FilmWelt: In My Skin

Als Fan des gepflegten Horrors ist man ja einiges gewohnt. Was aber in „In My Skin“ aus dem Jahr 2002 auf den Zuschauer zukommt, ist schon verdammt harter Tobak. Dabei gibt es hier weder Monster noch Geister oder sonstige übernatürliche Phänomene – wahrscheinlich ist genau das der Grund, wieso ich mehrmals überlegt habe, ob ich die 90 Minuten Laufzeit wirklich durchdrücken will.

Gesamteindruck: 5/7


Appetit auf Selbstzerstörung.

Dem französischen Film haftet im Allgemeinen ein gewisser Nimbus von hoher Kunst an, die wenig bis gar nichts mit dem Mainstream-Kino zu tun hat (Ausnahmen bestätigen freilich die Regel, kommt ja z. B. auch Louis de Funès aus Frankreich). Ich konnte mir also schon denken, dass „In My Skin“ nichts sein würde, das normale (=kommerziell verwertbare) Sehgewohnheiten bedient. Und doch war ich überrascht, mit welcher Härte mich der Film getroffen hat.

Worum geht’s?
Bei einer Party zieht sich Esther an einem Metallstück eine tiefe Schnittwunde am Bein zu. Obwohl die Verletzung heftig blutet, bemerkt sie sie zunächst nicht und verspürt auch keinerlei Schmerzen, was sowohl den behandelnden Arzt als auch ihren Freund wundert. In den folgenden Tagen beginnen Esthers Gedanken immer häufiger um die Wunde zu kreisen – und gleichzeitig wächst das Verlangen, sich neue Verletzungen zuzufügen…

Aufmerksam geworden bin ich auf „In My Skin“ völlig zufällig: In einem Internetforum suchte ein User für eine Seminararbeit (?) Filme, die den „verletzten Leib“ zum Thema haben. Unter anderem wurde dort vorliegendes Werk genannt, dessen Inhaltsangabe mein Interesse geweckt hat. Lange war der Film dann auf meiner Watchlist, irgendwie hatte ich aber nie die Muse (oder den Mut?), ihn mir tatsächlich anzusehen. Verfügbar ist er derzeit auf Amazon Prime, ein Aufpreis ist nicht zu zahlen, von daher riskiert man nichts, wenn man mal reinschaut. Außer vielleicht seine geistige Gesundheit…

„In My Skin“ ist ein extremer Film, was die Darstellung von selbstverletzendem Verhalten angeht. Die Protagonistin, gespielt von Marina de Van, die auch für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnet, kennt tatsächlich keine Gnade mit sich selbst. Wenn sie ihre Extremitäten meist wenig subtil mit einem Messer bearbeitet, ist das aus meiner Sicht deutlich schlimmer als alles, was man aus dem wahrlich nicht zimperlichen Torture Porn-Genre (z. B. „Hostel“, 2005) kennt. Dabei ist in „In My Skin“ häufig nicht einmal „alles“ zu sehen, einiges passiert auch außerhalb des Kameraobjektivs. Ob es nun schlimmer ist, das Grauen zu sehen oder nur zu erahnen, ist jedem selbst überlassen – ich empfand jedenfalls beides als höchst unangenehm, auch aufgrund der begleitenden Geräuschkulisse und der Länge der entsprechenden Szenen.

Kein bequemer Film.

Für einen unbeschwerten Fernsehabend auf der Couch würde ich mir „In My Skin“ jedenfalls nicht aussuchen. Das liegt neben dem hohen Blut- und Splatter-Faktor vor allem auch am Drehbuch, das nicht unbedingt zu den zugänglichsten seiner Art zählt. Die Handlung selbst ist dabei ziemlich dünn, vermutlich, weil die Regisseurin einen Film schaffen wollte, dessen Bilder für sich sprechen. Ich denke, dass ihr das großteils durchaus gelungen ist: Wir sehen hier den zunehmenden Verfall einer jungen Frau, die sich auf sehr typische Weise in einer freilich eher speziellen Sucht verliert. Ob und wie viel von der persönlichen Geschichte der Filmemacherin in diesem Werk steckt, wage ich nicht zu beurteilen – aber die Art und Weise, wie sie hier vor (und wohl auch hinter) der Kamera agiert, lässt zumindest darauf schließen, dass Esther einiges von Marina de Van hat.

Dass der Film abseits der Hauptfigur über lediglich angerissene Charaktere verfügt, ist hin und wieder als Kritik zu lesen. Mich hat das nicht gestört, ich habe es eher als erstaunlich empfunden, wie effektiv „In My Skin“ in dieser Hinsicht ist: Es reicht ein Minimum an Screentime, um die paar Nebenrollen, die es gibt, präzise einordnen zu können. Das mag nicht jedermann’s Sache sein – mir gefällt es jedoch, wenn man es mit Andeutungen schafft, eine erzählerische Tiefe zu generieren, die eigentlich gar nicht da (bzw. zu sehen) ist. Hierfür ist „In My Skin“ meiner Meinung nach fast schon ein Paradebeispiel. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir hier die Szene eines Geschäftsessens: Wie die vier Protagonist:innen sich hier geben, der stetig dahinfließende Dialog, die merkwürdigen Gefühle, die sich dabei in der Hauptfigur manifestieren – all das ist meines Erachtens eine stark komponierte Situation, die zeigt, dass die Regisseurin sehr genau wusste, was sie zeigen wollte. Wer übrigens in einer Werbeagentur arbeitet, wird sich ganz besonders damit identifizieren können…

Nicht für jeden geeignet.

So viel Lob – und trotzdem bewerte ich „Under My Skin“ nicht so stark, wie man meinen möchte. Wie das geht? Nun, einerseits ist mir die Akustik des Films zu zurückhaltend; vor allem von der Musik hätte ich mir deutlich mehr Intensität erhofft. Andererseits verfügt „In My Skin“ über ein Finale, das mir zu abgehoben und wenig befriedigend erscheint. Dabei spreche ich nicht davon, dass man am Ende nicht erfährt, was es mit der Verletzung und/oder der Protagonistin im Allgemeinen auf sich hat. Dass sich die Zuseher:innen damit selbst auseinandersetzen können, sollen und müssen, finde ich durchaus legitim. Im Allgemeinen wäre das sogar ein Pluspunkt, in diesem Fall gibt uns Marina de Van meines Erachtens aber zu wenig „Fleisch“ (höhö…), um aus dem merkwürdigen Finale schlau zu werden.

Bis dorthin finde ich den Film jedenfalls gelungen, ich verstehe aber sehr gut, dass „In My Skin“ nichts für ein breites Publikum ist. Und das nicht nur, weil wir es hier mit einer merkwürdigen Kombination aus bedächtigen Bildern und grausigem Splatter zu tun haben. Und auch nicht, weil die Handlung denkbar einfach und dünn ist. Beides spielt natürlich hinein – aber vor allem aus pragmatischen Gründen sollten sich besonders zartbesaitete Gemüter von „In My Skin“ fernhalten. Die Stimmung, die der Film verbreitet, ist in höchstem Maße verstörend und negativ. Das muss man jedenfalls wissen – wer damit klar kommt, sollte sich definitiv daran versuchen. Ich selbst habe es jedenfalls nicht bereut.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Dans ma peau.
Regie:
Marine de Van
Drehbuch: Marine de Van
Jahr: 2002
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Marine de Van, Laurent Lucas, Léa Drucker, Thibault de Montalembert, Bernard Alane



2 Gedanken zu “FilmWelt: In My Skin

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