FilmWelt: Pfad der Gewalt

In den 1980er Jahren war der Western ein seit vielen Jahren totes Genre. Mag sein, dass „Pfad der Gewalt“ (1987) deshalb nicht für die große Kinoleinwand sondern direkt fürs Fernsehen produziert wurde. Dabei haben wir es hier sowohl qualitativ als auch inhaltlich mit einem durchaus passablen Film zu tun, der zwar ein sehr konventionelles Wild-West-Abenteuer erzählt, dabei aber die romantisch-idealisierten Klischees seiner (Vor-)Vorgänger weitgehend vermeidet.

Gesamteindruck: 4/7


Ein Raubein mit Charme.

Wer nach dem englischen Titel „The Quick and the Dead“ sucht, sei gewarnt: „Pfad der Gewalt“ ist der chronologisch dritte Film, der diesen Titel trägt, allerdings der erste Western. Ein weiterer, der inhaltlich nichts mit vorliegendem Streifen zu tun hat, folgte 1995 (deutsch: „Schneller als der Tod“, ein Film von Sam Raimi mit großem Staraufgebot). Dass man den richtigen „The Quick and the Dead“ ausgesucht hat, erkennt man übrigens leicht am markanten Gesicht auf dem Cover, das auch von diversen Streaming-Diensten als Vorschaubild verwendet wird: Sam Elliot, schnauzbärtiger Held vieler Filme (vorwiegend aus dem Western-Genre, einem breiteren Publikum vielleicht auch als Der Fremde aus „The Big Lebowski“, 1998, bekannt) spielt hier die Hauptrolle.

Worum geht’s?
In Wyoming ist in den 1870er Jahren noch wenig von Recht und Ordnung, die an der Ostküste von Nordamerika bereits eingekehrt sind, zu bemerken. Ausgerechnet hier möchte sich Duncan McKaskel, ehemaliger Soldat und mittlerweile Pazifist, mit seiner Familie ansiedeln. Als er sich mit einer Bande von Gesetzlosen anlegt, bekommt er unerwartet Hilfe vom raubeinigen und im Westen erfahrenen Con Vallian, der allerdings auch ein Auge auf die schöne Frau des Siedlers geworfen hat…

Bevor wir auf den Inhalt eingehen ist vielleicht eine kurze Einordnung des Genres angebracht. Grundsätzlich kann man „Pfad der Gewalt“ ruhigen Gewissens als Spätwestern abheften – immerhin lag die Hochzeit der klassischen Western in den 1950ern. Andererseits ist die große Zeit der Spätwestern meinem Verständnis nach auch eher in den 1960er bis 70er Jahren zu finden, als derartige Filme deutlich regelmäßiger produziert wurden, als in späteren Jahrzehnten. Insofern würde ich die Genrebeiträge ab den 1980ern eher als einzelne Western sehen, die zwar ebenfalls „spät“ erschienen sind, aber nicht wirklich im Zusammenhang mit klassischen Spätwestern stehen. Zumindest zeitlich – betrachtet man das Subgenre des Spätwesterns hingegen inhaltlich, also in Bezug auf Motive und Charaktere, setzen praktisch alle moderneren Produktionen diese Tradition (und nicht den klassischen Western der 1950er, den heute wohl auch niemand mehr sehen möchte) fort. Kompliziert? Mag sein, aber „Pfad der Gewalt“ ist auf der erste Western, den ich mir seit vielen Jahren bewusst angesehen habe, sodass ich es als lohnend empfunden habe, mich für diese Rezension zunächst ein wenig mit diesem alt-ehrwürdigen Genre auseinanderzusetzen.

So viel zur grauen Theorie – in der Praxis ist „Pfad der Gewalt“ eine recht eigenwillige Mischung: Einerseits ist der Film erdig, nüchtern und vollkommen humorlos, andererseits hat er mit dem Versprechen einer sorgenfreien Zukunft im Gelobten Land (wenn man nur gemeinsam alle Probleme überwindet) auch Ansätze einer idealisierten Wild-West-Romantik. Übrigens ist der Streifen auch nicht allzu hart in der expliziten Gewaltdarstellung (ein bisschen Blut gibt es freilich schon zu sehen), was auch mit dem Status als Fernsehproduktion zu tun haben könnte. All das rückt ihn für meine Begriffe tatsächlich in die Nähe seiner Vorgänger aus den 1970er Jahren, was ihn dann doch wieder zu einem klassischen Vertreter des Spätwesterns macht.

Kein Innovationspreis.

Zu sehen bekommt man selbstverständlich ein paar zünftige Schießereien, die allerdings so gemacht sind, dass man keine Lust verspürt, darin verwickelt zu sein. Abgesehen davon lebt der Film – wie fast alle Klassiker des Genres – massiv von seinen beeindruckenden und wunderbar fotografierten Landschaften. Und auch die Charaktere bzw. speziell deren Zusammenspiel können überzeugen. Zumindest weitgehend – der undurchschaubare Con Vallian ist hervorragend besetzt und gespielt, aber auch Tom Conti weiß als Siedler, der kämpfen könnte, aber nicht zur Waffe greifen mag, zu überzeugen. Kate Capshaw spielt hingegen die für den Western, egal ob früh oder spät, übliche (und vermutlich auch ziemlich realistische) Frauenrolle: Sie sieht hübsch aus, hat ansonsten nicht viel zu sagen, lernt natürlich das Schießen und fühlt sich zum harten Schurken mit dem guten Herzen hingezogen. An dieser Stelle sei auch noch erwähnt, dass die oft wichtige Rolle des Bösewichts nicht sonderlich gut geschrieben ist: Matt Clark spielt den „Doc“ Shabbitt sehr unauffällig, was ich ihm nicht unbedingt anlasten möchte. Ich schätze, dass es eher am Drehbuch liegt, dass das kein Bandit ist, bei dem man die Angst seiner Gegner nachvollziehen kann. Über diese Schwächen kann man aber, so ging es mir zumindest, recht gut hinwegsehen, weil das Augenmerkt klar auf der Beziehung der „Guten“ untereinander liegt.

Letzten Endes ist „Pfad der Gewalt“ nicht mehr und nicht weniger als ein typisches Wild-West-Abenteuer. Das Motiv vom friedliebenden Farmer, der (schuldlos) von Banditen bedrängt wird, macht, so viel ist auch mir als Laie klar, den Film zu keinem Anwärter auf einen Innovationspreis. Dass ein mysteriöser und im westlichen Grenzgebiet erfahrener Fremder den naiv wirkenden Siedlern zu Hilfe eilt, kommt mir auch nicht gerade wie eine bahnbrechende Idee vor. Dennoch liegt es mir fern, dem Werk jeglichen Unterhaltungswert abzusprechen. Im Gegenteil, in ihrer nüchternen Darbietung empfinde ich die Story als durchaus gelungen. Im Endeffekt ist es sogar sehr spannend, auf welche Weise sich die anfangs noch Unterlegenen ihrer Häscher entledigen. Gefühlsmäßig hätte das alles aber schon noch ein bisschen besser ausgearbeitet sein können, dann hätte ich sogar noch einen Punkt mehr springen lassen. Davon abgesehen thematisiert der Film übrigens kaum etwas, das über seine vordergründige Handlung hinausgeht, weder im Guten noch im Schlechten. Wem das – und die nicht überbordende Cowboy-Action – reicht, der wird sich bestens bedient fühlen. Unterm Strich bleibt damit ein Western, der zwar kein Meisterwerk, aber doch sehr solide, spannend und – zumindest einmal – durchaus sehenswert ist.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: The Quick and the Dead.
Regie:
Robert Day
Drehbuch: James Lee Barrett
Jahr: 1987
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sam Elliott, Tom Conti, Kate Capshaw, Matt Clark, Kenny Morrison, Patrick Kilpatrick