FilmWelt: Black 47

Interessant, was im englischsprachigen Wikipedia-Eintrag zu „Black 47“ zu lesen ist: In einem Interview erklärte Regisseur Lance Daly, dass mit diesem Werk der erste Langfilm vorläge, der die Große Hungersnot (1845-1849) thematisiert. Kaum zu glauben, dass das 2018 tatsächlich erstmals der Fall war, ist diese verhältnismäßig kurze Periode doch eines der einschneidendsten Kapitel irischer Geschichte.

Gesamteindruck: 2/7


Hunger, Kälte – und Rache!

Die Große Hungersnot kostete rund eine Million Iren das Leben, weitere zwei Millionen verließen das Land, großteils Richtung Amerika. Verschärft wurde die durch die Kartoffelfäule ausgelöste Nahrungsmittelknappheit durch die englische Politik (Irland war damals Teil von Großbritannien), die tatenlos zusah und die Katastrophe teilweise sogar noch verschlimmerte. Es mag abgesehen von vorliegendem Werk bis dato kaum oder gar keine Filme zu dieser schrecklichen Episode geben, andere kulturelle Beiträge existieren aber sehr wohl (Anmerkung: mein liebster und einer der eindringlichsten ist der Song „The Coffin Ships“ von Primordial). Dass Lance Daly 2018 versucht hat, dieses auch für die englisch-irischen Beziehungen höchst sensible Thema filmisch umzusetzen, ist grundsätzlich eine lobenswerte Idee. Allein: die Ausführung ist weniger gelungen, als man sich erhofft hätte.

Worum geht’s?
Feeney, einer von vielen Iren, die in der englischen Armee gekämpft haben, kehrt als Deserteur in seine Heimat zurück. Er findet ein bitterarmes und völlig zugrunde gerichtetes Land vor, seine Mutter und sein Bruder sind tot. Als er auch noch zusehen muss, wie seine Schwägerin und deren Kinder aus ihrem Haus vertrieben werden und er sie später erfroren vorfindet, schwört er Rache an allen Beteiligten. Um ihn aufzuhalten, setzen die englischen Ermittler Feeneys ehemaligen Kameraden Hannah auf ihn an. Eine Verfolgungsjagd durch ein von Hunger und Armut schwer gezeichnetes Irland beginnt…

Wer sich „Black 47“ mit falschen Erwartungen ansieht, wird wohl enttäuscht sein: Im Gegensatz zu dem Eindruck, den die offizielle Inhaltsangabe und auch der Einstieg in den Streifen erwecken, handelt der Film im Endeffekt nicht von der Großen Hungersnot. Dieses Ereignis, seine dramatischen Folgen für die betroffenen Menschen, aber auch die Gründe für die Ressentiments zwischen Iren und Engländern, sind letzten Endes nicht mehr als der Aufhänger für eine relativ simple und geradlinige Rache-Geschichte. „Black 47“ eignet sich daher nur bedingt als Anschauungsmaterial für eine Geschichtsstunde. Genau genommen thematisiert sogar ein Blockbuster wie „Braveheart“ (1995) bei all seinen Schwächen die politischen Feinheiten zwischen England und – in jenem Fall – Schottland besser, als es „Black 47“ vermag.

Regisseur Lance Daly hat das Thema für mein Dafürhalten klar verfehlt, wenn es denn wirklich wie eingangs angedeutet, seine Intention war, einen Film über die Hungersnot zu machen. Leider muss man gleichzeitig konstatieren, dass „Black 47“ auch als das Rache-Epos, das der Film letztlich ist, nicht überzeugt. Zunächst: Die Geschichte, die uns der Regisseur hier erzählen möchte, erinnert an einen Standard-Western. Ein Schurke, der das Herz am rechten Fleck hat und dem selbst großes Unrecht widerfahren ist, zieht aus, um sich an seinen Peinigern zu rächen. Vor allem im Western-Genre ist das ein gern genommenes Motiv; daran erinnert auch das Setting mit vielen Reitszenen, sich sichtlich unwohl fühlenden englischen Soldaten, harten und bauernschlauen Einheimischen und die gelegentliche Schießerei mit Musketen und Pistolen.

Schwerfällige Story.

All das ist nun kein grundsätzliches Problem – ansonsten wären Filme wie z. B. „Rambo“ (1982) nicht so erfolgreich. Das Problem ist das Storytelling, das meines Erachtens relativ schwerfällig ist. Richtige Spannung kommt kaum auf – und das Drama lässt auch zu wünschen übrig, was an den wortkargen und wenig sympathischen Charakteren liegt. Die sind überhaupt ein echter Minuspunkt, weil sie keinerlei Identifikationsfläche bieten. Das liegt nicht unbedingt an den Schauspielern, wobei ich abgesehen vom eigentlich sehr guten Hugo Weaving nicht zu beurteilen wage, wie gut oder schlecht der Cast in anderen Filmen spielt. Bezeichnend übrigens, dass die Hauptrollen nicht mit irischen, sondern mit australischen Mimen besetzt sind, aber das nur am Rande.

Und so schleppt sich „Black 47“ von Szene zu Szene. Enthält der Film Motive, die außerhalb der Standard-Story um den missverstandenen Rächer liegen, habe ich diese nicht entdeckt oder verstanden. Das gilt auch und vor allem für den Twist gegen Ende, der für mich nach dem bis dahin erfolgten Aufbau nicht ganz überraschend war – und doch an Glaubwürdigkeit vermissen ließ.

Einen positiven Aspekt möchte ich aber zum Schluss dennoch anbringen: „Black 47“ ist ausgezeichnet fotografiert. So unwirtlich – und gleichzeitig wieder schön – hat man Irland selten gesehen. Die Landschaften, speziell aber die düstere Atmosphäre, passen hervorragend zur Zeit und zum Thema des Films. Die nasse Kälte – sie ist stellenweise auch daheim auf der gemütlichen Couch beinahe schmerzhaft zu spüren. Das allein reicht aber bei weitem nicht für eine gute Wertung – zu groß ist meine Enttäuschung, was der Regisseur aus diesem filmisch unverbrauchten und historisch hochinteressanten Kapitel der irischen Geschichte gemacht hat.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Black ’47.
Regie:
Lance Daly
Drehbuch: Lance Daly, P.J. Dillon, Pierce Ryan
Jahr: 2018
Land: Irland, Luxemburg
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Hugo Weaving, James Frecheville, Stephen Rea, Freddie Fox, Moe Dunford, Sarah Greene