FilmWelt: Unknown Soldier (2017)

„Der unbekannte Soldat“ gewinnt als Titel für einen Kriegsfilm sicher keinen Innovationspreis . Dazu muss man allerdings wissen, dass die Vorlage ein Roman eben dieses Titels (finnisch: „Tuntematon sotilas“, auf Deutsch ursprünglich auch als „Kreuze in Karelien“ erschienen) aus dem Jahr 1954, geschrieben von Väinö Linna, ist. Dabei handelt es sich übrigens eines der meistverkauften finnischen Bücher überhaupt und vorliegender Film von Regisseur Aku Louhimies ist bereits die dritte Adaption in Bewegtbild nach 1955 und 1985.

Gesamteindruck: 4/7


Der finnische „Steiner“.

Die finnische Beteiligung am 2. Weltkrieg ist ein relativ komplexes und hierzulande kaum bekanntes Thema – verkürzt und vereinfacht lässt es sich ungefähr so darstellen: Erst im „Winterkrieg“ (1939-1940) allein gegen Russland, dann Unterstützung des deutschen Angriffs gegen die Sowjetunion („Fortsetzungskrieg“, 1941-1944) und schließlich im „Lapplandkrieg“ (1944-1945) auf Seiten der Roten Armee gegen in Finnland stationierte Truppen der Wehrmacht. Die in „Unknown Soldier“ thematisierten Ereignisse sind im „Fortsetzungskrieg“ angesiedelt.

Worum geht’s?
1941 tritt die finnische Armee an, um die im Winterkrieg an die Sowjetunion verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern und die Wehrmacht gegen Russland zu unterstützen. Mittendrin ist eine Maschinengewehrkompanie aus bunt zusammengewürfelten Soldaten. Bald merken die großteils unbedarften Männer, dass der Krieg alles andere als ein Abenteuer ist

Ich habe oben ein paar Worte zur historischen Einordnung geschrieben – die Männer, die in „Unknown Soldier – Kampf ums Vaterland“ (so der vollständige Titel im deutschsprachigen Raum) in die Schlacht ziehen, interessieren sich freilich nicht für solche Spitzfindigkeiten. Der Film ist insofern komplett unpolitisch, er moralisiert und verurteilt auch nicht – er stellt einfach nur dar. Wie die einfachen Soldaten bekommt der Zuseher nichts von den geopolitischen Ereignissen und Umwälzungen mit, sieht man vom gelegentlichen, Wochenschau-artigen Einschub ab. Anmerkung am Rande: Der deutsche Titel gibt dem Film meines Erachtens eine Konnotation, die er in Wirklichkeit überhaupt nicht hat. „Ums Vaterland“ geht es den wenigsten der hier dargestellten Soldaten.

Sehr wohl thematisiert wird allerdings die Unfähigkeit und Borniertheit der Vorgesetzten, die wohl in allen Armeen der Welt ähnliche Auswüchse zeitigt. Aber auch das ist nicht das Hauptmotiv des Films – denn eigentlich geht es hier schlicht und einfach darum, den Alltag einer kleinen Gruppe von Männern darzustellen, vom Offizier bis zum einfachen Soldaten, die allesamt Spielball von Kräften sind, die sie weder verstehen noch beeinflussen können. Als Zuseher ist man ständig bei der Kompanie (häufig sogar mit Handkamera, sozusagen durch die Augen eines Soldaten, gefilmt); man bekommt nicht mit, warum die Führung die Männer mal hierin, mal dorthin schickt, mal den Rückzug befiehlt, dann wieder angreifen lässt. Diese Perspektive ermöglicht die Identifikation mit ganz normalen Menschen, die aus ihrer Umgebung gerissen und in ein lebensgefährliches „Abenteuer“ geworfen werden, in dem alles andere als Heldentum und Glorie warten.

Im Norden nichts Neues?

Man darf nun aber nicht erwarten, dass „Unknown Soldier“ eine Art finnisches „Im Westen nichts Neues“ ist. Das ist meines Erachtens nicht der Fall, weil der Film trotz aller Tragik nicht jene fast greifbare Hoffnungslosigkeit atmet, wie es Remarques Werk (bzw. auch dessen filmische Umsetzung von 1930) tut. Eigentlich hat mich der Film vom Aufbau her eher ein bisschen an „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ (1977) erinnert, was das Zusammenspiel zwischen Vorgesetzten und Soldaten, zwischen Gehorsam und Disziplinlosigkeit betrifft – etwas, das man in „Im Westen nichts Neues“, in dem sich die Soldaten praktisch widerspruchslos in ihr Schicksal fügen (müssen), kaum findet. Wobei auch der Vergleich mit „Steiner“ nicht so richtig passt, weil „Unknown Soldier“ durch den gelegentlichen Perspektivenwechsel zur „Heimatfront“ ein ganzes Stück emotionaler und weniger plakativ ist.

Wieso mich der Film insgesamt trotz positiver Ansätze dennoch nicht recht überzeugen konnte, ist schnell erklärt: Wie häufig in diesem Genre ist auch „Unknown Soldier“ letztlich nicht mehr als eine durch einen losen Handlungsstrang verbundene Ansammlung an Kampfhandlungen. Auf die mindestens genauso wichtigen Zwischentöne verzichtet der Film zwar nicht, allerdings können sie qualitativ bei Weitem nicht mit der wirklich großartigen Optik (dazu unten mehr) mithalten. Heißt: Es fehlt „Unknown Soldier“ vor allem an Charakteren, die realistisch Emotionen vermitteln können. Zwar gibt es mit der Hauptfigur, dem widerspenstigen Rokka (übrigens sehr gut von Eero Aho dargestellt), eine starke Identifikationsfigur, der Rest des Casts geht demgegenüber aber fast vollständig unter. Man spürt regelrecht, wie der Regisseur versucht, das mit verschiedenen Einstellungen, mit dem Zeigen der Heimat und ähnlichen Kniffen wettzumachen – nur gelingt ihm das nicht, seine Figuren bleiben großteils blass und nichtssagend. Entsprechend kühl steht man ihrem Leiden letztlich gegenüber, was schon fast zu einem schlechten Gewissen führt.

Technisch brillant.

Abschließend ein paar Worte zu Technik und Ausstattung: Es ist fast schon unglaublich, wie hochwertig und realistisch alles in „Unknown Soldier“ wirkt. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich hierbei um keinen Hollywood-Blockbuster handelt. Das Budget lag, so ist es zu lesen, allerdings dennoch bei rund 7 Millionen Euro, was wohl die höchste Summe ist, die in Finnland je für einen Film ausgegeben wurde. Insofern hat sich das definitiv gelohnt, denn alles in „Unknown Soldier“ sieht hervorragend und in die Zeit passend aus. Aber nicht nur die Ausstattung ist großartig: Auch und vor allem die Kamera-Arbeit beeindruckt. Nicht nur, weil es in Finnland per se sehr schön ist und die wilde Rauheit der Landschaft toll eingefangen wurde, sondern auch die Art und Weise, wie mit Licht und Farben gespielt wurde, hat mich schwer beeindruckt. Dazu die Handkamera in den Kampfszenen, wirklich beängstigende Explosionen, der ständige Eindruck von Improvisation bei Waffen und Ausrüstung – so geht Realismus!

Unterm Strich ist und bleibt „Unknown Soldier“ für mein Dafürhalten dennoch ein zweischneidiges Schwert. Auf der Habenseite stehen einerseits die beeindruckende Inszenierung nebst Ausstattung und Kamera-Arbeit, andererseits die eindrückliche Botschaft über die Sinnlosigkeit und das Drama das Krieges für den Einzelnen. Leider – und das meine ich ernst, ich finde es wirklich sehr schade – spiegelt sich das nicht in den Emotionen wieder, die man als Zuseher für die Figuren entwickeln sollte. Es mag wie ein Klischee klingen, aber „Unknown Soldier“ ist skandinavisch-unterkühlt, was hier einfach nicht so gut passt, wie ich finde. Wahrscheinlich hätten eine weitere echte Identifikationsfigur oder ein stärkerer Antagonist gereicht, um dem Film den letzten Schub nach vorne zu geben. So reicht es bei mir nur für eine mittelmäßige Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Tuntematon sotilas.
Regie:
Aku Louhimies
Drehbuch: Aku Louhimies, Jari Olavi Rantala
Jahr: 2017
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 180 Minuten
Besetzung (Auswahl): Eero Aho, Johannes Holopainen, Jussi Vatanen, Aku Hirviniemi, Paula Vesala, Samuli Vauramo



Ein Gedanke zu “FilmWelt: Unknown Soldier (2017)

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