FilmWelt: Pet

Nein, es geht hier nicht um die allseits unbeliebten Flaschen aus Plastik. „Pet“ ist Englisch und steht für „Haustier“. Ein solches kommt im Film allerdings nur am Rande vor, eigentlich geht es um ganz andere, sehr ernste Dinge.

Gesamteindruck: 3/7


(K)eine Liebesgeschichte.

Krankhafte Obsession und Stalking sind keine Phänomene, die erst mit unserer modernen Gesellschaft entstanden sind – allerdings haben derartige Verhaltensweisen dank Sozialer Medien, Smartphone & Co in jüngerer Zeit beängstigend an Dynamik gewonnen. Psychoterror und körperliche Übergriffe sind keine Seltenheit, sondern kommen in den Nachrichten leider fast schon täglich vor; nach der Dunkelziffer fragt man besser erst gar nicht. Dieser brisanten Thematik widmet sich „Pet“, ein Film des spanischen Regisseurs Carles Torrens.

Worum geht’s?
Der introvertierte Seth hätte zu gerne, dass sich die hübsche Holly für ihn interessiert. Als das auf normalem Wege nicht klappt, beginnt Seth, seine Traumfrau in den sozialen Medien und im wirklichen Leben zu stalken, um so vielleicht Zugang zu ihr zu finden. Als auch das nicht funktioniert und er sogar von Hollys Ex-Freund verprügelt wird, beschließt Seth, die blonde Schönheit zu ihrem Glück zu zwingen…

Falls es jemandem wie mir geht und er krampfhaft überlegt, wieso ihm der Schauspieler, der den Seth spielt, so bekannt vorkommt: Ja, es ist tatsächlich Dominic Monaghan, dem breiten Publikum vor allem als Merry aus der „Der Herr der Ringe“-Trilogie (2001 bis 2003) ein Begriff. Dessen Mimik ist ausgesprochen markant, dennoch musste ich erst einmal seine Filmografie nachschlagen, um Klarheit zu bekommen. Dass ich das getan habe, kommt nicht von ungefähr: „Pet“ fängt überaus stark an und punktet mit einer spannenden Story nebst ausgezeichneten Leistungen sowohl von Monaghan als auch seiner Kollegin Ksenia Solo. Letztendlich ist es aber tatsächlich britische Schauspieler, der hier voll und ganz überzeugt und die Grätsche zwischen sensiblem Tierpfleger und obsessivem Stalker geradezu perfekt schafft. Ich sage es rundheraus: Man kann es mit der Angst zu tun bekommen, wenn man beobachtet, wie methodisch Seth agiert und wie lebendig Monaghan diese Rolle spielt.

Fragwürdiger Twist.

Ich glaube, ich verrate nicht zu viel (und ein Blick auf das Filmposter macht es ohnehin klar): Letztlich landet das Stalking-Opfer in einem Käfig, wird also zu einer Art Haustier. Leider verflacht die anfangs so interessante und spannende Handlung ab diesem Zeitpunkt zusehends. Die Dialoge, die sich um Liebe, um Besitz und Besessenheit drehen, sind anstrengend, bemüht philosophisch – und führen letztlich nirgendwohin. Im Nachhinein hatte ich das Gefühl, dass der Regisseur gar nicht so viel zu sagen hatte, wie das Thema eigentlich hergeben würde. Mein Eindruck war eher, dass er einen Rahmen für einen Twist zur Mitte und einen kleineren am Ende konstruieren musste – was so gesehen ein einigermaßen vernichtendes Urteil ist.

Auf den genannten Plot-Twist möchte ich noch etwas genauer eingehen: In Sachen Spannung hat mich der Regisseur an dieser Stellt zumindest kurzfristig wieder an Bord geholt – so richtig kann „Pet“ dieses neu gewonnene Momentum allerdings nicht ausnutzen. Zumindest fragwürdig ist aber ein anderer Aspekt dieser Schlüsselstelle: Sie ist einerseits zwar eine unerwartete und damit auch spannende Idee – andererseits torpediert sie die Intention, die dramatischen Folgen des oft immer noch als Kavaliersdelikt behandelten Stalkings zu thematisieren. Ich sage es rund heraus: Aus dramaturgischer Sicht mag es sinnvoll sein, das Opfer zu einem Täter zu machen, der Sache tut man damit aber keinen Gefallen, ganz im Gegenteil: Alles, was vorher an Mitgefühl für die ohne eigene Schuld in eine beängstigende und missliche Lage geratene Holly aufgebaut wurde, geht schlagartig verloren und wird durch ein Gefühl ersetzt, das verdächtig in Richtung „geschieht ihr recht“ geht. Mir persönlich gefällt das überhaupt nicht; habe ich vielleicht etwas zu viel in den Anfang des Films interpretiert und der Regisseur hatte gar nie die Intention, den Finger in eine offene Wunde unserer Gesellschaft zu legen? Ich weiß es nicht.

Handwerklich nicht immer top.

Vergleichsweise unbedeutend machen sich da ein paar handwerkliche Schwächen aus, die wohl aus dem ambivalenten Erzähltempo resultieren: Während der, ich nenne es mal so, „1. Akt“ von kühler, berechnender Methodik lebt, hat man im weiteren Verlauf das Gefühl, dass es entweder an Ideen oder der Ausarbeitung derselben gefehlt hat. Dadurch wirkt alles überhastet, oder, noch schlimmer: Unrealistisch und weit hergeholt. So fragt man sich z. B. ständig, wieso der Übeltäter nicht erwischt wird, wieso es keine Hausdurchsuchung gibt, wenn der Sicherheitsmann das Gebäude offenbar nie verlassen hat usw. Schade ist in dieser Hinsicht auch, dass die Polizeiermittlungen, die ein bisschen an „American Psycho“ (2000) erinnern, nur angerissen werden. Das war mir viel zu wenig und lässt im Vergleich zur ersten Hälfte des Films eindeutig an Realitätsnähe vermissen, ebenso die im Verlauf der Handlung zunehmend irrationalen Verhaltensweisen aller Figuren. Einige Gore-Effekte wirken fast, als hätte man dadurch versucht, mangelnden Inhalt zu kaschieren. Merkwürdig und unrealistisch, wenn auch nicht sonderlich überraschend, ist übrigens das Ende; nicht, dass das dann noch viel ausmachen würde.

Fazit: Anfangs durchaus unterhaltsam und hochspannend, verliert „Pet“ mit zunehmender Dauer massiv an Tiefe und zieht sich auf höchst fragwürdige Art aus der Affäre, um ein reales Problem unserer Gesellschaft nicht erschöpfend thematisieren zu müssen. Sehr schade, die schauspielerischen Leistungen und die Grundatmosphäre des Films wären ausgezeichnet gewesen – nur sie sorgen im Endeffekt für ganz knappe und mit ordentlich Bauchweh vergebene 3 Punkte.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Pet.
Regie:
Carles Torrens
Drehbuch: Jeremy Slater
Jahr: 2016
Land: USA, Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Essie Davis, Noah Wiseman, Hayley McElhinney, Barbara West, Daniel Hanshalt