daran, in seinen Aufzeichnungen emotional rüberzukommen, was zwar logisch ist, im Roman aber recht befremdlich wirkt. Denn Andy Weir lässt Whatney sehr locker und humorvoll mit einer praktisch ausweglosen Situation umgehen. Im Gegensatz zu Robinson Crusoe scheint er kaum unter seiner Isolation zu leiden (zumindest vertraut er es nicht seinem Tagebuch an, wenn es wirklich so ist); gibt es Probleme, schiebt er sie mit einem lockeren Spruch zur Seite. Ich denke, dass aus dieser lässigen Art auch die Leichtigkeit der Lektüre entspringt – an sich kein Fehler, aber ich möchte dennoch festhalten, dass Mark Whatney dadurch nicht ganz so realistisch wirkt, was in Kontrast zur detailliert und ernsthaft beschriebenen, technischen Komponente des Buches steht.

Realismus vs. Super-Intellekt.

Woran man sich außerdem nicht stören darf, wenn man dieses Werk genießen will: Die Technik, die auf dem Mars eingesetzt wird, ist an und für sich wohl nicht weit von dem entfernt, was wir schon jetzt haben. Das scheint tatsächlich alles Hand und Fuß zu haben und dem Autor gebührt großes Lob für die Recherche – und vor allem auch dafür, wie komplizierte Vorgänge dem Laien nähergebracht werden. Ich glaube gelesen zu haben, dass „Der Marsianer“ irgendwo auch als Sachbuch ausgezeichnet wurde – dem kann ich nur zustimmen, das hier ist wirklich ein lehrreiches Werk. Gleichzeitig hat man – ganz im Gegensatz zum originalen Robinson Crusoe – bei Mark Whatney nicht das Gefühl, man könnte eine solche Lage selbst meistern. Whatney ist eine Art Universal-Genie und kommt auf die tollsten Ideen. Schon klar, nur die Besten werden auf den Mars geschickt, aber das, was uns Andy Weir hier auftischt, liest sich – zumindest für mich als Laien – doch sehr übertrieben. Dazu trägt auch bei, dass er, wenn man so will, hinter jeder Ecke eine neue Falle (oder technische Fehlfunktion) für Whatney lauern lässt. Bis das Buch vorbei ist, ist man tatsächlich ein wenig übersättigt, was vermeintlich ausweglose Situationen, Un- und Zwischenfälle betrifft.

Im Endeffekt spielt das alles aber keine große Rolle, denn „Der Marsianer“ hat mich ganz ausgezeichnet unterhalten. Das hier ist verschriftlichtes Popcorn-Kino im besten Sinn: Actionreich, humorvoll und lässig. Gleichzeitig, und das ist der eigentliche Clou, bietet das Buch auf technischer Ebene sehr viel Tiefgang. Eine interessante Kombination in der Tradition von z. B. Michael Crichton, an der ich persönlich wenig auszusetzen finde. Etwas mehr Charakter hätte man Mark Whatney noch spendieren können, dann hätte es locker mit einer noch höheren Wertung geklappt. Aber auch so kann ich dieses Buch jedem, der Interesse an realistischer Science Fiction hat, ohne zu zögern empfehlen.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Andy Weir
Originaltitel: The Martian.
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: ca. 430 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Godzilla 2: King of the Monsters

Ich mag ja die alten, japanischen Godzilla-Filme sehr gern, weil ich finde, dass sie trotz (oder gerade wegen) ihrer aus heutiger Sicht unbeholfen wirkenden Monster-Darstellung eines hatten, das vielen modernen Produktionen immer häufiger abgeht: Charakter. „Godzilla“ (2014) war in dieser Hinsicht gar nicht verkehrt, der Nachfolger „Godzilla II: King of the Monsters“ (2019) hat mich hingegen enttäuscht.

Gesamteindruck: 4/7


Monster-Menagerie.

Amerikanische „Godzilla“-Filme? Da war doch was… Richtig, der letzte Versuch vor dem 2014er-Relaunch datiert aus dem Jahre 1998, war von Roland Emmerich und wird allgemein wenig wohlwollend betrachtet. Ich persönlich fand den Film gut; hätte der Regisseur die Optik der Riesenechse nicht dermaßen radikal umgestaltet, wäre die Sache wohl anders ausgegangen. Aber das nur am Rande, denn seit 2014 sieht Godzilla auch in Hollywood wieder deutlich traditioneller aus, sodass man sich zumindest diesbezüglich kaum beschweren kann. Über andere Dinge hingegen sehr wohl, zumindest was diese Fortsetzung von 2019 betrifft, die ich im Gesamteindruck knapp unter der 1998er-Version einordnen würde. Ja, wirklich!

Worum geht’s?
2014 hat das gigantische Monster Godzilla zwar die Welt gerettet, dabei wurden aber weite Teile von San Francisco dem Erdbeben gleichgemacht. Unter den vielen Toten war auch der Sohn von Emma und Mark Russell, die entsprechend schlecht auf den Riesen zu sprechen sind. Gemeinsam haben sie ein Gerät entwickelt, das der Organisation Monarch die Kommunikation mit den Titanen genannten Monstern ermöglichen soll. Als Emma mitsamt Gerät und gemeinsamer Tochter entführt wird, soll Mark als Berater bei der Suche helfen. Gleichzeitig versuchen Öko-Terroristen, weitere Titanen aus ihrem Schlaf zu wecken, damit diese die durch menschliche Ausbeutung bedrohte Erde retten und das natürliche Gleichgewicht wieder herstellen…

Ein Kritikpunkt an „Godzilla“ (ich spreche im folgenden übrigens immer vom 2014er Film) war, dass selbiger relativ wenig Screentime bekommen hat. Stimmt, ich habe das auch so in Erinnerung und es wird sicher objektive Aussagen dazu geben, wie viele Minuten das Monster tatsächlich im Bild war. Dennoch mag ich die Kritik nicht so recht teilen, schon gar nicht nach dem Genuss von „Godzilla 2“, der deutlich macht, was passieren kann, wenn man den umgekehrten Weg geht: Man sieht sich schneller als ich es je für möglich gehalten hätte, an Kreaturen, die einander brüllend gegenüber stehen, satt. Dazu kommt noch, dass die optisch großartigen Monster-Fights stark an Dramatik vermissen lassen; will sagen: Man hat bis zum Ende hin nie den Eindruck, dass die Viecher einander wirklich gefährlich werden können, sodass die Spannung trotz rasanter Bildschirm-Action eher gemächlich vor sich hin köchelt.

Optik kaschiert Plot.

Wie angedeutet, schaut „Godzilla 2“ exzellent aus. Das betrifft sowohl die hervorragende Kameraarbeit, die von düsteren Bildern und wunderbaren Farbenspielen geprägt ist, als auch die Titanen selbst. Beides zeigt mit aller Deutlichkeit, was heutzutage technisch möglich ist. Besonderen Applaus von meiner Seite auch dafür, dass all das im Vergleich zu vielen Produktionen der jüngeren Vergangenheit gar nicht so sehr nach CGI-Overkill aussieht, wie man meinen könnte. Tatsächlich haben die Verantwortlichen für mein Dafürhalten eine sehr gute Symbiose aus dem ursprünglichen Charme der im Gummi-Kostüm als Godzilla & Co. agierenden Japaner und moderner Computertechnik hinbekommen. Das war schon in „Godzilla“ ein Pluspunkt und trifft auf den Nachfolger im gleichen Ausmaß zu.

Doch leider, und das ist mein Problem mit „Godzilla 2“, habe ich das Gefühl, dass die Effekthascherei vor allem dazu dient, den lahmen Plot zu kaschieren. „Godzilla“ hatte meiner Meinung nach eine gute Story – die Titanen kannte damals noch niemand und das Rätseln um ihren Ursprung hatte schon was. Jedenfalls war mir das deutlich lieber als die dünne Geschichte von „Godzilla 2“, die sich im Wesentlichen darum dreht, die Monster mit irgendeinem hanebüchen erklärten Gerät zu kontrollieren (dass das nach hinten losgeht ist wenig überraschend und tut letztlich auch nicht viel zur Sache). Nebenbei bemerkt: „Godzilla“ war vergleichsweise realistisch und spielte in einem normalen 2014 während „Godzilla 2“ für meinen Geschmack etwas zu viel Science Fiction auffährt. Hier sei erwähnt, dass mir durchaus bewusst ist, dass es auch im japanischen „Godzilla“-Franchise solche Auswüchse gab; für mich macht es aber einen Unterschied, ob die Filme, so wie damals, für sich stehen oder ob sie – wie heute – in einen größeren Kontext eingebettet sind. Ist letzteres der Fall, ist es aus meiner Sicht deutlich wichtiger, auf die innere Logik zu achten, wenn man ein wirklich stimmiges Filmuniversum kreieren möchte.*

Dazu passt auch, dass teilweise ausgesprochen wirres Zeug ins Drehbuch gemischt wurde – beispielsweise, wenn sich aus dem Nichts herausstellt, dass die Theorie von der Hohlerde simmt. Wtf?! Und wozu das Ganze? Nur, damit man erklären kann, wieso Godzilla schnell seinen Standort wechseln kann, wobei die zurückgelegten Distanzen aus meiner Sicht trotz dieses deus ex machina vollkommen an den Haaren herbeigezogen scheinen (wieso sind übrigens gegen Ende des Films plötzlich alle Titanen gleichzeitig in den USA? Logik?). Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen, man entdeckt plötzlich die „Heimat“ von Godzilla, eine Art Tempel tief unter dem Meer. Interessante Sache – die dem Publikum aber einfach so hingeworfen wird, ohne näher darauf einzugehen. Ärgerlich, weil verschenktes, nicht zu Ende gedachtes Potenzial, würde ich sagen… Übrigens, und das scheint im Angesicht dieser Punkte fast schon unerheblich, scheint Godzilla immer mal wieder gewissen Größenschwankungen unterworfen zu sein.

* Dabei handelt es sich um das „MonsterVerse“, zu dem auch King Kong gehört, der 2017 mit „Kong: Skull Island“ einen ähnlich guten Relaunch hingelegt hat, wie Godzilla drei Jahre zuvor.

Charakterzeichnung höchst mangelhaft.

Ich denke, dass all das nicht dermaßen dramatisch wäre, wie es klingt, wenn die Charaktere gut wären. Oder sympathisch. Oder mit Ecken und Kanten. Von dieser Front kann ich aber leider überhaupt nichts Gutes berichten, sieht man vom aus dem Vorgänger bekannten Ken Watanabe ab, der seine Rolle als Dr. Serizawa erneut stark verkörpert. Der Rest des Casts steht – im Gegensatz zu Teil 1 – vollkommen im Schatten der Titanen. Ironie des Schicksals: Das hat relativ wenig mit der umfangreicheren Screentime der Monster zu tun, sondern schlicht und einfach damit, dass die Charaktere (und letztlich auch ihre Darsteller) auch für sich genommen geradezu erschreckend blass bleiben. Gefühle wirken dadurch wie unechter Kitsch, Dialoge, die düster und schicksalsschwanger gemeint sind, werden unfreiwillig komisch und/oder langatmig und der Humor fühlt sich fast immer aufgesetzt an. Das gilt übrigens sowohl für die Guten als auch für die Bösewichte – der von mir eigentlich sehr geschätzte Charles Dance wirkt als Terroristen-Boss dermaßen lustlos und demotiviert, dass man sich fragt, ob es hinter den Kulissen Ärger gegeben hat.

Harte Worte… Und ja, ich weiß, das ist Popcorn-Kino und ein Blockbuster, den man nicht zu ernst nehmen sollte. Leider will mir das nicht gelingen, einerseits weil Teil 1 zeigt, dass es auch anders gegangen wäre, andererseits, weil sich „Godzilla 2“ selbst ziemlich ernst nimmt. Um das auf mich als Zuseher zu übertragen, wäre aber zumindest ein Mindestmaß an Tiefgang erforderlich gewesen. Weil das fehlt, sitzt der Film mehr oder weniger zwischen den Stühlen, was ich sehr schade finde. Hier muss man auch Regisseur/Drehbuchautor Michael Dougherty in die Verantwortung nehmen – der kann zwar gute Action inszenieren, mit dem Inhalt scheint er aber Probleme zu haben, wie auch andere Beispiele aus seiner Filmografie zeigen („X-Men 2“, „Superman Returns“). Bleibt zu hoffen, dass der zum Zeitpunkt dieser Rezension (Februar 2021) unter seiner Regie fertig abgedrehte „Godzilla vs. Kong“ besser wird – man wird es dann irgendwann hier zu lesen bekommen.

Fazit: Wer sich damit zufrieden gibt, dass Godzilla und sein Erzfeind Ghidhora aufeinander gehetzt werden und sich nach allen Regeln der Kunst diverse Köpfe einschlagen, hat kaum Grund, zu meckern. Wobei ich auch bei Ausblenden aller von mir geschilderten Probleme zu keinem Zeitpunkt das Gefühl hatte, hier eine wirklich epische Auseinandersetzung zu erleben, aber das mögen andere anders sehen. Wer ein bisschen mehr möchte, wird wohl enttäuscht sein. Traurig, weil ich mich grundsätzlich über das Wiedersehen mit einigen Monstern meiner Jugend gefreut habe. Aber es hilft alles nichts:„Godzilla“ sehe ich mir immer mal wieder gerne an. „Godzilla 2“ ist einmal ganz gut, ein zweites Mal noch ok, öfter braucht man jedoch nicht mehr als 2 Stunden Lebenszeit in diesen Film zu investieren.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Godzilla 2: King of the Monsters.
Regie:
Michael Dougherty
Drehbuch: Max Borenstein, Michael Dougherty, Zach Shields
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Kyle Chandler, Vera Farmiga, Millie Bobby Brown, Ken Watanabe, Charles Dance



MusikWelt: With Oden on Our Side

Amon Amarth


Alle, die Amon Amarth nach dem sehr durchwachsenen „Fate of Norns“ (2004) auf dem absteigenden Ast gesehen haben, werden mit Album Nummer 6 eines Besseren belehrt. Ich meine sogar, dass „With Oden on Our Side“ das mit Abstand beste Album der Schweden seit „The Avenger“ (1999) ist. Und: Bis zum Zeitpunkt dieser Rezension (Februar 2021) haben die Melodic Death Metaller aus Stockholm dieses Niveau nie wieder in solch beeindruckender Manier erreicht.

Gesamteindruck: 7/7


Amon Amarth pitten zum Wikinger-Mosh.

Ich weiß, ich weiß. Superlative schon in der Einleitung… Geht es nicht auch eine Nummer kleiner? Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass meine Begeisterung nicht kurzfristiger Euphorie entspringt – immerhin hat „With Oden on Our Side“ mittlerweile an die 15 Jahre auf dem Buckel. Wobei ich zugeben muss, dass es eine Grundsatzfrage ist, ob man mir zustimmen wird. Das werden wohl alle tun, die sich von Amon Amarth mehr Hymnen vom Schlage eines „The Pursuit of Vikings“ gewünscht haben. Wenn jemand hingegen auf komplexeres Material und ungestüme, kaum kontrollierte Härte steht, wird er „With Oden on Our Side“ vermutlich als endgültiges Ragnarök für die Band deuten.

Ich will nun nicht behaupten, dass die Wahrheit in der Mitte liegt – denn das wird beim Großteil der Zuhörer wohl nicht so sein. Ich persönlich bin dennoch der Ansicht, dass beide Gesichter unser aller Lieblingswikinger ihre Daseinsberechtigung haben. Jedenfalls haben die Herren aus Stockholm schon lange vor diesem Album an ihrer Erfolgsformel gefeilt, was Songs wie „Victorious March“ (1998), „Death in Fire“ (2002) und „The Pursuit of Vikings“ (2004) zeigen. Diese Nummern sind einerseits dafür ausgelegt, live ordentlich für Stimmung zu sorgen, andererseits sind sie wohl auch äußerst gut verkäuflich. Beides kann man Amon Amarth kaum vorwerfen. Der Knackpunkt dürfte eher sein, dass „With Oden on Our Side“ das erste Werk der Schweden ist, das überwiegend aus – nennen wir das Kind beim Namen – relativ leicht verdaulichen Hits besteht. Was übrigens nicht bedeuten soll, dass sich hier irgendeine Nummer für Radio-Airplay eignet…

Kritikpunkte als Mangelware.

Dass das Album wie aus einem Guss klingt, zeigt sich allein daran, dass man nicht so richtig weiß, welchen Song man überhaupt hervorheben soll. Meines Erachtens befinden sich alle auf ungefähr gleichem Niveau – sogar die gefühlt unbekannteren „Gods of War Arise“ und „Prediction of Warfare“ sind ausgezeichnet geschrieben. Die einzige Nummer, die ich im ersten Moment beim Rekapitulieren der Tracklist nicht einer Melodie, einer Textzeile oder einem Refrain zuordnen konnte, war der Titeltrack. Ein Blick in die Lyrics hat das dann aber direkt geändert („Under winters kies / We stand glorious / And with Oden on our side / We are victorious!“), sodass ich nicht sagen kann, dass dieser Song dem Rest des Albums in irgendeiner Weise nachsteht.

Kann man Amon Amarth für „With Oden on Our Side“ überhaupt irgendwie ans Bein pinkeln (wenn man mal von der oben angeführten Grundsatzfrage absieht)? Ein paar Ansatzpunkte, mit denen das möglich wäre, sehe ich tatsächlich. Ein großer Brocken mag in den Ohren vieler Fans der ersten Stunde die Produktion sein. Die walzt zwar alles nieder und ist – übrigens erstmals in der Band-Geschichte – extrem ausgewogen. Allerdings würden Manche wohl sagen „zu ausgewogen“, Andere, die den Wikingern nicht mehr so gewogen sind, vielleicht sogar „aalglatt“. Rein subjektiv empfinde ich den Mix als angenehm und ausgesprochen gut hörbar. Alle Instrumente und der Gesang sind gleichberechtigt abgemischt und glasklar hörbar; alles ist an seinem Platz und wie zu erwarten vollkommen fehlerlos dargeboten. Ist das zu viel des Guten? Ich bin nun niemand, der Wert auf trockene und/oder dreckige Produktionen legt – aber ich muss tatsächlich einräumen, dass das, was hier an den Reglern fabriziert wurde, bei aller technischen Perfektion eine Schippe Rauheit vermissen lässt. Nicht so viel, dass es für mich persönlich ins Gewicht fallen würde, wohlgemerkt.

Man könnte vielleicht auch bei den Songs selbst ansetzen. Wer nicht genau zuhört, mag „With Oden on Our Side“ als zu routiniert abheften, als eine Platte, deren Songs relativ gleichförmig klingen. Ich sehe es so: Zwar hauen „Valhall Awaits Me“, „Runes to My Memory“, „Asator“, „Gods of War Arise“, „With Oden on Our Side“ und „Cry of the Black Birds“ in eine ähnliche Kerbe, „ähnlich“ ist aber nicht „gleich“. Diese Songs vereint die massive Eingängigkeit ihrer Refrains bzw. Mitsing-Parts, der Rest ist für mein Dafürhalten aber variabel genug. Einige davon sind relativ rasant („Valhall Awaits Me“, „Asator“), andere im Riff-betonten Heavy Metal-Midtempo angesiedelt („Cry of the Black Birds“). Mir gefällt diese Mischung gut, am ehesten würde ich hier noch kritisieren, dass die Lyrics der relativen Einfachheit der Musik folgen (wie es schon bei „The Pursuit of Vikings“ der Fall gewesen ist). Klar, wenn man beim Konzert die Leute zum Mitbrüllen animieren möchte, geht das mit komplexen Textzeilen nicht so leicht.

Umgekehrt stehen auf „With Oden on Our Side“ mit „Hermod’s Ride to Hel – Lokes Treachery Part 1“, „Under the Northern Star“ und „Prediction of Warfare“ drei Songs, die kompositorisch durchaus komplexer sind und sich generell vom restlichen Material unterscheiden. Vor allem „Hermod’s Ride to Hel“ möchte ich aus diesem Trio hervorheben – das ist meines Erachtens ein Song, der es in Sachen Songwriting durchaus mit den alten Nummern der Band aufnehmen kann. Extrem geil finde ich, dass die letzte Minute der Nummer sogar ein paar Black Metal-Elemente beinhaltet (eine typische Melodie und angeschwärzter Gesang). Großartig und für mich einer der besten Amon Amarth-Tracks überhaupt, allem Heavy Metal-Riffing zum Trotz. Noch kurz erwähnt sei an dieser Stelle, dass mir das fast ein bisschen balladeske „Under the Northern Star“ von allen Songs auf diesem Werk am wenigsten gefällt, was aber nicht heißt, dass es ein schlechtes Lied ist.

Egal, wie ich die Sache drehe und wende, wurscht, wie oft ich das Album hintereinander höre: „With Oden on Our Side“ ist für mich ein Meisterwerk. Ich gebe zu, dass hier nur mehr homöopathische Dosen Death Metal zu hören sind – aber, verdammt noch mal, was soll’s, wenn die Songs dermaßen gut reingehen und sich über Tage im Hirn festfressen. Und weil sich daran nichts geändert hat, seit diese Platte vor so vielen Jahren auf den Markt gekommen ist, gibt es für mich nur eines: Höchstwertung.

Gesamteindruck: 7/7 


NoTitelLängeNote
1Valhall Awaits Me4:437/7
2Runes to My Memory4:327/7
3Asator3:047/7
4Hermod’s Ride to Hel – Lokes Treachery Part 14:407/7
5Gods of War Arise6:027/7
6With Oden on Our Side4:346/7
7Cry of the Black Birds3:496/7
8Under the Northern Star4:176/7
9Prediction of Warfare6:366/7
42:17

Amon Amarth auf “With Oden on Our Side” (2006):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Valhall Awaits Me
Anspieltipp 2: Hermod’s Ride to Hel – Lokes Treachery Part 1