FilmWelt: Under the Shadow

Das Portal Moviepilot hat mir „Under the Shadow“ Mitte April 2021 als „den mit Abstand schaurigsten Horrorfilm“ schmackhaft gemacht; man solle sich dabei, so war dort neben einigen anderen Superlativen zu lesen, auf die „ultimative Genre-Perle“ und „84 Minuten Grusel pur“ einstellen. Nun, die Wahrheit sieht etwas anders aus: „Under the Shadow“ hat ein oder zwei unheimliche Momente, ist insgesamt aber bei weitem nicht so gruselig, wie ich nach der euphorischen Empfehlung angenommen hatte. Aber auch wenn man ohne die von genanntem Portal geweckte Erwartungshaltung an den Film herangeht, ist er nicht ganz so stark, wie man es sich aufgrund des eher exotischen Settings gewünscht hätte.

Gesamteindruck: 4/7


Kein bezaubernder Dschinn.

Wer Referenzpunkte benötigt, um „Under the Shadow“ grob einordnen zu können: „Der Babadook“ (2014) ist ein sehr ähnlich gelagerter Film aus Australien. Genau genommen könnte man „Under the Shadow“ fast als schon als Kopie jenes Streifens bezeichnen – natürlich gibt es Unterschiede, die scheinen mir aber vorwiegend kulturell und im Endeffekt eher unwesentlich zu sein. Außerdem würde ich noch „His House“ als ähnlich gearteten Film nennen, der stammt aber bekanntlich aus dem Jahr 2020, wurde also deutlich später als „Under the Shadow“ veröffentlicht.

Worum geht’s?
In der Teheran herrscht in den späten 1980er Jahren bedrückende Stimmung: Seit Jahren tobt der Erste Golfkrieg, immer wieder schlagen Raketen aus dem Nachbarland Irak in der Stadt ein und zwingen die Bevölkerung in die Luftschutzkeller. In diesem Umfeld lebt die ehemalige Medizinstudentin Shideh mit ihrer Tochter Dorsa, die von Alpträumen über einen bösen Dschinn geplagt wird…

Grundsätzlich muss man Regisseur Babak Anvari ein Kompliment für sein Debüt aussprechen: „Under the Shadow“ fängt die Atmosphäre, die zur Zeit der Handlung in Teheran geherrscht haben muss, ausgesprochen glaubwürdig ein. Und das, ohne dass man viele Soldaten zu Gesicht bekommt – vor allem ist es die Soundkulisse des Krieges, die beeindruckt und bedrückt. Dazu kommt die schnörkellose Ausstattung, die das Gefühl einer verstaubten Stadt, in der sich die verbliebenen Einwohner kaum noch auf die Straßen trauen, perfekt wiedergibt.

Positives kann ich auch von den Darstellern berichten: Sowohl Mutter als auch Tochter, die einzigen größeren Rollen im Film, sind stark gespielt und sehr gut charakterisiert. Der Fokus liegt allerdings auf der Mutter, die sehr detailliert herausgearbeitet wurde und deren Frustration mit der allgemeinen und ihrer speziellen Situation sehr greifbar wirkt. Interessant auch der historische Kontext: In „Under the Shadow“ sehen wir Andeutungen eines vor gar nicht allzu langer Zeit noch deutlich freieren Iran, der gerade im Begriff ist, sich zum heutigen, konservativ-islamischen Staat zu wandeln. Als Portrait einer Frau in einem Land, das sich an einem politischen Wendepunkt befindet, weiß „Under the Shadow“ also durchaus zu überzeugen.

Leicht zu deuten.

Weniger gelungen finde ich hingegen den Versuch, die Zerissenheit der kleinen Familie, insbesondere aber der Mutter, durch übernatürliche Ereignisse zu symbolisieren. Das wirkt fast schon aufgesetzt, weil es an Subtilität vermissen lässt; letzteres fällt umso mehr auf, weil der Film an sich relativ statisch und feinsinnig wirkt, was in Kontrast zur fast schon mit dem Holzhammer servierten Symbolik steht. Genau genommen ist die Umsetzung letzterer so halbherzig bzw. flach, dass es besser gewesen wäre, gleich ganz darauf zu verzichten. Oder sie deutlich unheimlicher zu gestalten. So wie es hier gemacht wurde, ist es nicht Fisch und nicht Fleisch, was letztlich voll auf den Gesamteindruck durchschlägt. Auch weil man das Gefühl hat, dass viele Szenen in „Under the Shadow“ letztlich nirgendwohin führen.

Fazit: Wir haben es hier mit einem Film zu tun, der merkwürdig ambivalent ist. Einerseits eine gute Darstellung von historischen Ereignissen, die noch gar nicht so lange zurückliegen – und die in ihrer eher angedeuteten Art ausgesprochen bedrückend wirken. Andererseits gibt es übernatürlich-unheimliche Elemente, die nicht erschreckend genug sind, speziell im Vergleich zur realistisch-düsteren Atmosphäre in der umkämpften Stadt. Das passt für mich einfach nicht so gut zusammen, wie es wohl gedacht war – daher „nur“ 4 von 7 Punkten. Schade, ich hätte gerne eine bessere Wertung abgegeben.

Interessant wäre zu wissen, ob ich den Film besser bewertet hätte, wenn ich den eingangs erwähnten Kommentar auf Moviepilot nie gelesen hätte. Die dort geweckten Erwartungen lauerten über die komplette Distanz von „Under the Shadow“ irgendwo in meinem Hinterkopf. Abschalten konnte ich sie natürlich nicht, ignorieren auch nicht – und dass sie nicht mal ansatzweise erfüllt wurden, liest man – leider? – ebenfalls an der mäßigen Gesamtwertung. Nochmal: Schade!

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: زیر سایه.
Regie:
Babak Anvari
Drehbuch: Babak Anvari
Jahr: 2016
Land: UK, Jordanien, Katar
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Narges Rashidi, Avin Manshadi, Bobby Naderi, Aram Ghasemy, Soussan Farrokhnia



MusikWelt: Berserker

Amon Amarth


Als ich das Artwork des 11. Albums der Wikingerhorde Amon Amarth gesehen habe, musste ich schlucken. Nicht nur, weil sich Farbgebung und Stil grundlegend von allem unterscheiden, was die Schweden bis zu diesem Zeitpunkt auf ihre Platten gepappt haben, sondern weil mir der Titel und das Bild ziemlich bekannt vorkamen. Dazu unten mehr, hier sei nur erwähnt, dass dieser Stilbruch bereits bevor ich den ersten Ton gehört hatte, wie ein schlechtes Omen über „Berserker“ zu schweben schien.

Gesamteindruck: 3/7


Leichtgewicht statt Schwermetall.

Amon Amarth führen mit „Berserker“ den Weg fort, den sie mit „Jomsviking“ (2016) eingeschlagen haben. Die Alben ähneln sich so sehr, dass ich im ersten Moment den Impuls hatte, hier meine entsprechende Rezension reinzukopieren. Nun hatte das Quintett aus Stockholm auch früher schon seinen klassischen Sound, der sich von Platte zu Platte häufig nur in Nuancen änderte. Kann man ohne weiteres machen, wenn auch die Qualität stimmt. Mir ist natürlich klar, dass „Qualität“ in der Kunst mehr als irgendwo sonst Ansichtssache ist – aber ich weiß auch, was mir gefällt und kann nach diesem zugegeben subjektiven Maßstab mein Urteil fällen. Im Falle von „Berserker“ bedeutet das, dass sich die musikalische Ähnlichkeit leider auch auf das Songwriting erstreckt, mit dem ich mich einfach nicht anfreunden kann (meine Vermutung ist im Übrigen, dass ich mit meiner Meinung keineswegs allein stehe, aber das soll hier nicht das Thema sein).

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Im Gegensatz zu „Jomsviking“ verfügt „Berserker“ in Form von „Ironside“ über eine Nummer, die ich absolut großartig finde und die jeden anderen Track der jüngsten Amon Amarth-Alben in den Schatten stellt. Und ja, ich weiß schon, dass auch dieser Song sehr auf Eingängigkeit getrimmt ist. Aber er ist seit langem der erste seiner Art, bei dem ich die ursprüngliche Wildheit und die in letzter Zeit eher sporadisch gezeigte Spielfreude der Stockholmer zu jeder Sekunde spüre. Treibender Rhythmus, gute Gitarrenarbeit, schöner Refrain, ein Johan Hegg in Hochform – was will man mehr? Ok, auf den Sprechgesang hätte ich verzichten können, aber man soll nicht unzufrieden sein.

Den Rest des Materials würde ich wie folgt zusammenfassen: Es herrscht die von „Jomsviking“ bekannte Leichtigkeit des Seins vor. Alles ist gefällig und technisch sauber dargeboten, darüber braucht man nicht zu diskutieren. Die Lyrics sind sogar eine Spur besser (schönstes Beispiel: „The Berserker at Stamford Bridge“), offenbar hat man gemerkt, dass die Texte des Vorgängers eher wie eine lästige Pflichtübung gewirkt haben. Wie üblich horcht man auch hie und da auf, beispielsweise beim Refrain des für die Verhältnisse dieser Platte gar nicht so üblen Openers „Fafner’s Gold“, dem in gleicher Hinsicht passablen „Shield Wall“, das sich gut für die Live-Darbietung eignen dürfte oder dem lässigen Riffing von „Wings of Eagles“. Sieht man von diesen Ausnahmen ab, die sehr punktuell gesät sind, bleibt nicht viel übrig – ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, wie die weiteren Songs klingen. Ich lese die Titel, die kommen mir natürlich bekannt vor, aber wie z. B. „Crack the Sky“ klingt, weiß ich nicht – und das war sogar die vorab ausgekoppelte Nummer, was auch schon sehr viel aussagt. Am besten neben „Ironside“ wird’s eigentlich ganz hinten raus: „Into the Dark“ ist eine bedächtiger Track, der mit einer epischen Melodie gesegnet ist, die genau jene Wikinger-Stimmung aufkommen lässt, für die man die Band immer geliebt hat. Der Gesang ist hingegen weniger meins, aber wenigstens blitzt hier beim Songwriting die alte Genialität auf.

Von Reißbrett-Kalkulationen und deutschem Pagan Metal.

Bei „Jomsviking“ tat ich mir noch schwer, das Problem genau zu verorten, schwadronierte etwas von Begriffen wie „poppig“ und was dafür/dagegen spricht, Amon Amarth in diese Schublade zu stecken. Im Zuge diverser Sessions mit „Berserker“ meine ich nun, die Schwierigkeiten, die ich mittlerweile mit einer meiner einstigen Lieblingsbands habe, festmachen zu können: Dieses Album klingt vollkommen generisch und austauschbar. Es ist, als hätten die Schweden alles, was auf „Berserker“ zu hören (und zu sehen!) ist am Reißbrett entworfen und genau nach jener Formel gestrickt, die wohl auch „Jomsviking“ zu guten Verkaufszahlen verholfen hat. Diese Vorgangsweise sei ihnen unbenommen und ich kann gut verstehen, warum man kommerzielle Interessen ab einer gewissen Größe nicht ganz hintanstellen mag. Der Preis, den Amon Amarth dafür zahlen, ist das Verprellen eines gewissen Teils ihrer Fanschar, namentlich derer, die von Beginn an dabei waren; im Gegenzug haben sie mit ihren Alben aus 2016 und 2019 mit Sicherheit ein neues, junges Publikum ohne emotionale Bindung zur Bandgeschichte gewonnen. Und natürlich springen deshalb nicht alle ab, es wird genügend alte Säcke geben, die auch „Berserker“ gut finden. Zu Recht, denn über Geschmack kann man nicht streiten; ich gehöre halt definitiv nicht dazu, was schade ist, aber auch nichts Neues, weil wir es hier mit einem Weg zu tun haben, der immer wieder von Bands (prominente ad hoc-Beispiele: Iron Maiden, In Flames, Edguy) beschritten wird. Ich mag das auch nicht verurteilen, wir gehen eben, so schwer es auch fällt, vorerst getrennte Wege; muss ja nicht auf Dauer so sein, wie die Geschichte ebenfalls bewiesen hat (prominente ad hoc-Beispiele: Metallica, Kreator, Helloween).

Einleitend habe ich kurz was zum Cover gesagt, das ich nun noch etwas näher ausführen möchte. Wie erwähnt gefällt es mir optisch nicht, was so gesehen schon ein kleiner Fingerzeig auf die musikalische Qualität sein mag. Aber gut, auch das ist Geschmackssache und sollte generell nicht überbewertet werden. Was mich hingegen wirklich irritiert hat: Hier sieht man das Cover eines Albums der deutschen Pagan Metaller von Asenblut. Das kam 2016 auf den Markt und heißt, richtig geraten, „Berserker“. Ich weiß nicht, ob Amon Amarth das wussten, ob Asenblut überhaupt bekannt genug sind, um auf dem Schirm der Schweden bzw. ihrer langjährigen Plattenfirma Metal Blade gewesen zu sein. Asenblut haben das alles, soweit ich mich erinnere, ohnehin mit Humor und als gute Werbung genommen, von daher ist die Sache wohl gegessen. Ich wollte es aber dennoch erwähnt haben, einfach, weil ich es ziemlich kurios fand und finde.

Vor dem Fazit noch ein Wort zum Personal: „Berserker“ ist das Amon Amarth-Debüt von Schlagzeuger Jocke Wallgren, der den bereits 2015 ausgestiegenen Langzeit-Drummer Fredrik Andersson nun auch auf Platte ersetzt (live war er seit 2016 dabei, für die „Jomsviking“-Aufnahmen hatte allerdings Tobias Gustaffson die Schießbude übernommen). Der Neue macht seine Sache routiniert, viel mitzureden wird er vermutlich nicht gehabt haben. Live weiß er jedenfalls zu überzeugen, wie ich selbst schon feststellen durfte – und das, obwohl er mit seiner schwarzen Matte optisch nicht unbedingt zu seinen vier blonden Kollegen passt 😉

Stagnation.

Leider ist „Berserker“ nicht die erhoffte Rückkehr zu alter Stärke sondern, im Gegenteil, gemeinsam mit seinem Vorgänger und dem Uralt-Schinken „Fate of Norns“ (2004) eines der bisher schwächsten Alben von Amon Amarth. Zumindest für mich – wer hingegen „Jomsviking“ (2016) für eine gelungene Veröffentlichung gehalten hat, wird auch an „Berserker“ wenig auszusetzen finden. In meinen Ohren klingen beide Alben sehr ähnlich und scheinen damit eine neue Phase im Klangkosmos von Amon Amarth eingeleitet zu haben. Ob die noch länger dauert, ob sich die Wikinger weiterentwickeln oder wieder einen Schritt zurück gehen, kann nur die Zeit zeigen.

Falls es jemanden interessiert, würde ich die Karriere der Stockholmer übrigens wie folgt einteilen: Phase 1 (vielleicht „die wilden Jahre“) dauerte von „Once Sent from the Golden Hall“ (1998) bis „Fate of Norns“ (2004); Phase 2 (etwa „Konsolidierung und Erreichung des Headliner-Status“) umfasst alles von „With Oden on Our Side“ (2006) bis „Deceiver of the Gods“ (2013); Phase 3 (noch ohne Namen) beinhaltet die zum Zeitpunkt dieser Rezension jüngsten Platten „Jomsviking“ und „Berserker“. Ich weiß nicht, ob sich die von mir benannten Perioden auch an den Verkaufszahlen festmachen lassen – eine musikalisch-stilistische Abgrenzung ist aus meiner Sicht jedenfalls möglich.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1Fafner’s Gold5:005/7
2Crack the Sky3:493/7
3Mjölner, Hammer of Thor4:424/7
4Shield Wall3:464/7
5Valkyria4:433/7
6Raven’s Flight5:202/7
7Ironside4:306/7
8The Berserker at Stamford Bridge5:135/7
9When Once Again We Set Our Sails4:243/7
10Skoll and Hati4:274/7
11Wings of Eagles4:035/7
12Into the Dark6:486/7
56:45

Amon Amarth auf “Berserker” (2019):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Jocke Wallgren − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Ironside
Anspieltipp 2: Into the Dark

MusikWelt: Jomsviking

Amon Amarth


Es ist schon interessant: Wann immer ich mir ein Amon Amarth-Album anhöre, das nach „Surtur Rising“ (2011) veröffentlicht wurde, fühle ich mich gut unterhalten. Das liegt wohl daran, dass einzelne Songs, manchmal aber auch nur Teile davon, durchaus gelungen sind. Leider bleibt von diesem Gefühl nicht viel übrig, sobald die Kopfhörer herunten bzw. die Stereoanlage aus ist. So ist es leider auch bei Langeisen Nummer 10 aus dem Jahre 2016.

Gesamteindruck: 3/7


Die Luft ist raus.

Ich falle direkt mit der Tür ins Haus: „Jomsviking“ ist das erste Album von Amon Amarth, bei dem ich von Anfang an wusste, dass es zu keiner nachhaltigen Liebesbeziehung kommen wird. Moment, widerspricht das nicht dem, was ich unlängst über „Deceiver of the Gods“ (2013) als Beginn eines Abwärtstrends geschrieben habe? Nein, denn bei jener Platte war mein erster Eindruck eher der, den ich von „Surtur Rising“ (2011) oder „Fate of Norns“ (2004) kannte: Haut zwar nicht direkt rein, klingt aber sehr typisch und wird sich nach mehreren Durchgängen (hoffentlich) bessern. Bei „Jomsviking“ hatte ich von Beginn weg wenig Hoffnung, dass sich das Album zu einem Klassiker oder wenigstens einem passablen Mitglied des imposanten Backkatalogs der Schweden mausern würde.

Wieso ist das so? Ich bin mir selbst jetzt, Jahre später, nicht ganz sicher. Es fehlt wohl einfach an Kante, die Platte klingt als Ganzes viel zu brav. Was merkwürdig ist, weil die Songtitel und Texte eine ganz andere Sprache sprechen, aber dennoch ist es so; die Riffs und Melodien sind da, Frontmann Johan Hegg grunzt vor sich hin (übrigens verständlicher als jemals zuvor!) und die Drums sind mal pfeilschnell, dann wieder im gemächlicheren Midtempo unterwegs. Alles, wie man es von fast jedem Amon Amarth-Album kennt, nur halt irgendwie schaumgebremst. Oder, anders ausgedrückt: Das Gefühl, hier epische Hymnen über Götter und Helden, über glorreiche Siege und blutige Niederlagen zu hören, fehlt vollkommen. Ersetzt wurde es durch eine merkwürdige Art von Leichtfüßigkeit, die die einzelnen Nummern sehr eingängig und gut konsumierbar macht, umgekehrt aber eben völlig frei von Ecken und Kanten ist. Man merkt schon, ich ringe um Worte, traue mich nicht, „poppig“ zu schreiben, weil das der Sache auch nicht gerecht wird. Nein, das hier ist immer noch Metal und kein Pop – aber das Hörgefühl entspricht eher letzterem, weil sich „Jomsviking“ dermaßen locker-flockig anfühlt.

Reißt’s Doro raus?

Vielleicht hilft es, auf die Tracks einzugehen. Zunächst gibt es drei sehr auffällige Nummern, die wohl jedem, der das Album zum ersten Mal hört, sofort im Ohr hängenbleiben. Mit „Raise Your Horns“ haben wir – wohl erstmals in der Karriere der Band – einen Song, den man auf jeder Party anstimmen könnte, ein Gefühl, das durch die vollkommen ungewohnten „Oh-Oh-Oh“-Chöre noch verstärkt wird. Gleich darauf folgt mit „The Way of Vikings“ ein weiterer Hit, den man kaum noch aus dem Hirn bekommt und der versucht, in der Tradition von Songs wie „Twilight of the Thunder God“ oder „The Pursuit of Vikings“ zu punkten. Im ersten Moment gelingt das sogar, aber leider stellen sich hier deutlich schneller al bei genannten Tracks massive Abnutzungserscheinungen ein. Drittes Ausrufezeichen im Bunde ist „A Dream That Cannot Be“, in dem sich Johan Hegg ein Duett mit Doro Pesch (!) liefert. Nun möchte ich weder die Leistung der Grand Dame des internationalen Heavy Metal in vorliegender Nummer kleinreden noch ihre Bedeutung für die Szene schmälern – ist ja nicht umsonst so, dass sogar weiland Lemmy Kilmister große Stücke auf die Düsseldorferin gehalten hatte. Auch muss man zugeben, dass sich ihre Stimme gut für dieses Duett eignet und das lyrische Thema der Nummer positiv aus dem Einheitsbrei auf „Jomsviking“ hervorsticht. Leider ist aber auch hier der Abnutzungsfaktor relativ hoch, zumindest geht es mir so. Von den genannten Songs ist dieser aber definitiv der beste.

Wirklich gut gefällt mir vom restlichen Material auf dem Album leider auch nicht sonderlich viel. Meine persönlichen Favoriten sind der Opener „First Kill“ und dann, sogar noch etwas besser, „On a Sea of Blood“. Beide Tracks können mit treibendem Rhythmus und einem brauchbaren Refrain punkten und wirken nicht ganz so glattgebügelt wie der Rest des Materials. Überhaupt nicht warm werde ich hingegen mit dem Hegg’schen Experiment, auch mal ein wenig Text zu sprechen (z. B. auf „At Dawn’s First Light“). Fast scheint es mir, als hätte man versucht, auf diese Weise ein wenig von der songwriterisch verloren gegangenen Epik zurückzugewinnen, was meines Erachtens nicht gelingt. Übrigens ist genanntes „At Dawn’s First Light“ das perfekte Beispiel dafür, wieso ich das Album insgesamt nicht so toll finde: Der Song hätte ein gutes Tempo, einen schön mitschreibaren Refrain, angemessene Lyrics – und sogar ein geiles Video gibt es. Er geht auch gut ins Ohr – aber irgendwas ist hier musikalisch im Argen. Riffmäßig wäre das durchaus passabel, aber das Zusammenspiel aller Komponenten lässt jeglichen Anflug von Härte vermissen. Ist das die Produktion oder das Mixing? Oder doch das Songwriting? Ich weiß es ehrlich nicht, bin ziemlich ratlos.

Texte zeugen von Faulheit.

Bezüglich der Lyrics sei mir, bevor ich zum Ende komme, auch eine Anmerkung gestattet: Amon Amarth waren nie die ganz großen Dichter vor dem Herrn (wobei es unfair wäre, ihnen durchgehend simple Texte zu attestieren, es gibt definitiv gute und komplexe Lyrics), hier machen sie es sich aber schon sehr einfach. Der Tiefpunkt ist in dem Zusammenhang „Raise Your Horns“, das, wohl ein Tribut an die Partytauglichkeit, mit extrem wenigen und ziemlich platten Textzeilen auskommt. Zu allem Überfluss kommt dem gelernten Amon Amarth-Krieger der Refrain sehr bekannt vor – kein Wunder, erinnert er doch frappierend an die finalen Worte von „Live Without Regrets“ (auf „Surtur Rising“). Und noch eine Sache, die ich an der Stelle erwähnen möchte: Mir gefällt das relativ neue Element der Gangshouts (hier speziell „One Against All“) nicht sonderlich gut, das aber nur als Randbemerkung.

Nimmt man all das zusammen, bleibt der Eindruck einer satten, irgendwo auch faulen Band, die sehr auf Nummer sicher geht. Das ist legitim – und der Erfolg gibt den Stockholmern wohl auch recht. Und, ja, Amon Amarth sind mir immer noch sympathisch und ich respektiere nach wie vor ihre Arbeit, vor allem auf der Bühne. Aber umgekehrt muss es dennoch möglich sein, die einstigen Helden zu kritisieren, wenn man das Gefühl hat, sie hätten sich vom rechten Weg verabschiedet. Und dieses Gefühl habe ich bei „Jomsviking“ ganz deutlich, da kann ich noch so oft bei „Raise Your Horns“ mitgröhlen oder mich in die Lage der unglücklich verliebten in „A Dream That Cannot Be“ versetzen. Die Luft scheint, zumindest auf diesem Album und seinem Vorgänger, einfach raus zu sein.

Gesamteindruck: 3/7 


NoTitelLängeNote
1First Kill4:215/7
2Wanderer4:433/7
3On a Sea of Blood4:056/7
4One Against All3:382/7
5Raise Your Horns4:244/7
6The Way of Vikings5:114/7
7At Dawn’s First Light3:513/7
8One Thousand Burning Arrows5:503/7
9A Dream That Cannot Be4:234/7
10Back on Northern Shores7:083/7
47:34

Amon Amarth auf “Jomsviking” (2016):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Tobias Gustafsson [Guest] − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: On a Sea of Blood
Anspieltipp 2: First Kill

FilmWelt: Der Schacht

„Der Schacht“, erstmals 2019 vorgestellt, war wohl einer der Filme, von denen im Seuchenjahr 2020 am meisten gesprochen wurde. Zu Recht, wie ich finde, wobei man schon eine gewisse Vorliebe für einigermaßen bizarr vorgebrachte Kritik am Kapitalismus mitbringen sollte….

Gesamteindruck: 6/7


Verteilungsungerechtigkeit.

Interessant: Im spanischen (!) Original heißt vorliegender Film „El Hoyo“, was soviel wie „Grube“ oder „Loch“ bedeutet und damit ungefähr der deutschen Übersetzung des Titels entspricht. Auf Englisch hat man sich hingegen für „The Platform“ entschieden, was ebenfalls sehr gut zum Inhalt passt, obwohl es ein völlig anderes, ebenfalls zentrales Element des Films beschreibt. Jene Plattform ist übrigens auch am Filmposter zu sehen, so gesehen ist der internationale Titel sogar noch eine Spur konsistenter – was aber nicht unbedingt „besser“ bedeutet. Was das mit der Qualität des Films zu tun hat? Nichts, ich fand es einfach eine Erwähnung wert 😉

Worum geht’s?
„Der Schacht“, offiziell „Vertikales Zentrum für Selbstverwaltung“ genannt, besteht aus einer Reihe von exakt über- und untereinander liegenden, völlig identischen Zellen, in denen sich jeweils zwei Insassen befinden. Die Decke bzw. der Boden sind in der Mitte offen und eine Plattform bringt täglich eine reiche Auswahl an erlesenen Speisen von oben nach unten. Nur kurz haben die Insassen Zeit, sich daran gütlich zu tun, dann ist die Etage darunter dran. Wozu das alles dient, weiß niemand so genau. Auch Goreng, der sich freiwillig für seinen Aufenthalt gemeldet hat, kann nichts über den Sinn und Zweck des Ganzen sagen. Bald muss er jedoch feststellen, dass die sechs Monate, die er am Experiment teilnehmen sollte, schwer zu überstehen sein werden…

Im ersten Moment scheint die Idee, die hinter diesem Werk des Regisseurs Galder Gaztelu-Urrutia steckt, völlig abstrakt und wahnwitzig zu sein. Klar, die minimalistische Umgebung, in der der Spanier seine wenigen Schauspieler agieren lässt, die gesamte Ausstattung sowie die anfangs sehr bizarr anmutende Story deuten zuallererst auf eine Art dystopischen Horrorfilm hin. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber schnell, dass sich der Filmemacher einer sehr klaren Symbolik bedient, die nicht sonderlich komplex ist: „Der Schacht“ ist nicht mehr und nicht weniger als Kapitalismus in Reinkultur. Das bedeutet: Die, die ganz oben sind, haben alles im Überfluss, jede Ebene darunter muss mit dem Vorlieb nehmen, was von denen darüber übrig gelassen wird. Wohin das führt, ist klar – wer weit unten ist, stirbt, weil niemals genug bei ihm ankommt.

Die menschliche Natur.

Und noch zwei Mechanismen, die wir aus der wirklichen Welt nur allzu gut kennen, gibt es: Eigentlich würde das Essen, das den Schacht Tag für Tag durchquert, für alle Insassen reichen. Nur müssten die sich dazu überwinden, zusammenzuarbeiten, also von der ersten bis zur letzten Etage alles einzuteilen. Versuche dazu sind – in der Realität wie im Film – zwar da, scheitern aber kläglich an der menschlichen Gier.

Noch interessanter ist der zweite Aspekt: Die Bewohner bleiben jeweils nur einen gewissen Zeitraum auf ihrer Ebene, dann wird durchgemischt. Dafür gibt es in unserer Welt ebenfalls eine Entsprechung, die die meisten Menschen allerdings eher selten trifft, die aber dennoch wie ein Damoklesschwert über jedem von uns hängt: Der Verlust des sozialen und wirtschaftlichen Status. Hier zeigt sich dann schnell, dass es leicht ist, sich moralisch überlegen zu fühlen, wenn man ganz oben ist. Wer hingegen tief im Schacht ums Überleben kämpfen muss, legt solche Vorstellungen ganz schnell ad acta. Mindestens genauso schlimm: Wer vorher unten war und sich dann auf einer höheren Etage wiederfindet, ist überhaupt nicht mehr bereit, auf etwas zu verzichten – obwohl oder gerade weil er genau weiß, was passiert, wenn man unten ist. All das ist sehr unangenehm beim Ansehen, weil man sich sofort fragt, wie man selbst handeln würde – und die Antwort, die man sich nicht laut zu geben wagt, dürfte bei den meisten von uns ziemlich eindeutig ausfallen.

Kammerspiel mit schwachem Finale.

„Der Schacht“ kommt mit wenigen Schauspielern aus, die ihre Sache aber gut machen. Hervorzuheben ist – natürlich – Hauptdarsteller Iván Massagué, der seine Rolle so sehr verinnerlicht hat, dass man sich fragt, wie man den Schauspieler überhaupt dazu gebracht hat, sich so zu erniedrigen, wie es im Film teilweise vorkommt. Ja, man weiß mit etwas Abstand natürlich, dass das in Wirklichkeit viel mit Schminke und Effekten zu tun hat, und doch ist es eine nicht zu unterschätzende Leistung, wenn man das während des Films mehrfach vergisst.

Der Regisseur präsentiert uns dieses Kammerspiel in dystopischen Bildern, irgendwo zwischen „Cube“ (1997) und „Das große Fressen“ (1973). Der minimalistische Look der Zellen steht dabei im krassen Kontrast zum auf Ebene 0 in Perfektion zubereiteten Essen, von dem unten freilich nur mehr Reste ankommen, bei deren Anblick dem zartbesaiteten Zuschauer schon mal übel werden kann. Und auch hier legt Gaztelu-Urrutia den Finger in die Wunde: Anfangs ist sich die Hauptfigur noch zu fein, die traurigen Überreste, die von oben kommen, überhaupt anzufassen – nach kurzer Zeit treibt ihn der Hunger dann aber doch dazu und jeder nicht vollständig abgenagte Knochen wird zum Festmahl.

Einen Kritikpunkt möchte ich nicht unerwähnt lassen: Das letzte Viertel des Films passt nicht so recht zum Rest. Die vorher trotz aller Ekeleffekte sehr klug gestellten Fragen nach Moral und Ethik weichen einer langwierigen und blutigen Action-Sequenz, die ich so nicht gebraucht hätte. Ja, sie zeigt zwar mit aller Eindringlichkeit die Brutalität des Systems – das hat der Film aber durchaus auch vorher schon gemacht. Es ist fast, als hätte der Regisseur plötzlich gedacht, alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt erzählt hat, wäre nicht eindringlich genug gewesen. Dabei war eigentlich genau das die Stärke der ersten drei Viertel des Films: Niemand lief mit einer Waffe durch die Gegend – und doch war jener Teil vor allem auf geistiger Ebene deutlich härter und grausamer.

Unbequem, unangenehm – und gut.

Alles in allem ist „Der Schacht“ unter seiner dystopischen und überzeichneten Oberfläche ein ausgesprochen unbequemer und unangenehmer Film. Er legt den Finger direkt in eine offene Wunde unserer eigenen Gesellschaft; mehr noch, der ganzen Welt. Und das ist nicht schön für uns, die wir zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten gehören. Von daher: Mission erfüllt, falls es die Intention war, uns hier einen schrecklichen Spiegel vorzuhalten bzw. die Konsequenz unseres Tuns, die normalerweise so weit weg sind, für uns sichtbar zu machen.

Und weil mir die eher nebensächliche Rahmenhandlung, die schauspielerischen Leistungen und die Ausstattung sehr gut gefallen haben, gibt’s für „Der Schacht“ auch eine sehr gute Wertung. Für die Höchstnote reicht es knapp nicht, weil ich das letzte Viertel des Films nicht ignorieren konnte. Da wird’s dann leider ein bisschen inkonsequent, was einerseits nicht zum Rest passen will, andererseits wie ein Ausweichen vor den selbst gestellten Fragen wirkt. Dennoch: Volle Empfehlung für „Der Schacht“.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: El Hoyo.
Regie:
Galder Gaztelu-Urrutia
Drehbuch: David Desola, Pedro Rivero
Jahr: 2019
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Iván Massagué, Antonio San Juan, Zorion Eguileor, Emilio Buale, Alexandra Masangkay



MusikWelt: Deceiver of the Gods

Amon Amarth


Ich habe lange überlegt, zu welchem Zeitpunkt ich begonnen habe, das Interesse an den Melo-Deathern Amon Amarth zu verlieren. Eigentlich dachte ich, dass „Surtur Rising“ (2011) der Übeltäter gewesen wäre – nach neuerlicher, sehr intensiver Beschäftigung mit jenem Album und vorliegendem Nachfolger aus dem Jahre 2013 ist klar: „Deceiver of the Gods“ markiert – zumindest in meinen Ohren – den deutlichen Abwärtsknick in der bis dahin (fast) makellosen Diskographie der Stockholmer.

Gesamteindruck: 4/7


Ziemlich müde Krieger.

Was bei „Deceiver Of The Gods“ – wie schon bei „Surtur Rising“ – als erstes auffällt: Sofort zündende Refrains fehlen nahezu komplett, der Wiedererkennungswert ist zunächst enden wollend. Das ist nun per se nicht negativ, führt aber dazu, dass auch hier kein Live-Klassiker, bei dem alle sofort mitgehen können, auszumachen ist. Der Titeltrack hat mit seiner episch-getragenen Gitarrenharmonie noch am ehesten das Zeug dazu, denn hier lässt sich zumindest die Melodie problemlos rausschreien. Der Punkt ist aber ohnehin ein gänzlich anderer: „Surtur Rising“ ist trotz ähnlicher Anlaufschwierigkeiten ein Album, dessen Songs mit der Zeit wachsen und die raffinierter geschrieben sind, als man anfänglich vermutet. Dieser Aspekt geht „Deceiver of the Gods“ völlig ab; wer das Album nicht von Anfang an gut findet, braucht kaum auf versteckte Qualitäten zu hoffen, die sich erst mit der Zeit offenbaren.

Ich glaube, nun – nach zig Versuchen, mir die Platte schönzuhören – den Grund dafür gefunden zu haben: Wir haben es hier mit dem ersten Amon Amarth-Album zu tun, das überhaupt keine Ecken und Kanten zu haben scheint. Klingt paradox, wenn man bedenkt, dass in diesem Fall auch der oft gehörte Versuch, fehlenden Punch durch Eingängigkeit zu kaschieren, fehlgeschlagen ist. Leider ist es nämlich so, dass „Deceiver of the Gods“ mitnichten das Beste aus beiden Welten ist. Die Band reißt ihren Stiefel mit schönen Gitarrenmelodien, stampfenden Riffs und dem üblichen Gebrüll ihres Frontmanns herunter, was aber nichts daran ändert, dass es dem Großteil des Materials an Feuer fehlt. Technisch sauber? Ja! Routiniert? Ja, allerdings zu sehr. Man spürt die alte Spielfreude einfach nicht mehr, Müdigkeit scheint sich bei den Kriegern aus den Norden breitgemacht zu haben; zumindest ging es mir so, was mich im Angesicht der Grandezza, die Amon Amarth bis hierhin stets zuverlässig abgeliefert hatten, regelrecht erschreckt hat.

Wenige Ausnahmen.

Punkten können die Schweden mit wenigen Nummern: „We Shall Destroy“ überzeugt mit einem sehr Iron Maiden-lastigen Mittelteil, der jedem Fan schwedischen Melo-Deaths ein breites Grinsen ins Gesicht zaubern sollte. Im Haben würde ich außerdem noch das sehr schnelle und mit einem tollen Solo ausgestattete „Coming of the Tide“ sowie den – wie erwähnt – sehr brauchbaren Titeltrack einordnen. „Under Siege“ möchte ich an dieser Stelle auch noch erwähnen, hier gibt’s im Mittelteil einen netten Basslauf, weitere Maiden-Anleihen und ein paar einfache Akustik-Spielereien am Ende – sehr dramatisch ist dieser Track, wenn man es genau nimmt.

Der Rest ist… nunja, wohl der endgültige Abschied vom Death Metal, soweit der bei Amon Amarth zu jener Zeit überhaupt noch eine Rolle gespielt hat. Beispielsweise startet „Blood Eagle“ mit einem Manowar-Gedächtnis-Intro und wird dann zu einer schnellen Power Metal-Hymne inklusive „Oh-oh-oh“-Chören. Oder, ein anderes Beispiel: „Hel“ erhält durch die Stimme Messiah Marcolin von (Candlemass) einen düsteren, fast orientalischen Touch, an dem sich eigentlich nur die Geister scheiden können. Ich für meinen Teil konnte damit nach dem ersten Aufhorchen (weil es wirklich ungewöhnlich klingt) überhaupt nichts anfangen. Und so ähnlich ist es auch mit den übrigen, jetzt nicht explizit genannten Songs. „As Loke Falls“? Ja, wenn ich die Nummer höre, klingt das ganz in Ordnung, aber so richtig hängen bleibt halt nix. Gleiches gilt für das vorab bekannte „Father of the Wolf“ usw. usf.

Produktion als Sargnagel.

Ein Wort zur Produktion: Leider ist Andy Sneap, der an den Reglern saß, nicht ganz unbeteiligt am mauen Resultat. Der in Metal-Kreisen eigentlich sehr angesehene Engländer hat seinem ersten Amon Amarth-Album einen viel zu sauberen Klang verpasst, der das Fehlen todesmetallischer Elemente (und der damit einhergehenden Aggressivität) nur noch deutlicher hervorhebt. Das einzig wirklich brutale Element, die Stimme von Johan Hegg, steht folgerichtig weit im Hintergrund, fast als hätte Sneap nicht gewusst, was er mit den harschen Vocals anfangen soll. Diese Unentschlossenheit meint man herauszuhören: „Deceiver of the Gods“ ist passend für seine Instrumentalparts produziert, nicht aber für diese Form von Gesang. Darum klingt das Album nicht nur müde, sondern – übrigens erstmals in der Karriere von Amon Amarth – auch nicht wie aus einem Guss.

Alles in allem ist die Situation ein bisschen verzwickt: Meine eher verhaltene Meinung zu „Deceiver of the Gods“ hat nichts mit den technischen Fähigkeiten der Band zu tun; wäre bei einer Truppe, die zu diesem Zeitpunkt über 20 Jahre im Geschäft war, auch merkwürdig gewesen. Die Songs sind sauber gespielt, die Produktion ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht komplett für die Tonne. Es ist nicht einmal so, dass die ganze Wikinger-Kiste mittlerweile ausgelutscht wäre, wobei es da schon ein paar Abnutzungserscheinungen gibt, speziell an den Lyrics ist das sehr deutlich zu merken. Letztlich ist es das Songwriting, das trotz der exakt gleichen Komponenten, die Amon Amarth seit Jahrzehnten erfolgreich verwenden, nicht überzeugt. Das – und wohl auch der Tribut, den die Schweden zu jener Zeit ihrem exzessiven Tour-Rhythmus zollen mussten – machen „Deceiver of the Gods“ zu einer sehr durchschnittlichen Platte, was für die Verhältnisse dieser Band einer Katastrophe gleichkommt.

Gesamteindruck: 4/7 


NoTitelLängeNote
1Deceiver of the Gods4:195/7
2As Loke Falls4:384/7
3Father of the Wolf4:194/7
4Shape Shifter4:025/7
5Under Siege6:176/7
6Blood Eagle3:154/7
7We Shall Destroy4:256/7
8Hel4:093/7
9Coming of the Tide4:166/7
10Warriors of the North8:124/7
47:52

Amon Amarth auf “Deceiver of the Gods” (2013):

  • Johan Hegg − Vocals
  • Olavi Mikkonen − Guitars
  • Johan Söderberg − Guitars
  • Ted Lundström – Bass
  • Fredrik Andersson − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: We Shall Destroy
Anspieltipp 2: Under Siege

SpielWelt: Crying Suns


Das Prinzip, auf dem „Crying Suns“ (2019) beruht, geht auf den Klassiker „Rogue“ aus dem Jahr 1980 (!) zurück. Rogue-likes, analog auch Rogue-lites, gelten mittlerweile als eigenes Sub-Genre, irgendwo zwischen Taktik und Rollenspiel, definiert vor allem durch prozedural generierte Level, die bei jedem neuen Spiel anders aussehen und der stetigen Verbesserung der eigenen In-Game-Fähigkeiten. Ein weiteres Kennzeichen ist, dass der Tod im Spiel unwiderruflich zum Neustart führt. Der Schlüsselfaktor für die Programmierer: Das Ausloten der hauchdünnen Grenze zwischen Motivation und Frust.

Gesamteindruck: 4/7


Geschickt geklont?

Es ist wohl Ironie des Schicksals, dass meine erste ernsthafte Begegnung mit diesem Spielprinzip ausgerechnet „FTL“ (2012) war, das ich für ein absolutes Meisterwerk halte. Klar, dass sich bei mir jeder weitere Genrevertreter an diesem Geniestreich, mit dem ich unzählige Stunden verbrachte habe, messen lassen muss. Das macht es für „Crying Suns“ doppelt schwer, denn die Ähnlichkeiten sind unübersehbar und fordern den direkten Vergleich geradezu heraus.

Darum geht es:
Irgendwann in der Zukunft hat die Menschheit weite Teile der Galaxis kolonisiert. Im Laufe der Jahre wuchs die Abhängigkeit von intelligenten Maschinen, genannt OMNIs, ins Unermessliche – und als die mechanischen Helfer aus unbekannten Grund deaktiviert wurden, versank das gesamte Imperium in Chaos und Anarchie. Die Aufgabe des großen imperialen Admirals Idaho, der bis vor kurzem weit draußen in einem Klonlabor vor sich hin schlummerte: Herausfinden, was zu dieser Katastrophe geführt hat…

„Crying Suns“ setzt – so viel sei vorweg verraten – das Rogue-lite-Prinzip definitiv im Sinne des Erfinders um: Sobald man sich im Spiel zurechtfindet (was nicht allzu schwierig ist), verspürt man den Zwang, herauszufinden, was sich hinter dem nächsten Sprungpunkt befindet. Und beim übernächsten. Und dem darauf. Ach was, am besten, man klappert gleich alle Punkte im aktuellen Sektor ab. Aber dann steigt man wirklich aus – oder sollte man nicht vielleicht doch noch den ersten Punkt im neuen Sektor angehen? Und so weiter und so fort…

Alles richtig gemacht also vom französischen Entwickler Alt Shift? Nunja, fast. Der Suchtfaktor ist definitiv da, aber leider hat „Crying Suns“ ein paar Schwächen, die die Langzeitwirkung empfindlich einschränken. Dabei sieht es anfangs gar nicht danach aus: Die Geschichte, die das Spiel erzählt, ist beispielsweise deutlich ausgefeilter als die minimalistische Story von „FTL“. Dazu kommt, dass „Crying Suns“ optisch überlegen ist – zwar regiert auch hier der Pixel-Look, allerdings sieht alles deutlich cooler aus und erzeugt eine Art Cyberpunk– und/oder film noir-Stimmung, die man bei der Konkurrenz vergeblich sucht. Nicht falsch verstehen, die Grafik ist bei diesem Spielprinzip ohnehin sekundär und beide Genrevertreter sind sowieso dem Indie-Bereich zuzuordnen, was von Haus aus gewisse Einschränkungen bedeutet. Aber das, was Alt Shift auf den Bildschirm gezaubert hat, ist ausgesprochen stimmungsvoll und passt perfekt zum Thema des langsam vor sich hin rottenden Imperiums. Der Soundtrack fügt sich ebenfalls nahtlos ein und auch die Bedienung geht geschmeidig von der Hand.

Alles nur geklaut? Ja!

Die Grundvoraussetzungen stimmen also. Der Spielverlauf selbst ist dermaßen dreist von „FTL“ abgekupfert, dass man Alt Shift schon wieder gar nicht böse sein mag, weil sie endlich – wenn man so will – „Nachschub“ zu einem Klassiker liefern: Wir bewegen unser Raumschiff von einem Sternensystem zum anderen, können verschiedene Routen wählen, um den Sektor zu verlassen. Bei den einzelnen Sternen wartet jeweils eine Zufallsbegegnung, die entweder positiv oder negativ sein kann. So treffen wir mal auf einen Händler, der uns eine seltene Waffe anbietet (ob man dem vertrauen sollte, ist freilich wieder eine andere Frage), mal tappen wir in eine Falle und treffen auf ein Schiff, dessen Waffen und Geschwader direkt losschlagen, während wir uns erst feuerbereit machen müssen. Immer wieder begegnet man auch redseligen Piraten oder wird von befreundeten Schiffen angefunkt – dann kommt es zum Dialog, in dem es verschiedene Antwortmöglichkeiten gibt, die sich mal sofort, mal erst deutlich später im Spielverlauf auswirken (manches davon treibt auch die Story in unterschiedlichen Richtungen voran, sodass auch von dieser Seite Wiederspielwert gegeben ist). Neue Besatzungsmitglieder rekrutiert man hüben wie drüben unterwegs, wobei man hier nur eine Hand voll Spezialisten direkt auf der Brücke stehen sieht – der Rest der Besatzung ist zwar auch an Bord, aber auf eingeblendete Dialoge reduziert.

Jeder, der „FTL“ gespielt hat, wird diese Dinge sehr gut kennen – sogar das System mit der Bezahlung durch Schrotteile und die Treibstoffproblematik, die dazu führt, dass die feindliche Flotte immer näher kommt, ist 1:1 vorhanden. Es gibt im Endeffekt nur zwei spielerische Elemente, die die „Crying Suns“ von seinem Vorbild unterscheiden: Erstens beinhaltet der Kampf, der ebenfalls in pausierbarer Echtzeit ausgetragen wird, das zusätzliche Element der steuerbaren Geschwader. Das ist eine gute Idee und bringt dank unterschiedlicher Spezialfähigkeiten eine schöne Brise Taktik ins Spiel (im Gegenzug entfällt das detaillierte Raumschiffdesign, das mit seinen verschiedenen Räumen den Reiz von „FTL“ ausmacht). Zweitens gilt es in „Crying Suns“ auch, Außenmissionen zu bewältigen. Heißt: Manche Sternensysteme verfügen über Planeten auf deren Oberfläche was zu holen ist. Eine wirklich sehr gut Idee, deren Ausführung aber leider zu wünschen übrig lässt, denn die Missionen laufen vollständig automatisiert ab. Man wählt lediglich den Kommandanten, der mit den Soldaten auf die Oberfläche geht, dann ist man zum Zuschauen und Hoffen, dass etwas Wertvolles dabei herausschaut, verdammt.

Warum die Konkurrenz überlegen ist.

Ein altes Sprichwort lautet: „Besser gut geklaut als schlecht erfunden“. Und ja, „Crying Suns“ hat tatsächlich einige der besten Elemente von „FTL“ übernommen, mit schicker Retro-Grafik versehen und den Schwierigkeitsgrad im Vergleich zum bockschweren und stellenweise frustrierenden Vorbild reduziert, was die Zugänglichkeit erhöht. Und doch – ich habe es oben ja angekündigt – gibt’s ein paar Patzer, die den Titel recht deutlich hinter das Standard-Werk zurückfallen lassen.

So scheinen sich beispielsweise die Zufallsereignisse in „Crying Suns“ im Laufe eines Spieldurchgangs mehrfach zu wiederholen. In „FTL“ passiert das auch, allerdings sehr selten, sodass man sich fragt, ob sich Alt Shift in Sachen Kreativität vielleicht mit der guten Story verausgabt haben. Ein anderes Beispiel – und hier ist „FTL“ sogar signifikant überlegen – ist die Identifikation mit der eigenen Besatzung. In „Crying Suns“ sieht man seine Crew zwar sehr präsent auf der Brück herumlungern und die Damen, Herren und Cyborgs geben auch immer mal wieder nette Kommentare ab. Das ersetzt aber nicht das Mikromanagement der Konkurrenz, bei der man jeden einzelnen Charakter aktiv steuert, somit ein ganz anderes Verhältnis zu ihm aufbaut und über jeden Verlust der so sorgsam gehegten und gepflegten Pixelmännchen traurig ist. In „Crying Suns“ sterben Crewmitglieder für sich genommen übrigens nicht, es sei denn, das gesamte Schiff geht verloren.

Insgesamt legt „Crying Suns“ wie erwähnt deutlich mehr Wert auf die Story, was prinzipiell eine gute Sache ist, sich aber auch immer mal wieder in umfangreichen und relativ anstrengend zu lesenden Textwüsten niederschlägt, die man schon mal direkt wegklickt, weil man dann doch lieber etwas Action möchte. Die taktische Tiefe kann halt leider nur bedingt mithalten: Es reicht meist, das gesamte Feuer der eigenen Geschwader auf die gegnerische Hülle zu konzentrieren. Je nachdem, welche Waffen man zusätzlich installiert hat, legt man entweder die feindlichen Waffen oder Geschwader lahm – oder konzentriert auch das Geschütz auf die Hülle des Gegners. Viel mehr ist es nicht, auch wenn es eine beachtliche Zahl an Waffen und Schiffen gibt, die sich auch recht unterschiedlich spielen. Von dem, was man in „FTL“ tun muss, um zu gewinnen, ist „Crying Suns“ allerdings weit entfernt.

Mein Fazit: Alt Shift ist ein schönes Spiel gelungen, das Design ist hervorragend, die Story sehr gut. Weil mir aber der Spielablauf selbst bei weitem nicht so viel Spaß gemacht hat wie im letztlich fast identischen „FTL“ und ich den Mehrwert von „Crying Suns“ eher erahnen als wirklich erkennen kann, müssen hier 4 von 7 Punkten reichen. Man sieht es auch an der Statistik: Mit „FTL“ habe ich alles in allem fast 70 Stunden verbracht und ich schaue immer mal wieder rein. „Crying Suns“ habe ich hingegen nach gut 21 Stunden ad acta gelegt und werde es wohl auch nicht so schnell wieder hervorkramen. Dennoch: Jeder, der mit diesem Spielprinzip und dem Science Fiction-Setting was anfangen kann, vielleicht auch eine etwas weniger herausfordernde Alternative zu „FTL“ sucht, kann sich ruhigen Gewissens daran versuchen. Ich habe es im Humble Bundle gratis bekommen – Geld würde ich ehrlich gesagt nicht allzu viel dafür ausgeben.

Gesamteindruck: 4/7


Genre: Rogue-lite
Entwickler:
Alt Shift
Publisher: Humble Bundle
Jahr:
2019
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Crying Suns“ – Copyright beim Entwickler!

FilmWelt: Outbreak – Lautlose Killer

Irgendwie merkwürdig, „Outbreak“ mitten in der globalen Corona-Pandemie zum ersten Mal nach mindestens 20 Jahren wieder anzusehen. In den 1990ern war dieser Film mitunter auch deshalb so interessant, weil er mit der Ausbreitung und Eindämmung einer Seuche ein Thema beschrieb, zu dem man als Normalsterblicher so gut wie keinen Bezug hatte.

Gesamteindruck: 5/7


Von der Fiktion zur Realität.

Es ist wohl keine große Überraschung, wenn ich sage, dass „Outbreak“ anno 2021 völlig anders wirkt als vor 25 Jahren. Sicher, es war immer schon ein spannender Film, damals allerdings eher abstrakt und weit weg von unserem Alltagsleben. Heute kennen wir Vokabeln wie „exponentielles Wachstum“, wissen, was „Inzidenz“ bedeutet und hören täglich von der Isolation ansteckender Patienten, von Ausgangssperren und der Abriegelung ganzer Ortschaften. Selbst das einsame Sterben in den Krankenhäusern und das rasche Verscharren der Leichen in Massengräbern sind Dinge, die uns leider nicht mehr fremd sind. Solche Themen behandelt „Outbreak“ – doch wer hätte 1995 ahnen können, dass uns noch zu unseren Lebzeiten das im Film Gesehene näher sein könnte als uns lieb ist?

Worum geht’s?
1967 wird ein kleines Dorf in Zaire (Afrika) von der US-Armee dem Erdboden gleich gemacht – ein tödliches, hoch infektiöses Virus hatte sich dort verbreitet. Jahre später stellt sich heraus, dass die Versuche, die Krankheit einzudämmen, nicht erfolgreich waren. Das „Motaba-Virus“ hat überlebt und gelangt über Umwege in die Vereinigten Staaten, wo es bald zu einem katastrophalen Ausbruch mit schrecklichen Folgen kommt…

Für „Outbreak“ wurde ordentlich Starpower versammelt: Die Regie übernahm Wolfgang Petersen (u. a. „Das Boot“, Air Force One“), in den Hauptrollen sehen wir Dustin Hoffman und Rene Russo. Und auch die Nebenrollen sind hochkarätig besetzt – Morgan Freeman, Donald Sutherland und die damals noch relativ unbekannten Cuba Gooding Jr. und Patrick Dempsey (!) geben sich die Ehre. Alle Genannten machen ihre Sache sehr gut, besonders hervorheben möchte ich das Duo Freeman und Sutherland, die den guten (naja…) und bösen Vertreter der Armee sehr glaubwürdig rüberbringen. Dustin Hoffman kann als Wissenschaftler, dem wie üblich niemand glauben möchte, glänzen und ergänzt sich bestens mit Rene Russo, wobei die dyfunktionale Beziehung der beiden für meinen Geschmack einen Tick zu routiniert abgehandelt wird.

Ausgestattet ist „Outbreak“ in typischer 90er-Jahre-Manier. Digitale Special Effects steckten damals noch in den Kinderschuhen, was man an deren mittelprächtiger Qualität (z. B. die „Aerosol-Bombe“) deutlich sieht – allerdings gibt es nur wenige Szenen, in denen Derartiges zum Einsatz kommt. Ansonsten ist alles relativ schnörkellos, angefangen bei der Kulisse der amerikanischen Kleinstadt bis hin zum mittelgroßen Armee-Aufgebot. Sieht einfach gut und realistisch aus, eben so, wie man es aus Filmen jener Epoche gewohnt ist; der Hochglanz heutiger Produktionen fehlt natürlich, aber ich finde gerade bei Katastrophen- und Kriegsfilmen die „analoge“ Herangehensweise deutlich stärker. Mag sein, dass das an meinem eigenen Alter liegt und die jungen Leute über Dinosaurier wie mich lachen – aber was soll’s, so bin ich nun mal gestrickt.

Gut geschrieben, gut gespielt.

Inhaltlich ist „Outbreak“ ein Katastrophenfilm der altmodischen Art. Heißt: Im Gegensatz zu modernen Vertretern des Genres verzichtet Regisseur Petersen auf allzu weitschweifige Ausflüge ins Privatleben seiner Figuren. Was beispielsweise das Problem zwischen den von Hoffman und Russo gespielten Charakteren ist, wird maximal angedeutet. Aus heutiger Sicht ist das höchst ungewohnt, mir gefällt es aber gut, weil es kaum etwas gibt, das vom Thema des Films ablenkt. Das ist freilich nur möglich, weil das Drehbuch so stark ist, dass man ohne weiteres auf derartige Kniffe verzichten kann. Die Rollen wurden so angelegt, dass die bloße Andeutung ihrer persönlichen Geschichte reicht, um ihnen Profil zu verleihen. Das scheint eine Kunst zu sein, die heutigen Produktionen oft abgeht – zumindest könnte ich mir vorstellen, dass wir deshalb in ähnlich gelagerten, späteren Filmen immer auch eine Liebesgeschichte serviert bekommen. Die soll wohl Tiefe verleihen, was aber in sehr wenigen Fällen wirklich gelingt. „Outbreak“ lässt sich auf diese Grätsche hingegen gar nicht erst ein, was ihm gut zu Gesicht steht.

Generell ist der Film sehr wissenschaftlich angelegt und erinnert – wenn ich einen literarischen Vergleich ziehen soll – an die Bücher von Michael Crichton. Für mein Gefühl behandelt „Outbreak“ die Versuche, eine Pandemie einzudämmen, also sehr plausibel. Anzumerken wäre in dieser Hinsicht nur, dass der Film aus dramaturgischen Gründen die Ereignisse sehr stark komprimiert: Das, was wir aktuell seit einem Jahr erleben, bricht Regisseur Petersen auf wenige Tage herunter. Wobei man konstatieren muss, dass das in den 1990er Jahren kaum jemandem aufgefallen sein dürfte, heute sind wir ja alle so etwas wie Westentaschen-Infektiologen. Humor ist in „Outbreak“ eher eine Randnotiz (für ein bisschen Spaß sorgt, wie nicht anders zu erwarten, Cuba Gooding Jr.) und auch Action-Szenen findet man nicht allzu viele vor. Spannend ist der Film freilich dennoch – und das auch über fast die gesamte Laufzeit von immerhin knapp 130 Minuten.

Ein kleines Haar könnte man dennoch in der Suppe finden (wenn man wirklich danach sucht): Die von Dustin Hoffman gespielte Figur ist an und für sich ein Klischee, das wir zur Genüge kennen – der geniale Wissenschaftler, der vergeblich vor einer Katastrophe warnt und auf den man erst hört, wenn es zu spät ist. Das kennt man und kannte man auch 1995 schon so. Umgekehrt muss man mit Blick auf die zum Zeitpunkt dieser Rezension vorherrschenden Weltlage sagen, dass es im Film ein Klischee sein mag – das heißt aber nicht, dass es nicht der Wirklichkeit entspricht. Davon abgesehen ist noch anzumerken, dass die Zerstörung von Siedlungen samt der Auslöschung ihrer Bewohner zum Glück in einer echten Pandemie offenbar keine Option ist (zumindest bisher, man weiß ja nicht, welche Pläne die Regierenden, speziell in den USA, noch in der Hinterhand haben). Aber man kann diese, ich nenne es mal „Kosten-Nutzen-Rechnung“ selbstverständlich als Überzeichnung der Situation lesen, die wir gerade überall auf der Welt vorfinden.

Fazit: „Outbreak“ war schon ohne globale Pandemie ein guter Film. Im Angesicht von Corona zeigt sich deutlich, dass er auch 2021 noch relevant ist. Vielleicht sogar mehr noch als vor 25 Jahren, denn er zeigt eine Situation, die damals undenkbar war und die heute für Milliarden Menschen fast zum Alltag geworden ist. Ich kann den Film nur empfehlen, kleine Abzüge gibt es, weil die Dialoge stellenweise etwas zu trocken sind, was trotz durchgängiger Spannung zu klitzekleinen Längen führt.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Outbreak.
Regie:
Wolfgang Petersen
Drehbuch: Laurence Dworet, Robert Roy Pool
Jahr: 1995
Land: USA
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dustin Hoffman, Rene Russo, Morgan Freeman, Donald Sutherland, Cuba Gooding Jr.



FilmWelt: Passengers

Was hatte ich mich auf „Passengers“ (2016) gefreut. Eine Mischung aus der verzweifelten Isolation eines „Robinson Crusoe“ auf der einen und „Star Trek: Voyager“ (was die unvorstellbaren Entfernungen im Weltall und die technische Komponenten angeht) auf der anderen Seite sollte es sein – also eigentlich ein Selbstläufer für mich als Fan von klassischer Literatur und Science Fiction. Warum es nicht so gekommen ist, wie ich es mir erhofft hatte, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


(Fast) allein im Universum.

Ich habe darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich in die nachfolgend beschriebene Situation kommen würde. Und was soll ich sagen – ich würde es wohl ganz genauso machen wie der einsame Passagier auf dem Luxusraumschiff. Einfach die Zeit genießen, so gut und so lange es geht. Ein bisschen läuft’s ja auch anno 2021 im Lockdown (ja, zum Zeitpunkt dieser Rezension herrscht hier in Wien gerade – wieder einmal – Corona-bedingte Ausgangssperre) so ab: Ich bin, abgesehen von Wochenenden, Feiertagen und gelegentlichen Kurzurlauben jeden Tag 9 Stunden vollkommen allein im Homeoffice – und das seit mittlerweile einem Jahr. Ich könnte aber, im Gegensatz zum Protagonisten in „Passengers“, nicht sagen, dass mich das bisher sonderlich stört. Ja, so unterschiedlich sind die Menschen. Und nein, mir ist keine bessere Einleitung für diese Rezension eingefallen.

Worum geht’s?
Das riesige Raumschiff Avalon ist auf dem Weg zum Kolonie-Planeten Homestead II. An Bord: 260 Crewmitglieder und 5.000 Kolonisten, allesamt für die 120 Jahre dauernde Reise in Kälteschlaf versetzt. 30 Jahre nach dem Start gibt es eine Fehlfunktion – und ein einzelner Passagier, der Mechaniker Jim Preston, wacht auf. 90 Jahre vor der geplanten Ankunft ist er damit völlig auf sich gestellt, was ihn vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und vor ein moralisches Dilemma…

Die Prämisse von „Passengers“ finde ich grandios – und der Film hält lange Zeit auch, was er verspricht. Heißt: Chris Pratt verkörpert den einsamen Passagier sehr stark. Der Schauspieler deckt dabei alle möglichen Zustände, von Angst und Verzweiflung über Wut bis hin zur Schicksalsergebenheit ausgesprochen realistisch ab. Man sieht direkt, wie sich der Geisteszustand von Jim Preston im Gleichschritt mit der immer verlotterteren Optik rapide verschlechtert. Dazu passend das Drehbuch, das die verzweifelten Versuche, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, intensiv in Szene setzt – und dabei auch auf eine ordentliche Prise Humor nicht vergisst. Randnotiz: Martin Sheen weiß als emotionsloser Androiden-Barkeeper ebenfalls zu gefallen, paradoxerweise gelingt es auch ihm, Gefühle beim Zuseher zu wecken. Das hat fast was von Brent Spiner in seiner Paraderolle als Data in „Star Trek: The Next Generation“, wenngleich natürlich nicht in dieser Perfektion, auch, weil er relativ wenig Screentime hat.

Dass ich mich soweit bestens unterhalten gefühlt habe, hat auch mit der tollen Ausstattung zu tun. Das Raumschiff sieht nicht nur schick aus, sondern ist so designt, dass man ein bemerkenswertes Gefühl für die Einsamkeit bekommt, die der Protagonist empfinden muss, während man gleichzeitig Gefühle von geradezu unendlicher Weite (das Schiff ist immerhin einen Kilometer lang) und Eingesperrt-sein erlebt. Gut gemacht sind auch die Effekte – allein die Auswirkungen auf den bordeigenen Swimming-Pool nachdem die künstliche Schwerkraft ausgefallen ist, ist ein Moment, für den sich das Ansehen lohnt.

Stellt große Fragen…

Leider biegt „Passengers“ in dem Moment falsch ab, als der einsame Astronaut die Eingebung hat, eine weitere Passagierin (gut gespielt von Jennifer Lawrence) aufzuwecken und damit zum gleichen Schicksal zu verdammen. Nicht falsch verstehen: Die Idee und die sich daraus ergebende moralische Frage – Darf er ihr das antun, nur um nicht an Einsamkeit zu sterben? – sind über jeden Zweifel erhaben. Leider ist es aber so, dass die dahinterstehende Moral ausgesprochen stiefmütterlich behandelt wird.

Doch damit nicht genug. Ab dem Zeitpunkt, als unser einsamer Held beschließt, seiner Reisegefährtin nicht zu erzählen, warum sie knapp 90 Jahre zu früh aufgewacht ist, ist klar, wie es weitergeht, weil es in jedem verdammten Liebesfilm genau so kommt: Sie lernen sich langsam kennen und lieben, sie kommt drauf, dass er ein Halunke ist, es gibt eine Katastrophe, sie versöhnen sich und lieben sich wieder bis ans Ende ihrer Tage. Hätte ich jetzt „Spoiler-Alarm“ schreiben sollen? Nun, ich sage nicht, dass der Film genau so abläuft – aber das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf geschossen sind, sobald Jennifer Lawrence die Augen aufgeschlagen hat.

…und beantwortet sie nicht.

Damit ist es endlich raus: „Passengers“ wird relativ bald von einer Robinsonade zu einer ganz klassischen, eher klischeehaften Romanze mit den üblichen Höhen und Tiefen. Das wäre schon grundsätzlich problematisch, hier ist es aber schlimmer, denn in der 1. Halbzeit (und im Trailer sowieso, was wohl die generell mittelprächtigen Wertungen des Films erklärt) wird ein völlig anderer Inhalt suggeriert. Ich habe ja weiter oben kurz über eine wichtige, moralische Frage sinniert – die stellt sich in „Passengers“ tatsächlich, sie wird dann aber dermaßen nebensächlich abgehandelt, dass man sie besser gleich gar nicht gestellt hätte. Die Konsequenz wäre letztlich die Gleiche gewesen, was mich dann doch sehr enttäuscht hat.

Was gibt’s sonst noch zu sagen? Naja, es gibt durchaus gute Action-Szenen, die allerdings sehr vorhersehbar verlaufen (allein die Rettung mittels Raumanzug… c’mon…). Ansonsten hätten wir noch ein Problem mit der Glaubwürdigkeit, das aus dem konsequenten Ignorieren der Frage „Darf man andere Passagiere aufwecken um sich zu retten?“ resultiert: Eine Liebhaberin weckt sich Jim Stenton auf – später, als er auch Zugang zur Crew hätte, kommt niemand auf die Idee, vielleicht den Ingenieur, den Schiffsarzt oder den Kapitän zu wecken? Mag sein, dass auch das aus moralischen Gründen nicht möglich war – dass diese Frage im Film aber nicht einmal diskutiert wird, ist symptomatisch für alles, was „Passengers“ an Konsequenz fehlt.

Damit bleibt mir nur zu konstatieren, dass der Film gute Ansätze in der Handlung hat, extrem gut aussieht und eine Zeit lang auf hohem Niveau unterhält. Was dann daraus wird, ist leider eine einzige Enttäuschung. Zumindest tut der Film aber niemandem weh und hat auch im weiteren Verlauf noch die eine oder andere gute Szene. Von daher gibt’s gerade noch 3 Punkte.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Passengers.
Regie:
Morten Tyldum
Drehbuch: John Spaihts
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne



FilmWelt: Pet

Nein, es geht hier nicht um die allseits unbeliebten Flaschen aus Plastik. „Pet“ ist Englisch und steht für „Haustier“. Ein solches kommt im Film allerdings nur am Rande vor, eigentlich geht es um ganz andere, sehr ernste Dinge.

Gesamteindruck: 3/7


(K)eine Liebesgeschichte.

Krankhafte Obsession und Stalking sind keine Phänomene, die erst mit unserer modernen Gesellschaft entstanden sind – allerdings haben derartige Verhaltensweisen dank Sozialer Medien, Smartphone & Co in jüngerer Zeit beängstigend an Dynamik gewonnen. Psychoterror und körperliche Übergriffe sind keine Seltenheit, sondern kommen in den Nachrichten leider fast schon täglich vor; nach der Dunkelziffer fragt man besser erst gar nicht. Dieser brisanten Thematik widmet sich „Pet“, ein Film des spanischen Regisseurs Carles Torrens.

Worum geht’s?
Der introvertierte Seth hätte zu gerne, dass sich die hübsche Holly für ihn interessiert. Als das auf normalem Wege nicht klappt, beginnt Seth, seine Traumfrau in den sozialen Medien und im wirklichen Leben zu stalken, um so vielleicht Zugang zu ihr zu finden. Als auch das nicht funktioniert und er sogar von Hollys Ex-Freund verprügelt wird, beschließt Seth, die blonde Schönheit zu ihrem Glück zu zwingen…

Falls es jemandem wie mir geht und er krampfhaft überlegt, wieso ihm der Schauspieler, der den Seth spielt, so bekannt vorkommt: Ja, es ist tatsächlich Dominic Monaghan, dem breiten Publikum vor allem als Merry aus der „Der Herr der Ringe“-Trilogie (2001 bis 2003) ein Begriff. Dessen Mimik ist ausgesprochen markant, dennoch musste ich erst einmal seine Filmografie nachschlagen, um Klarheit zu bekommen. Dass ich das getan habe, kommt nicht von ungefähr: „Pet“ fängt überaus stark an und punktet mit einer spannenden Story nebst ausgezeichneten Leistungen sowohl von Monaghan als auch seiner Kollegin Ksenia Solo. Letztendlich ist es aber tatsächlich britische Schauspieler, der hier voll und ganz überzeugt und die Grätsche zwischen sensiblem Tierpfleger und obsessivem Stalker geradezu perfekt schafft. Ich sage es rundheraus: Man kann es mit der Angst zu tun bekommen, wenn man beobachtet, wie methodisch Seth agiert und wie lebendig Monaghan diese Rolle spielt.

Fragwürdiger Twist.

Ich glaube, ich verrate nicht zu viel (und ein Blick auf das Filmposter macht es ohnehin klar): Letztlich landet das Stalking-Opfer in einem Käfig, wird also zu einer Art Haustier. Leider verflacht die anfangs so interessante und spannende Handlung ab diesem Zeitpunkt zusehends. Die Dialoge, die sich um Liebe, um Besitz und Besessenheit drehen, sind anstrengend, bemüht philosophisch – und führen letztlich nirgendwohin. Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, dass der Regisseur gar nicht so viel zu sagen hatte, wie das Thema eigentlich hergeben würde. Mein Eindruck war eher, dass er einen Rahmen für einen Twist zur Mitte und einen kleineren am Ende konstruieren musste – was so gesehen ein einigermaßen vernichtendes Urteil ist.

Auf den genannten Plot-Twist möchte ich noch etwas genauer eingehen: In Sachen Spannung hat mich der Regisseur an dieser Stellt zumindest kurzfristig wieder an Bord geholt – so richtig kann „Pet“ dieses neu gewonnene Momentum allerdings nicht ausnutzen. Zumindest fragwürdig ist aber ein anderer Aspekt dieser Schlüsselstelle: Sie ist einerseits zwar eine unerwartete und damit auch spannende Idee – andererseits torpediert sie die Intention, die dramatischen Folgen des oft immer noch als Kavaliersdelikt behandelten Stalkings zu thematisieren. Ich sage es rund heraus: Aus dramaturgischer Sicht mag es sinnvoll sein, das Opfer zu einem Täter zu machen, der Sache tut man damit aber keinen Gefallen, ganz im Gegenteil: Alles, was vorher an Mitgefühl für die ohne eigene Schuld in eine beängstigende und missliche Lage geratene Holly aufgebaut wurde, geht schlagartig verloren und wird durch ein Gefühl ersetzt, das verdächtig in Richtung „geschieht ihr recht“ geht. Mir persönlich gefällt das überhaupt nicht; habe ich vielleicht etwas zu viel in den Anfang des Films interpretiert und der Regisseur hatte gar nie die Intention, den Finger in eine offene Wunde unserer Gesellschaft zu legen? Ich weiß es nicht.

Handwerklich nicht immer top.

Vergleichsweise unbedeutend machen sich da ein paar handwerkliche Schwächen aus, die wohl aus dem ambivalenten Erzähltempo resultieren: Während der, ich nenne es mal so, „1. Akt“ von kühler, berechnender Methodik lebt, hat man im weiteren Verlauf das Gefühl, dass es entweder an Ideen oder der Ausarbeitung derselben gefehlt hat. Dadurch wirkt alles überhastet, oder, noch schlimmer: Unrealistisch und weit hergeholt. So fragt man sich z. B. ständig, wieso der Übeltäter nicht erwischt wird, wieso es keine Hausdurchsuchung gibt, wenn der Sicherheitsmann das Gebäude offenbar nie verlassen hat usw. Schade ist in dieser Hinsicht auch, dass die Polizeiermittlungen, die ein bisschen an „American Psycho“ (2000) erinnern, nur angerissen werden. Das war mir viel zu wenig und lässt im Vergleich zur ersten Hälfte des Films eindeutig an Realitätsnähe vermissen, ebenso die im Verlauf der Handlung zunehmend irrationalen Verhaltensweisen aller Figuren. Einige Gore-Effekte wirken fast, als hätte man dadurch versucht, mangelnden Inhalt zu kaschieren. Merkwürdig und unrealistisch, wenn auch nicht sonderlich überraschend, ist übrigens das Ende; nicht, dass das dann noch viel ausmachen würde.

Fazit: Anfangs durchaus unterhaltsam und hochspannend, verliert „Pet“ mit zunehmender Dauer massiv an Tiefe und zieht sich auf höchst fragwürdige Art aus der Affäre, um ein reales Problem unserer Gesellschaft nicht erschöpfend thematisieren zu müssen. Sehr schade, die schauspielerischen Leistungen und die Grundatmosphäre des Films wären ausgezeichnet gewesen – nur sie sorgen im Endeffekt für ganz knappe und mit ordentlich Bauchweh vergebene 3 Punkte.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Pet.
Regie:
Carles Torrens
Drehbuch: Jeremy Slater
Jahr: 2016
Land: USA, Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Essie Davis, Noah Wiseman, Hayley McElhinney, Barbara West, Daniel Hanshalt



FilmWelt: Der Babadook

Der „Schwarze Mann“ hat ja verschiedenste Gestalten und Gesichter und wurde auf ebenso vielfältige Weise in dutzenden, wahrscheinlich sogar hunderten Filmen verarbeitet. Als ich gelesen habe, worum es in „Der Babadook“ geht bzw. den Trailer gesehen habe, dachte ich zunächst an einen typischen Horrorfilm, der sich auf mehr oder weniger kreative Art diesem Schreckgespenst widmet. Stimmt auch, irgendwie – und doch ist der australischen Regisseurin Jennifer Kent, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, eine ziemlich eigenständige Variation des Themas gelungen.

Gesamteindruck: 6/7


Die Angst vorm Schwarzen Mann.

Mein Interesse war jedenfalls geweckt – einerseits, weil der Film eben nicht aus Hollywood kommt, sondern aus Australien, also einem Land, das hierzulande nicht unbedingt für klassischen Horror bekannt ist. Andererseits wird in „Der Babadook“ nicht eine Bande kreischender Teenies über die Leinwand gejagt, wie es beispielsweise im von mir unlängst kommentierten „Slender Man“-Debakel der Fall ist. Im Gegenteil, vorliegender Film portraitiert eine Mutter-Kind-Beziehung, in der das titelgebende Monster zum Nebendarsteller wird. Weniger unheimlich ist der Streifen deshalb aber mitnichten.

Worum geht’s?
Amelia Vanek ist verzweifelt: Die alleinerziehende Mutter ist mit ihrem hyperaktiven Sohn Samuel, der zu allem Überfluss unter ständigen Alpträumen und Angstzuständen leidet, überfordert. Entsprechend schwierig gestaltet sich das Zusammenleben der kleinen Familie. Eines Abends liest sie ihrem Sprössling aus einem Buch vor, das sie noch nie in ihrer Wohnung gesehen hat und in dem es um eine schaurige Gestalt namens Mister Babadook geht. Bald müssen Mutter und Sohn feststellen, dass der Schwarze Mann keine Erfindung ist…

Wie eingangs erwähnt: Hübsche Teenager werden in „Der Babadook“ nicht über den Bildschirm gehetzt. Das ändert allerdings wenig am Kreisch-Faktor, denn es geht vor allem anfangs darum, die Probleme, die die Mutter (grandios gespielt von Essie Davis) mit ihrem physisch und psychisch nicht sehr pflegeleichten Sohn (Noah Wiseman) hat, glaubhaft darzustellen. Heißt: Der Film tut alles dafür, die Nerven des Publikums ähnlich zu strapazieren, wie es die Figuren im Film erleben müssen. Als kinderloser Zuseher musste ich das erstmal verdauen; tatsächlich dachte ich zu Beginn noch an eine typisch-nervige Kinderrolle, die leider immer wieder ohne Sinn und Verstand in Filme eingebaut wird. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase musste ich allerdings zugeben, dass die Regisseurin es ausgezeichnet verstanden hat, eine problembehaftete Beziehung darzustellen: Man ist als Zuschauer hin- und hergerissen zwischen Gereiztheit, Wut und Mitleid mit dem launischen Sohnemann – und fühlt zwischendurch immer wieder sehr deutlich, wie sehr die Mutter ihren Jungen trotz allem liebt. Die ganze Bandbreite ist da und wird von Jennifer Kents Drehbuch und ihren beiden Hauptdarstellern bemerkenswert gut auf die Leinwand gebracht.

Hebt sich vom üblichen Horror ab.

Aber auch davon abgesehen ist „Der Babadook“ recht unkonventionell. Der Aufbau ist auffallend langsam und bedächtig. Dadurch, dass es nur zwei Hauptpersonen gibt, entfällt das altbekannte Schema, eine Figur nach der anderen zu eliminierten – zum Glück, denn zu diesem Thema ist ohnehin längst alles gesagt. Vorliegender Film ermöglicht hingegen eine tatsächliche Identifikation mit den Charakteren, man hat das Gefühl, sie und ihre Lebensumstände sehr gut kennenzulernen. Da spielt natürlich hinein, was ich weiter oben bereits zu den Figuren ausgeführt habe, das eher gemächliche Tempo tut sein übriges dazu. Genau habe ich es nicht gestoppt – aber gefühlsmäßig beginnt der Film eigentlich erst zur Halbzeit, tatsächlich unheimlich (im Sinne von „übersinnlich“) zu werden. Alles, was davor kommt, dient dem Aufbau von Charakteren und Atmosphäre.

Eine Sache, die ich auch nicht unerwähnt lassen möchte: Im Gegensatz zu den meisten anderen Horrorfilmen bekommt die Titelfigur hier keinen so großen Raum, wie man meinen möchte. Klar, wenn der Babadook sein Unwesen treibt, geht das nicht ganz ohne Jump-Scares ab. Dennoch ist der Schrecken, den dieser Film vermittelt, eher subkutan. Am Ende stellt man sich die Frage, ob der Babadook überhaupt ein Monster wie der Slender Man oder von mir aus auch Freddy Krueger ist. Plausibler scheint mir, dass die im Film kaum einmal zur Gänze sichtbare Figur ein Sinnbild für den sich rapide verschlechternden Geisteszustand der Protagonisten (vor allem natürlich der Mutter) ist. Das mag auch der Grund sein, wieso im Film nicht einmal ansatzweise erklärt wird, was der Babadook eigentlich ist; ähnlich gelagerte Streifen berufen sich dafür meist auf Legenden, erfinden diese oft auch selbst. Wo der Babadook herkommt, ist hingegen völlig unklar, was den Eindruck, er ist ein düsteres Symbolbild, verstärkt.

Nur kleine Abzüge.

Wirklich auszusetzen habe ich wenig. Nicht verhehlen möchte ich aber, dass ich mit dem Finale nicht ganz einverstanden bin – die allerletzte Szene führt meine Interpretation des Gesehenen ein wenig ad absurdum, suggeriert sie doch, es gäbe den Babadook tatsächlich in unserer realen Welt. Diesen Twist hätte ich nicht gebraucht, weil er dem Film am Ende ein wenig von seiner Botschaft zu rauben scheint. Zumindest habe ich diese Erzählung als eine Art Warnung interpretiert, was passieren kann, wenn allein erziehende Mütter von der Gesellschaft vollkommen im Stich gelassen werden. Ist das nicht der Fall und „Der Babadook“ war schlicht und einfach als Horrorfilm gedacht, kann man – so denke ich – über die etwas merkwürdige Auflösung eher hinweg sehen.

So oder so handelt es sich meiner Ansicht nach um einen guten Film, der spannend ist und sich erfrischend vom Horror-Einheitsbrei abhebt. Surreal ist „Der Babadook“, gleichzeitig ein einfühlsames und emotionales Portrait mit sehr interessanten Effekten und – das sei auch noch erwähnt – einer Technik und Kameraführung, die ihn deutlich von Hollywood-Produktionen unterscheidet. Mir hat’s jedenfalls gefallen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Babadook.
Regie:
Jennifer Kent
Drehbuch: Jennifer Kent
Jahr: 2014
Land: Australien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Essie Davis, Noah Wiseman, Hayley McElhinney, Barbara West, Daniel Hanshalt