FilmWelt: Under the Skin

In der deutschsprachigen Fassung trägt „Under the Skin“ den Subtitel „Tödliche Verführung“. Die Intention scheint klar: Hauptdarstellerin Scarlett Johansson ist zweifellos verführerisch, was sich definitiv besser für die Promotion eignet als der vergleichsweise schwierige Inhalt des Werks. Dennoch – oder gerade deshalb – empfinde ich den deutschen Titel als völlig unpassend, unterstellt er der namenlosen Protagonistin doch eine Intention, die in diesem Sinne gar nicht im Film vorkommt.

Gesamteindruck: 4/7


„Akte X“ für die Kunstgalerie.

„Under the Skin“ ist nicht zu verwechseln mit dem französischen Film „In My Skin“ (2002), den ich unlängst hier auf WeltenDing behandelt habe. Wobei es trotz höchst unterschiedlichen Inhalts tatsächlich Gemeinsamkeiten gibt, wenn man es genau betrachtet: In beiden Werken spielt eine rätselhafte Frau die Hauptrolle, der Anteil an Nacktszenen ist ähnlich hoch (und ähnlich unaufdringlich bzw. künstlerisch in der Darstellung), die Handlung ist hüben wie drüben kaum zu erahnen – und bei beiden Filmen dürfte die Machart einer breiteren kommerziellen Verwertbarkeit entgegenstehen. Wobei letzteres bei vorliegendem Werk aufgrund der bekannten Hauptdarstellerin deutlich einfacher gewesen sein dürfte.

Worum geht’s?
Eine dunkelhaarige und namenlose Schönheit ist in ihrem Lieferwagen in Glasgow und Umgebung unterwegs. Dabei spricht sie wahllos Männer an und versucht, sie zum Mitfahren zu überreden. Lässt sich ein Unglücklicher darauf ein, bringt sie ihn in ein heruntergekommenes Haus, das er nie mehr verlässt…

Es ist mir nicht leicht gefallen, die Handlung von „Under the Skin“ zusammenzufassen. Und im ersten Moment mag das, was in meiner sehr kurzen Inhaltsangabe steht (viel mehr passiert wirklich nicht!), auch tatsächlich nach der eingangs kritisierten „Tödliche Verführung“ klingen. Dem ist aber nur bei oberflächlicher Betrachtung so; in Wirklichkeit ist das namenlose Wesen nicht von (Mord-)Lust oder ähnlichen Begierden getrieben, sondern scheint einzig und allein seinem Instinkt (oder seiner Programmierung?) zu folgen. Platz für positive oder negative Gefühle gibt es dabei nicht. Darum wäre es meiner Meinung nach ausreichend gewesen, den Film auch im deutschsprachigen Verleih entweder nur „Under the Skin“ oder eben „Unter der Haut“ zu nennen, weil das den Kern der Sache deutlich besser trifft – dreht sich das Werk doch um die Frage, was sich unter dem optisch so verführerischen Äußeren verbirgt.

Ähnlich schwierig wie die Beschreibung der Handlung ist die Frage nach dem Genre zu beantworten. Am ehesten würde ich „Under the Skin“ als Mischung aus Science Fiction, Mystery und Horror bezeichnen; ich denke, etwas gestrafft hätte der Film auch eine gute „Akte X“-Folge abgeben können. Zumindest was Handlung und Inhalt angeht – ein ganz anderes Thema ist die technische Ausführung: „Under the Skin“ ist eine Mischung aus traditioneller Kameraarbeit und einem weit größeren Anteil an Szenen, die teilweise mit Hand- und versteckten Kameras gedreht wurden, was für einen ganz eigenen Touch sorgt. Mit einer klassischen Mockumentary oder einem Found Footage-Film haben wir es aber nicht zu tun, denn es gibt keine Protagonisten, die die Kameras bedienen. Ich denke, dass Regisseur Jonathan Glazer mit seiner Herangehensweise ein Gefühl von Unmittelbarkeit und Spontanität erzeugen wollte. Das ist ihm meines Erachtens gut gelungen, die Atmosphäre (auch in Verbindung mit dem Soundtrack, der an Horrorfilme der 1960er und 70er Jahre erinnert) ist sehr speziell und mir fällt auf Anhieb kein Film mit einer ähnlichen Stimmung ein.

Im Haben ist schließlich auch die Leistung von Scarlett Johansson zu verbuchen, deren Marvel-Karriere zu jener Zeit bereits gestartet war. „Under the Skin“ wird komplett von ihrer intensiven Darstellung einer mysteriösen Figur getragen. Bemerkenswert auch der Wandel, den die Protagonistin im Laufe des Films erfährt: Anfangs noch völlig emotionslos und gerade deshalb so beunruhigend und verstörend, wird sie im Laufe der Handlung zusehends zerbrechlicher und schafft es schließlich sogar, echte Sympathien beim Zuseher zu wecken. Dass die US-Schauspielerin das dermaßen gut hinbekommt, liegt zwar auch am Drehbuch – dennoch muss man den Hut vor ihrer Leistung ziehen, „Under the Skin“ war mit Sicherheit kein einfacher Film für sie.

Handlung glänzt durch Abwesenheit.

Dass ich trotz der genannten Punkte nicht ganz überzeugt bin, liegt an der Handlung. Beziehungsweise an der fast völligen Abwesenheit einer solchen. Vielleicht war die Entwicklungszeit – Wikipedia nennt hier zehn (!) Jahre – dann doch etwas zu lang und die Drehbuchautoren Jonathan Glazer und Walter Campbell haben sich verzettelt? Ich kenne die Vorlage nicht („Under the Skin“ soll auf einem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2000 basieren, dessen Inhaltsangabe aber zeigt, dass sich der Film nur sehr lose daran orientiert), es würde mich aber wundern, wenn das Buch auch dermaßen handlungsarm wäre.

Im Wesentlichen beobachten wir die Protagonistin, wie sie mehrfach Männer in ihr Haus bringt, wo sie in einer merkwürdigen Flüssigkeit zu versinken scheinen. Diese Szenen – und vorher der Versuch, ein Opfer zu finden – laufen immer ähnlich ab, wodurch das Gefühl eines künstlich in die Länge gezogenen Films entsteht. Ich habe oben ja „Akte X“ erwähnt und bleibe dabei: Die Handlung von „Under the Skin“ hätte man in einer Folge jener Serie deutlich gestrafft unterbringen können (den künstlerischen Ansatz zugegebenermaßen nicht). Neben den Längen, die eben daraus entstehen, gibt es ein weiteres Problem: Der Film erklärt – nichts. Weder erfahren wir, was die Protagonistin ist, noch, was es mit dem Motorradfahrer auf sich hat, der offenbar hinter ihr aufräumt – oder wieso sie plötzlich an ihrer Mission zu zweifeln beginnt. Ja, nicht mal, ob sie überhaupt eine „Mission“ hat, wird klar.

Nicht falsch verstehen: Ich kann grundsätzlich schon was mit Filmen anfangen, die dem Publikum ein breites Feld an Interpretationsmöglichkeiten bieten. Darum fand ich „In My Skin“ (kein Verschreiber!) gar nicht so schlecht, wie es viele Bewertungen suggerieren würden. Was mir als Zuschauer aber in „Under the Skin“ abverlangt wird, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Fast schon paradox ist, dass der Film tatsächlich nachwirkt: Seine Atmosphäre ist so eigenartig, dass man sich immer wieder dabei ertappt, Scarlett Johannson im eigenen Kopfkino zu beobachten. Aber bei mir war es wirklich nur dieser künstlerische Aspekt, der mich tatsächlich beeindruckt hat. In Hinblick auf die Handlung habe ich mich hingegen mehrfach gefragt, ob die Verantwortlichen vielleicht selbst keine Ahnung hatten, welche Geschichte sie erzählen wollten. Kurz: „Under the Skin“ lässt den Zuseher völlig allein, es gibt praktisch nichts, an dem man sich festhalten oder entlangtasten kann.

Schwer zu bewerten.

Wie soll man das nun bewerten? Nun, ich kann die Begeisterung jener Kritiker verstehen, die den künstlerischen Aspekt loben. Wer sich auf eine sehr spezielle Reise begeben möchte und massentauglichere Sehgewohnheiten ablegen kann, wird mit diesem unkonventionellen Film wohl seine Freude haben (ein wenig Science Fiction-Affinität muss man aber schon mitbringen, denke ich). Auch, dass die von Jonathan Glazer geschaffene Atmosphäre, also die Kombination aus Bild, Ton und Schauspiel, länger nachwirkt, als man bei einem so handlungsarmen Werk meinen könnte, würde ich definitiv positiv bewerten.

Auf der anderen Seite ist „Under the Skin“ kein isoliertes Nischenprodukt. Klar, ein Hollywood-Blockbuster ist es nicht, aber wir haben es dennoch mit einem Film zu tun, der auch auf ein Publikum außerhalb der, ich nenne sie mal so, Kunstszene trifft. Für ein solches ist er meines Erachtens nur bedingt geeignet – muss er auch nicht sein, dennoch kann und darf man ihn auch diesem Blickwinkel beurteilen. Ich selbst sitze in dieser Hinsicht ein wenig zwischen den Stühlen: Ich weiß die Atmosphäre, die „Under the Skin“ umgibt, durchaus zu schätzen. Aber, es tut mir leid, Freunde der hohen Kunst, ich kann einfach nicht ganz aus meiner Haut (höhö…) heraus: Ein Film soll auch unterhalten, auf welche Weise auch immer. Dieser hier tut das nur bedingt.

Fazit: Vier von sieben möglichen Punkten für einen Film, der so einzig- und eigenartig ist, wie kaum ein zweiter. In manchen Gemütslagen würd ich wohl 6/7 geben, in manchen nur 2/7. Das sagt eh schon alles – oder nichts?

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Under the Skin.
Regie:
Jonathan Glazer
Drehbuch: Jonathan Glazer, Walter Campbell
Jahr: 2013
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 105 Minuten
Besetzung (Auswahl): Scarlett Johansson, Joe Szula, Kryštof Hádek, Adam Pearson, Dave Acton, Michael Moreland



Ein Gedanke zu “FilmWelt: Under the Skin

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