FilmWelt: Gretel & Hänsel

Erzählt man Kindern heutzutage noch Märchen? Mangels Nachwuchs kann ich das nicht beurteilen, würde mich aber nicht wundern, man darauf verzichtet. Die Öffentlichkeit reagiert heute ohnehin deutlich sensibler auf derart düstere und brutale Geschichten, wie das klassische Märchen von „Hänsel & Gretel“ eben auch eine ist. Und das ist auch schon das Stichwort: Vorliegende Verfilmung richtet sich eindeutig an ein erwachsenes Publikum, Kindern sollte man definitiv nicht zeigen, was Regisseur Oz Perkins aus der Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 3/7


Ich rieche Menschenfleisch!

Der Stoff, aus dem die Märchen sind, hatte immer schon erschreckende Aspekte: Böse Hexen, entführte Kinder, Folter und Tod gehören standardmäßig zum Programm. Es sollte also alles für eine entsprechend furchteinflößende und/oder bizarre filmische Umsetzung angerichtet sein. Schade nur, dass – soviel sei vorab verraten – Anspruch und Wirklichkeit im Falle von „Gretel & Hänsel“ relativ weit auseinander klaffen.

Worum geht’s?
Gretel und ihr jüngerer Bruder Hänsel wachsen in einem Dorf auf, in dem bittere Armut zum Alltag gehört. Ihre Mutter verstößt sie schließlich, weil sie die Geschwister nicht mehr ernähren kann. Auf der Suche nach Arbeit und Nahrung wandern die beiden immer tiefer in den Wald, bis sie schließlich auf ein düsteres Haus stoßen, in dem sie durch ein Fenster einen reich gedeckten Tisch sehen. Der Hunger lässt sie aller Vorsicht vergessen und ins Haus schleichen – wo sie prompt von der Bewohnerin, einer echten Hexe, erwischt werden…

Moment, „Gretel & Hänsel“? Nein, das ist kein Schreibfehler, Regisseur Oz Perkins hat die Namen tatsächlich umgedreht. Entsprechend ist es die ältere Schwester, die in dieser Verfilmung die Hauptrolle spielt – gemeinsam übrigens mit der Hexe. Hänsel wird zum Nebendarsteller degradiert und seine Rolle beschränkt sich im Wesentlichen darauf, von Gretel beschützt bzw. von der Hexe in ihren Bann geschlagen zu werden. Ein interessanter Ansatz, der dem klassischen Märchen einen anderen, deutlich moderneren Anstrich verpasst. Ob und wie sich das alles als eine Art feministische Befreiungsgeschichte lesen lässt, wage ich nicht abschließend zu beurteilen, mir scheint jedoch, dass der Film und speziell auch dessen Ende, in diese Richtung zeigt. Dagegen ist absolut nichts zu sagen, im Gegenteil: Es ist erfrischend zu sehen, wie man einer so traditionellen Geschichte neue Bedeutung geben kann.

Atmosphärisch top.

„Gretel & Hänsel“ ist ein Film, der aber vor allem abseits der ungewöhnlichen Herangehensweise an die Story zu beeindrucken weiß. Zuallererst wäre die eigentümliche, durchgehend düster und bedrohlich wirkende Atmosphäre zu nennen. Zu verdanken ist das einerseits dem höchst passenden Soundtrack, der die Stimmung fast schon beängstigend gut unterstreicht; vor allem aber sind es die Bilder, die eine ganz eigene Ästhetik versprühen. Es ist gar nicht so leicht zu erklären: Eigentlich wirkt z. B. der Wald, in dem sich die Geschwister verirren, wunderschön. Die Kamera fängt ihn so ein, wie man sich einen Wald eben vorstellt – und doch ist in jeder einzelnen Szene eine diffuse Bedrohung spürbar. So wie in „Gretel & Hänsel“ gelingt es meines Erachtens nur in ganz wenigen Filmen, allein durch Bild und Ton eine unterschwellige und Gefahr auszudrücken. Und das wohlgemerkt ohne viel Action, Jump-Scares und Blut. Auch wenn die Ästhetik eine völlig andere ist, hat das ein bisschen was von „Blair Witch Project“ (1999); und auch an „The Witch“ (2015) musste ich ein- oder zweimal denken.

Ein weiterer Pluspunkt sind die Schauspieler. Im Wesentlichen gibt es drei Personen, die den Film tragen – und alle drei machen ihre Sache sehr gut. Speziell Alice Krige möchte ich hervorheben, ihre Darstellung der Hexe ist – und das meine ich positiv – hintergründig-bizarr. Sie verpasst ihrer Figur eine für den Zuseher sehr bedrohlich wirkende Aura. Das wäre schon aller Ehren wert, noch interessanter ist aber, dass man trotz aller Vorbehalte ständig (fast unterschwellig) die Anziehungskraft, die sie auf Gretel ausübt, spüren und nachvollziehen kann. Eine nachgerade paradoxe Situation, die nochmal untermauert, wie stark Alice Krige im Zusammenspiel mit Sophia Lillis hier agiert.

Inhaltlich mau.

Leider kann der Inhalt nicht mit der bestechenden Optik, dem tollen Sound und der ansprechenden Darstellung mithalten. Es ist, als hätte sich der Regisseur damit verausgabt, möglichst starke Bilder zu produzieren und dabei auf die Handlung vergessen. Und so mäandert „Gretel & Hänsel“ vor sich hin, reiht schöne Naturaufnahmen und kammerspielartige Szenen in düsteren Räumen aneinander – und ergeht sich zwischendurch in nichtssagenden und langwierigen Dialogen. Philosophisch? Mag sein, aber auch ziemlich langweilig, wenn ich ehrlich bin.

Und die Handlung abseits der guten Idee, das Märchen auf andere Art und Weise zu erzählen? Leider bleibt sie weit hinter dem zurück, was man sich nach dem Trailer oder dem Lesen der Inhaltsangabe erwartet und erhofft. Der Film ist sehr ruhig, was in Ordnung wäre – wenn er denn irgendwo hin führen würde. Ein Höhepunkt fehlt jedoch, sodass man nach 90 Minuten das Gefühl hat, viel länger vor dem Fernseher gesessen zu sein. Das ist irrsinnig schade – zeigt aber letztlich, dass es an guten Ideen gefehlt hat. Nein, das stimmt nicht: Die Ideen waren da, aber offenbar niemand, der sie zu Ende gedacht und entsprechend ausgearbeitet hat.

Fazit: „Gretel & Hänsel“ ist vor allem eines: Verschwendetes Potenzial. Vielleicht wollte ich den Film auch einfach zu gerne mögen, was die Enttäuschung meist umso bitterer macht? Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass ich am Ende unzufriedener war, als ich mir zunächst eingestehen wollte. Damit kann es trotz einer Ästhetik, die ich so in letzter Zeit sehr selten gesehen habe, nur für eine unterdurchschnittliche Wertung reichen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Gretel & Hansel.
Regie:
Oz Perkins
Drehbuch: Rob Hayes
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sophia Lillis, Sammy Leakey, Alice Krige, Jessica de Gouw, Fiona O’Shaugnessy



2 Gedanken zu “FilmWelt: Gretel & Hänsel

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.
  2. Pingback: FilmWelt: I Am the Pretty Thing That Lives in the House | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.