FilmWelt: Don’t Breathe

Zu erblinden ist wohl eine der schlimmsten Vorstellungen vieler Menschen. Und doch kann es jedem passieren – wie man aber damit umgehen würde, ist eine Frage, auf die man vorher keine Antwort hat. Unumstritten ist jedenfalls, dass die übrigen Sinne geschärft werden, wenn beispielsweise das Augenlicht abhanden kommt. Das kann wiederum ein Vorteil sein – und genau auf diese für sehende Menschen eher diffuse Vorstellung, baut „Don’t Breathe“ aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Wer ist hier das Opfer?

Die Prämisse von „Don’t Breathe“ ist so simpel wie effektiv: Ein alter, blinder Mann steht völlig allein gegen drei junge, körperlich fitte Einbrecher. Eigentlich sollte das Ergebnis klar sein – doch was passiert, wenn das vermeintliche Opfer es schafft, die Bedingungen zu seinen Gunsten zu ändern? Genau das passiert in diesem Film und macht den Namen zum Programm: Jeder Atemzug, den einer der jungen Kriminellen tut, jede noch so kleine Bewegung, könnte gehört werden und damit die letzte Handlung sein.

Worum geht’s?
Die Teenager Alex, Rocky und Money sehen in Einbrüchen und kleineren Diebstählen die einzige Möglichkeit, jemals aus dem tristen und verarmten Detroit zu entkommen. Als sie eines Tages den Tipp erhalten, dass im Haus eines Kriegsveteranen, der in einer mittlerweile menschenleeren Gegend der Stadt wohnt, eine stattliche Summe Bargeld zu holen ist, überlegen sich nicht lang. Doch bald müssen sie feststellen, dass der alte Mann alles andere als ein wehrloses Opfer ist…

Regisseur Federico „Fede“ Alvarez hat – so heißt es jedenfalls – „Don’t Breathe“ bewusst als Gegensatz zu seinem 2013er-Remake des Horror-Klassikers „The Evil Dead“ (1981, deutsch: „Tanz der Teufel“) konzipiert: Während „Evil Dead“ durch massiven Einsatz von Filmblut und grausigen Effekten Reaktionen beim Zuschauer auslösen soll, ist vorliegendes Werk vor allem auf eine düstere und spannende Atmosphäre ausgelegt. Dass das dem urugayanischen Filmemacher so gut gelingen würde, hätte ich allerdings nicht unbedingt erwartet.

Eine starke Kombination.

Die Geschichte, die der Alvarez und Drehbuchautor Rodo Sayages erzählen, ist eigentlich ein doppelter Alptraum: Ein Einbruch während man selbst im Haus ist, ist schon für sich genommen eine schreckliche Vorstellung. Dass das Opfer dann auch noch blind und – vermeintlich – alt und gebrechlich ist, steht sinnbildlich für die Hilflosigkeit, mit der die meisten von uns einer solchen Situation gegenüberstehen würden. Damit legt die Handlung von „Don’t Breathe“ die perfekte Basis, um die Spannung (fast) über die gesamte Laufzeit auf hohem Niveau zu halten. Im Endeffekt ist es allerdings die Kombination aus einer um diverse Twists angereicherten Story, starke Technik, einem soliden Drehbuch und einem glaubwürdigen Cast, die den Reiz dieses überraschend starken Films ausmacht.

Zunächst ein Wort zur Technik: Dass das Budget mit rund 10 Millionen US-Dollar vergleichsweise niedrig war, ist an keiner Stelle zu merken. Im Gegenteil, speziell die Optik hat mich schwer beeindruckt – und das bereits bevor ich um die Produktionskosten wusste. Heißt: „Don’t Breathe“ sieht schicker aus als viele zeitgenössische Produktionen. Heutzutage fast noch wichtiger ist aber, dass man nie das Gefühl hat, dass mit den Special Effects übertrieben wurde. Unabhängig davon wissen auch Ausstattung und Drehort zu überzeugen. Die wenigen Außenaufnahmen lassen US-amerikanische Großstadt-Tristesse aufkommen – und das, obwohl vor allem in Ungarn (!) gefilmt wurde und nur vereinzelt in Detroit). Das innere des Hauses, in dem sich fast der gesamte Film abspielt, ist hingegen von unheimlicher Düsterkeit geprägt. An dieser Stelle habe ich allerdings auch einen ersten Kritikpunkt anzubringen: Das Heim des Einbruchsopfers ist nicht ganz stimmig, einerseits fragt man sich, wozu relativ viele Lampen vor sich hin glimmen, andererseits ist der Kellerbereich für mein Dafürhalten unverhältnismäßig und unnötig weitläufig gestaltet worden. Dennoch: „Don’t Breathe“ weiß optisch sehr gut zu gefallen. Und auch die Akustik ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Films: Selten war absolute Stille so bedrohlich; selten hat sie so in den Ohren geschmerzt, wie in Situationen, in denen die Charaktere verzweifelt versuchen, nicht das geringste Geräusch zu machen. Das geht soweit, dass man auch als Zuschauer immer wieder den Atem anhält, weil man das Gefühl hat, man steckt in der Haut der Einbrecher und darf um keine Preis Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Dass dem so ist, ist den Darstellern zu verdanken, die ihre Rollen mit viel Hingabe und Glaubwürdigkeit spielen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die Charaktere an sich nicht unbedingt eine Stärke von „Don’t Breathe“ sind: Letzten Endes verfügt der Film über keine wirklich sympathische oder anderweitig essenzielle Figur. Die gute Leistung der Schauspieler bezieht sich folgerichtig also vor allem auf die Darstellung von Emotionen, die ihnen allerdings – wie angedeutet – ausgezeichnet gelingt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass „Don’t Breathe“ seine Spannung zwar durchgängig hoch hält, das aber großteils aus seiner Machart heraus, nicht, weil er Charaktere bietet, mit denen man sich identifizieren kann. Unumstrittener Star des Films ist übrigens Stephen Lang, der den blinden Kriegsveteran ausgesprochen furchteinflößend spielt.

Etwas zu viel des Guten.

Die Hochspannung, die „Don’t Breathe“ auszeichnet, speist sich auch aus einigen überraschenden Wendungen – denn natürlich ist unser blinder Kriegsveteran auch kein Heiliger. Überhaupt ist das Drehbuch überaus stark, wenn es darum geht, immer wieder noch einen drauf zu setzen, wie man so schön sagt. Das geht auch lange Zeit gut, nur ganz zum Ende hin hat man das Gefühl des „overbookings“, wie man es in der Wrestlingsprache nennt. Ein Wort, zu dem es leider keine Übersetzung gibt, die die Bedeutung wirklich umfasst. Es passt allerdings sehr gut, denn „Don’t Breathe“ übertreibt es auf der Zielgeraden mit seiner Schlagzahl: Was im Finale an Wendungen und Action auf den Zuschauer einprasselt, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Ja, es ist ein Klischee – und doch passt es wie die Faust aufs Auge: Weniger wäre hier schlicht und einfach mehr gewesen.

Im Endeffekt ist das aber Kritik auf recht hohem Niveaus. Denn trotz der genannten Schwachpunkte, die ohnehin eher mit der Lupe zu suchen sind, ist und bleibt „Don’t Breathe“ definitiv einen Blick wert. Wir haben es hier mit einem der stärkeren Horrorfilme (ich finde übrigens eher, dass es ein Thriller ist) seiner Zeit zu tun – und das ist doch auch etwas, oder?

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Don’t Breathe.
Regie:
Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Levy, Dylan Minnette, Stephen Lang, Daniel Zovatto, Franciska Töröcsik