FilmWelt: The Maus

Man fragt sich unwillkürlich, wie ein spanischer Regisseur auf die Idee kommt, ausgerechnet zum Bosnienkrieg (1992 bis 1995) einen Film zu drehen. Die genauen Beweggründe von Gerardo Herrero Pereda kenne ich zwar nicht, nach einem Blick in seine Biografie vermute ich allerdings, dass es ihm ähnlich geht, wie mir: Dieser Krieg war das erste derartige Ereignis, das ich sozusagen „live“, also vor dem Fernseher, erlebt habe. Mich hat das damals schwer beeindruckt – und ich nehme an, dass es auch bei „Yayo Herrero“, wie er genannt wird, so gewesen ist.

Gesamteindruck: 3/7


Eine offene Wunde.

Wie Yayo Herrero bin auch ich im Jahr 1979 geboren. Ganz dunkel kann ich mich noch an TV-Bilder aus dem Zweiten Golfkrieg (1990/91) erinnern (vor allem die brennenden Ölquellen sind nach wie vor in meinem Gedächtnis präsent); wesentlich deutlicher habe ich aber die Berichterstattung zum Krieg in Bosnien und Herzegowina vor Augen. Nicht nur, weil ich damals etwas älter war und damit auch besser verstand, worum es beim jenem Konflikt ging, sondern auch und vor allem, weil in unserer Nachbarschaft plötzlich neue Spielkameraden, in diesem Fall Kinder von kroatischen Flüchtlingen, auftauchten. Für uns wurden sie schnell zu Freunden, bei manchen war aber immer ein Schatten schrecklicher Erlebnisse zu spüren, worüber wir in jenem Alter aber nie wirklich gesprochen haben. Ein vielleicht ganz ähnliches Trauma greift Yayo Herrero in „The Maus“ auf.

Worum geht’s?
Irgendwo in einem bosnischen Wald nahe der Stadt Srebrenica bleibt das Liebespaar Selma (genannt „Maus“) und Alex mit einer Autopanne liegen. Die Bosnierin Selma beschleicht schnell ein unbehagliches Gefühl, während Alex, der aus Deutschland kommt, die Sache eher locker sieht. Zu Unrecht – denn dass der Wald im ehemaligen Kampfgebiet liegt und vermint ist, ist bei weitem nicht die einzige Bedrohung…

Vorab: Es ist wohl ausgesprochen hilfreich, wenn man zumindest ungefähr über den Bosnienkrieg informiert ist, bevor man sich „The Maus“ ansieht. Theoretisch funktioniert der Film zwar auch ohne entsprechendes Wissen; weil seine Qualität aber untrennbar mit seiner Metaphorik verbunden ist, wird man ihn kaum verstehen oder gar gut finden, wenn man nichts über jenen Konflikt weiß. Will sagen: Für sich genommen ist „The Maus“ ein unterdurchschnittlicher Horrorfilm, der ähnlich wie zig andere Streifen funktioniert, in denen junge Menschen sich in einer bedrohlichen Umgebung verirren und dort auf finstere Fremde treffen. Nach dieser Lesart ist „The Maus“ übrigens – so viel sei vorweg genommen – viel zu langatmig und verwirrend, bietet außerdem zu wenig Action und lässt auch die plakative Gewalt, die man am gemeinen Teenie-Slasher schätzen würde, vermissen.

Der Eingeweihte sieht den Film hingegen so: Ein verminter Wald wird zum Schauplatz des Krieges im Kleinen. Die Todfeinde Bosnien und Serbien sind ebenso mit Charakteren vertreten wie der Westen. Ich würde nun nicht behaupten, dass „The Maus“ extrem viel Tiefgang hat, aber ein paar interessante Gedanken scheint sich der Regisseur schon gemacht zu haben: Die Serben sind gegenüber ihrem bosnischen Opfer brutal und rücksichtslos, sie schrecken weder vor Schlägen noch vor Vergewaltigung zurück. Bosnien, repräsentiert durch Selma, hat dem anfangs nichts entgegenzusetzen, kann sich schließlich aber doch wehren und Rache nehmen. Und die westlichen Mächte, personifiziert durch einen jungen Mann aus Deutschland? Er findet es einerseits nicht der Mühe wert, die Sprache seiner bosnischen Freundin zu lernen, was dem gegenseitigen Verständnis sehr abträglich ist. Dass Bosnier und Serben sich miteinander verständigen können, irritiert ihn hingegen ungemein. Ansonsten beschränkt Alex sich darauf, wahlweise nicht auf die Warnungen und Hinweise seiner Freundin zu reagieren – oder auf eine völlig untaugliche Weise einzugreifen. Er ist alles, nur nicht konsequent; wie Westeuropa im Bosnienkrieg scheint auch er ein Anecken um jeden Preis verhindern zu wollen, bis es zu spät ist. Anmerkung am Rande: „The Maus“ war zum Zeitpunkt dieser Rezension nicht synchronisiert verfügbar, sondern nur „OmU“. Und so sollte man sich den Film auch ansehen: Alex spricht mit seiner Freundin und den Serben englisch, flucht dazwischen mal auf Deutsch; Bosnierin und Serben verständigen sich hingegen auf Serbokroatisch (bzw. Serbisch, man verzeihe mir, dass ich den Unterschied nicht erkenne). Aus dieser Situation ergibt sich ein Teil der Atmosphäre von „The Maus“, der durch eine einheitliche Synchronisation vollkommen verloren gehen würde (ähnlich wie beispielsweise bei „Inglorious Basterds“ geschehen).

Das alles klingt, wenn man es so liest, nach einer hervorragenden Inszenierung und einem starken Charakterfilm, der von ungewöhnlicher Symbolik geprägt ist. Stimmt, zumindest gelegentlich. Insgesamt ist „The Maus“ aber leider bei weitem nicht so gelungen, wie diese Zutaten vermuten lassen. Es ist zwar richtig, dass die Charaktere und die Art und Weise, wie der Regisseur versucht, über sie den Krieg nachzuerzählen, eine wunderbare Idee sind. Inhaltlich hätte dafür aber ein deutlich kürzerer Film genügt. „The Maus“ dauert hingegen 1 ½ Stunden, was an sich eine übliche Länge, in diesem Fall aber zu viel des Guten ist.

Dünne Handlung macht viel zunichte.

Woran liegt’s? Einerseits ist es die Handlung selbst, die im Endeffekt so dünn ist, dass der Film so wirkt, als hätte man ihn über verschiedene Kniffe strecken müssen. Dafür kommen beispielsweise immer wieder Einstellungen zum Einsatz, in denen sich die Kamera frei um einen Protagonisten dreht oder in denen das Bild sekundenlang komplett schwarz wird. Klar, so etwas kann im künstlerischen Sinne schon mal angebracht sein, hier übertreibt es der Regisseur aber, wodurch das Gefühl entsteht, ihm wären die Ideen ausgegangen und er hätte sich über die Länge schwindeln wollen.

Andererseits ist da die Kameraarbeit, die ich zwar nicht per se verdammen würde, die aber ebenfalls darunter zu leiden scheint, dass „The Maus“ auf abendfüllende länge gebracht werden musste. Hier ist das Problem, dass die Kamera über weite Strecken des Films sehr nahe an den Protagonisten ist. Auch das kann künstlerisch wertvoll sein – wenn es denn richtig eingesetzt wird. In „The Maus“ fühlt man sich dadurch nach gewisser Zeit ziemlich unwohl, der Bildausschnitt scheint ständig viel zu klein zu sein. Noch dazu folgen wir mit der Kamera übermäßig oft den Protagonisten, von denen dann nur Rücken und Hinterkopf zu sehen sind. Auch diese Kamerafahrten sind für mein Gefühl viel zu lang, speziell im Finale wird es dann sogar zur Qual. Apropos: Ich habe das Ende nicht so richtig verstanden, aber das nur als Anmerkung am Rande.

(K)Ein Beitrag zur Völkerverständigung?

Die wichtigsten Gründe, warum „The Maus“ leider nicht so toll ist, wie man im ersten Moment vermuten könnte, habe ich oben genannt. Einen möchte ich abschließend anführen, auch wenn er nicht so viel mit der Qualität des Films an sich zu tun hat: „The Maus“ ist – aus meiner eingeschränkten, westlichen Sicht – kein Beitrag, der sich zur Völkerverständigung eignen dürfte. Dass Bosnien gegen Ende Rache statt Gerechtigkeit an Serbien nimmt, hat sich für mich nach Makulatur angefühlt, wie ein später Versuch, auch die bis dahin bösen Serben doch noch menschlich erscheinen zu lassen. Aber das ist nur die Meinung eines Außenstehenden (der Regisseur ist ja meines Wissens auch einer). Wie Bosnier und Serben, speziell solche, die den Krieg miterlebt haben, diesen Aspekt von „The Maus“ einschätzen, wäre jedenfalls eine interessante Frage.

Fazit: Mit „The Maus“ ist Yayo Herrero ein interessant konzipierter und optisch durchaus gut gemachter Film gelungen (unnützes Wissen: in Bosnien wurde keine einzige Minute des Films gedreht). Leider zeigt sich mindestens genauso deutlich, dass ihm die Ideen gefehlt haben, 90 Minuten befriedigend zu gestalten. Dass er sich an ein so schwieriges Thema herangewagt hat, ist zwar aller Ehren wert; die Wunden, die dieser schreckliche Konflikt vor rund 30 Jahren geschlagen hat, sind ja nach wie vor nicht richtig verheilt. Leider habe ich nicht das Gefühl, dass der Regisseur es mit seinem Werk schafft, die wohl immer noch notwendige Aussöhnung zu unterstützen (wenn das auf diesem Wege überhaupt möglich sein sollte).

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Maus.
Regie:
Yayo Herrero
Drehbuch: Yayo Herrero, Nadja Dumouchel
Jahr: 2017
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Alma Terzic, August Wittgenstein, Aleksandar Seksan, Sanin Milavic, Ella Jazz