FilmWelt: The Visit

Schon merkwürdig: Wenn man den Wikipedia-Eintrag und die eine oder andere Rezension zu „The Visit“ (2015) liest, könnte man meinen, dass man es hier mit einem kleinen Meisterwerk zu tun hat. Und nicht nur das, es ist auch immer wieder vom Humor des Films die Rede, teilweise wird das Genre neben „Horror“ gar mit „Komödie“ angegeben. Mich lassen diese Zuschreibungen ehrlich gesagt etwas ratlos zurück.

Gesamteindruck: 4/7


Besuch (bei) der alten Dame.

„The Visit“ ist das Baby von M. Night Shyalaman, der nicht nur für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, sondern das Budget (angeblich um die 5 Millionen Dollar) aus eigener Tasche finanziert hat. Der Film gilt gemeinhin als eine Art Comeback des US-Regisseurs, der 1999 mit „The Sixth Sense“ einen Überraschungserfolg gefeiert hatte, an den er in den folgenden Jahren nicht mehr anknüpfen konnte.

Worum geht’s?
Die 15-jährige Rebecca und ihr 13-jähriger Bruder Tyler kennen ihre Großeltern nicht. Ihre alleinerziehende Mutter hatte den Kontakt noch vor der Geburt der Geschwister abgebrochen. Doch nun wollen die beiden eine Woche mit ihren Großeltern verbringen, um der Mutter ein wenig Zweisamkeit mit ihrem neuen Freund zu gönnen. Zwei Kameras sind im Gepäck, um dieses wichtige Ereignis dokumentarisch festzuhalten. Zunächst geht auch alles glatt – doch bald stellen die Kinder fest, dass die Großeltern offenbar dunkle Geheimnisse verbergen

Dass ich in der Inhaltsangabe die Kameras erwähnt habe, kommt nicht von ungefähr: „The Visit“ ist durchgehend im Mockumentary-Stil gedreht, der Zuschauer verfolgt das Geschehen also aus der Perspektive der Protagonisten. An dieser Stelle bekommt der gelernte „Blair Witch Project“-Fan häufig Bauchschmerzen, zu gekünstelt wirkt diese Erzählform häufig. Glücklicherweise verstehen es Regisseur und Darsteller in diesem Fall, die Kameras wie einen normalen Teil der Kulisse wirken zu lassen. Dabei wird glücklicherweise nicht so getan, als wären die Kameras nicht da (eine Falle in die der eine oder andere Found Footage-Film schon mal tappt); sie sind vielmehr Mittel zum Zweck und dienen, eben durch ihre auffällig-unauffällige Präsenz auf ganz spezielle Weise der Charakterisierung einzelner Figuren. Unglaubwürdige „Ausreden“ für das ständige Filmen werden in „The Visit“ jedenfalls nicht gesucht, was ich dem Regisseur hoch anrechne. Im Übrigen hat mich der Stil tatsächlich überrascht, im Trailer war das gar nicht so offensichtlich zu erkennen. Zum Glück ist die Umsetzung gut geworden, das hätte auch leicht nach hinten losgehen können.

Noch ein Wort zu den Darstellern: Die mir persönlich völlig unbekannten Mimen machen ihre Sache gut – was im Rahmen einer Mockumentary nicht selbstverständlich ist, zu sehr unterscheidet sich das Agieren in einem solchen Film von dem, was auf Schauspielschulen gelehrt wird. Die Figuren in „The Visit“ wirken jedenfalls wie normale Menschen, die etwas unbeholfen vor einer Kamera agieren – und nicht wie Schauspieler, die eben solche Normalos spielen. Speziell Olivia DeJonge (Rebecca) möchte ich hier hervorheben. Mir gefällt es ausgezeichnet, wie die junge Darstellerin ihrer Figur Leben und Tiefe verleiht. Interessanterweise nervt es auch nicht, dass die zwei Helden sehr jung sind. Das hat man definitiv schon anders erlebt – lediglich mit den Rap-Ambitionen von Tyler (insgesamt stark gespielt von Ed Oxenboluld) bin ich überhaupt nicht warm geworden.

Vermurkstes Finale.

Nach so viel Lob fragt man sich zurecht, was ich überhaupt an „The Visit“ auszusetzen habe – immerhin ist der Film handwerklich gut gemacht und stark gespielt. Leider gleicht das andere Schwächen, die sich Shyalaman erlaubt, nicht aus. So bleibt die Spannung zwar fast die gesamte Laufzeit über auf zumindest akzeptablen Niveau und sogar der Aha-Moment kurz vor Schluss geht in Ordnung. Im eigentlichen Finale ist aus meiner Sicht die Luft dann jedoch so sehr raus, dass damit das Potenzial, das „The Visit“ die ganze Zeit über andeutet, verpufft. Überhaupt ist die Story, die der Regisseur und Drehbuchautor erzählt, relativ konventionell. Sie lebt vor allem von der speziellen Perspektive und dem einen oder anderen Jumpscare Hat man sich daran sattgesehen, muss man konstatieren, dass sich „The Visit“ zeitenweise ganz schön hinzieht.

Was ich, wie eingangs erwähnt, nicht nachvollziehen kann, sind Aussagen, die „The Visit“ einen deutlichen (!) Hang zur Komödie bescheinigen. Ich musste ehrlich gesagt zu keinem Zeitpunkt richtig loslachen. Es gibt ein paar Szenen, in denen man ein wenig schmunzelt, aber das reicht mir persönlich nicht, um den Film in die Schublade „Horrorkomödie“ zu stecken. Oder verstehe ich den Humor einfach nicht bzw. habe ich alles, was ich gesehen habe, zu ernst genommen? Aber selbst wenn dem so ist, zeigt das meiner Ansicht nach nur, dass „The Visit“ als Komödie nicht funktioniert, falls der Film überhaupt jemals als solche gedacht war; daher sage ich es nochmal in aller Deutlichkeit: Für mich ist vorliegender Streifen ein ganz klassischer Horrorfilm, der definitiv unterhält, jedoch auf keinen Fall eine Komödie ist.

Fazit: Wie in der Einleitung dieser Rezension angedeutet, verstehe ich nicht so richtig, wieso einige zeitgenössische Kritiker dermaßen überschwänglich auf „The Visit“ reagiert haben. Kann es sein, dass man dafür die Filmografie und/oder den persönlichen Werdegang von Shyalaman besser kennen muss, als ich es tue? Wenn dem so ist: Schade, aber ich bin der Meinung, dass ein guter Film auch ohne die Biografie seines Regisseurs für den Zuschauer funktionieren muss. Womit ich nicht sagen will, dass „The Visit“ nicht funktioniert; meiner Ansicht haben wir es hier jedoch „nur“ mit einem sehr soliden, aber keineswegs überragenden Horrorfilm zu tun.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: The Visit.
Regie:
M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Jahr: 2015
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Olivia DeJonge, Ed Oxenbould, Kathryn Hahn, Deanna Dunagan, Peter McRobbie