FilmWelt: Allein an der Front

In unseren Breiten ist die portugiesische Beteiligung am 1. Weltkrieg relativ unbekannt – zumindest ging es mir so, bis ich vorliegenden Film zufällig auf Amazon Prime entdeckt habe. Wer mehr über die Rolle des Landes in jenem Krieg wissen möchte, sollte allerdings zu anderen Quellen greifen – „Allein an der Front“ ist nur sehr bedingt als Anschauungsmaterial geeignet. Und auch davon abgesehen hat der Film einige Mängel.

Gesamteindruck: 2/7


Held wider Willen.

Es ist ja durchaus lobenswert, dass die portugiesischen Regisseure Gonçalo Galvão Teles und Jorge Paixão da Costa einen wichtigen Teil der jüngeren Geschichte ihrer Nation für die Öffentlichkeit aufbereiten wollten. Und, immerhin, „Allein an der Front“ regt den historisch interessierten Zuschauer tatsächlich dazu an, sich mit dem Leben und Sterben portugiesischer Soldaten im 1. Weltkrieg zu beschäftigen. Davon abgesehen kommt der Film jedoch in keiner Hinsicht über das untere Mittelmaß hinaus.

Worum geht’s?
Im 1. Weltkrieg kämpfen an der Westfront auf Seiten der Entente auch 75.000 Mann aus dem bis 1916 neutralen Portugal. Einer von ihnen ist der Landwirt Aníbal Augusto Milhais. Der Familienvater ging als „Millionen-Soldat“ in die Geschichte ein, nachdem er den Rückzug seiner Kameraden während der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 allein mit einem Maschinengewehr gedeckt hatte. „Allein an der Front“ erzählt seine Geschichte…

Die Geschichte um den „Millionen-Soldat“ ist definitiv Stoff, der sich für die filmische Umsetzung eignet: Ein Mann, der sich einer gewaltigen Übermacht entgegenstellt und dadurch vielen Kameraden das Leben rettet – allein das liest sich nach nahezu perfektem Ausgangsmaterial, zumal es sich ja angeblich wirklich so oder so ähnlich zugetragen haben soll; bedenkt man ferner, dass die portugiesischen Soldaten großteils wenig motiviert in eine Schlacht, die nicht die ihre war, geworfen wurden, könnte man damit ohne große Schwierigkeiten ein Statement wider den Krieg herausarbeiten.

Doch leider wird „Allein an der Front“ weder dem den historischen Ereignissen noch dem realen Mann, der portraitiert werden soll, gerecht. Woran das liegt, kann ich nur vermuten: Dass das Budget nicht gerade üppig gewesen sein dürfte, sieht man dem Film zwar an, das allein wäre aber kein Grund für eine schlechte Wertung. Eher kann ich mir vorstellen, dass die Regisseure zu viel an Respekt vor einem der großen Helden ihrer Nation hatten. Oder dass sie um jeden Preis vermeiden wollten, ihm ein allzu pathetisches Denkmal zu setzen – was bei seiner Geschichte tatsächlich verlockend gewesen wäre. Diese Falle konnten die Verantwortlichen zwar vermeiden, einen spannenden und durchgängig sehenswerten Film haben sie deshalb aber nicht gedreht.

Perspektivenwechsel als Atmosphärekiller.

Der größte Fehler von „Allein an der Front“ ist meines Erachtens der ständige Wechsel der Perspektive: Wir erleben abwechselnd den jungen Milhais an der Front, dann wieder sein älteres Ego als Privatmann, der Jahre nach dem Krieg versucht, sich vor einer Ehrung zu drücken und dabei mit seiner Tochter über seine Fronterlebnisse spricht. Im Endeffekt sind beide Szenerien halbgar: Den alten Milhais will man dem Publikum als vom Krieg gezeichnet verkaufen; seine seelischen Verletzungen und die Beteuerungen, kein Held zu sein, wirken jedoch bestenfalls oberflächlich. Es ist kaum möglich, sein Verhalten und seine Dialoge mit der Sinnlosigkeit und Brutalität des Krieges und den Schwierigkeiten einer Rückkehr ins Privatleben zusammenzubringen. Daraus folgt, dass sich fast jede dieser Szenen in die Länge zieht. Zumindest haben sie schöne Landschaftsaufnahmen zu bieten, das ist aus meiner Sicht aber alles, was daran sehenswert ist.

Durch die fehlende Tiefgründigkeit abseits der Front sehnt man sich als Zuschauer – so ungern man es zugibt – nach den Szenen in den Schützengräben Flanderns. Die bekommt man, aber auch ihnen fehlt es am gewissen Etwas (man möge mir diese Plattitüde verzeihen): Die Soldaten sind zwar gerade noch ausreichend charakterisiert und das Leben und Sterben im Schützengraben scheint einigermaßen realistisch dargestellt. Allerdings kommen mir die Kämpfe (vor allem die Kamerafahrten entlang des portugiesischen Grabens) wie eine Kopie aus dem Klassiker „Im Westen nichts Neues“ (1930) vor.

Hier ist dann auch das mutmaßlich karge Budget deutlich sichtbar: Der Großteil der Szenen spielt sich direkt in der vergleichsweise günstigen Kulisse des Grabens ab, die Angriffe wirken hingegen wie die immer selbe Sequenz aus leicht abgeänderter Perspektive. Dennoch ist dieser Teil des Films deutlich besser gelungen, was den Schauspielern zu verdanken ist, die die Angst der Soldaten, aber auch die Machtlosigkeit gegenüber ihren Vorgesetzten und den allgemeinen Umständen recht glaubwürdig wiedergeben. Das ändert freilich nichts daran, dass der ständige Wechsel der Perspektive jeden Anflug von Atmosphäre direkt im Keim erstickt.

Szenen greifen nicht ineinander.

Der größte Schwachpunkt von „Allein an der Front“ ist die Handlung selbst. Denn seinem Titel wird das Werk genau genommen kaum gerecht – weder dem deutschsprachigen noch dem Original („Der Millionen-Soldat“). Der Film ist im Wesentlichen eine Aneinanderreihung einzelner Szenen, die mehr schlecht als recht ineinander greifen und sich nicht zu einer kongruenten Geschichte verbinden wollen. Es mangelt ferner an Hintergrundinformationen – dass Milhais die Front entgegen dem Befehl allein verteidigt und was das bedeutet, streift der Film letzten Endes nur am Rande. Würde es nicht in der Inhaltsangabe stehen, hätte ich – so ehrlich muss ich sein – nicht gewusst, worum es überhaupt geht. Das liegt mitunter auch daran, dass die Regisseure sich bemüht haben, das Trauma und Chaos des Stellungskrieges bildlich sichtbar zu machen. Dieser gut gemeinte Versuch scheitert aus meiner Sicht kläglich und trägt nur noch mehr zur Verwirrung des Zuschauers bei.

So bleibt „Allein an der Front“ unterm Strich kein Film, den man unbedingt gesehen haben muss. Schade, denn eigentlich hätten die Rolle Portugals im 1. Weltkrieg und die Geschichte um den Millionen-Soldat eine andere, bessere Umsetzung verdient gehabt. Und ja, ich erkenne durchaus an, dass in der portugiesischen Filmindustrie nicht viel Geld vorhanden sein dürfte – dennoch kann das nicht über die genannten Schwächen hinweg trösten.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Soldado Milhões.
Regie:
Gonçalo Galvão Teles, Jorge Paixão da Costa
Drehbuch: Jorge Paixão da Costa, Mário Botequilha
Jahr: 2018
Land: Portugal
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): João Arrais, Miguel Borges, Raimundo Cosme, Lúcia Moniz, Ivo Canelas



Ein Gedanke zu “FilmWelt: Allein an der Front

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.