FilmWelt: Die Nacht der lebenden Toten

„Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) taucht regelmäßig in Listen mit wichtigen und bahnbrechenden Klassikern auf. Aus heutiger Sicht ist das zumindest bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht mehr so einfach nachzuvollziehen – 1968 war es hingegen eine völlig neue Art von Horror, den Regisseur George A. Romero in einer Nachmittagsvorstellung (!) auf das nichtsahnende Publikum losließ. Und ja, der Film mag seine Schwächen haben; seiner Wirkung kann man sich dennoch bis heute schwer entziehen, wenn man auch nur ein bisschen was am Horror-Genre findet.

Gesamteindruck: 6/7


Das Zeitalter der Zombies beginnt.

Mir ist nicht ganz klar, wie Untote vor „Die Nacht der lebenden Toten“ im Film dargestellt wurden. Natürlich gab es Graf Dracula (1931 erstmals im Film zu sehen) – George Romero schuf jedoch, so heißt es, eine neue Form von Kreatur: Seine lebenden Toten haben nichts mit der romantischen Vorstellung des transylvanischen Adeligen zu tun, der sich seine Manieren und seine Intelligenz über den Tod hinaus bewahren konnte. Eines haben sie aber mit dem blutdürstigen Grafen gemeinsam: Sie sollten in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in zahllosen Inkarnationen, mal mehr, mal weniger originell die Leinwände und Fernsehschirme dieser Welt erobern.

Worum geht’s?
Als die Geschwister Barbra und Johnny das Grab ihres Vaters besuchen, werden sie ohne Grund von einem Mann angegriffen, der sich äußerst merkwürdig benimmt und aussieht. Während Johnny zu Boden geworfen wird, kann sich Barbra in einem nahegelegenen Haus verstecken. Dort trifft sie – völlig unter Schock – bald auf weitere Flüchtlinge, die sich gemeinsam verschanzen und bald von höchst unheimlichen Gestalten belagert werden…

Die ersten Minuten von „Die Nacht der lebenden Toten“ benötigt der moderne Zuschauer, sich halbwegs in einen Film einzugewöhnen, der kaum aktuellen Sehgewohnheiten entspricht. Das beginnt bei der Darstellung in schwarz/weiß, setzt sich über die ungewohnte Kameraführung fort und reicht über die seltsam anmutende Synchronisation bis hin zum teilweise eher hölzernen Auftreten der Schauspieler. Ob und wie große Probleme man damit hat, hängt freilich von der individuellen Offenheit gegenüber historischem Material ab. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich spätestens nach 20 Minuten so hineingekippt bin, dass mir das hohe Alter des Streifens sowie sein geringes Budget kaum noch aufgefallen sind.

Weil es gut passt, sei an dieser Stelle direkt angemerkt, dass die fehlenden Geldmittel so gut wie keine Auswirkungen auf Spannung, Dialoge und Drehbuch haben. Sie zeigen sich meines Erachtens vorwiegend an der Technik; besonders auffällig: Schwankungen im Ton, teilweise auch komplett fehlende Geräusche – ob das eventuell nur in der deutschen Fassung so ist, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Synchronisation ist übrigens nicht optimal, die Sprecher klingen zumindest teilweise nicht so professionell, wie man sich das wünschen würde. Ansonsten sind in Sachen Professionalität und/oder Budget noch die dilettantische Choreografie der Kämpfe (so deutlich erkennbar haut nicht mal Bud Spencer daneben) und der für mein Gefühl stark ausbaufähige und viel zu abrupte Schnitt zu erwähnen.

Unerwartet intensiv.

Positiv überrascht war ich hingegen von der Intensität und der düsteren Atmosphäre. Drei Hauptgründe, die zeigen, dass das auch mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln zu bewerkstelligen ist, möchte ich näher ausführen. Erstens – und vielleicht am wichtigsten – ist „Die Nacht der lebenden Toten“ mit hervorragender Filmmusik gesegnet. Der Soundtrack (ob es diesen Begriff Ende der 1960er schon im heutigen Sinne gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis) sorgt in einem Ausmaß für (düstere) Stimmung, das man auch in modernen Filmen eher selten serviert bekommt. Eine Vermutung meinerseits: Die praktisch durchgängige akustische Untermalung kommt eventuell gerade wegen der oben genannten Schwächen im allgemeinen Ton dermaßen gut zur Geltung.

Der zweite Grund ist die unerwartet trostlose Gesamtstimmung, die „Die Nacht der lebenden Toten“ trotz ab und an naiv anmutender Bilder zu einem relativ harten Film macht. Letztlich gibt es keine Szene, in der man auch nur den Ansatz von Humor durchschimmern sieht, wodurch jeder Gedanke an unfreiwillige Komik, der durch den einen oder anderen technischen Mangel aufkommen könnte, schnell ad acta gelegt wird. Ich selbst musste lediglich aufgrund der Synchronisation ab und an schmunzeln, würde aber vermuten, dass dieser „Spaß“, so man es überhaupt so nennen will, dem englischsprachigen Original vollkommen abgeht. Dazu passt auch, dass die Figuren in „Die Nacht der lebenden Toten“ keine todesmutigen Helden sind. Sie sind auch nicht direkt gut oder böse, sondern irgendwo dazwischen, wirken wie ganz normale Menschen, haben untereinander auch Konflikte. Kurz: Romero nimmt hier einiges vorweg, das die ganze Welt Jahrzehnte später an „The Walking Dead“ feiern sollte – und das zum Teil sogar noch realistischer. Übrigens hat der Film auch kein Happy End, ganz im Gegenteil: Er endet auf eine Weise tragisch, die mich fast schon fassungslos zurückgelassen hat. Hätte ich so nicht erwartet!

Der dritte Punkt, den ich in Sachen Intensität erwähnt haben will: Ich habe mich oben ein wenig über die billig wirkende Technik beschwert, möchte da jedoch die Kameraarbeit klar ausnehmen; die ist zwar ein bisschen ungewohnt, aber dennoch sehr gut gelungen. Gleiches gilt für die meisten Effekte, die ebenfalls zu gefallen wissen. Weniger mit Filmtechnik, wohl aber mit den Fertigkeiten des Regisseurs hat ein anderer Punkt zu tun: Das Gefühl des Realismus, das durch die regelmäßige Einbindung von Nachrichtenschnipseln geschaffen wird. Ich wusste gar nicht, dass diese Technik schon so früh in der Filmgeschichte zum Einsatz kam – Romero macht das jedenfalls perfekt, was sein Langfilm-Debüt nochmal besser macht.

Fazit: Wer sich von den genannten Punkten angesprochen fühlt und über die angeführten Schwächen hinwegsehen kann, erlebt mit „Die Nacht der lebenden Toten“ einen unerwartet düsteren und zu seiner Zeit wohl auch ausgesprochen harten Film. Letzteres heißt, dass man durchaus explizite Gewalt, inklusive Blut und Eingeweiden zu sehen bekommt, außerdem hier und da recht viel nackte Haut. Kein Wunder also, dass der Film von Anfang an skandalumwittert war, was sicher auch einen Teil seines späteren Ruhmes ausmacht. Dennoch sollte man das, was George Romero geschaffen hat, nicht nur auf den bis dahin kaum gekannten Horror-Faktor reduzieren – „Die Nacht der lebenden Toten“ ist schlicht und einfach ein gut gemachter Film ohne ganz große Schwächen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Night of the Living Dead.
Regie:
George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero, John A. Russo
Jahr: 1968
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Duane Jones, Judith O’Dea, Karl Hardman, Marilyn Eastman, Russell Streiner, Kyra Schon



Ein Gedanke zu “FilmWelt: Die Nacht der lebenden Toten

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