FilmWelt: Kokoda – Das 39. Bataillon

„Kokoda – Das 39. Bataillon“ ist ein australischer Kriegsfilm, der einen Teil des als Kokoda-Track-Kampagne in die Geschichte eingegangenen Konflikts im 2. Weltkrieg thematisiert. Regisseur Alister Grierson versucht, die Schrecken dieser Auseinandersetzung am Beispiel einer kleinen, versprengten Einheit zu zeigen. Ganz will ihm das trotz beeindruckender Bilder leider nicht gelingen.

Gesamteindruck: 4/7


Im Dschungel (aber nicht in Vietnam).

In Hinblick auf den 2. Weltkrieg sind in Europa Filme, die den Kampf des nationalsozialistischen Deutschlands und seiner Verbündeten gegen die Alliierten zeigen, vorherrschend. Dabei wurde der bisher verheerendste Konflikt der Menschheitsgeschichte auch auf der anderen Seite der Welt mit großer Härte und Brutalität ausgefochten. Dass sich dort das Kaiserreich Japan und die USA unversöhnlich gegenüber standen, ist zwar ebenfalls ein gern genommenes Motiv für Filme unterschiedlicher Güte. Weit weniger im Fokus stehen hierzulande hingegen zahlreiche kleinere Konflikte jener Region, in denen Soldaten und Zivilbevölkerung freilich um nichts weniger zu erleiden hatten.

Worum geht’s?
1942 hat der 2. Weltkrieg weite Teile der Welt erfasst. Auch Papua wird nicht von den Kampfhandlungen verschont: Hier liefern sich Australien und das japanische Kaiserreich einen blutigen Konflikt. Die anfangs zahlenmäßig unterlegenen Australier kämpfen mit dem Mut der Verzweiflung – können sie die Japaner hier nicht aufhalten, droht eine Invasion ihres Heimatlandes. In den Wirren der Schlacht gerät eine kleine australische Einheit hinter die feindlichen Linien…

Vorliegender Film erzählt letzten Endes eine bekannte Geschichte, die in zahllosen Filmen verarbeitet wurde: Die Mär von der verlorengegangenen Einheit, die unter zahllosen Entbehrungen und Opfern versucht, die eigenen Linien zu erreichen. Das ist natürlich legitim – auch und vor allem weil sich die Handlung derartiger Filme meist an realen Begebenheiten orientiert. Und doch: Der Ablauf ist immer recht ähnlich, sodass man heute schon ganz besondere Qualität bieten muss, um den geneigten Fan und Kenner hinter dem Ofen hervorzulocken.

Beklemmende Atmosphäre.

Zunächst die gute Nachricht: „Kokoda“ ist technisch durchaus fein gemacht. Die Optik ist sogar überdurchschnittlich gut – trotz eines im Vergleich zu US-Produktionen kaum nennenswerten Budgets. Regisseur und Drehbuchautor Alister Grierson (als Schreiber war außerdem John Lonie an Bord) machten, so meine Einschätzung, aus der Not eine Tugend: Viele Action-Szenen, die ja immer mit enormen Kosten verbunden sind, bekommt man in „Kokoda“ nicht zu Gesicht. Klar, der eine oder andere wilde Schusswechsel ist dabei, hin und wieder explodieren die Granaten und auch die Ausstattung als solche dürfte nicht ganz billig gewesen sein. Insgesamt setzen die Filmemacher jedoch vor allem auf die bedrückende und fast schon klaustrophobisch anmutende Stimmung des Dschungelkampfes. Das gelingt ihnen so gut, dass „Kokoda“ in seinen besten Momenten an filmische Highlights erinnert, die das US-Trauma des Vietnamkrieges zum Thema haben – und nicht an einen Film, der im 2. Weltkrieg spielt.

Überhaupt ist die Atmosphäre das größte Plus dieses Werkes: Der unglaublich dichte Dschungel, Schlamm, Wetterkapriolen, Krankheiten, die hiesige Tierwelt und der desolate Zustand der schlecht vorbereiteten Soldaten – all das stellt der Regisseur so dar, dass man sich auch auf dem bequemen Sofa unwohl und dreckig zu fühlen beginnt. Dieses Gefühl wird noch durch die Darstellung des Gegners verstärkt: Ähnlich wie in den großen Vietnam-Kriegsfilmen taucht der Feind immer nur kurz und kaum erkennbar auf. Die Kameraeinstellungen sind so gewählt, dass man praktisch nie das Gesicht eines Japaners erkennen kann – was die diffuse Gefahr, die für die australischen Soldaten geradezu nervenzerreißend gewesen sein muss, auch für den Zuschauer zumindest im Ansatz erlebbar macht.

Wenige Identifikationsmöglichkeiten.

Dass „Kokoda“ trotz dieser guten Grundvoraussetzungen nicht so richtig punkten kann, liegt – man kann es sich vielleicht denken – an Drehbuch und Charakteren. Zu ersterem reicht es fast zu sagen, dass ich das, was in den 1940er Jahren tatsächlich auf Papua passiert ist, keineswegs relativieren oder irgendwie schmälern möchte. Dennoch hätte ich mir etwas mehr Spannung gewünscht – und ein paar Längen weniger. Die entstehen zwischendurch immer mal wieder, wenn es Ruhepausen gibt. Nicht falsch verstehen: Durchgehende Action will niemand in einem solchen Film haben. Nur müssen ruhigere Momente sinnvoll gefüllt werden und das ist in „Kokoda“ eher selten der Fall. Denn dafür bräuchte der Film starke Charaktere, die entsprechend gute Dialoge abliefern. Beides ist kaum vorhanden – letzten Endes gibt es eigentlich keine einzige Figur, die Sympathiewerte oder wenigstens ein Mindestmaß an Charisma besitzt.

Damit meine ich übrigens nicht, dass die Schauspieler, von denen man kaum einen aus größeren Produktionen kennt, schlecht wären. Im Gegenteil, die Mimen machen einen ordentlichen Job in der Darstellung der Leiden des einfachen Soldaten. Nur ist das im Endeffekt auch schon alles, was sie zu tun haben, denn einen echten, tiefgründigen Charakter hat der Regisseur keiner Rolle zugedacht. Wohl auch deshalb ist in „Kokoda“ ein Problem zu beobachten, das man auch aus anderen Kriegsfilmen kennt: Die Uniformen und der allgegenwärtige Dreck machen die jungen Männer kaum unterscheidbar – wenn es dann auch noch an markanten Charakterzügen mangelt, hat man als Zuseher echte Identifikationsprobleme.

So gesehen bin ich mir nicht ganz sicher, wieso „Kokoda“ teilweise geradezu überschwänglich rezensiert wird. Ich persönlich empfinde den Film zwar als optisch herausragend, atmosphärisch streckenweise sehr dicht und schauspielerisch passabel; auch als historisch akkurat kann er gelten, denke ich. Aber insgesamt reicht das aus meiner Sicht dennoch nur für ein sehr solides Werk, das es nicht schafft, diese ausgezeichnete Grundlage mit interessanten Charakteren zu füllen. Daher: 4 von 7 Punkten von mir. Möglich wären deutlich mehr gewesen, aber dafür hätte mich wenigstens eine einzige Figur wirklich berühren müssen.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Kokoda.
Regie:
Alister Grierson
Drehbuch: Alister Grierson, John Lonie
Jahr: 2006
Land: AUS
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jack Finsterer, Travis McMahon, Simon Stone, Luke Ford, Tom Budge, Angus Sampson



FilmWelt: Don’t Breathe

Zu erblinden ist wohl eine der schlimmsten Vorstellungen vieler Menschen. Und doch kann es jedem passieren – wie man aber damit umgehen würde, ist eine Frage, auf die man vorher keine Antwort hat. Unumstritten ist jedenfalls, dass die übrigen Sinne geschärft werden, wenn beispielsweise das Augenlicht abhanden kommt. Das kann wiederum ein Vorteil sein – und genau auf diese für sehende Menschen eher diffuse Vorstellung, baut „Don’t Breathe“ aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Wer ist hier das Opfer?

Die Prämisse von „Don’t Breathe“ ist so simpel wie effektiv: Ein alter, blinder Mann steht völlig allein gegen drei junge, körperlich fitte Einbrecher. Eigentlich sollte das Ergebnis klar sein – doch was passiert, wenn das vermeintliche Opfer es schafft, die Bedingungen zu seinen Gunsten zu ändern? Genau das passiert in diesem Film und macht den Namen zum Programm: Jeder Atemzug, den einer der jungen Kriminellen tut, jede noch so kleine Bewegung, könnte gehört werden und damit die letzte Handlung sein.

Worum geht’s?
Die Teenager Alex, Rocky und Money sehen in Einbrüchen und kleineren Diebstählen die einzige Möglichkeit, jemals aus dem tristen und verarmten Detroit zu entkommen. Als sie eines Tages den Tipp erhalten, dass im Haus eines Kriegsveteranen, der in einer mittlerweile menschenleeren Gegend der Stadt wohnt, eine stattliche Summe Bargeld zu holen ist, überlegen sich nicht lang. Doch bald müssen sie feststellen, dass der alte Mann alles andere als ein wehrloses Opfer ist…

Regisseur Federico „Fede“ Alvarez hat – so heißt es jedenfalls – „Don’t Breathe“ bewusst als Gegensatz zu seinem 2013er-Remake des Horror-Klassikers „The Evil Dead“ (1981, deutsch: „Tanz der Teufel“) konzipiert: Während „Evil Dead“ durch massiven Einsatz von Filmblut und grausigen Effekten Reaktionen beim Zuschauer auslösen soll, ist vorliegendes Werk vor allem auf eine düstere und spannende Atmosphäre ausgelegt. Dass das dem urugayanischen Filmemacher so gut gelingen würde, hätte ich allerdings nicht unbedingt erwartet.

Eine starke Kombination.

Die Geschichte, die der Alvarez und Drehbuchautor Rodo Sayages erzählen, ist eigentlich ein doppelter Alptraum: Ein Einbruch während man selbst im Haus ist, ist schon für sich genommen eine schreckliche Vorstellung. Dass das Opfer dann auch noch blind und – vermeintlich – alt und gebrechlich ist, steht sinnbildlich für die Hilflosigkeit, mit der die meisten von uns einer solchen Situation gegenüberstehen würden. Damit legt die Handlung von „Don’t Breathe“ die perfekte Basis, um die Spannung (fast) über die gesamte Laufzeit auf hohem Niveau zu halten. Im Endeffekt ist es allerdings die Kombination aus einer um diverse Twists angereicherten Story, starke Technik, einem soliden Drehbuch und einem glaubwürdigen Cast, die den Reiz dieses überraschend starken Films ausmacht.

Zunächst ein Wort zur Technik: Dass das Budget mit rund 10 Millionen US-Dollar vergleichsweise niedrig war, ist an keiner Stelle zu merken. Im Gegenteil, speziell die Optik hat mich schwer beeindruckt – und das bereits bevor ich um die Produktionskosten wusste. Heißt: „Don’t Breathe“ sieht schicker aus als viele zeitgenössische Produktionen. Heutzutage fast noch wichtiger ist aber, dass man nie das Gefühl hat, dass mit den Special Effects übertrieben wurde. Unabhängig davon wissen auch Ausstattung und Drehort zu überzeugen. Die wenigen Außenaufnahmen lassen US-amerikanische Großstadt-Tristesse aufkommen – und das, obwohl vor allem in Ungarn (!) gefilmt wurde und nur vereinzelt in Detroit). Das innere des Hauses, in dem sich fast der gesamte Film abspielt, ist hingegen von unheimlicher Düsterkeit geprägt. An dieser Stelle habe ich allerdings auch einen ersten Kritikpunkt anzubringen: Das Heim des Einbruchsopfers ist nicht ganz stimmig, einerseits fragt man sich, wozu relativ viele Lampen vor sich hin glimmen, andererseits ist der Kellerbereich für mein Dafürhalten unverhältnismäßig und unnötig weitläufig gestaltet worden. Dennoch: „Don’t Breathe“ weiß optisch sehr gut zu gefallen. Und auch die Akustik ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Films: Selten war absolute Stille so bedrohlich; selten hat sie so in den Ohren geschmerzt, wie in Situationen, in denen die Charaktere verzweifelt versuchen, nicht das geringste Geräusch zu machen. Das geht soweit, dass man auch als Zuschauer immer wieder den Atem anhält, weil man das Gefühl hat, man steckt in der Haut der Einbrecher und darf um keine Preis Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Dass dem so ist, ist den Darstellern zu verdanken, die ihre Rollen mit viel Hingabe und Glaubwürdigkeit spielen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die Charaktere an sich nicht unbedingt eine Stärke von „Don’t Breathe“ sind: Letzten Endes verfügt der Film über keine wirklich sympathische oder anderweitig essenzielle Figur. Die gute Leistung der Schauspieler bezieht sich folgerichtig also vor allem auf die Darstellung von Emotionen, die ihnen allerdings – wie angedeutet – ausgezeichnet gelingt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass „Don’t Breathe“ seine Spannung zwar durchgängig hoch hält, das aber großteils aus seiner Machart heraus, nicht, weil er Charaktere bietet, mit denen man sich identifizieren kann. Unumstrittener Star des Films ist übrigens Stephen Lang, der den blinden Kriegsveteran ausgesprochen furchteinflößend spielt.

Etwas zu viel des Guten.

Die Hochspannung, die „Don’t Breathe“ auszeichnet, speist sich auch aus einigen überraschenden Wendungen – denn natürlich ist unser blinder Kriegsveteran auch kein Heiliger. Überhaupt ist das Drehbuch überaus stark, wenn es darum geht, immer wieder noch einen drauf zu setzen, wie man so schön sagt. Das geht auch lange Zeit gut, nur ganz zum Ende hin hat man das Gefühl des „overbookings“, wie man es in der Wrestlingsprache nennt. Ein Wort, zu dem es leider keine Übersetzung gibt, die die Bedeutung wirklich umfasst. Es passt allerdings sehr gut, denn „Don’t Breathe“ übertreibt es auf der Zielgeraden mit seiner Schlagzahl: Was im Finale an Wendungen und Action auf den Zuschauer einprasselt, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Ja, es ist ein Klischee – und doch passt es wie die Faust aufs Auge: Weniger wäre hier schlicht und einfach mehr gewesen.

Im Endeffekt ist das aber Kritik auf recht hohem Niveaus. Denn trotz der genannten Schwachpunkte, die ohnehin eher mit der Lupe zu suchen sind, ist und bleibt „Don’t Breathe“ definitiv einen Blick wert. Wir haben es hier mit einem der stärkeren Horrorfilme (ich finde übrigens eher, dass es ein Thriller ist) seiner Zeit zu tun – und das ist doch auch etwas, oder?

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Don’t Breathe.
Regie:
Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Levy, Dylan Minnette, Stephen Lang, Daniel Zovatto, Franciska Töröcsik



BuchWelt: Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler


„Die weiteren Aussichten“ im Hochsommer 2021 zu lesen, war ein Glücksfall. Nicht nur, weil das Buch des österreichischen Autors Robert Seethaler ein höchst unterhaltsames Werk ist, sondern auch und vor allem weil die Temperaturen, die zum Zeitpunkt dieser Rezension hier in Wien vorherrschen, es ungemein erleichtern, in die richtige Stimmung zu kommen. Mit anderen Worten: Es ist drückend heiß hier, genau wie im Buch.

Gesamteindruck: 7/7


Herbert und Hilde.

Von Robert Seethaler habe ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension nur „Der Trafikant“ (2012) gelesen, ein Werk, das mir sehr gut gefallen hat. „Die weiteren Aussichten“ ist bereits 2008 erschienen, war nach dem Debüt „Die Biene und der Kurt“ (2006) das zweite Buch des Autors – und wurde von mir mit großem Vergnügen gelesen. Dabei ist die Handlung eigentlich relativ dünn, gleichzeitig aber auch eine sehr eigenwillige Mischung aus Absurdität und Realismus, angereichert mit einer guten Portion Lokalkolorit.

Worum geht’s?
Irgendwo an einer anonymen und kaum befahrenen Landstraße führt Helene Szevko gemeinsam mit ihrem Sohn Herbert eine Tankstelle. Los ist nichts, weder allgemein noch im Privatleben der beiden. Bis eines Tages eine Frau auf ihrem Klapprad an der Tankstelle vorbeifährt und es sofort um den als Sonderling verschrienen, jungen Mann geschehen ist. Er folgt ihr zu ihrer Arbeit im dörflichen Hallenbad, lässt sich dort (unfreiwillig) von ihr retten – und damit beginnt eine abenteuerliche Liebesgeschichte

Zu beschreiben, wie sich „Die weiteren Aussichten“ liest, fällt mir erstaunlich schwer. Klar, es ist ein Buch von Robert Seethaler – dennoch unterscheidet sich, zumindest in meiner Erinnerung, der Stil recht stark von dem, den der Autor in „Der Trafikant“ nutzt. Für mein Dafürhalten ist vorliegendes Werk deutlich leichter, sozusagen locker-flockiger geschrieben und liest sich auch entsprechend flott. Eine Vergleichsmöglichkeit will mir auch nicht wirklich einfallen, eventuell hat man bei einzelnen Passagen ein leichtes Gefühl von Wolf Haas, insgesamt agiert Seethaler aus meiner Sicht aber komplett eigenständig.

Inhaltlich ist das Buch eine Mischung aus Liebesgeschichte, Roadmovie (Gibt’s dazu eigentlich eine literarische Entsprechung mit einem eigenen Namen?), ein wenig Tragikomödie und eine Prise Entwicklungsroman. Klingt nach einem wilden Durcheinander, ist es rein von der Handlung her auch ein bisschen; das Lesegefühl ist interessanter- und glücklicherweise dennoch rund und stimmig: Alles greift nahezu perfekt ineinander, so wie es bei einem guten Roman eben sein sollte. Besonders bemerkenswert: Obwohl Robert Seethaler diverse Unwahrscheinlichkeiten, Zufälle und Skurrilitäten verarbeitet, erzeugt „Die weiteren Aussichten“ ein durchaus bodenständiges Gefühl beim Leser.

Liebenswerte Figuren.

Das hat freilich auch mit den durch und durch sympathischen Charakteren zu tun. Drei Hauptfiguren gibt es: Die resolute, im Grunde ihres Herzens aber gutmütige Helene, die ihren Sohn mit harter Hand leitet, deren Liebe zu ihm aber immer wieder durchschimmert. Dann die wortkarge, jedoch (oder gerade deshalb) starke Hilde, die sich bald in der Zwickmühle zwischen Mutter und Sohn befindet, diese Situation aber einigermaßen stoisch meistert und schließlich zu beiden emotionale Bande aufbauen kann. Und dann, als eigentliche Hauptperson, der absolute Anti-Held Herbert. Der ist nicht gerade ein Adonis, war bereits als Kind als Epileptiker körperlich angeschlagen und ist letztlich auch kein Geistesriese – eher einer aus der Kategorie ewiger aber sympathischer Verlierer. Bei ihm ist die Entwicklung innerhalb des Romans am stärksten: Vom behüteten Muttersöhnchen hin zu einer Art Held, der – freilich in vollkommen absurden Situationen – immer mehr Selbstbewusstsein entwickelt.

Einen schönen Kniff des Autors möchte ich auch noch erwähnen: Zwischen den einzelnen Kapiteln baut er immer wieder Episoden über „den kleinen Herbert“, also kurze Abrisse aus der Kindheit des Hauptcharakters, ein. Auch die sind durch und durch sympathisch und wirken zu keinem Zeitpunkt wie ein Fremdkörper. Im Gegenteil, sie sorgen dafür, dass man mit dem Helden wider Willen fiebert – trotz und wegen all seiner Defizite. Und: Seethaler setzt eigentlich kaum auf Dialoge. Dass man sich trotzdem so sehr mit seinen Figuren identifizieren kann, möchte ich fast als Meisterleistung der Schreibkunst bezeichnen.

Skurrile Geschichte.

Die Geschichte, die Seethaler erzählt, führt die drei Hauptpersonen nach einigen Irrungen, Wirrungen und Zufällen durch irgendeine namenlose Provinz. Häufig nutzt der Autor das, um diverse Merkwürdigkeiten des Landlebens aufzugreifen; wer selbst einmal dort gelebt hat, wird einiges davon aus erster Hand bestätigen können. Angemerkt sei aber auch, dass ich nicht das Gefühl habe, dass Seethaler verurteilt: Er erweist sich vielmehr als scharfer Beobachter und gibt das wieder, was er selbst gesehen oder erlebt haben dürfte. Natürlich überzeichnet, dennoch muss man zugeben, dass das, was z. B. am „Schlachtsaufest“ passiert, nicht völlig von der Hand zu weisen ist.

Alles in allem ist „Die weiteren Aussichten“ ein Buch, das ich jedem empfehlen kann (wie man auch an der Höchstwertung sieht). Ich habe laut gelacht, ich habe fast geweint – und ich habe mich schlicht und einfach durchgehend gut unterhalten gefühlt. Wer all das erleben möchte und dabei vor der einen oder anderen Absurdität nicht zurückschreckt, sollte es auf jeden Fall mit diesem Werk probieren. Von mir aus hätten 100 oder 200 Seiten mehr jedenfalls nicht geschadet.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Robert Seethaler
Originaltitel: Die weiteren Aussichten.
Erstveröffentlichung: 2008
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Red Sonja

In meiner Erinnerung habe ich mir als Jugendlicher drei Fantasyfilme besonders häufig angesehen: „Conan der Barbar“ (1982), dessen Fortsetzung „Conan der Zerstörer“ (1984) – und eben „Red Sonja“ (1985). Doch während Teil 1 der ursprünglich von Autor Robert E. Howard ersonnen „Conan“-Saga bis heute einen gewissen (freilich sehr rauen) Charme versprüht und ich dem Nachfolger nach wie vor mehr abgewinnen kann als damalige und heutige Kritiker, hat mich die 2021er-Sichtung von „Red Sonja“ ziemlich ernüchtert zurück gelassen.

Gesamteindruck: 2/7


Eine Barbarin rächt sich.

Zunächst etwas Grundlegendes: „Red Sonja“ würde ich prinzipiell nur jenen ans Herz legen, die mit „Conan“ etwas anfangen konnten. Oder mit ähnlichen Streifen, es gab zu jener Zeit ja eine regelrechte Schwemme an Filmen ähnlicher Natur, die großteils allerdings völlig zu Recht in Vergessenheit geraten sind. Wer also mit einer Unzahl an Schwertkämpfen, viel Blut und Gewalt, einer dazu passenden Story und einer eher fragwürdigen Charakterzeichnung nicht warm wird, schaltet besser gar nicht erst ein. Aber auch alle, die auf derartigen Trash stehen (dieser Rezensent zählt sich ausdrücklich dazu), könnten von „Red Sonja“ enttäuscht sein – vor allem, wenn sie den Film seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben (auch das trifft auf diesen Rezensenten zu).

Worum geht’s?
Königin Gedren hat einen Talisman errungen, mit dessen Zauberkraft sie die Welt beherrschen möchte. Um dieses Ziel zu erreichen, war und ist die Herrscherin nicht zimperlich – und auch die Familie von Red Sonja ist den Machtgelüsten von Gedren zum Opfer gefallen. Sonja selbst hat jedoch überlebt und ist zu einer mächtigen Kämpferin herangewachsen. Ihre Aufgabe sieht sie darin, Rache an der bösen Königin zu nehmen und den Talisman zu vernichten…

Die Figur der Red Sonya [sic!] wurde wie „Conan der Cimmerier“ von US-Autor Robert E. Howard erfunden. Das war 1934, später fand sie als Red Sonja immer häufiger Erwähnung in den von Marvel herausgebrachten „Conan“-Comics. Wer also eine gewisse Ähnlichkeit zwischen diesem Film und den „Conan“-Streifen erkennt, täuscht sich nicht, zumal im Vorspann von „Red Sonja“ sogar das hyborische Zeitalter erwähnt wird, das jedem „Conan“-Fan ein Begriff ist. Abgesehen davon ist die Figur des Lord Kalidor dem beliebten Barbaren nicht nur ähnlich, weil Arnold Schwarzenegger beide Rollen spielt: Ursprünglich hätte Kalidor tatsächlich Conan sein sollen, der Name durfte aus lizenzrechtlichen Gründen allerdings nicht verwendet werden. Verwirrend? Mag sein, aber heute kann man das alles wenigstens problemlos im Internet nachlesen. Als ich „Red Sonja“ erstmals gesehen habe, habe ich mir einfach eingeredet, dass Kalidor nur ein anderer Name für Conan sei. Hach, waren das noch einfache Zeiten… 😉

Stumpf ist Trumpf.

Was die filmische Darstellung der Titelrolle betrifft, regiert die Einfachheit: Sonja ist die gute Heldin, deren tragische Geschichte es ihr erlaubt, ohne moralische Bedenken auf Rache zu sinnen. Das ist freilich nichts Neues – letztlich ist sie nicht mehr als ein weiblicher Conan. Sie hat aber einen ganz großen Nachteil: Während sich „Conan der Barbar“ ausgiebig Zeit nimmt, die Vorgeschichte seines Helden zu erzählen, muss sich „Red Sonja“ mit ein paar verschwommenen, nichtssagenden Rückblenden begnügen. Ich denke, dass genau daher der Löwenanteil des Qualitätsunterschiedes der eigentlich so ähnlichen Filme kommt: Conan ist jemand, er hat eine Geschichte, er hat einen triftigen Grund für sein Handeln (und er hat, nebenbei bemerkt, einen sehr starken Gegenspieler). Welchen Hintergrund Sonja hat, ist bestenfalls zu erahnen – kein Wunder also, dass eine Identifikation kaum gelingen will. Und: Red Sonja mag oberflächlich wie der große Cimmerier wirken, in Wirklichkeit ist es aber so, dass sie Kalidor und seine beeindruckenden Muskeln immer wieder braucht, um ihr aus brenzligen Situationen zu helfen. Warum? Weil sie eine Frau ist, wie auch Kalidor nicht müde wird zu betonen. Diese Rollenverteilung und Geschlechterzeichnung zeigt sich übrigens auch auf den Filmplakaten, auf denen Arnold Schwarzenegger, der ja eigentlich eine Nebenrolle spielen sollte, deutlich prominenter platziert ist als Brigitte Nielsen. Was ich vom kommerziellen Standpunkt aus sogar verstehen kann, war Schwarzenegger damals ja deutlich bekannter als Nielsen. Alles in allem ist es aber schade, dass Kalidor im Film letztlich der größere Held ist, als Sonja. Immerhin schafft sie im gespielten Zweikampf gegen ihn ein Unentschieden, was wohl das Maximum war, das man zur Darstellung einer starken Frau beitragen wollte.

Abgesehen von diesen beiden, die hauptsächlich ihre Muskeln und Schwerter sprechen lassen (und sehr wenige Textzeilen haben), gibt es eine stereotype Bösewichtin (interessanterweise gespielt von Sandahl Bergman, die in „Conan der Barbar“ als Valeria noch an der Seite des Helden kämpfte). Und, bemerkenswerterweise, mit Paul L. Smith (Falkon) und Ernie Reyes, Jr. (Prinz Tarn) ein Duo, das für den Humor sorgt, der speziell dem ersten „Conan“-Film vollkommen fehlt. Bezeichnend, dass die Slapstick-Einlagen zwar relativ platt sind, den Film letzten Endes aber sogar vor einer noch schwächeren Wertung bewahren.

Die Story von „Red Sonja“ ist schlicht, entsprechend einfach ist auch das Drehbuch gehalten. Das muss kein Fehler sein, ist doch auch „Conan“ kein Ausbund an Tiefgründigkeit. Nur ist es leider so, dass die paar Episoden, aus denen vorliegender Streifen zu bestehen scheint, vergleichsweise lieblos aneinandergestückelt wirken. Oder, um es drastischer auszudrücken: „Red Sonja“ ist über weite Strecken ein ziemlich dummer Film und nicht geschickt darin, das zu verbergen. Ich frage mich ja, ob das damit zu tun hat, dass Schwarzenegger eigentlich gar keinen Bock mehr auf eine solche Rolle gehabt haben soll… Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte, die Handlung ist und bleibt Grütze. Genau genommen haben wir es meines Erachtens sogar mit einem gar nicht so stark veränderten Abklatsch von „Conan der Zerstörer“ zu tun, der ja auch unter der Regie von Richard Fleischer entstanden ist. Allzu inspiriert scheint mir der Mann hier jedenfalls nicht gewesen zu sein. Und bevor jetzt einer kommt und sagt, dass der Film gar nicht anspruchsvoll sein soll, man sein Hirn ausschalten und die Action genießen sollte, dass ich falsche Maßstäbe anlege usw.: Ich habe schon angedeutet, dass ich „Conan der Barbar“ grandios finde und auch mit „Conan der Zerstörer“ gut leben kann. „Red Sonja“ ist beiden um Klassen unterlegen, hat im Endeffekt aber auch nicht diesen so schlecht, das es schon wieder gut ist-Charme, den ich persönlich ohnehin nicht brauche, aber zumindest nachvollziehen kann. Das hier ist einfach ein schwerfälliger, uninspirierter und inkonsequenter Film, dem man anmerkt, dass er ein verzweifelter Versuch war, das Barbaren-Genre bis zum letzten Cent auszupressen. Dank Schwarzenegger ist das sicher besser gelungen als mit vergleichbaren Streifen – an der Qualität ändert dessen Name aber so gut wie nichts.

Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass weder die titelgebende Heldin, noch ihr muskelbepackter Begleiter oder deren Gegenspielerin ihren Darsteller:innen sonderlich viel abverlangen. Schwarzenegger spielt halt seinen Stiefel als Conan, der zwar nicht so heißt, ihm ansonsten aber bis aufs Haar gleicht, herunter. Nielsen spielt ebenfalls Conan, Bergman spielt die übliche grausame Herrscherin ohne irgendwelche Besonderheiten. Am „anspruchsvollsten“ scheint mir noch das verbale Hin & Her zwischen Smith und Reyes zu sein, was auch schon einiges aussagt. Positiv hervorzuheben ist immerhin die Choreografie der Kämpfe: Die Erfahrung aus den „Conan“-Filmen macht sich hier bezahlt. Einziger Wermutstropfen: Die Fechterei zieht sich teilweise ganz schön in die Länge. Überhaupt hat man sich bald daran sattgesehen, weil das Drumherum einfach zu dumpf ist. Man merkt förmlich, wie versucht wurde, den Film mittels zünftiger Prügeleien zu strecken, weil es beim Rest an allen Ecken und Enden gefehlt hat.

Ausstattung und Ton retten vor der World of Shame.

Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich aber ein kleines Lob aussprechen: „Red Sonja“ beeindruckt wie seine quasi-Vorgänger mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen. Es ist kaum zu glauben, wie viel Atmosphäre die Optik schafft (gedreht wurde übrigens hauptsächlich in Italien). Dazu passen auch die Kulissen, die das hyborische Zeitalter schön ins Bild setzen. Die Kostüme sind zwar nicht ganz so gelungen, aber immerhin noch im grünen Bereich. Und auch der Soundtrack vom legendären Ennio Morricone weiß zu gefallen, zieht im Vergleich zu dem, was man in „Conan“ zu hören bekommt, allerdings klar den Kürzeren. So oder: An Barbaren-Atmosphäre fehlt es „Red Sonja“ nicht, wodurch die inhaltlichen Schwächen umso eklatanter hervorstechen.

Letztlich würde ich die knapp anderthalb Stunden, die ich gestern mit „Red Sonja“ verbracht habe, trotz alledem nicht als komplett verschwendet verbuchen. Es macht meiner Meinung nach durchaus Sinn, sich ab und an etwas anzusehen, von dem man früher begeistert war – und sei es nur, um die eigene Sichtweise zu hinterfragen. Bei „Conan“ ist es so, dass ich nach wie vor der Meinung bin, dass wir es speziell im Falle von Teil 1 mit großer Unterhaltung zu tun haben. Bei „Red Sonja“ hingegen… naja, ich habe es ja ausführlich beschrieben. Was mich wirklich interessieren würde: Wie sieht den Film jemand, der ihn anno 2021 erstmals zu sehen bekommt? Wie sehen ihn andere Leute, die ihn – wie ich – damals mochten und seither nicht mehr gesehen haben? Ich muss wohl mal bei meinen Freunden nachhaken, obwohl mir gar nicht so viele einfallen wollen, die „Red Sonja“ damals zu schätzen wussten…

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Red Sonja.
Regie:
Richard Fleischer
Drehbuch: Clive Easton, George MacDonald Fraser
Jahr: 1985
Land: USA
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Brigitte Nielsen, Arnold Schwarzenegger, Sandahl Bergman, Paul L. Smith, Ernie Reyes, jr.



SpielWelt: Star Wars: TIE Fighter


„Star Wars: X-Wing“ (1993) war ein Spiel, mit dem ich in meiner Jugend viel Zeit verbracht habe. Am Nachfolger „Star Wars: TIE Fighter“ (1994) habe ich mich hingegen erst Jahre nach dessen Erscheinen erstmals versucht. So richtig intensiv habe ich es allerdings nie gespielt – eventuell hat mich der deutlich höhere Schwierigkeitsgrad abgeschreckt. Heute ficht mich das nicht mehr an, daher ist es anno 2021 höchste Zeit, erneut im Dienste des Imperiums gegen Rebellen, Piraten und sonstigen Abschaum zu kämpfen.

Gesamteindruck: 6/7


Für das Imperium!

In letzter Zeit greife ich verstärkt zu alten und ganz alten Spielen. Dabei habe ich ein interessantes Phänomen beobachtet: Programmen aus den 1980ern verzeiht man ihre minimalistische Grafik ohne Probleme (siehe meine Rezensionen zu den frühen Vertretern der „Ultima“-Reihe). Vieles, was in den 1990ern auf den Markt gekommen ist, wirkt im Gegensatz dazu deutlich schlechter gealtert. Und das unabhängig vom Genre: „Ultima VI: The False Prophet“ (1991) mag zu seiner Zeit das grafisch mit Abstand schönste Spiel der Reihe gewesen sein, heute hat man mit dem bunten und unübersichtlichen Titel seine liebe Mühe. Und auch an vorliegendem Programm hat der Zahn der Zeit erbarmungslos genagt.

Darum geht’s:
Das Galaktische Imperium ist stets auf der Suche nach neuen Piloten. Ihre Aufgabe: Der Galaxis endlich Ordnung und den wohlverdienten Frieden zu bringen, was von rebellischen Terroristen immer wieder verhindert wird. Und auch Verräter, Wissenschaftler, die sich nicht in den Dienst der Sache stellen wollen, Raumpiraten und ähnliches Gesindel stört laufend die Pläne des Imperators. Entsprechend wichtig ist die kaiserliche Flotte mit ihren Großkampfschiffen und den kleinen, wendigen Raumjägern wie dem TIE Fighter, die auf verschiedenste Missionen gegen die allgegenwärtigen Feinde geschickt werden

Ich habe die Collector’s CD-ROM-Edition von „TIE Fighter“ gespielt. Die ist 1995 erschienen und zeichnete sich im Vergleich zum Original vor allem durch besser aufgelöste Grafiken aus – sowohl im Spiel als auch in den Zwischensequenzen. Außerdem enthält diese Version (zum Zeitpunkt dieser Rezension um 8,49 Euro bei GOG.com zu haben) beide Erweiterungen, sodass man stolze 13 Schlachten (die jeweils aus fünf bis sieben Einzelmissionen bestehen) zu absolvieren hat. Ein schönes Paket, das auch heute noch für viele Stunden vor den Computer fesselt.

In punkto Grafik habe ich eingangs angedeutet, dass solche Äußerlichkeiten in vielen Fällen zu vernachlässigen ist. Im Falle einer Simulation, wie es „TIE Fighter“ eine ist, spielt die Optik allerdings schon eine gewisse Rolle. Zu genau darf man auf den heutigen, viel größeren Bildschirmen also nicht hinsehen; alles sieht relativ grobschlächtig und eckig aus, oft kann man regelrecht zuschauen, wie sich Objekte quälend langsam aus einzelnen Polygonen zusammenfügen. Und auch die Geschwindigkeit lässt mit zunehmender Anzahl an Raumschiffen stark zu wünschen übrig. Ein Teil des Problems wird sicher daher rühren, dass ich kurz vor meinen jüngsten „TIE Fighter“-Sessions ein paar Stunden im Cockpit meiner Vulture in „Elite: Dangerous“ verbracht habe. Ein solcher Rückschritt ist schwerer zu verkraften, als ich mir anfangs eingestehen wollte, da bin ich ganz ehrlich.

Wie dem auch sei: Die Grafik mag aus heutiger Sicht primitiv wirken, sie erfüllt jedoch ihren Zweck. Ein großes Plus: Wie schon in „X-Wing“ ist es ein wahrer Augenschmaus, wie sich abgeschossene Jäger in ihre Bestandteile auflösen (das ist fast schon unverschämt gut aus den Filmen übernommen). Größtes Minus (neben dem manchmal ärgerlich langsamen Bildaufbau): Eigentlich gigantische Schiffe wie die ikonischen Sternenzerstörer wirken zu keinem Zeitpunkt so riesig, wie man es aus dem Kino kennt. Ist man weiter entfernt, kann man sich die gewaltigen Ausmaße noch vorstellen – je näher man kommt, desto kleiner wirken die Raumer. Davon abgesehen ist „TIE Fighter“ optisch aber durchaus in Ordnung, auch wenn ich den ganz großen Sprung zu „X-Wing“ nicht sehe, der damals (und teils auch noch heute) herbeigeschrieben wurde.

Der Sound ist im Übrigen großartig – ich weiß nicht, wie es im Original war; die CD-ROM-Fassung bietet jedenfalls den klassischen Score von John Williams, der sich je nach Situation ändert und beispielsweise die Ankunft von Verstärkung – oder neuen Feinden – mit der entsprechenden Musik ankündigt. Dazu gibt es digitalisierte Sprache, sowohl in den Missionsbesprechungen als auch direkt im Kampfgeschehen. Die Effekte kennt man ebenfalls aus den Filmen: Laser zirpen, TIE Fighter röhren, Explosionen dröhnen. Alles im luftleeren Raum, wohlgemerkt – aber das ist eine andere Geschichte, die die Science Fiction bis heute kaum jemals anders gelöst hat (und, seien wir uns ehrlich, die niemand anders haben möchte).

Altersbedingte Schwierigkeiten.

Das größte Mirakel für den modernen Spieler dürfte die Flugsteuerung sein. Dass sich die Jäger eher wie Flugzeuge in der irdischen Atmosphäre steuern: Geschenkt – das machen die meisten Weltraum-Sims bis heute so. Es ist jedoch zu bedenken, dass Joysticks in den 1990ern vergleichsweise bescheiden ausgestattet waren, zumindest die, die die Masse sich leisten konnte (übrigens würde ich ohne Joystick generell keine Empfehlung für dieses und ähnliche Spiele abgeben). Entsprechend umständlich steuert sich das Fluggerät aus heutiger Sicht – vor allem dann, wenn (wie von mir oben kurz erwähnt) unlängst eine aktuelle Simulation gespielt hat. Insbesondere das Fehlen der Seitwärtsbewegung, die moderne Sticks mittels „Twist“ beherrschen, macht sich ungut bemerkbar: Mehr als horizontales und vertikales Steuern ist nicht drin. Dazu kommt, dass man die Belegung des vom Programm ebenfalls weidlich genutzten Keyboards nicht frei wählen kann und in Sachen Steuerknüppel nur zwei Feuerknöpfe unterstützt werden. Glücklicherweise hat man die essenziellen Kommandos auch so bald intus, wirklich intuitiv ist vieles davon aber leider nicht. Auch hier gilt also: Wer seit 20 Jahren keine Simulation mehr gespielt hat, wird wohl keine großen Probleme haben. Jeder, der zwischen zwei „Elite: Dangerous“-Sitzungen in den TIE Fighter springt, muss sich gewaltig umstellen und wird anfangs häufiger am eigenen Unvermögen als an den Gegnern scheitern.

Apropos Gegner: Hier ist dann tatsächlich ein großer Unterschied zum Vorgänger „X-Wing“ festzustellen. Nicht nur, dass sich die feindlichen Piloten deutlich intelligenter verhalten und damit schwerer zu besiegen sind – ich musste teilweise sogar den Schwierigkeitsgrad auf „leicht“ reduzieren, weil mich die eine oder andere Mission schlicht zur Verzweiflung getrieben hat. Dazu kommt ein sehr viel ausgefeilteres und abwechlsungsreicheres Missionsdesign. Klar, grundsätzlich geht es in der Regel darum, so viele Feinde wie möglich bzw. nötig aus dem Weltraum zu pusten. Aber die Nebenaspekte (mal darf dieses Schiff nicht zerstört werden, mal ist jenes Shuttle zu identifizieren usw.) sind besser ausgearbeitet und zahlreicher. Und: Während einer Mission kann sich plötzlich alles ändern, worüber man dann auch per Funk informiert wird. An dieser Stelle ist übrigens ein Schwachpunkt zu bemerken, der ebenfalls dem Alter des Programms geschuldet sein dürfte: In der Hitze des Gefechts verliert man irrsinnig leicht den Überblick und hat oft alle Hände damit zu tun, überhaupt festzustellen, von wem man gerade beschossen wird. Kommt dann auch noch eine Meldung per Funk herein, übersieht und -hört man das schon sehr leicht. Ein späteres Abrufen ist leider nicht möglich und der Schirm mit den Missionszielen ist auch nur bedingt hilfreich.

Einmal möcht‘ ich ein Böser sein?

Es mag Leute geben, die sich in ein virtuelles Cockpit schwingen und einfach nur fliegen und schießen wollen. Für die macht es dann auch keinen Unterschied, für welche Seite sie kämpfen. Wer aber wie dieser Rezensent mit den „Star Wars“-Filmen und ihrer sehr eindeutigen Zeichnung von Gut und Böse aufgewachsen ist, muss erst einmal verdauen, dass er über ein ganzes Spiel hinweg Jagd auf die Freunde von Luke Skywalker & Co. machen soll. Übertreibe ich mit diesem moralischen Dilemma? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, Fakt ist aber, dass ich offenbar so sehr von „Star Wars“ sozialisiert und konditioniert wurde, dass ich mich zwischendurch immer mal wieder unwohl gefühlt habe, als ich diesen Konvoi oder jene Station der Allianz vernichten sollte. Andererseits fällt es mir aber auch in Rollenspielen, in denen man seine Gesinnung frei wählen darf (z. B. „Baldur’s Gate“), schwer, den bösen Weg einzuschlagen.

Ich scheine übrigens nicht allein mit diesem Problem zu sein – immer wieder liest man in Guides und Rezensionen zu „TIE Fighter“ Empfehlungen, wie man es schafft, sich nicht schlecht zu fühlen, wenn man für das Imperium zwischen den Sternen herumdüst. Was ich mit alledem sagen will: Die Prämisse von dieses Spiels gehört wohl zu den nachhaltigsten in der Geschichte der Computerspiele. Und das vor allem auch, weil der LucasArts-Klassiker zu einer Zeit auf den Markt gekommen ist, in der die heute üblichen, ambivalenten Helden längst nicht so verbreitet waren. Oder ist es doch nur eine Frage des Alters (nicht des Spiels sondern des Spielers)? Ich weiß es nicht – ein großer Trost war mir allerdings, dass man gar nicht so selten gegen Verräter in den eigenen Reihen losgeschickt wird. Am Ende hatte ich gefühlt deutlich mehr abgeschossene TIEs als X-Wings in meiner Statistik – und das ist ja auch was.

Wer mit dieser moralischen Zwickmühle leben bzw. vor allem auch mit einem Spiel umgehen kann, dem man sein Alter deutlich ansieht und -merkt, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren. Jeder, der auf Star Wars steht und die lange Zeit mit Abstand großartigsten Spiele aus jenem Universum erleben möchte (denn dazu zähle ich auch „X-Wing“), sowieso.

Gesamteindruck: 6/7


Genre: Weltraum-Flugsimulation
Entwickler:
LucasArts
Publisher: LucasArts
Jahr:
1994
Gespielt auf: PC


Screenshots aus „Star Wars: TIE Fighter“ – Copyright beim Entwickler!

FilmWelt: The Arrival – Die Ankunft

1996 war ein schwieriges Jahr für die Menschheit, musste sich unser geliebter Heimatplanet doch gleich mehrerer Invasionen aus dem All erwehren: „Mars Attacks!“, „Star Trek: Der erste Kontakt“ und „Independence Day“ (übrigens der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres) ließen Außerirdische landen, die nicht viel Federlesens mit unserer Spezies machten. Mit einem ähnlichen Thema, allerdings deutlich weniger beachtet, kam im gleichen Jahr auch „The Arrival – Die Ankunft“ mit Charlie Sheen in die Kinos. Finanziell war der Film im Vergleich zu den genannten Blockbustern ein Flop – zu Recht? Oder haben wir es hier mit einem verkannten Geniestreich zu tun?

Gesamteindruck: 3/7


Aliens in Mexiko.

Zunächst ein Wort zum Regisseur: David Twohy hatte bis „The Arrival – Die Ankunft“ 1996 in die US-Kinos kam, einen ganzen („Auf der Flucht“, 1993) und einen halben („Warlock – Satans Sohn“, 1989) Hit – die aber als Drehbuchschreiber. Gleichzeitig listet einer der legendärsten Flops der Filmgeschichte, „Waterworld“ (1995), Twohy als Autor in den Credits. An bekanntem Drehbuchmaterial folgten später „Die Akte Jane“ (1997), „A Perfect Getaway“ (2009) sowie die „Riddick“-Reihe mit Vin Diesel. Auf dem Regiestuhl nahm Twohy für „The Arrival“ hingegen erst zum zweiten Mal überhaupt Platz; sein Debüt „Timescape“, 1992, ist mir bis dato nicht bekannt. Die Karriere des US-Amerikaners ist alles in allem eher unspektakulär – 1996 dürfte er nach dem „Waterworld“-Desaster jedoch dringend einen Erfolg gebraucht haben. Ein Wunsch, der sich mit „The Arrival“ weder kommerziell noch inhaltlich erfüllt hat, so viel sei vorweggenommen.

Worum geht’s?
Im Rahmen des SETI-Programms sucht Radioastronom Zane Zaminsky nach Signalen außerirdischer Zivilisationen. Als er eines Nachts tatsächlich fündig wird, meldet er das pflichtbewusst seinen Vorgesetzten – nur um kurz darauf gefeuert zu werden. Doch das ist nicht das einzige Ungemach, schon bald sieht sich der paranoide Astronom von dunklen Mächten verfolgt. Für ihn ist klar: Etwas ganz Großes soll hier vertuscht werden…

Inhaltlich hat „The Arrival“ gegenüber den eingangs erwähnten SicFi-Hits des Jahres 1996 ein Alleinstellungsmerkmal: Statt möglichst spektakulär die katastrophalen Auswirkungen eines außerirdischen Angriffs zu zeigen, stehen hier Geheimhaltung, Verschwörung und Vertuschung im Mittelpunkt. Freilich gibt es auch dafür ein Vorbild, das Mitte der 1990er sensationelle und bis heute nachhallende Erfolge feierte: „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ geht in in Sachen Vertuschung von Alien-Kontakten in eine ähnliche Richtung (Anmerkung am Rande: Die Staffeln 3 und 4 der Serie um die Agenten Fox Mulder und Dana Scully fallen ungefähr in den Zeitraum, in dem auch „The Arrival“ veröffentlicht wurde).

Die Ausgangsposition vorliegenden Werks entspricht also durchaus dem Zeitgeist der 1990er und setzt gleichzeitig einen klaren Kontrapunkt zu den Zerstörungsorgien anderer Kinofilme. Und doch gibt es ein gewaltiges Problem: „The Arrival“ verfügt über eine Handlung, die man so oder so ähnlich in einer Folge „Akte X“ hätte unterbringen können. Die besten Episoden jener Serie sind – im Gegensatz zu „The Arrival“ – durchgehend spannend, die Charaktere etabliert und die Erklärungen innerhalb ihrer Prämisse logisch und verständlich. Hier haben wir hingegen einiges an Leerlauf, keine starken Figuren und immer wieder hanebüchene Szenen. Erwähnt sei an dieser Stelle außerdem, dass „Akte X“ die deutlich besseren, weil realistischeren Special Effects für sich verbuchen kann (die oben genannten Filme sowieso).

Durchschnittliche Kost.

Die Geschichte um verdeckte Alien-Operationen auf der Erde wäre eigentlich interessant – allerdings ist das Drehbuch kaum geeignet, die Hochspannung, unter der vor allem der Held wider Willen ständig steht, zu transportieren. Alles an „The Arrival“ wirkt schwerfällig und kaum zu Ende gedacht. Schade, denn eigentlich ist der Einstieg sehr gut gelungen – aber irgendwann, vielleicht nach einem Drittel der Laufzeit, hat man das Gefühl, dass David Towhy nicht mehr wusste, wie er weitermachen soll. Das Ergebnis sind teils haarsträubende Prämissen – allein wie es die Hauptfigur schafft, eine geheime Basis in Mexiko zu betreten, ist dermaßen unglaubwürdig, dass es fast schon schmerzt. Aber auch wenn man es schafft, über solche Mängel hinwegzusehen, ist und bleibt „The Arrival“ in Hinblick auf Storytelling, Effekte, Action und Spannung unterdurchschnittlich. Klar, es gibt schlechteres zu sehen – aber dermaßen unspektakulär hätte ich mir den Film eigentlich nicht vorgestellt.

In Hinblick auf die Charaktere kann ich mich zum Abschluss kurz fassen: Die Guten sind wenig sympathisch, den Bösen fehlt es an Charisma. Mehr will mir dazu partout nicht einfallen, keine einzige Rolle in „The Arrival“ ist ansatzweise memorabel, sieht man vom aus heutiger Sicht höchst merkwürdigen Aussehen von Charlie Sheen ab. Dass in einer solchen Misere auch die Schauspieler nicht gerade glänzen, ist logisch und soll hier nur am Rande erwähnt werden.

Ich habe irgendwo gelesen, dass „The Arrival“ von Genre-Fans durchaus goutiert wird. Ich selbst halte mich eigentlich auch für einen solchen – mit diesem Film konnte ich aber sehr wenig anfangen. Das hat nichts mit seiner Prämisse zu tun, wohl aber mit der Qualität der Umsetzung. Und die ist beim besten Willen nicht mehr als 3 von 7 Punkten wert. Das ist eigentlich schon sehr großzügig, noch einmal würde ich mir den Film definitiv nicht ansehen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Arrival.
Regie:
David Twohy
Drehbuch: David Twohy
Jahr: 1996
Land: USA, Mexiko
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Charlie Sheen, Ron Silva, Lindsay Crouse, Teri Polo, Richard Schiff, Tony T. Johnson



FilmWelt: Pandorum

Es gibt diese Filme, bei denen man in der ersten Sekunde erkennt, ob sie den persönlichen Geschmack treffen – oder eben nicht. „Pandorum“, eine deutsch-britische (!) Produktion aus 2009 ist einer dieser Fälle, die mich mit der ersten Einstellung gepackt und unbändige Vorfreude in mir ausgelöst haben.

Gesamteindruck: 4/7


Raumkrankheit und Amnesie.

Leider ist „Pandorum“ aber auch einer jener Fälle, die es nicht schaffen, die in den ersten Minuten aufgebaute Erwartungshaltung vollständig zu befriedigen. Schade eigentlich, denn prinzipiell hätte der Film alles, was es braucht, um den geneigten SciFi-Fan zu begeistern: Ein riesiges Raumschiff voller Technik, eine lange Reise zu einem fernen Planeten, mysteriöse Fehlfunktionen, geheimnisvolle Kreaturen, einen Helden wider Willen – und doch gelingt es den Filmemachern nicht, diese hervorragenden Zutaten zu einem wirklich wohlschmeckenden Mix zu vereinen.

Worum geht’s?
An Bord des riesigen Raumschiffs „Elysium“ erwachen zwei Besatzungsmitglieder aus dem Hyperschlaf. Eine Nebenwirkung dieser speziellen Art des interstellaren Reisens ist partieller Gedächtnisverlust: Die Männer wissen zunächst nicht, wer und wo sie sind. Keine idealen Voraussetzungen also, um bevorstehende Aufgaben zu lösen – und die sind gewaltig, denn bald müssen die Astronauten feststellen, dass das Schiff gravierende technische Probleme hat. Und dass sie entgegen ihrer anfänglichen Vermutung keineswegs allein an Bord sind…

Die Idee des unsanften Erwachens aus dem Kälte-, Hyper- oder was-auch-immer-Schlaf ist mittlerweile ja fast ein Klassiker in der Science Fiction. Einer der Ausgangspunkte dürfte wohl „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) sein. Und auch anderweitig hat sich der deutsche Regisseur Christian Alvart inspirieren lassen: So erinnert die ganze Atmosphäre neben genanntem Standardwerk von Ridley Scott frappierend an „Event Horizon – Am Rande des Universums“ (1997, Regie führte Paul W. S. Anderson, einer der Produzenten von „Pandorum“) und der Videospielreihe „Dead Space“ (ab 2008). Wir haben es hier also mit einer dreckigen und kaputten Zukunft zu tun, die ganz und gar nichts von „Star Trek“-Utopie hat. Umgekehrt habe ich das Gefühl, dass sich „Passengers“ (2016) in Hinblick auf die Handlung sehr stark an „Pandorum“ orientiert haben dürfte, im Vergleich aber geradezu klinisch rein wirkt.

Von der Technik her braucht sich „Pandorum“ auch hinter großen Produktionen nicht zu verstecken: Das von außen sehr hübsche und innen völlig heruntergekommene Raumschiff ist eine hervorragende Kulisse. Die mangelhafte Beleuchtung sorgt für gruseliges Ambiente, flackernde Bildschirme, kaputte Konsolen, Schläuche und Kabel, die aus Wänden hängen – für all das muss man den Verantwortlichen ein großes Lob aussprechen, ebenso für die Kameraarbeit, die den Wahnsinn, der das Schiff befallen hat, gut einfängt (aber auch nichts für Fans ruhiger Darstellungen ist). Der Sound passt sich dem an und sorgt dafür, dass man sich auch als Zuschauer kaum jemals sicher fühlt. Passend zu alledem sind auch die Kostüme bzw. generell die körperliche Darstellung der Figuren, die immer wieder von Blut und diversen Flüssigkeiten bedeckt durch enge Schächte kriechen.

Die Stimmung an Bord der „Elysium“ passt also. Zumindest für den Zuschauer – die Besatzung stolpert hingegen von einem Problem zum nächsten. Und das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Das Drehbuch ist leider ein wenig holprig geraten, was „Pandorum“ letztlich viel vom guten Gefühl kostet, das über Atmosphäre, Ausstattung, Beleuchtung und Ton erzeugt wird. Dabei wären Anfangs- und Endpunkt der Geschichte, die Regisseur Alvart und Drehbuchautor Travis Millroy erzählen, aller Ehren wert. Nur das, was dazwischen liegt, wirkt zeitweise zusammengeschustert, wenig inspiriert und ab und an nicht unbedingt logisch.

Bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Im Wesentlichen ist der Mittelteil von „Pandorum“ mehr Action als Science Fiction – die Protagonisten hetzen von einem Ende der „Elysium“ zum anderen, immer verfolgt von merkwürdigen Gestalten, die ein wenig an die Morlocks aus dem Wells-Klassiker „Die Zeitmaschine“ (1895) erinnern. Dazwischen gibt es immer wieder Dialoge, die zum Teil bemüht-philosophisch daherkommen (es stellt sich die Frage nach dem moralischen Kompass, wenn man einer der letzten Überlebenden der Menschheit ist), im Endeffekt aber nur an der Oberfläche kratzen. Das könnte man wohl verschmerzen, würde sich die Action nicht ziemlich hohl anfühlen – von „Alien“-Intensität kann bei „Pandorum“ jedenfalls nicht die Rede sein.

Und noch einen Punkt möchte ich erwähnen, der mich als Fan solcher Geschichten, wie sie die Inhaltsangabe von „Pandorum“ andeutet, massiv stört: Der Film ist in sich nicht so richtig logisch. Die Erklärungen für das Geschehen sind teils in Ordnung (ich mag es, wie die Crew auf einen Überlebenden trifft, der die Geschichte des Schiffs in die Wand graviert hat), alles in allem macht die Handlung aber nicht sehr viel Sinn. Für mein Gefühl fehlen ein paar erklärende Elemente, etwas, das über ein paar Nebensätze hinausgeht. Und dass einiges von dem, was im Schiff passiert, auf die titelgebende Raumkrankheit „Pandorum“ geschoben wird, ist mir tatsächlich etwas zu billig.

Abschließend noch ein Wort zu den Charakteren: Auch hier gibt es Luft nach oben. Die männlichen Hauptdarsteller Dennis Quaid und Ben Foster spielen ihre Rollen zwar gut, die Figuren selbst sind aber nichts, woran man sich länger erinnert. Ein wenig besser ist es mit der einzigen Frau in einer tragenden Rolle, aber letztlich kann auch Antje Traue nicht darüber hinwegtäuschen, dass Charakterzeichnung keine Stärke von „Pandorum“ ist.

Fazit: Ich hätte mir schlicht und einfach mehr von diesem Film erwartet. Man kann ihn sich selbstverständlich gut ansehen – der letzte Twist hat schon was für sich – und er ist technisch definitiv stark gemacht. Aber im Endeffekt ist er völlig zu Recht weder ein echter („Alien“) noch ein heimlicher bzw. zu seiner Zeit verkannter („Event Horizon“) Klassiker des Genres.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Pandorum.
Regie:
Christian Alvart
Drehbuch: Travis Milloy
Jahr: 2009
Land: UK, Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dennis Quaid, Ben Foster, Antje Traue, Cam Gigandet, Cung Le, Eddie Rouse



BuchWelt: Lobgesang auf Leibowitz

Walter M. Miller, Jr.


Ich könnte ad hoc nicht sagen, wie lange ich „Lobgesang auf Leibowitz“ schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB) habe. Gefühlt dürfte es sich sogar um eines der ersten Werke handeln, das ich auf jenen (imaginären) Stoß gegeben habe, seit ich zur arbeitenden Bevölkerung gehöre und mir Bücher in größeren Mengen leisten kann. Nun, im Jahre des Herrn 2021 (um im Duktus der Abtei des Heiligen Leibowitz zu sprechen), habe ich endlich die Zeit gefunden, mich mit diesem gefühlt relativ unbekannten Klassiker der postapokalyptischen Science Fiction zu beschäftigen.

Gesamteindruck: 4/7


Wiederholungstäter.

Vordergründig ist „Lobgesang auf Leibowitz“ eine dystopische Science Fiction-Geschichte und behandelt in drei Teilen den Wiederaufstieg der Menschheit nach einer globalen Katastrophe. Autor Walter Miller geht davon aus, dass sich dieser Prozess in Schritten bzw. Epochen vollzieht, die der Vergangenheit unserer westlichen Zivilisation ähneln: „Fiat Homo“ spielt in einer Art Mittelalter, 600 Jahre nach einem großen Atomkrieg, „Fiat Lux“ wiederum 600 Jahre später in einem Zeitalter, das an die Renaissance erinnert und „Fiat Voluntas Tua“ noch einmal sechs Jahrhunderte später zu Beginn einer neuen Raumfahrt-Ära. Verbindendes Element ist die Arbeit der Mönche in der Abtei des Heiligen Leibowitz, irgendwo in einer Wüste im Südwesten von Amerika.

Worum geht’s?
Nachdem ein Atomkrieg die Erde verwüstet hatte, wurden sämtliche Bücher und Erkenntnisse, die die Katastrophe überstanden hatten, vernichtet. Wissenschaftler wurden ermordet, wo man ihrer habhaft werden konnte – alles, um eine neuerliche nukleare Auseinandersetzung zu verhindern. Ein gewisser Isaac Leibowitz war einer von wenigen, die versuchten, das alte Wissen zu bewahren, wofür er schließlich mit seinem Leben bezahlte. 600 Jahre später hat die Menschheit die Barbarei hinter sich gelassen und der Orden des mittlerweile als Märtyrer verehrten Leibowitz arbeitet daran, die letzten Überbleibsel der alten Zivilisation zu finden und zu bewahren, auf das irgendwann wieder eine Zeit der Erleuchtung folgen möge

Die Prämisse, dass ein christlich-religiöser Orden versucht, so viel wie möglich vom verloren gegangenen Wissen der Menschheit zu bewahren, ist sowohl groß- als auch einzigartig. Und das sage ich nicht nur, weil ich Endzeit-Geschichten generell mag: „Lobgesang auf Leibowitz“ stellt Fragen, die zur Zeit seiner Veröffentlichung relativ selten in der Science Fiction vorgekommen sind, beispielsweise nach dem Verhältnis zwischen Staat, Kirche und Wissenschaft, aber auch nach Segen und Fluch des Fortschritts. Ein großes Alleinstellungsmerkmal sind dabei die wechselnden Rollen, die die sich ändernden Zeiten widerspiegeln: Anfangs ist es ausgerechnet die Kirche, die das tut, was eigentlich Aufgabe der Wissenschaft wäre und die dadurch einen erneuten Aufschwung der Menschheit ermöglicht. Später erkennt niemand außer den Mönchen die Gefahren, die dieses Wissen birgt, wenn es ohne moralischen Kompass zum Einsatz kommt. All das hebt sich sehr stark vom damals üblichen Science Fiction-Roman ab – und ist auch in heutigen Genrebeiträgen alles andere als alltäglich.

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, vorliegendes Werk „nur“ auf Science Fiction zu reduzieren. Neben den von mir beschriebenen moralischen Implikationen stellt das Buch eine zyklische Geschichte vor: Die 1.800 Jahre, die die Handlung abdeckt, spiegeln im Endeffekt die 1.800 Jahre wieder, wie sie vor dem fiktiven Atomschlag – also in unserer Realität – abgelaufen sind. Und dem Leser stellt sich damit die Frage, ob sich die Fehler, die die Menschheit begeht, zwangsweise wiederholen. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Antwort von Walter Miller höchst pessimistisch ausfällt.

Kein überbordender Unterhaltungswert.

Doch auch, wenn ich die dahinterstehende Philosophie begrüßenswert und als hervorragende Anregung zum Nachdenken empfinde: „Lobgesang auf Leibowitz“ ist immer noch ein Roman, der unterhalten soll. Und das ist der Knackpunkt: Während ich „Fiat Homo“ mit großem Vergnügen gelesen habe und auch „Fiat Lux“ empfehlen kann, empfinde ich den finalen Abschnitt über weite Strecken als schwere Kost. Mag sein, dass das mit der Veröffentlichungsweise zu tun hat: Die drei Teile erschienen zwischen 1955 und 1957 als Novellen in einer amerikanischen Science Fiction-Zeitschrift, eine Gesamtveröffentlichung erfolgte erst 1960. Eventuell liegt es daran, dass „Fiat Voluntas Tua“ die Leichtigkeit seiner Vorgänger fehlt.

Letzten Endes sind diese Schwierigkeiten, die ich mit dem finalen Part der Geschichte habe, der Grund für meinen eher durchwachsenen Gesamteindruck. Philosophische Erwägungen sind ja schön und gut – in „Fiat Voluntas Tua“ hatte ich aber über weite Strecken nicht das Gefühl, dass der Autor wusste, wohin er eigentlich mit seiner Geschichte will. Oder, anders ausgedrückt: Die Story ist schon da, sie ist aber relativ dünn und wirkt, als wäre sie nur vorhanden, um eine Entschuldigung für große Philosophie zu haben (der ich ehrlich gesagt nicht sonderlich gut folgen konnte).

Was die Charaktere betrifft, gibt es wenig Grund zur Beschwerde. Vor allem die Hauptfigur in „Fiat Homo“, ein einfacher Mönch, der nicht weiß, wie ihm geschieht, als er plötzlich Artefakte des Heiligen findet, den sein Orden seit Jahrhunderten verehrt, ist dem Autor hervorragend gelungen. Speziell daraus zieht der erste Abschnitt seine leichte Lesbarkeit – Bruder Francis Gerard ist zwar sehr gläubig und bescheiden, gleichzeitig aber auch ein wenig einfältig und tollpatschig. Dieser krasse Gegensatz zur doch recht harten Philosophie macht die Mischung aus und „Fiat Homo“ zu einem echten Lesevergnügen. Derartige Sympathieträger kommen in den anderen zwei Teilen des Romans nicht vor – wobei ich das Hin & Her zwischen Abt Dom Paolo und dem Wissenschaftler Thon Taddeo Pfardentrott in „Fiat Lux“ durchaus goutiere. Der letzte Akt enthält im Gegensatz dazu kaum memorable Figuren, was wohl ein Mitgrund für die schwerere Lesbarkeit sein dürfte.

Alles in allem ist „Lobgesang auf Leibowitz“ ein Werk, das jeder, der sich für postapokalyptische Szenarien interessiert, gelesen haben sollte. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Walter Miller beschreibt hier kein großes Bild möglicher Gesellschaftsformen in einer dystopischen Zukunft. Er konzentriert sich auf einen Aspekt (die Erhaltung des Wissens und den Versuch, die Wiederholung alter Fehler zu verhindern), auf den allerdings sehr detailliert. Wer damit umgehen kann und ein gesundes Interesse an philosophischen Erwägungen, die gelegentlich die Story überdecken, hat, kann zu untenstehender Wertung vielleicht einen oder zwei Punkte addieren. Mir persönlich ist das Buch gegen Ende hin zu unfokussiert, sodass der Gesamteindruck nicht über das gehobene Mittelmaß hinauskommt.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Walter M. Miller, Jr.
Originaltitel: A Canticle for Leibowitz.
Erstveröffentlichung: 1955-1957
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

FilmWelt: V/H/S – Eine mörderische Sammlung

Ich habe mir in letzter Zeit abgewöhnt, Filmtrailer anzusehen. Die Inhaltsangabe muss reichen – und manchmal lese ich nicht einmal die zur Gänze durch. Im Falle von „V/H/S“ aus dem Jahr 2012 hätte ich mir jedoch besser eine Vorschau gönnen sollen, denn auf Found Footage hatte ich eigentlich wenig Bock. Kein Wunder, hatte ich doch zum Zeitpunkt, als ich mir diesen Streifen angesehen habe, zu viele ähnlich gemachte Filme in zu kurzer Zeit gesehen. Ein bisschen ist untenstehender Text also auch unter diesem Gesichtspunkt zu lesen – und doch hat „V/H/S“ auch ganz unabhängig davon Probleme, zu überzeugen.

Gesamteindruck: 3/7


Die Meta-Ebene.

Grundsätzlich sehe ich Found Footage und Mockumentaries gern. Allerdings muss man sich – ausgewiesene Fans mögen das anders sehen – vor einer „Überdosis“ hüten: Meiner Erfahrung nach hat man verwackelte Bilder und improvisierte Dialoge relativ schnell satt. Dass „V/H/S“ im Wesentlichen dem entspricht, was seit (1999) in regelmäßigen Abständen, zu Zeiten sogar inflationär, auf die Menschheit losgelassen wird, war mir anhand der Inhaltsbeschreibung allerdings nicht klar – wenn ich das gewusst hätte, hätte ich den Film etwas länger auf meiner Watchlist gelassen.

Abgesehen davon, dass ich anhand der Kurzbeschreibung nicht mitbekommen habe, dass „V/H/S“ dem Found Footage-Genre zuzuordnen ist, war mir auch nicht bewusst, dass es sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes um eine „Sammlung“, wie es der deutsche Subtitel so schön beschreibt, handelt. Heißt: „V/H/S“ besteht aus mehreren Kurzfilmen verschiedener Regisseure, die über eine Rahmenhandlung (ebenfalls im Found Footage-Stil) lose miteinander verknüpft sind. Inhaltlich, so viel sei verraten, nehmen die Clips keinen Bezug aufeinander. Und, weil eventuell nicht jeder Interessierte damit rechnet (die Beschreibung liest sich nach Thriller): „V/H/S“ ist ein Horror-Film, der auch und vor allem übernatürliche Phänomene zeigt. Hätte ich all das gewusst, hätte ich den Film wohl etwas länger auf meiner umfangreichen Watchlist gelassen.

Worum geht’s?
Eine Bande von Typen, die sich gerne selbst bei Straftaten filmen, wird von einem Unbekannten angeheuert. Der Job: In ein Haus, in dem nur ein alter Mann wohnt, einzubrechen und dort ein bestimmtes Videoband zu stehlen. Nach längerer Suche in dem heruntergekommenen Anwesen finden die jungen Männer schließlich einen Raum mit diversen Bildschirmen und einem Abspielgerät. Damit wollen sie die richtige Kassette finden – doch der Inhalt der Videos ist höchst verstörend…

Bei einer Bewertung von „V/H/S“ kann man auf drei Bereiche eingehen: Das Gesamtkonzept, die fünf Kurzfilme und die sie verbindende Rahmenhandlung. Am einfachsten scheint mir eine Beurteilung der einzelnen Clips zu sein, die sich die Protagonisten der Rahmenhandlung ansehen und deren Qualität zwischen gut und akzeptabel schwankt. Tatsächlich gelungen finde ich die zwei finalen Filme („The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“ und „10/31/98“), die auf deutlich subtileren Horror setzen als der teils recht blutige Rest des Materials. Vor allem „10/31/98“ ist ein spannendes Fundstück, eigentlich würden aber beide auf einen entsprechenden Langfilm neugierig machen (bitte nicht, dabei kommt sicher nichts Gutes raus). Vom Rest empfinde ich „Second Honeymoon“ zumindest als gut gespielt (neben „The Sick Thing…“ der einzige Kurzfilm mit memorablen Charakteren), die übrigen Schnipsel kann man sich gerne ansehen, Meisterwerke sind es allerdings nicht.

Neben diesen fünf Kurzfilmen gibt es eigentlich einen sechsten, der die Rahmenhandlung von „V/H/S“ darstellt. „Tape 56“, so der Titel, bildet den Einstieg in die Geschichte und auch zwischen den einzelnen Clips kehrt der Film immer zu den Einbrechern, die ein Tape suchen, zurück. Wie angedeutet ist die Story eher lose – eigentlich passiert nicht viel mehr, als dass die Protagonisten sich Videos ansehen. Was der Sinn der Sache ist, welches Tape genau gesucht wird und wie der Hausbesitzer überhaupt an das Material gekommen ist, erfährt man nicht. Übrigens endet „V/H/S“ nicht, wie man meinen könnte, mit einem erklärenden Beitrag aus „Tape 56“, sondern relativ unprätentiös mit dem Finale von „10/31/98“. Lediglich gemeinsam mit den Credits werden noch ein paar Szenen der Rahmenhandlung abgespielt (wiederholt). „Tape 56“ selbst ist ein eher nerviger Anfang für „V/H/S“, aber zumindest die Szenen im späteren Verlauf sind in Ordnung. Im Gegensatz zu den restlichen Clips gibt es hier allerdings das Problem, dass die Charaktere nie richtig zu sehen sind, was das Ganze noch flacher und sinnfreier wirken lässt, als es ohnehin schon ist.

Hätte deutlich besser sein können.

Und damit kommen wir zum Gesamtkonzept von „V/H/S“. Ich denke, dass der verantwortliche Produzent Brad Miska grundsätzlich eine gute Idee hatte: Found Footage gibt es häufig – eine Geschichte, in der im Found Footage-Stil, sozusagen auf Meta-Ebene, über das Auffinden und Ansehen solchen Materials berichtet wird, ist schon ein Alleinstellungsmerkmal. Leider zeigt „V/H/S“ aber auch die Probleme auf, die daraus entstehen und von denen ich zwei als verantwortlich für meine moderate Wertung identifizieren würde. Erstens ist die Rahmenhandlung nicht ausgereift: Zunächst gelingt es dem Film gut, Spannung aufzubauen – man möchte als Zuschauer unbedingt wissen, welches Tape gesucht wird, was darauf zu sehen ist, was es mit dem Hauseigentümer auf sich hat und was mit den Einbrechern passiert. Allein: Nichts davon wird erklärt. Dass einem nicht alles vorgekaut wird, ist normalerweise kein Fehler, hier ist es aber so, dass man nicht einmal einen kleinen Hinweis darauf bekommt, was von der ganzen Sache zu halten ist. Wenn man ganz streng ist, könnte man sagen, dass man unbedingt eine Rahmenhandlung gebraucht hat, um die Kurzfilme in dieser Form auf den Markt zu bringen – so richtig scheint aber niemand über mögliche Inhalte nachgedacht zu haben, was an verschwendetes Potenzial grenzt.

Daraus folgt zweitens, dass der Film zu lang ist. Found Footage ist per se anstrengend – das weiß wohl jeder, der mal bei der Geburtstagsparty seiner Tante alte Homevideos ansehen musste. In der Regel können Filme wie „Blair Witch Project“ (1999) oder „Cloverfield“ (2008) das über Handlung und Drehbuch kompensieren, die im Gegensatz zur auf Improvisation getrimmten Technik sehr wohl den üblichen Konventionen der Filmemacherei folgen. Wenn das nicht passiert, ist es eine gute Idee, die Laufzeit so kurz wie möglich zu halten („The Phoenix Tapes ’97“ aus dem Jahr 2016 ist ein solches Beispiel, das allerdings mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat). „V/H/S“ dauert ungefähr zwei Stunden, was zu viel ist, weil die Handlung kaum Möglichkeiten bietet, sich festzuhalten. Die einzelnen Filme haben nicht mal ansatzweise miteinander zu tun, sind qualitativ unterschiedlich, die Darsteller sind zu kurz im Bild (oder zu wenig charakterisiert), um sich mit ihnen zu identifizieren – und ein Aha-Erlebnis am Ende (oder vielleicht auch mal zwischendrin) fehlt. Damit ist klar, dass sich die zwei Stunden gelegentlich wie Kaugummi zu ziehen scheinen.

Fazit: „V/H/S“ ist definitiv nur für Found Footage-Fans eine grundsätzliche Empfehlung wert. Alle anderen werden wenig Freude damit haben, sogar, wenn sie z. B. „Blair Witch Project“ tolerabel finden. Wenn ich mich ganz weit aus dem Fenster lehnen möchte, würde ich sagen, dass es besser wäre, die fünf Kurzfilme für sich anzusehen – das geht schneller oder man bestimmt selbst, wie viel man davon ertragen kann. Und ob man die Rahmenhandlung nun mitbekommt oder nicht, macht keinen großen Unterschied. 3 von 7 Punkten lasse ich dennoch springen – es ist ja wie erwähnt nicht alles schlecht, nur das Gesamtkonzept geht einfach nicht so auf, wie es wohl gewollt war.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: V/H/S.
Idee:
Brad Miska
Jahr: 2012
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Calvin Reeder, Lane Hughes, Adam Wingard, Helen Rogers, Hannah Fierman, Joe Swanberg



FilmWelt: Forbidden World

Die Überlegungen, welchen Film man sich als nächstes im Streamingdienst seines Vertrauens zu Gemüte führt, treiben oft merkwürdige Blüten. Von Mundpropaganda über Meister Zufall bis hin zu einem bombastischen Trailer oder – ganz profan – einer interessanten Inhaltsangabe kann alles dabei sein. In vorliegendem Fall waren es letzteres sowie die Sternewertung bei Amazon („Forbidden World“ ist zum Zeitpunkt dieser Rezension im Prime Abo kostenlos verfügbar), die mich zum Ansehen dieses mir bis dahin völlig unbekannten Werkes verführt haben.

Gesamteindruck: 2/7


„Wir haben Gott gespielt.“

Zunächst kurz zu den Formalitäten, die Kennern der B-Movie-Szene eventuell bekannt sein dürften: „Forbidden World“ ist einer von mehreren Titeln dieses Science Fiction-Films aus dem Jahr 1982. „Mutant“ und „Subject 21“ sind zwei weitere, die im Übrigen deutlich besser zum Inhalt passen, denn ein „verbotener Planet“ kommt in der Handlung eigentlich nicht vor. Im deutschsprachigen Verleih ist der Film auch als „Mutant – Das Grauen im All“ bekannt. Zu erwähnen ist weiters, dass es, ich vermute, aufgrund verschiedener Ekel- und Nacktszenen, verschiedene Schnittfassungen gibt, die Gesamtlänge schwankt dadurch zwischen 73 und 78 Minuten. Amazon Prime scheint die ungekürzte Ausgabe im Programm zu haben, wenn mich nicht alles täuscht.

Worum geht’s?
Eine isolierte Forschungsstation auf dem Planeten Xerbia sendet einen Notruf in die Galaxis: Ein Experiment ist außer Kontrolle geraten und die Wissenschaftler benötigen dringend Unterstützung bei der Eindämmung. Pilot Mike Colby eilt zu Hilfe – und muss bald feststellen, dass die Forscher eine höchst gefährliche Kreatur geschaffen haben, die sich gegen sie gewandt hat…

Die Story, die Regisseur Allan Holzman und Drehbuchschreiber Tim Curnen (mir persönlich sind beide völlig unbekannt) für ihren Produzenten Roger Corman, seines Zeichens bis heute Spezialist für B-Movies, erzählen, finde ich grundsätzlich gelungen. Wir haben es hier mit solider Science Fiction-Kost zu tun, die so oder so ähnlich zwar schon damals nicht ganz neu war, an deren Eckpunkten man aber kaum etwas aussetzen kann. Im Gegenteil, der kritische Ansatz (Zitat aus dem Film: „Wir spielen hier Gott!“) ist heute sogar aktueller denn je. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich die Handlung im Großen und Ganzen als eine Variante von „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1951) mit Gore-Effekten, die weit über das hinausgehen, was man dort bzw. im ebenfalls ähnlich gelagerten „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) zu sehen bekommt. Garniert ist das Ganze mit einer Portion Nacktheit, die keinerlei Relevanz für die Story hat, völlig aufgesetzt wirkt und wohl nur um ihrer selbst Willen eingebaut wurde.

Ein bisschen Ambialenz.

Irgendwo zwischen Soll und Haben würde ich – neben dem Verlauf der Geschichte – zwei Aspekte verbuchen: Zunächst ist „Forbidden World“ – im Rahmen der Möglichkeiten – gar nicht so schlecht gespielt (speziell im Vergleich zu anderen Filmen seiner Preisklasse, wozu auch die jüngsten Produktionen von Roger Corman zählen). Vor allem der leitende Wissenschaftler Dr. Hauser und dessen kettenrauchender Kollege Dr. Timbergen sind durchaus brauchbare Figuren und werden vor allem gut von Linden Chiles bzw. Fox Harris verkörpert. Den Rest der Truppe kann man hingegen gerade noch passable Leistungen attestieren, wobei hierbei wie üblich auch das Drehbuch zu berücksichtigen ist – dazu etwas weiter unten mehr.

Der zweite ambivalente Punkt betrifft die Ausstattung. Die in Teilen einen ausgezeichneten Eindruck, speziell das Innere und Äußere des Raumschiffs in der Anfangssequenz (und auch der Raumkampf) sowie die Forschungsstation stehen teureren Produktionen jener Zeit nicht viel nach. Eine kurze Recherche hat mir gezeigt, dass die Kulissen teilweise für Frühwerke von James Cameron (die ich bis dato noch nicht gesehen habe) zum Einsatz gekommen sein sollen, bei denen ebenfalls Roger Corman als Produzent fungierte. Ähnliches gilt – sogar in noch stärkerem Ausmaß – für die teils ausgesprochen ekelhaften Gore-Szenen, die überraschend realistisch wirken. Die Optik passt also, zumindest was die erwähnten Teile des Films betrifft. Auch hier folgt noch ein „Aber“.

Die Frage ist nun: Reicht das alles für einen brauchbaren Film? Meine diplomatische Antwort: Jein. Eines ist klar: „Forbidden World“ ist ein B-Movie, daran führt kein Weg vorbei. Aber selbst wenn ich das berücksichtige, kann ich die doch sehr hohe Amazon-Wertung (4 von 5 Sternen bei 289 Bewertungen ist schon eine Hausnummer!), die noch höher wäre, gäbe es nicht eine Reihe von Verrissen aufgrund einer mutmaßlich technisch minderwertigen DVD-Veröffentlichung, nicht nachvollziehen. Wer aber ausgewiesener Fan relativ obskurer B-Filme ist, kann wohl den einen oder andere Punkt addieren. Denn eines muss ich auch ganz ehrlich zugeben: Die von mir etwas weiter oben genannten, positiven Features findet man in diesem Segment auch nicht so häufig in dieser Güte.

Ist und bleibt B-Ware.

An sich gibt es ja verschiedene Möglichkeiten, an Budget-Produktionen heranzugehen. Man kann Filme wie diesen entweder als pure Trash-Unterhaltung sehen, man kann aber auch das Improvisationstalent in technischer und inhaltlicher Hinsicht zu schätzen wissen. Egal, wie man es betrachtet – „Forbidden World“ ist meiner Meinung nach ein Werk, das zwischen den Stühlen sitzt. Ein Beispiel ist die Technik: Ich habe etwas weiter oben Effekte und Ausstattung gelobt – das Kreaturen-Design ist hingegen einfach nur billig und schlecht gemacht (und sieht nicht annähernd so aus wie auf dem Film-Cover). B-Movie hin oder her: Das Monster, das die Station terrorisiert, ist alles andere als furchteinflößend, im Gegenteil, es sorgt für unfreiwillige Lacher. Man kann vielleicht schon die Problematik, die sich daraus ergibt, erahnen: „Forbidden World“ wäre eigentlich ein ernsthafter Film. Wenn das Schmunzeln, das sich zwischendurch immer wieder in das Gesicht des Zuschauers schummelt, beabsichtigt war, ist das meines Erachtens misslungen, weil man immer an unfreiwilligen Humor denkt.

Schlimmer sind freilich die Probleme mit Drehbuch und Darstellung. So mag die Story zwar grundsätzlich gut sein, der Film macht aber wenig daraus, das über rohe Gewalt hinaus geht. Die Erklärungen zum fremdartigen Lebewesen machen wenig bis keinen Sinn, die Charaktere verhalten sich unlogisch, die gesamte Geschichte wirkt, als hätte man sie nur deshalb auf Action ausgelegt, weil man nicht recht wusste, wie man die angedeuteten Problemstellungen moralischer Natur angehen sollte. Dazu kommt der gesamte Aufbau, der früh auf den einzelnen Überlebenden und seine Gespielin hinausläuft. Und ja, ich weiß, dass man als Science Fiction-Fan immer wieder über hanebüchenen Unsinn hinwegsehen kann und muss – aber dieses Werk hat leider das Problem, dass man die Tiefgründigkeit, die angedeutet wird, erwartet – und zu keinem Zeitpunkt bekommt.

Nichts für Feminist:innen.

Ein Punkt, bei dem ich nicht recht wusste, wie ich ihn einordnen soll, sind die Frauenrollen in „Forbidden World“. Es mag revisionistisch anmuten, wenn man die Darstellung der beiden Damen per se kritisiert, denn bis weit in die 1980er wurden Frauen auch in großen Produktionen kaum jemals als gleichberechtigte Heldinnen abgebildet; obwohl es durchaus auch abseits der „Alien“-Reihe Ausnahmen gab, immerhin sind beispielsweise die Nebendarstellerinnen in den vor Männlichkeit nur so strotzenden Schwarzenegger-Highlights „Conan der Barbar“ (1982) oder „Predator“ (1987) alles andere als willenlose Püppchen. Ich bin ferner nicht der Meinung, dass jeder Film zwangsweise eine starke weibliche Rolle aufweisen muss. Was aber in „Forbidden World“ gemacht wird, ist schon harter Tobak: Der ach so charismatische Held (in Wirklichkeit finde ich den Charakter nicht sonderlich sympathisch) kommt auf die Forschungsstation, dort gibt es nur zwei weibliche Wesen, die ihm natürlich sofort verfallen, was mit fast schon Porno-artigen „Dialogen“ und entsprechender Mimik und Gestik untermalt wird. Und damit nicht genug: Abseits der nackten Haut beschränken sich die Damen darauf, aus vollem Halse kreischend durch die Station zu rennen, immer in die Arme der sie vermeintlich beschützenden Männer.

Heute wäre eine solche Darstellung – zum Glück – kaum noch möglich, es sei denn in einer Persiflage. Ob „Forbidden World“ eine solche ist, entzieht sich meiner Kenntnis, für mein Gefühl nimmt sich der Film dafür allerdings eine Spur zu ernst (s. o., ich meine damit übrigens keine Ernsthaftigkeit á lá „Alien“, sondern eher die humorlose Leichtigkeit diverser Action-Kracher). Bei einem aktuellen Film müsste es dafür jedenfalls eine massive Abwertung geben, in vorliegendem Falle ist es eine Frage der Sichtweise: Auf einer Meta-Ebene könnte man Filme wie diesen auch als historisches Dokument sehen, als eine Art Zeitzeugnis für die Darstellung von Frauen in Action- und Science Fiction-Filmen bis ins späte 20. Jahrhundert. Denn dafür ist „Forbidden World“ durchaus ein Beispiel, würde ich sagen – und gleichzeitig davon ausgehen, dass die Darstellung von Weiblichkeit im Erscheinungsjahr noch relativ wenig bis keinen Anlass zur Kritik gegeben haben dürfte.

All das ändert freilich nichts daran, dass der Plot insgesamt ohnehin recht dünn ist und die Rollen (bis auf die zwei weiter oben genannten) kaum Charakter besitzen. Damit wenigstens der strahlende Held etwas mehr Charakter bekommen hätte, hätte es wohl einen deutlich stärkeren Gegenpart gebraucht – sei es durch eine etwas tiefgründigere Figur bei den Wissenschaftler:innen (da hätte sich tatsächlich eine der Frauen angeboten) oder durch ein deutlich beängstigenderes Monster. Weil nichts davon vorhanden ist, reicht es bei mir für großzügige 2 von 7 Punkten. Ich habe tatsächlich schon schlechtere Filme gesehen – und in seiner Kategorie macht „Forbidden World“ sowohl technisch als auch in den Grundzügen der Handlung relativ viel her.

Anmerkung am Schluss: Die Filmmusik würde ich fast schon als „kultig“ bezeichnen. 80er-Synthies, die zu merkwürdig anmutenden Bildüberlagerungen wummern – das ist tatsächlich allerfeinstes B-Movie-Material!

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Forbidden World (aka „Mutant“ aka „Subject 20“).
Regie:
Allan Holzman
Drehbuch: Tim Curnen
Jahr: 1982
Land: USA
Laufzeit: ca. 80 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jesse Vint, Dawn Dunlap, June Chadwick, Linden Chiles, Fox Harris, Michael Bowen