FilmWelt: 1917

Heutzutage ist man ja eher skeptisch, wenn Literatur, Filme, Musik oder andere Kunstformen mit Preisen und Auszeichnungen geradezu überschüttet werden. Im Falle des 2019 erschienen Kriegsfilms „1917“ muss ich hingegen sagen, dass vor allem die Awards für Kamera und Regie (darunter auch ein Oscar bzw. Golden Globe) hochverdient sind. Das Ansehen lohnt sich aber auch unabhängig davon.

Gesamteindruck: 6/7


Ein Kriegspanorama.

Meiner Wahrnehmung nach hat es sich in Kriegsfilmen seit einiger Zeit eingebürgert, dem Publikum die Identifikation mit den Figuren über Elemente des Liebesfilms näherzubringen. Es scheint fast, als wären die Leiden auf dem Schlachtfeld nicht mehr genug, um entsprechende Emotionen zu wecken. Warum das so ist, weiß ich nicht – vielleicht vermuten die Filmemacher eine gewisse Abstumpfung bei den Zusehern, vielleicht dient es dazu, Frauen als Zielgruppe des vermeintlich männlich geprägten Genres zu begeistern. Wie dem auch sei, „1917“ hat mit derartigen Anwandlungen sehr wenig am Hut und beschränkt sich durchgängig auf die Darstellung einer Episode an der Westfront des 1. Weltkrieges.

Worum geht’s?
Im Frühjahr 1917 scheint es, als würde sich das deutsche Heer in Nordfrankreich auf dem Rückzug befinden. Das britische Oberkommando, weit hinter der Front, hat hingegen Informationen, dass es sich dabei um eine Falle handelt und entschließt sich, den geplanten Angriff abzubrechen. Zwei Meldegänger müssen diesen Befehl an die Front bringen – auf dem Spiel steht das Leben der 1.600 Männer, die die Briten zum Angriff bereitgestellt haben

Dass die Dreharbeiten enorm aufwändig gewesen sein müssen, hat nicht nur mit den (sehr guten) Effekten und den mit viel Liebe zum Detail hergerichteten Drehorten zu tun. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie der Film konzipiert ist: „1917“ erweckt den Anschein, nur einen einzigen Schnitt zu haben, also aus zwei Echtzeit-Sequenzen zu bestehen, die ziemlich in der Mitte der 120-minütigen Spielzeit zusammengefügt wurden. Auch wenn der Film in Wirklichkeit deutlich öfter geschnitten wurde – perfekte Choreografie und auf die Szene abgestimmte Effekte verstecken die Cuts nahezu vollkommen – ist jedes Lob, das in diesem Zusammenhang für Regie und Kamera ausgesprochen wurde, voll und ganz gerechtfertigt. Denn diese Technik schafft eine Unmittelbarkeit, die so wohl noch nie in einem Kriegsfilm zu sehen war.

Mittendrin statt nur dabei.

Klar, die Handkamera in der Eröffnungssequenz von „Der Soldat James Ryan“ (1998) ist noch näher am Geschehen – beschränkt sich aber auf einzelne Szenen. „1917“ wirkt dagegen völlig anders, nicht wie aus der Ego-Perspektive gefilmt, sondern so, als würde man tatsächlich mal neben, mal vor, mal hinter den Soldaten hergehen, mal ganz nahe, dann wieder weiter weg. Dadurch wird der Film zu einer Art riesigem Panorama, zu einem Schlachtengemälde, in dem man sich als Zuseher, so scheint es, frei bewegt. Beginnend in der Etappe hinter der englischen Front durchqueren wir an der Seite der Meldegänger die Schützengräben und Bunker, dann das Niemandsland bis hin zur verlassenen Linie der Deutschen, nur um dann durch deren Etappe den Frontbogen zu durchschneiden bis es wieder in die englischen Gräben geht. Dazwischen – und besonders unwirklich – angedeuteter Häuserkampf in einem zerschossenen, brennenden Dorf; mithin ein Aspekt, den man heute selten mit dem 1. Weltkrieg verbindet und der doch sehr real war.

Man kann nicht genug betonen, wie beeindruckend diese schier endlose Kamerafahrt optisch ist. Und zwar sowohl im Großen (die Schützengräben und Trichterfelder, eine unübersehbare Anzahl an Soldaten, Dörfer und Höfe) als auch im Kleinen (Stacheldraht, Schlamm, zerstörte Geschütze und Leichen in verschiedenen Stadien der Verwesung). Tatsächlich fällt mir auch bei längerem Nachdenken kein Film ein, der die düstere Stimmung und die grauenvollen Bilder, die Alltag an den Fronten des 1. Weltkrieges gewesen sein müssen, so beeindruckend einfängt – selten war das Schlachtfeld so bedrückend und unheimlich.

Die Bilder passen auch zur Grundstimmung des Films – bzw. erzeugen diese natürlich stark mit. Nirgendwo in „1917“ ist so etwas wie Abenteuerstimmung oder Kriegsbegeisterung zu spüren; im Gegenteil, alles wirkt düster und trostlos und man ist als Zuschauer unendlich froh, nicht dort zu sein, wo sich die Hauptfiguren durch den Morast quälen. Die Action, die durchaus vorhanden ist, passt sich dem an und wirkt nur ganz selten wie Selbstzweck (obwohl es auch das gibt). Ein pazifistisches Statement gegen den Krieg ist „1917“ indes nicht. Der Regisseur lässt einfach die Bilder für sich sprechen, was aus meiner Sicht zur Abschreckung ausreicht.

Positiv sei schließlich noch die schauspielerische Leistung hervorgehoben: George MacKay und Dean-Charles Chapman machen ihre Sache für mein Dafürhalten sehr gut. Sie schaffen das Kunststück, einerseits die noch nicht ganz erloschene Abscheu der Soldaten vor dem, was sie sehen müssen darzustellen, andererseits die immer deutlicher spürbare Abstumpfung der Männer glaubhaft zu machen. Wobei ich hierzu anmerken möchte, dass die Chemie zwischen den beiden zwar zu stimmen scheint – die Dialoge, die das Drehbuch für sie vorgesehen hat, die Identifikation jedoch nicht sonderlich unterstützen. Viel wird im Film ohnehin nicht gesprochen, was gut zu Technik und Story passt. Wenn es allerdings Text gibt, ist er aus meiner Sicht von eher schwankender Qualität.

Technik schlägt Handlung.

Ist also alles im Grünen Bereich? Nicht ganz, denn die Handlung kann mit der beeindruckenden Technik nicht vollständig Schritt halten. Die eher zweckmäßigen Dialoge habe ich bereits erwähnt, das Grundproblem liegt aber eher in der Glaubwürdigkeit der Handlung. Jeder, der sich näher mit dem 1. Weltkrieg beschäftigt hat, weiß über eine Tatsache Bescheid: Es gab in keiner (!) der beteiligten Armeen Bedenken, 1.600 Mann in den Tod zu schicken. Sich sorgende und wohlmeinende Vorgesetzte mag es auf Kompanie-Ebene gegeben haben, die Führer der Großverbände zeichneten sich hingegen hüben wie drüben durch den höchst sorglosen und äußerst fahrlässigen Umgang mit Menschenleben aus. Lange Rede, kurzer Sinn: Das dargestellte deutsche Rückzugsmanöver hat es unter dem Decknamen „Unternehmen Alberich“ im Jahre 1917 tatsächlich gegeben – der Rest ist frei erfunden und sollte auch so betrachtet werden.

Ein Wort noch zur Darstellung der deutschen Soldaten, die in der Nahaufnahme allerdings nur in zwei Szenen vorkommen: Ich würde das nicht unbedingt als Ruhmesblatt für den Regisseur bezeichnen. Speziell die Situation um den Piloten, der zunächst von den Engländern gerettet wird, nur um sich dann als Bösewicht zu entpuppen, empfand ich als vollkommen unnötiges Schüren von Ressentiments. Das aber nur am Rande, ich bin mir nicht sicher, wie das vor dem geschichtlichen Hintergrund einzuordnen ist.

Sieht man über diese Problematik hinweg, bleibt eine leidlich spannende Handlung, die – ich wiederhole mich – vor allem von den starken Bildern lebt. Mir hat der Film jedenfalls trotz teilweise hinterfragenswerter Darstellung historischer Ereignisse so gut gefallen, dass ich nur ganz knapp unter der Höchstwertung bleibe. Wer auch immer ihn sich ansehen möchte, sollte das tun – dabei aber immer auch ein bisschen die tatsächliche Geschichte des 1. Weltkrieges im Hinterkopf behalten.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: 1917.
Regie:
Sam Mendes
Drehbuch: Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns
Jahr: 2019
Land: USA, UK
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): George MacKay, Dean-Charles Chapman, Gerran Howell, Michael Jibson, Benedict Cumberbatch



2 Gedanken zu “FilmWelt: 1917

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