FilmWelt: Der Schacht

„Der Schacht“, erstmals 2019 vorgestellt, war wohl einer der Filme, von denen im Seuchenjahr 2020 am meisten gesprochen wurde. Zu Recht, wie ich finde, wobei man schon eine gewisse Vorliebe für einigermaßen bizarr vorgebrachte Kritik am Kapitalismus mitbringen sollte….

Gesamteindruck: 6/7


Verteilungsungerechtigkeit.

Interessant: Im spanischen (!) Original heißt vorliegender Film „El Hoyo“, was soviel wie „Grube“ oder „Loch“ bedeutet und damit ungefähr der deutschen Übersetzung des Titels entspricht. Auf Englisch hat man sich hingegen für „The Platform“ entschieden, was ebenfalls sehr gut zum Inhalt passt, obwohl es ein völlig anderes, ebenfalls zentrales Element des Films beschreibt. Jene Plattform ist übrigens auch am Filmposter zu sehen, so gesehen ist der internationale Titel sogar noch eine Spur konsistenter – was aber nicht unbedingt „besser“ bedeutet. Was das mit der Qualität des Films zu tun hat? Nichts, ich fand es einfach eine Erwähnung wert 😉

Worum geht’s?
„Der Schacht“, offiziell „Vertikales Zentrum für Selbstverwaltung“ genannt, besteht aus einer Reihe von exakt über- und untereinander liegenden, völlig identischen Zellen, in denen sich jeweils zwei Insassen befinden. Die Decke bzw. der Boden sind in der Mitte offen und eine Plattform bringt täglich eine reiche Auswahl an erlesenen Speisen von oben nach unten. Nur kurz haben die Insassen Zeit, sich daran gütlich zu tun, dann ist die Etage darunter dran. Wozu das alles dient, weiß niemand so genau. Auch Goreng, der sich freiwillig für seinen Aufenthalt gemeldet hat, kann nichts über den Sinn und Zweck des Ganzen sagen. Bald muss er jedoch feststellen, dass die sechs Monate, die er am Experiment teilnehmen sollte, schwer zu überstehen sein werden…

Im ersten Moment scheint die Idee, die hinter diesem Werk des Regisseurs Galder Gaztelu-Urrutia steckt, völlig abstrakt und wahnwitzig zu sein. Klar, die minimalistische Umgebung, in der der Spanier seine wenigen Schauspieler agieren lässt, die gesamte Ausstattung sowie die anfangs sehr bizarr anmutende Story deuten zuallererst auf eine Art dystopischen Horrorfilm hin. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber schnell, dass sich der Filmemacher einer sehr klaren Symbolik bedient, die nicht sonderlich komplex ist: „Der Schacht“ ist nicht mehr und nicht weniger als Kapitalismus in Reinkultur. Das bedeutet: Die, die ganz oben sind, haben alles im Überfluss, jede Ebene darunter muss mit dem Vorlieb nehmen, was von denen darüber übrig gelassen wird. Wohin das führt, ist klar – wer weit unten ist, stirbt, weil niemals genug bei ihm ankommt.

Die menschliche Natur.

Und noch zwei Mechanismen, die wir aus der wirklichen Welt nur allzu gut kennen, gibt es: Eigentlich würde das Essen, das den Schacht Tag für Tag durchquert, für alle Insassen reichen. Nur müssten die sich dazu überwinden, zusammenzuarbeiten, also von der ersten bis zur letzten Etage alles einzuteilen. Versuche dazu sind – in der Realität wie im Film – zwar da, scheitern aber kläglich an der menschlichen Gier.

Noch interessanter ist der zweite Aspekt: Die Bewohner bleiben jeweils nur einen gewissen Zeitraum auf ihrer Ebene, dann wird durchgemischt. Dafür gibt es in unserer Welt ebenfalls eine Entsprechung, die die meisten Menschen allerdings eher selten trifft, die aber dennoch wie ein Damoklesschwert über jedem von uns hängt: Der Verlust des sozialen und wirtschaftlichen Status. Hier zeigt sich dann schnell, dass es leicht ist, sich moralisch überlegen zu fühlen, wenn man ganz oben ist. Wer hingegen tief im Schacht ums Überleben kämpfen muss, legt solche Vorstellungen ganz schnell ad acta. Mindestens genauso schlimm: Wer vorher unten war und sich dann auf einer höheren Etage wiederfindet, ist überhaupt nicht mehr bereit, auf etwas zu verzichten – obwohl oder gerade weil er genau weiß, was passiert, wenn man unten ist. All das ist sehr unangenehm beim Ansehen, weil man sich sofort fragt, wie man selbst handeln würde – und die Antwort, die man sich nicht laut zu geben wagt, dürfte bei den meisten von uns ziemlich eindeutig ausfallen.

Kammerspiel mit schwachem Finale.

„Der Schacht“ kommt mit wenigen Schauspielern aus, die ihre Sache aber gut machen. Hervorzuheben ist – natürlich – Hauptdarsteller Iván Massagué, der seine Rolle so sehr verinnerlicht hat, dass man sich fragt, wie man den Schauspieler überhaupt dazu gebracht hat, sich so zu erniedrigen, wie es im Film teilweise vorkommt. Ja, man weiß mit etwas Abstand natürlich, dass das in Wirklichkeit viel mit Schminke und Effekten zu tun hat, und doch ist es eine nicht zu unterschätzende Leistung, wenn man das während des Films mehrfach vergisst.

Der Regisseur präsentiert uns dieses Kammerspiel in dystopischen Bildern, irgendwo zwischen „Cube“ (1997) und „Das große Fressen“ (1973). Der minimalistische Look der Zellen steht dabei im krassen Kontrast zum auf Ebene 0 in Perfektion zubereiteten Essen, von dem unten freilich nur mehr Reste ankommen, bei deren Anblick dem zartbesaiteten Zuschauer schon mal übel werden kann. Und auch hier legt Gaztelu-Urrutia den Finger in die Wunde: Anfangs ist sich die Hauptfigur noch zu fein, die traurigen Überreste, die von oben kommen, überhaupt anzufassen – nach kurzer Zeit treibt ihn der Hunger dann aber doch dazu und jeder nicht vollständig abgenagte Knochen wird zum Festmahl.

Einen Kritikpunkt möchte ich nicht unerwähnt lassen: Das letzte Viertel des Films passt nicht so recht zum Rest. Die vorher trotz aller Ekeleffekte sehr klug gestellten Fragen nach Moral und Ethik weichen einer langwierigen und blutigen Action-Sequenz, die ich so nicht gebraucht hätte. Ja, sie zeigt zwar mit aller Eindringlichkeit die Brutalität des Systems – das hat der Film aber durchaus auch vorher schon gemacht. Es ist fast, als hätte der Regisseur plötzlich gedacht, alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt erzählt hat, wäre nicht eindringlich genug gewesen. Dabei war eigentlich genau das die Stärke der ersten drei Viertel des Films: Niemand lief mit einer Waffe durch die Gegend – und doch war jener Teil vor allem auf geistiger Ebene deutlich härter und grausamer.

Unbequem, unangenehm – und gut.

Alles in allem ist „Der Schacht“ unter seiner dystopischen und überzeichneten Oberfläche ein ausgesprochen unbequemer und unangenehmer Film. Er legt den Finger direkt in eine offene Wunde unserer eigenen Gesellschaft; mehr noch, der ganzen Welt. Und das ist nicht schön für uns, die wir zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten gehören. Von daher: Mission erfüllt, falls es die Intention war, uns hier einen schrecklichen Spiegel vorzuhalten bzw. die Konsequenz unseres Tuns, die normalerweise so weit weg sind, für uns sichtbar zu machen.

Und weil mir die eher nebensächliche Rahmenhandlung, die schauspielerischen Leistungen und die Ausstattung sehr gut gefallen haben, gibt’s für „Der Schacht“ auch eine sehr gute Wertung. Für die Höchstnote reicht es knapp nicht, weil ich das letzte Viertel des Films nicht ignorieren konnte. Da wird’s dann leider ein bisschen inkonsequent, was einerseits nicht zum Rest passen will, andererseits wie ein Ausweichen vor den selbst gestellten Fragen wirkt. Dennoch: Volle Empfehlung für „Der Schacht“.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: El Hoyo.
Regie:
Galder Gaztelu-Urrutia
Drehbuch: David Desola, Pedro Rivero
Jahr: 2019
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Iván Massagué, Antonio San Juan, Zorion Eguileor, Emilio Buale, Alexandra Masangkay