FilmWelt: Sunshine

Nach dem – siehe meine Bewertung – eher zweifelhaften Genuss von „Sunshine“ (2007) war ich überrascht, als ich mir das verantwortliche Personal angesehen habe: Regie führte Danny Boyle, unter dessen Ägide Werke wie „Trainspotting – Neue Helden“ (1996), „The Beach“ (2000) und „28 Days Later“ (2002) entstanden sind. 2008, also ein Jahr nach „Sunshine“, wurde Boyle für „Slumdog Millionär“ sogar mit Auszeichnungen überschüttet. Ihm zur Seite stand mit Alex Garland ein ebenfalls sehr bekannter Mann, der bereits zuvor als Drehbuchautor für „28 Days Later“ mit Boyle zusammengearbeitet hatte. Wieso vorliegendes Werk trotz dieses Duos nicht so richtig bei mir angekommen ist, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


Der Sonne entgegen.

Ich könnte mir vorstellen, dass „Sunshine“ der Versuch war, einen Film in der Tradition von Werken wie „2001: Odyssee im Weltraum“ (1968), „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) und dem von der Kritik sträflich unterbewerteten „Event Horizon – Am Rande des Universums“ (1997) zu schaffen. Eine durchaus ehrenwerte Absicht, die in Teilaspekten sogar erfolgreich umgesetzt werden konnte. Dennoch muss ich – leider – konstatieren, dass keines der vermeintlichen Vorbilder auch nur ansatzweise erreicht wird. Inhaltlich geht der Ausschlag übrigens stärker in Richtung „Alien“ und „Event Horizon“, heißt: Horror und Action dominieren die Philosophie ganz entschieden.

Worum geht’s?
2057 hat die Menschheit ein gewaltiges Problem: Die Sonne stirbt, was auf der Erde zu überaus eisigen Temperaturen führt. Glücklicherweise haben findige Wissenschaftler:innen eine Lösung parat: Mit eine gigantischen Atombombe soll ein Neustart unseres Zentralgestirns gelingen. Acht internationale Astronaut:innen machen sich also an Bord des Raumschiffs „Icarus II“ ins Zentrum des Sonnensystems auf, um diese Mission zu erfüllen. Beim Beschleunigungsmanöver, das um den Planeten Merkur führt, fängt die Crew plötzlich ein Notsignal von der „Icarus I“ auf, die sieben Jahre zuvor auf identischer Mission verschollen ist…

In der Science Fiction gibt es ja wahrlich keinen Mangel an abenteuerlichen Ideen. Dennoch musste ich über das, was uns der eigentlich hoch geschätzte Alex Garland in „Sunshine“ auftischt, herzlich lachen. Einen Stern mit einer – zugegeben riesigen – Bombe neu starten? Die irgendwie direkt IN die Sonne befördert werden muss? Eine solche Prämisse müssen alle, denen die „Science“ auch nur annähernd so wichtig wie die „Fiction“ ist, erst einmal verdauen. Dieser Problematik dürften sich Verantwortlichen sogar bewusst gewesen sein, denn sie versuchen sich gar nicht an einer einigermaßen nachvollziehbaren, wissenschaftlichen Erklärung, wie das funktionieren und zu bewerkstelligen sein soll. Und noch ein Wort zum Realismus sei mir am Rande erlaubt: Die Größenverhältnisse zwischen Schiff, Bombe, Sonne und einem Sonnenfleck, in dem die Explosion stattfinden soll, sind schlichtweg lächerlich. Punkt.

Vieles richtig gemacht.

Interessanterweise hat mich „Sunshine“ trotz seiner unglücklichen Ausgangssituation positiv überrascht – zumindest in der ersten Hälfte, denn in der gibt es tatsächlich „Science“: Die komplizierte Mathematik bei Kursänderungen, das für mein Dafürhalten korrekt beschriebene Swing-by-Manöver, der Funkschatten oder die Art und Weise, wie die Raumfahrer:innen mit Nahrung und Sauerstoff versorgt werden – all das wirkt sehr durchdacht und macht einen realistischen Eindruck. Dazu passt beispielsweise auch, dass das Schiff mittels Rotation Schwerkraft erzeugt und dass es durch einen gigantischen Hitzeschild geschützt werden muss, um überhaupt in die Nähe der Sonne zu kommen (dass sich die Bombe direkt unter diesem Schild befindet ist freilich eine andere Geschichte…).

Positiv würde ich weiters den Cast hervorheben, der seine Sache ordentlich macht (auch das gilt speziell für die erste Halbzeit). Dass das funktioniert, ist den aus dramaturgischer Sicht passend gewählten Charakteren geschuldet: Spannungen, die eine solche Reise mit sich bringt, werden teils angedeutet, teils auch ausgelebt, was die Schauspieler:innen mehr als passabel rüberbringen. Größtes Problem in diesem Zusammenhang: Beim üblichen Spiel, in dem eine Figur nach der anderen die Bühne für immer verlässt, bleiben ausgerechnet diejenigen bis zum Schluss übrig, mit denen man sich am wenigsten identifizieren kann. Schade, ich hätte von anderen Charakteren weitaus lieber mehr gesehen; wobei man mit solchen Wünschen vorsichtig sein sollte, denn je kürzer eine Figur zu sehen ist, desto weniger Möglichkeiten gibt es, sich an ihr zu stören. 😉

Starke Optik.

Größter Pluspunkt neben der anfänglichen Detailverliebtheit in Sachen Technik bzw. Physik ist meiner Ansicht nach die Optik von „Sunshine“. Hier zieht Regisseur Boyle alle Register und macht geradezu verschwenderischen Gebrauch von verschiedensten Formen und Farben der Sonneneinstrahlung. Immer, wenn der Stern Licht in oder um das Raumschiff sendet wird, alles weich, warm, irgendwie „golden“. Gibt es keine Sonne, regiert die kalte Technik an Bord der „Icarus II“. Das Spiel mit diesen Ambivalenzen ist von der ersten bis zur letzten Minute großartig umgesetzt. Dazu passend (aber eher als Randnotiz): „Sunshine“ ist auch sehr gut ausgestattet, alles sieht edel und vor allem realistisch aus, speziell das Raumschiff, sowohl von innen als auch von außen.

Was alles falsch läuft.

Leider holt die zweite Hälfte des Films das geneigte Publikum rasch auf den Boden der Tatsachen zurück. Genau genommen beginnt man sogar schon vorher zu zweifeln: Nach der anfänglichen Euphorie stellt sich relativ bald das Gefühl ein, dass der Film nicht weiß, wo er hin will. Auf den ersten Blick scheint einiges zu passieren, im Endeffekt geht es aber immer nur darum, drohende Systemausfälle und ähnliche Katastrophen zu verhindern. Irgendwann schaut man auf die Uhr und merkt, dass fast die Hälfte der fast zwei Stunden Laufzeit verstrichen ist und abseits spektakulärer Bilder so gut wie nichts geschehen ist, das man auf dramaturgischer Ebene als gelungen bezeichnen könnte. Oder, um es deutlich zu sagen: Wären die Bilder nicht so toll, wäre „Sunshine“ bereits nach 30 Minuten ausgesprochen langweilig.

Der zweite Teil des Films beginnt mit dem Auffinden des Schwesternschiffs „Icarus I“. Nicht falsch verstehen, die Idee, dort anzudocken und herauszufinden, was passiert ist, ist in Ordnung und wird sogar einigermaßen schlüssig erklärt (zwei Bomben sind besser als eine). Wobei… wenn das Raumschiff einfach so anhalten und später wieder weiterfliegen kann, fragt man sich, wieso es überhaupt zu Problemen nach der Kursänderung kommen konnte – hier fehlt es dann doch sehr deutlich an Logik. Sieht man darüber hinweg, ist für ein paar Minuten tatsächlich unheimlich und spannend anzusehen, wie die Crew durch leere, verstaubte Korridore tappt und hin und wieder Botschaften findet, die vom Wahnsinn ihrer Vorgänger:innen zeugen.

Soweit ist das alles im Rahmen – nur ist die Auflösung des Ganzen alles andere als plausibel und/oder spannend. Im Gegenteil, „Sunshine“ entfernt sich immer weiter vom Realismus, den ich bis dahin als große Stärke empfunden habe (ja, ich weiß, die Prämisse…) und kippt ins Übernatürliche. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn was bei „Event Horizon“ noch als kompletter Wahnsinn durchgehen kann, ist in „Sunshine“ völlig deplatziert. Hier beginnt der Film sich fühlbar zu ändern, indem er plötzlich auf schnelle, fast an ein Musikvideo erinnernde Schnitte setzt und so versucht, das Grauen erkennbar und doch wieder nicht erkennbar zu machen. Spätestens hier beginnt man – zumindest ging es mir so – auf ein baldiges Ende zu hoffen.

Längen.

Bis dahin dauert es aber noch, weil vor allem das letzte Drittel des Films nicht nur wie ein Fremdkörper wirkt, sondern auch ordentlich mit Längen gespickt ist. Vielleicht liegt es ja an mir, aber ich hatte sehr schnell genug von den ewig gleichen Verfolgungsjagden durch die Korridore, die damit enden, dass sich ein Charakter vor einem bösen… ja, was ist es eigentlich… Monster? versteckt. Und so schleppt sich „Sunshine“ seinem vermeintlich großen Höhepunkt entgegen, dessen Ablauf ohnehin schon lang vorher klar ist. Die Mühe, verschiedene lose Enden zu erklären, macht sich dann auch niemand mehr, sodass beim Abspann ein ausgesprochen fader Nachgeschmack bleibt.

Fazit: Ich habe selten einen Film gesehen, der seine beeindruckende Optik und seine überaus realistischen Ansätze ohne Not dermaßen an die Wand fährt. Ich verstehe auch nicht so richtig, wie das passieren konnte – fast kommt es mir vor, als wäre die eine oder andere essenzielle Szene der Schere zum Opfer gefallen. Oder das Drehbuch ist wirklich so löchrig? Ich weiß es nicht – und ehrlich gesagt ist es mir auch egal. Drei Punkte sind es trotzdem, Fans von „Event Horizon“ können einen Blick riskieren, sollten sich aber nicht allzu viel erwarten. Jeder, der auf Tiefgang, eine schlüssige Story und durchgängigen Realismus hofft, lässt besser die Finger vom merkwürdig uneinheitlichen „Sunshine“.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Sunshine.
Regie:
Danny Boyle
Drehbuch: Alex Garland
Jahr: 2007
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Cillian Murphy, Chris Evans, Rose Byrne, Michelle Yeoh, Mark Strong, Troy Garity



FilmWelt: Jupiter Ascending

Ich erinnere mich, dass ich mich 2015 geärgert habe, als ich „Jupiter Ascending“ im Kino verpasst habe. Nachhaltig dürfte der Frust jedoch nicht gewesen sein, sonst hätte es kaum bis November 2021 gedauert, dieses Versäumnis nachzuholen. Dass ich nun, nachdem ich endlich zum Kreis der Eingeweihten gehöre, unterwältigt bin, ist dürfte an untenstehender Wertung gut zu erkennen sein. Ob mich der Bombast, den die Wachowski-Geschwister (u. a. „Matrix“, 1999) hier kredenzen, auf der großen Leinwand mehr beeindruckt hätte? Wir werden es nie erfahren…

Gesamteindruck: 2/7


Putzfrau im Weltraum.

Ich nehme das Fazit ausnahmsweise vorweg: „Jupiter Ascending“ ist beeindruckend inszenierter Blödsinn. Fast scheint es, Lana und Lilly Wachowski hätten versucht, eine Mischung aus „Das 5. Element“ und „Men in Black“ (beide 1997) zu kreieren, ein Versuch, der grandios scheitert, wie ich im Folgenden ausführen möchte. Kurios: Für mein Dafürhalten ist Luc Besson, Regisseur des genannten „Das 5. Element“, mit seinem 2017 erschienen Film „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten aus ähnlichen Gründen baden gegangen, wie es den Wachowskis mit „Jupiter Ascending“ passiert ist.

Worum geht’s?
Jupiter Jones hat zwar einen sehr speziellen Namen, führt aber kein besonders aufregendes Leben: Sie schlägt sich mehr schlecht als recht als Putzfrau durch, ein Job, der kaum genug Geld einbringt, um ihre Familie zu versorgen. Um besser über die Runden zu kommen, erklärt sie sich auf Drängen ihres Cousins bereit, mittels Eizellenspende eine größere Summe zu verdienen. Doch im Krankenhaus, kurz vor der Entnahme der Zelle, bricht plötzlich die Hölle los: Außerirdische trachten ihr nach dem Leben, in letzter Sekunde kann der genetisch veränderte Ex-Soldat Caine sie retten. Von da an entspinnt sich eine Geschichte um Macht und Gier unter großen Adelshäusern irgendwo im Weltraum, die die Erde als eine gigantische Farm auserkoren haben…

In der Einleitung habe ich es schon angedeutet: „Jupiter Ascending“ ist eine Augenweide. Alles sieht sehr schick und professionell aus, Effekte, Kulissen und Ausstattung zeugen von einem sicheren Gespür dafür, wie ein derartiger Film inszeniert sein will. Raumschiffe, Kostüme, der Weltraum selbst (vor allem der Gasriese Jupiter) – all das wird in geradezu verschwenderisch anmutender Pracht dargestellt. Musikalisch gibt es hingegen eher Standardkost zu hören: Alles klingt genau so, wie man es von einem modernen und rasanten Science Fiction-Epos erwartet; ich könnte mir vorstellen, dass das im Kino vielleicht sogar etwas zu viel des Guten gewesen wäre, vor dem heimischen Theater fällt der Sound hingegen nicht negativ auf, sondern unterstreicht die Optik vergleichsweise dezent.

Fehlende Eigenständigkeit.

Weiters ist positiv anzumerken, das… ja, was eigentlich? Ich fürchte, es gibt nicht viel mehr, das über ein paar gute Ideen hinausgeht, die allerdings nicht unbedingt originär zu sein scheinen. So ist z. B. der interessante Ansatz, dass es auf der Erde früher eine intelligente, reptilienartige Rasse („sauro sapiens“) gegeben hätte, deutlich von der „Star Trek: Voyager“-Episode „Herkunft aus der Ferne“ (1997) inspiriert. Recycling könnte man den Wachowskis auch in Hinblick auf die grundsätzlich brauchbare Rahmenhandlung vorwerfen: Dass die Erde eine Art Farm für andere Wesen ist, was die Menschheit natürlich nicht bemerkt, ist im Endeffekt 1:1 die Prämisse von „Matrix“. Dass ein menschliches Sternenreich existiert, das im Wesentlichen auf einem feudalistischen System zu fußen scheint, erinnert hingegen an den Frank Herbert-Klassiker „Dune“ (1965), dessen Universum mit seinen konkurrierenden Adelshäusern recht ähnlich funktioniert.

Und so könnte man noch weitermachen: Außerirdische sind unerkannt auf der Erde: „Men in Black“ lässt grüßen! Diese Aliens bzw. ihre Auftraggeber wollen ein hübsches Mädchen fangen/töten und nur ein ehemaliger Soldat und seine wenigen Freunde können sie beschützen: Nochmal „Men in Black“ oder auch „Das fünfte Element“. Und so kommt es, dass man beim Genuss von „Jupiter Ascending“ dauernd an andere Werke erinnert wird, die ähnliche Prämissen haben, diese aber weitaus besser umsetzen.

Probleme und Klischees allenthalben.

Leider gibt auch die unmittelbare Geschichte, die der Film erzählt, vor allem Anlass zum Stirnrunzeln: Mehr als die sattsam bekannte und hier noch dazu recht dümmlich erzählte Mär von der hilflosen und naiven Prinzessin, die vom abgebrühten und einsamen Kämpfer beschützt wird, ist es nicht. Eine Romanze darf natürlich auch nicht fehlen – und ist, wie leider nicht anders zu erwarten, dermaßen vorhersehbar und konstruiert, dass es weh tut.

Überhaupt kann in „Jupiter Ascending“ sehr viel antizipiert werden: Es gibt beispielsweise drei Geschwister, die es auf die ahnungslose Jupiter Jones abgesehen haben – dass sie alle drei treffen muss und wird, ist nach der ersten Begegnung offensichtlich. Oder: Die zwei Ex-Soldaten (gespielt von Channing Tatum und Sean Bean) wurden aus der Armee entlassen und ihnen wurden dabei ihre „Flügel“ gestutzt (nein, nicht fragen…). Klar, dass am Ende alles wieder gut ist und sie auch ihre Schwingen wieder haben… Und so reiht sich ein Klischee an das nächste, gern auch mal unterlegt mit unfreiwilliger Komik. Wer hatte eigentlich die Idee, dass der von Tatum gespielte „Wolfsmensch“ Caine Wise ständig mit seinen komischen Anti-Schwerkraft-Stiefeln in der Gegend herumsurfen muss? Das sieht beim ersten Mal spektakulär aus, geht beim zweiten Mal gerade noch und wird spätestens beim dritten Mal mühsam anzusehen, vor allem, weil es gefühlt durchgängig passiert. Die Krönung ist, wenn er damit im Stile eines Eisschnellläufers Schwung holt und beschleunigt. Das hat mich tatsächlich zum Lachen gebracht, was wohl auch nicht im Sinne des Erfinders sein kann.

Die pausenlose und krachende Action führt übrigens zu einem ganz anderen Problem: Sie überdeckt quasi alles. Dadurch entsteht bei mir der Eindruck, dass Logik generell keine große Rolle gespielt haben dürfte, als sich die Wachowskis diesen Wahnsinn ausgedacht haben. Letztlich wird vieles gar nicht erklärt; oder es wird erklärt, man bekommt das aber nicht mit, weil schon wieder irgendwo etwas explodiert ist. Damit ist schon während des Ansehens, spätestens aber direkt danach, klar: „Jupiter Ascending“ ist letzten Endes nicht mehr als ein simpler, eindimensionaler Action-Film. Punkt. Zwar vor beeindruckender Kulisse, aber dennoch ist alles der bombastischen und atemlosen Action untergeordnet. Tiefgang in Charakteren oder Geschichte sucht man vergeblich, auch wenn das im Trailer vielleicht etwas anders aussehen mag.

Schauspieler:innen mit viel Luft nach oben.

Nach so viel Bashing hätte ich nun gerne doch noch ein paar lobende Worte gefunden. Ist leider nicht drin, denn auch der Cast ist farblos, austauschbar und kann an keiner Stelle brillieren. Am ehesten schafft das noch Sean Bean (der den gezeichneten Kriegsveteranen ganz gut rüberbringt) und mit Abstrichen Tuppence Middleton (die ihre wenigen Auftritte als Kalique Abrasax passabel meistert). Ich würde nun gerne sagen, dass die Darsteller:innen nichts dafür können, weil ihnen das Drehbuch ja die Linie vorgibt. Man muss aber schon auch konstatieren, dass die Wachowskis für „Jupiter Ascending“ nicht gerade die A-Riege von Hollywood versammelt haben, was vielleicht auch damit zu tun haben mag, dass die Mim:innen es nicht ansatzweise schaffen, den Charakteren Leben und vor allem Sympathie einzuhauchen.

Während man Mila Kunis das noch einigermaßen verzeihen kann, weil ihre Rolle als Prinzessin wider Willen eh schon dümmlich genug ist, meint man Channing Tatum in jeder Szene anzumerken, dass er eigentlich keine Lust auf diesen Film hatte. Ob das stimmt, weiß ich nicht – aber sein Spiel wirkt völlig demotiviert und unterkühlt. Die Nominierung für die Goldene Himbeere (derer sich der Film gleich in mehreren Kategorien rühmen darf) war meines Erachtens sehr berechtigt – gewonnen hat diese zweifelhafte Auszeichnung allerdings Eddie Redmayne, der den Hauptantagonisten Balem Abrasax verkörpert. Und nein, er macht das wirklich nicht gerade gut (Was ist das mit der Stimme? Soll das böse klingen?), aber verdient hätte die Himbeere dann doch eher Tatum, wie ich finde.

Muss man nicht gesehen haben.

Das Fazit habe ich ja schon eingangs geschrieben. Für alle, die dennoch bis hierhin tapfer durchgehalten haben, sei es nochmal erwähnt: Schaut euch den Film nur dann an, wenn euch abgesehen von rasanter und gut aussehender Weltraum-Action nichts interessiert. Wenn ihr gute Schauspieler:innen, eine halbwegs brauchbare Story und interessanter Charaktere wollt, werdet ihr mit „Jupiter Ascending“ keine große Freude haben. 2 Punkte gibt’s trotzdem – denn es gibt ja auch Filme, die inhaltliche UND optische Katastrophen sind…

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Jupiter Ascending.
Regie:
Lana Wachowski, Lilly Wachowski
Drehbuch: Lana Wachowski, Lilly Wachowski
Jahr: 2015
Land: USA, Australien
Laufzeit: ca. 130 Minuten
Besetzung (Auswahl): Mila Kunis, Channing Tatum, Eddie Redmayne, Sean Bean, Douglas Booth



FilmWelt: Lucky # Slevin

Manchmal hat man auch … naja… Glück: Von „Lucky # Slevin“ (2006) hatte ich bis Kurzem trotz beachtlichen Star-Aufgebots noch nie etwas gehört. Dass ich mir diesen sehr unterhaltsamen Film dennoch angesehen habe, war dem eigentlich ärgerlichen Phänomen geschuldet, dass Streaming-Dienste ihr Angebot laufend ändern.

Gesamteindruck: 6/7


Temporeich, unterhaltsam, überraschend.

Amazon Prime Video hat eine eigene Kategorie für Filme und Serien, die „nur noch kurze Zeit“ in der Flatrate enthalten sind. Dass der Streaming-Dienst seine Abonnent:innen darauf hinweist, ist eine gute Sache (dass stetig Filme aus dem Angebot fliegen und dann, wenn überhaupt, nur noch gegen Aufpreis erhältlich sind, ist hingegen ein echtes Ärgernis), nimmt sie einem doch die oft unmögliche Entscheidung ab, was man sich als Nächstes ansehen soll. Oder man entdeckt überhaupt erst dadurch Perlen, die man bis dahin gar nicht auf dem Schirm hatte. Genau so erging es mir mit vorliegendem Werk von Regisseur Paul McGuigan, das ich mir kurz vor seinem (zwischenzeitlichem?) Verschwinden aus der Amazon’schen Flatrate angesehen habe.

Worum geht’s?
Slevin Kelevra hat nicht nur einen unmöglichen Namen, sondern ist scheinbar auch ein außerordentlicher Pechvogel: Eigentlich will er nur einen Kumpel in New York besuchen, doch kaum im Big Apple angekommen, wird ihm bei einem Überfall die Nase eingeschlagen. Und das ist nur der Anfang, denn sein Freund Nick ist verschwunden. Bald stellt sich heraus, dass das wohl mit undurchsichtigen Geschäften zu tun hat, in die er verwickelt war. Und dass Nick ausgesprochen unangenehmen Leuten eine Menge Geld schuldet, muss Slevin am eigenen Leib erfahren, als er von deren Handlangern in die Mangel genommen wird. Doch zum Glück gibt es noch Nachbarin Lindsey, die sich in den Kopf gesetzt hat, gemeinsam mit Slevin das Verschwinden von Nick aufzuklären…

Nominell hätte „Lucky # Slevin“ eigentlich ein großer Hit sein müssen, schließlich kommt es nicht jeden Tag vor, dass sich Morgan Freeman, Sir Ben Kingsley, Bruce Willis und Lucy Liu am Set die Klinke in die Hand geben treffen. Umso erstaunlicher, dass kein Verleih den Film anno 2006 in die deutschsprachigen Kinos bringen wollte. Warum das so war, erschließt sich mir nicht – vielleicht war die anfängliche Sperrigkeit (der Aufbau erinnert ja ein wenig an „Pulp Fiction“ (1994) von Kult-Regisseur Quentin Tarantino, abschreckend)? Wie dem auch sei, Paul McGuigan musste hinnehmen, dass „Lucky # Slevin“ in unseren Breiten 2007 direkt auf DVD erschienen ist.

Ein nicht ganz so bekannter Hauptdarsteller.

Führt man sich die Starparade von „Lucky # Slevin“ vor Augen, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche dieser Legenden denn nun die Hauptrolle spielt. Die etwas überraschende Antwort: Niemand, denn die Titelfigur wird von Josh Hartnett verkörpert. Der US-Amerikaner war damals zwar gut gebucht und hatte mit „40 Tage und 40 Nächte“ 2001 seinen Durchbruch gehabt – seine Karriere war insgesamt aber ein ständiges Auf und Ab (was sich bis heute nicht geändert hat). Interessant also, dass der Regisseur ausgerechnet ihm die tragende Rolle zugetraut hat – andererseits hatte McGuigan einige Jahre zuvor bereits in „Sehnsüchtig“ (2004) auf Hartnett gesetzt.

Wie auch immer: Josh Hartnett macht seine Sache in „Lucky # Slevin“ für mein Dafürhalten mehr als ordentlich. Tatsächlich verkörpert er den vermeintlich naiven und vom Pech verfolgten Slevin Kelevra auf höchst sympathische und authentische Weise. Überhaupt muss man allen Darsteller:innen einen großartigen Job attestieren: Bruce Willis orientiert sich in seiner Rolle als kaltblütiger Killer stark an seiner eigenen Performance in „Der Schakal“ (1997), Morgan Freeman und Ben Kingsley erinnern an eine brutale Version von Walter Matthau und Jack Lemmon („Ein verrücktes Paar“, 1993), wobei ihnen das Kunststück gelingt, das ohne viel gemeinsame Spielzeit hinzubekommen. Und Lucy Liu gibt als neugierige Nachbarin, die zunächst Detektivin spielen will und mit der es dann auch romantische Verstrickungen gibt, ebenfalls keinen Grund zur Beschwerde (sieht man davon ab, dass die einzige größere Frauenrolle vergleichsweise blass geschrieben wurde).

Überzeugt auf (fast) allen Ebenen.

Damit Schauspieler:innen überhaupt glänzen können, braucht es aber auch ein gutes Drehbuch, passende Dialoge – und natürlich die entsprechende Regie. Zu ersterem ist zu sagen, dass „Lucky # Slevin“ sehr interessant geschrieben ist: Der Film beginnt sozusagen mittendrin, stellt seine Protagonist:innen kaum vor, wechselt immer wieder die Zeitebene. Anfangs ist das noch ziemlich verwirrend – im Laufe der knapp 2 Stunden fallen die Puzzleteile aber nach und nach an ihren Platz. Im ersten Moment mag das wirklich ein wenig nach „Pulp Fiction“ klingen, das scheint mir aber eher ein vages Gefühl zu sein, das beim Publikum entsteht; tatsächlich ist „Lucky # Slevin“ bei weitem nicht so episodenhaft und auf den ersten Blick unstrukturiert, wie der Tarantino’sche Meilenstein es war.

Dass man dennoch immer wieder an jenes Werk denkt, hat auch mit der Story zu tun, die ebenfalls von konkurrierenden Gangstern und Auftragsmördern handelt. Schwierig ist übrigens die Einordnung in ein Genre: „Lucky # Slevin“ ist gleichzeitig Gangsterfilm und Thriller, hat Action, ein wenig Romantik – und Humor, der aber wenig mit Slapstick-Comedy zu tun hat. Wahrscheinlich ist es genau diese wilde Kombination, die den Film so erfrischend macht – anders kann ich mir kaum erklären, wieso ich mich dermaßen gut unterhalten gefühlt habe. Eine starke Leistung des Regisseurs übrigens, der diese Teile so stimmig und vor allem auch intelligent zu einem Ganzen verquickt hat.

Dialoge nicht immer Top.

Einen Kritikpunkt möchte ich abschließend aber doch äußern: Weite Teile der Dialoge sind treffsicher und/oder witzig – man hört den Charakteren meist einfach gerne zu. Allerdings will „Lucky # Sleven“ gelegentlich klüger sein, als es in Wirklichkeit ist. Vor allem die gelegentlich ziemlich langen Monologe von Morgan Freeman und Ben Kingsley klingen zum Teil, als hätte man mit aller Gewalt philosophisch klingendes, pseudo-intellektuelles und bedeutungsvolles Geschwätz einbauen müssen. Oder sind das irgendwelche pop-kulturellen Referenzen, die ich nicht verstanden habe bzw. die in der Synchronisation verloren gegangen sind? Ich weiß es nicht – aber im Endeffekt ist das ohnehin nur ein kleiner Wermutstropfen für einen ansonsten rundum gelungenen Film.

Übrigens: Der Twist, mit dem man gegen Ende endlich erfährt, was es mit Slevin Kelevra auf sich hat und wieso die Dinge so geschehen sind, wie sie eben geschehen sind, ist für mein Dafürhalten einer der besten der jüngeren Filmgeschichte. Also unbedingt ungespoilert anschauen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Lucky Number Slevin.
Regie:
Paul McGuigan
Drehbuch: Jason Smilovic
Jahr: 2006
Land: Deutschland, USA, Kanada, UK
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Josh Hartnett, Bruce Willis, Lucy Liu, Morgan Freeman, Ben Kingsley, Stanley Tucci



BuchWelt: Die Wolke

Gudrun Pausewang


Für mich, Jahrgang 1979, ist das Wort „Tschernobyl“ einer der prägendsten Begriffe der Kindheit. Der Tag, an dem wir von der Schule heimgeschickt wurden, direkt ins Haus mussten und uns von der Sandkiste fernzuhalten hatten (ja, ausgerechnet das ist auch eine sehr lebhafte Erinnerung!), hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Und auch heute, ziemlich genau 35 Jahre später, ist „Tschernobyl“ immer noch mehr als ein Ortsname; es ist ein Wort, das seinen düsteren Klang nie verloren hat. Zumindest nicht für jene, die damals dabei waren. Damals, als Europa und die Welt den Atem anhielten.

Gesamteindruck: 6/7


Ein Mahnmal.

Die deutsche Autorin Gudrun Pausewang (+ 2020) hat den Jugendroman „Die Wolke“ 1987 verfasst. Zu jener Zeit stand die Welt noch voll und ganz unter dem Eindruck der Katastrophe von Tschernobyl (26. April 1986). Dennoch ist das Buch nicht ihr erster Beitrag zur damals allgegenwärtigen atomaren Bedrohung: Bereits 1983 skizzierte sie in „Die letzten Kinder von Schewenborn oder …sieht so unsere Zukunft aus?“ einen Atomkrieg in Deutschland. Hieran – und an vielen anderen zeitgenössischen Beiträgen unterschiedlicher Kunstrichtungen – ist abzulesen, wie unheimlich die Welt mitten im Kalten Krieg gewirkt haben muss (und wohl auch war). Und dieser Schrecken ist bis heute nicht gewichen, jedenfalls nicht für die, die sich erinnern können – oder wollen.

Worum geht’s?
Deutschland, Mitte der 1980er Jahre: Nach einem Super-GAU im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld wird Katastrophenalarm ausgelöst. Die völlig unvorbereitete Bevölkerung bleibt in den ersten Stunden nach dem Zwischenfall sich selbst überlassen – was zu Massenpanik und tausenden Toten führt. Mitten im Chaos versuchen die Jugendliche Janna-Berta und ihr kleiner Bruder Uli der radioaktiven Wolke zu entkommen, die der Wind in ihre Richtung treibt. Ob die Eltern noch leben oder schon tot sind, wissen sie nicht – und auf der Flucht zeigt sich, dass plötzlich jede:r sich selbst der/die Nächste ist

Ich frage mich ja, ob das Wort Tschernobyl für die Jugend von heute noch jene Bedeutung hat wie für meine Generation – oder ob das Ereignis mittlerweile einfach zu weit weg ist, um überhaupt angemessen vermittelbar zu sein. Klar, seither gab es mit Fukushima (11. März 2011, 2012 übrigens im Roman „Noch lange danach“ von Gudrun Pausewang thematisiert) eine zwar nicht ganz so große, aber immer noch schreckliche Katastrophe – die ereignete sich aber am anderen Ende der Welt, wodurch ihr die Unmittelbarkeit von Tschernobyl fehlt. Bei mir hat die Kernschmelze im fernen Japan jedenfalls keinen dermaßen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, wie es noch 1986 der Fall gewesen war, als halb Europa die Schattenseiten der Kernenergie am eigenen Leib erfahren musste (und dabei war das „nur“ eine Art Streifschuss, wenn man so will).

Eine eindringliche Schilderung.

In „Die Wolke“ beschreibt Gudrun Pausewang sehr eindringlich, was passieren könnte, wenn ein ähnlicher Unfall im Herzen unseres dicht besiedelten Kontinents stattfinden würde. Auf technische Einzelheiten verzichtet sie dabei, viel mehr als den Ort des Super-GAUs und dass die Katastrophe als deutlich schlimmer als Tschernobyl eingestuft wird (entsprechend hoch ist die Anzahl der Todesopfer), erfährt man im Endeffekt nicht über das Ereignis selbst. Diese Herangehensweise entbindet die Autorin letztlich davon, sich in wissenschaftlichen Details zu verstricken. Nun könnte man Pausewang natürlich vorwerfen, dass die Geschichte, die sie erzählt, dadurch übertrieben, ja fast schon wie Panikmache, wirkt. Wer das denkt, sollte sich allerdings vergegenwärtigen, dass „Die Wolke“ kurze Zeit nach einem Unfall geschrieben wurde, der passiert war, obwohl alle Welt davon ausgegangen war, dass Kernenergie absolut sicher sei. Bereits im Jahr danach drohte die Katastrophe in Vergessenheit zu geraten und verdrängt zu werden – dass sich dieser Trend immer mehr verstärken würde, hat Pausewang vorhergesehen und gerade deshalb so drastische Worte für ihren Roman gewählt. Zu Recht, wie uns Fukushima gezeigt hat: Das Undenkbare ist tatsächlich wieder passiert und kann jederzeit erneut geschehen (Ironie des Schicksals, dass ich diese Zeilen im November 2021 schreibe, kurz nachdem Frankreich angekündigt hat, künftig wieder verstärkt auf Kernenergie zu setzen).

Bedrückende Aussichten.

„Die Wolke“ ist meines Erachtens auf drei Ebenen bedrückend und gerade deshalb eine sehr wirkungsvolle Warnung. Erstens scheut sich die Autorin nicht, in einem Buch, dass sich vor allem an Jugendliche richten soll, Tod und Verderben ausgesprochen auf fast beiläufige Art zu schildern. Das ist dem Thema durchaus angemessen, ich hätte es aber in einem Jugendbuch nicht so brutal erwartet. Die zweite Ebene betrifft die räumliche Nähe des Geschehens: Ich bin zwar Österreicher, dennoch empfinde ich die Orte, die in „Die Wolke“ vorkommen, als unmittelbare Nachbarschaft. Das jeder dieser Orte real existiert, macht das Buch meines Erachtens besonders unheimlich: Die Familie der Protagonistin wohnt in Schlitz (in der Nähe von Fulda, Gudrun Pausewang lebte bis 2016 mit Unterbrechungen selbst dort), die Katastrophe spielt sich im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, ab (dessen Außerbetriebnahme im Jahr 2015 die Autorin übrigens noch miterleben durfte), es kommen Orte wie Schweinfurt, Wiesbaden, Hamburg usw. vor.

Der dritte Punkt, den ich hervorheben möchte, hat mit der Perspektive der Schilderung zu tun. Pausewang gelingt es hervorragend, die Situation aus Sicht der jungen Heranwachsenden zu erzählen. Eine Gabe, die viele Jugendbuchautor:innen haben – hier ist es mir aber besonders positiv aufgefallen, weil es die Art und Weise, wie sich die Geschichte entwickelt, noch einmal dramatischer erscheinen lässt. Im Kern bedeutet das, das man als Leser:in eben nicht allwissend ist, sondern im Wesentlichen die gleichen Informationen hat, wie die junge Heldin. Mit der wollen die ach-so-klugen Erwachsenen kaum vernünftig sprechen, was sie über die Katastrophe mitbekommt, stammt aus Nachrichtenschnipseln und Gesprächsfetzen, die sie mal mehr, mal weniger gut einordnen kann.

Damit schließt sich im Übrigen der Kreis zur oben genannten Unwissenschaftlichkeit des Romans: Er ist zwar nicht in der Ich-Form, aber doch aus der Sicht einer Schülerin geschrieben und liest sich im Großen und Ganzen genau so. Umso bedrückender ist das Geschehen, umso drastischer die Schilderung. Dabei ist die Atomkatastrophe zu allem Überfluss nicht der einzige Tiefpunkt: Ein Gutteil der Geschichte dreht sich um die Flucht vor der radioaktiven Wolke, die in einigen Mitmenschen das Schlimmste hervorbringt. Wer das für übertrieben hält oder denkt, dass wir es längst hinter uns gelassen haben, wird durch die Corona-Pandemie aktuell eines Besseren belehrt, aber das nur am Rande…

Vom Lesegefühl her ist „Die Wolke“ ein kurzweiliges, schnell zu lesendes Buch. Die Sprache ist einfach und klar, die Geschichte sehr spannend. Von daher trägt der Roman den Jugendbuch-Sticker wohl zu recht – ich würde aber trotzdem auch jedem/jeder erwachsenen Leser:in empfehlen, einen Blick hineinzuwerfen. Es lohnt sich (zumal man in ein, zwei Abenden durch sein sollte) und hilft, die Erinnerung aufzufrischen und sich wieder bewusst zu machen, warum die Kernenergie auch heute noch keine sonderlich gute Idee ist.

Fazit: „Die Wolke“ ist eine der wichtigsten und eindringlichsten Warnungen vor einer Gefahr, die heute leider so groß zu sein scheint, wie eh und je.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Gudrun Pausewang
Originaltitel: Die Wolke.
Erstveröffentlichung: 1987
Umfang: ca. 220 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Die Wand

„Die Wand“ (2012) ist der späte Versuch einer Verfilmung des gleichnamigen Romans der 1970 verstorbenen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Sie hatte diese Geschichte bereits 1963 geschrieben – für mich durchaus überraschend, denn ich hatte beim Ansehen des Films häufig das Gefühl, eine Replik auf unsere modernen Zeiten zu Gesicht zu bekommen: Was passiert, wenn man uns aus unserer ständigen Erreichbarkeit und dem geradezu grotesken Hamsterrad, in dem sich viele von uns heute befinden, komplett herausreißen würde?

Gesamteindruck: 5/7


Allein in den Bergen.

Eingangs möchte ich direkt anmerken, dass ich den Roman „Die Wand“ bis dato nicht gelesen habe. Das werde ich zwar sicher noch nachholen; allerdings bedeutet das auch, dass ich mich im Folgenden nur auf die Verfilmung durch Julian Pölsler, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, beziehe. Zu lesen ist übrigens, dass der Roman lange als unverfilmbar galt. Wie gut Pölsler die Tonalität des Vorbildes getroffen hat, entzieht sich aus genannten Gründen zwar meiner Kenntnis, ich habe aber das Gefühl, dass es sich hierbei durchaus um eine werkstreue Umsetzung handeln könnte. Denn „Die Wand“ atmet schon sehr deutlich den Geist einer bedächtigen und philosophisch anmutenden Geschichte.

Worum geht’s?
Eine Frau, deren Name und Beruf nie genannt wird, möchte mit einem befreundeten Paar einige Tage in einer Jagdhütte verbringen. Doch schon nach der ersten Nacht merkt die Protagonistin, dass etwas nicht stimmt: Ihre Reisegefährten sind augenscheinlich nicht von einem Spaziergang ins nahegelegene Dorf zurückgekehrt. Gemeinsam mit Jagdhund „Luchs“ macht sie sich auf die Suche nach ihren Freunden – nur um festzustellen, dass der Weg abrupt an einer unsichtbaren, undurchdringlichen Wand endet. Dieses merkwürdige, offenkundig unzerstörbare Gebilde scheint die Hütte in weitem Umkreis vollkommen von der Außenwelt isolieren, ein Ausweg ist nicht zu finden…

Inhaltsangabe und Setting geben es schon vor: Die Besetzung der Hauptrolle ist in „Die Wand“ von zentraler Bedeutung. Der Fokus liegt also voll und ganz auf der deutschen Schauspielerin Martina Gedeck, die diese schwierige Aufgabe meiner Ansicht nach sehr gut löst. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass ich trotz starker Leistung gewisse Probleme mit der von ihr dargestellten Figur habe, was aber eher dem Drehbuch (oder eher der Vorlage?) geschuldet sein dürfte. Dass die Protagonistin ein völlig unbeschriebenes Blatt ist, wir weder Namen noch Profession, ja, nicht einmal das Verhältnis zu ihren Reisegefährt:innen, erfahren, macht eine Einordnung des Gesehenen – und auch eine Identifikation – schwierig. Ich hatte ferner den Eindruck, dass sich auch die Gedeck selbst schwer damit getan haben könnte, eine derart vage und ungreifbare Person lebendig rüberzubringen. Nur so ist mir das sehr distanzierte und kühle Auftreten erklärlich – es sei denn, ich wiederhole mich, das Buch ist ähnlich nüchtern verfasst. Akte der Emotion und der Verzweiflung gibt es zwar gelegentlich, sie wirken aber nie so authentisch wie die Abgeklärtheit, mit der die einsame Heldin meistens auftritt. Neben Martina Gedeck gibt es in fast 2 ½ Stunden Film übrigens nur fünf weitere Personen zu sehen, von denen wiederum nur zwei (das befreundete Pärchen) überhaupt Text haben und länger als ein paar Sekunden zu sehen sind.

Was, zumindest mir, zudem sehr stark, fast schon unangenehm, aufgefallen ist: Die teils fehlende Logik im Verhalten (mag sein, dass das im Buch ebenfalls so ist, dann will ich nichts gesagt haben – aber der Film sollte für sich genommen schon auch Sinn machen). So versucht die Protagonistin zwei Dinge zu keinem Zeitpunkt, die ich eigentlich erwartet hätte (und von denen ich einfach mal behaupte, dass ich sie an ihrer Stelle probiert hätte): Sie unternimmt erstens keine Wanderung entlang der Wand, um herauszufinden, ob sie tatsächlich komplett eingeschlossen bzw. wie groß ihr Gefängnis wirklich ist (zugegeben, das dürfte im Gebirge sehr mühsam und teils unmöglich sein). Und zweitens versucht sie sich zu keinem Zeitpunkt, unter der Wand durchzugraben oder auch mal im See zu schwimmen, um festzustellen, ob das Hindernis über bzw. unter Wasser überhaupt besteht. Auch hätte mich interessiert, wie der Wechsel der Jahreszeiten, der innerhalb der Wand ganz normal von Statten geht, außerhalb der Zone aussieht – immerhin gibt es dort zwei „versteinerte“ Personen in Sommerkleidung, ich hätte zu gerne gesehen, was mit denen im Winter passiert.

Starke Naturbilder.

Dass man überhaupt in Versuchung gerät, über vermeintlichen Lücken nachzudenken, hat einen Grund: „Die Wand“ verfügt erwartungsgemäß über außerordentlich starke Bilder. Vor allem die Natur (gedreht wurde im oberösterreichischen Dachsteinmassiv) wurde von der Kamera auf beeindruckende Art und Weise eingefangen; nicht nur im Großen, sondern auch in unmittelbarer Umgebung des Schauplatzes. Hier möchte ich vor allem die Unnahbarkeit des Waldes hervorheben, die, auch unter Zuhilfenahme einer entsprechenden Geräuschkulisse, so eindringlich eingefangen wurde, dass man das unbehagliche Gefühl der modernen Städterin gegenüber der wilden Natur zu spüren glaubt. Einerseits großartig gemacht, andererseits kostet der Film manche Außenaufnahmen, die sich mit der Zeit auch zu ähneln beginnen, viel zu sehr aus. Will sagen: Sobald man sich daran sattgesehen hat, beginnen die Gedanken zu wandern und man hofft, dass sich die Protagonistin mal wieder der Wand nähert und man ein Stück zur Lösung des Puzzles erhält.

Letzteres passiert übrigens nicht, so viel darf ich wohl verraten. Der Film führt nirgendwo hin, er hat weder ein gutes, noch ein schlechtes Ende, sondern läuft einfach still und leise aus. Ich denke, dass das der Vorlage geschuldet sein dürfte – die Protagonistin, die ja auch Ich-Erzählerin ist, schreibt den Teil ihrer Geschichte, den wir im Film zu sehen bekommen, auf ein paar Blättern Papier nieder, die sie in der Hütte findet. Als ihr die ausgehen, endet die Handlung (und das Buch, nehme ich wenigstens an). Nun haben offene Ende ja was für sich, nur ist es in vorliegendem Fall so, dass man komplett in der Luft hängt – weder wird die Wand als solche thematisiert (die ist eben einfach da), noch das spätere Schicksal der tragischen Heldin. Ob und wie gut man mit diesen Dingen leben kann, hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab, mir persönlich war das letzten Endes doch ein bisschen zu unkonkret, um mir wirklich zu gefallen.

Blendet man das offene Ende und die Nicht-Erklärung der Wand aus, der Film eigentlich ganz klassischer Stoff: Wie weiland Robinson Crusoe ist die Protagonistin von jetzt auf gleich von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation abgeschnitten und muss lernen, mit für sie vollkommen neuen Mitteln für ihr Überleben zu sorgen. Die physischen und psychischen Implikationen, die das mit sich bringt, reißt der Film aber nur an, grundsätzlich scheint mir eher die Nichtigkeit des Menschen gegenüber der Macht der Natur das Thema zu sein. Und natürlich die Einsamkeit – wobei „Die Wand“ dem Gedanken, zurück zur Natur zu gehen, durchaus auch eine positive Note verleiht.

Fazit: Auch wenn obiger Text vielleicht ein bisschen negativ klingt, hat mir „Die Wand“ über weite Strecken sehr gut gefallen. Es gibt ein paar Längen, die sind allerdings zu verschmerzen. Und letztlich ist sogar die kühle Distanziertheit der Protagonistin keine schlechte Sache – sie ist eine Art Neutrum, mit dem sich vermutlich ein größerer Teil des Publikums wirklich identifizieren kann, als mit einem völlig überzeichneten Hollywood-Helden.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Die Wand.
Regie:
Julian Pölsler
Drehbuch: Julian Pölsler
Jahr: 2012
Land: Österreich, Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Martina Gedeck, Karlheinz Hackl, Ulrike Beimpold, Julia Gschnitzer, Hans-Michael Rehberg



FilmWelt: (Über)lebenswert

In „(Über)lebenswert“ kämpft eine Gruppe von … naja… Überlebenden in einer post-apokalyptischen Welt gegen verschiedene Bedrohungen. So weit, so klassisch – allerdings spielt der Film aus dem Jahr 2016 nicht in den USA oder Europa, sondern im Nahen Osten. Damit dürfte die Produktion aus den Vereinigten Arabischen Emiraten wohl eine der ersten ihrer Art sein.

Gesamteindruck: 3/7


Post-apokalyptische Emirate.

Auch wenn die Gesamtwertung durchwachsen ist: Es gibt einige Aspekte an „(Über)lebenswert“, die stimmen. Vor allem sei die Optik genannt, der man zwar ansieht, dass der Film nicht in den Genuss eines Hollywood-üblichen Budgets gekommen sein dürfte, die aber nichtsdestotrotz eine stimmige Atmosphäre schafft. Auch die Effekte fand ich weitgehend in Ordnung, obwohl ich etwas weniger CGI und eine Spur mehr klassische Tricktechnik bevorzugt hätte, aber das ist ein Kritikpunkt, den man durchaus auch bei vielen US-Produktionen der jüngeren Vergangenheit anbringen kann.

Worum geht’s?
Nachdem der Großteil der Menschheit erst durch Krieg, dann durch systematische Kontaminierung des Trinkwassers dahingerafft wurde, sammeln sich die Überlebenden um die wenigen noch nutzbaren Quellen. Klar, dass ein solcher Ort allerlei Gesindel anzieht, gegen das es sich zu verteidigen gilt. Das gelingt einer Gruppe ganz gut – bis sie einen Mann und eine Frau trotz aller Zweifel bei sich aufnimmt…

Inhaltlich gibt sich „(Über)lebenswert“ biederer, als man aufgrund der exotischen Herkunft zunächst vermuten möchte. Dem traditionellen Setting einer post-apokalyptischen Zukunft, in der auf Leben und Tod um die letzten Ressourcen gerungen wird, fügen Regisseur Ali F. Mostafa und Drehbuchautor Vikram Weet jedenfalls keine neue Aspekte hinzu. Im Gegenteil, Story und Charakterzeichnung sind bis zum letzten Drittel des Films vollkommen vorhersehbar. Dann folgt ein Twist, der zu einer Auflösung führt, die aus meiner Sicht eigentlich gar keine ist und mich eher ratlos und unbefriedigt hinterlassen hat. Generell wirkt der letzte Abschnitt relativ aufgesetzt und will nicht so recht zum geradlinigen Rest passen, was den Film letztlich noch einmal etwas runterzieht.

Paradoxerweise bezieht sich der Titel des Films deutlich mehr auf das letzte Drittel als auf das, was wir vorher zu sehen bekommen. „(Über)lebenswert“ handelt zunächst von den Versuchen einer kleinen Gruppe, sich unter denkbar schwierigen Umständen so gut wie möglich einzurichten. Dass es dabei zu inneren Spannungen und äußeren Bedrohungen kommt, liegt auf der Hand und scheint von vorne bis hinten wie aus dem sprichwörtlichen Lehrbuch für Endzeit-Filme zu stammen. Zum Ende hin kristallisiert sich allerdings heraus, dass sich das Werk der größeren – und ethisch höchst bedenklichen – Frage widmet, wer es wert ist, zu leben. Dieser essenzielle Konflikt wird leider relativ kurz und wenig befriedigend abgehandelt, was der Hauptgrund für die schwache Bewertung ist. Hierzu sei außerdem angemerkt, dass mir der deutsche Titel die Problematik, derer sich der Film letzten Endes annimmt, zu wenig herausstellt. Ich denke, „Lebenswert“ (also ohne das eh schon holprige „(Über)“) wäre passender gewesen und hätte dem Englischen „The Worthy“ deutlich besser entsprochen.

Schauspielerisch kein Leckerbissen.

Neben der – bis auf das Ende – sehr durchschnittlichen Handlung hat „(Über)lebenswert“ aber auch noch andere Probleme: Der Cast, vor allem die jüngeren Schauspieler:innen, ist teilweise ziemlich schwach, fast hat man das Gefühl, einige Mimen wären gerade erst von der Schauspielschule gekommen. Mehr oder weniger damit einher geht das Fehlen von Sympathiewerten bei den Charakteren, die eigentlich die Guten darstellen sollen. Den Darsteller:innen fehlt es an Charisma, den Figuren an Tiefe, sodass man letztlich nur beim (vermeintlichen) Bösewicht von einer einigermaßen gelungenen Rolle sprechen kann. Das ist ein größeres Problem, als man vermuten könnte: Die mangelnden Identifikationsmöglichkeiten haben zur Folge, dass sich das notwendige Gefühl, die im Film vorgestellte Gruppe wäre „worthy“, nie so richtig einstellt. Und damit erreicht „(Über)lebenswert“ das Ziel nicht, dass man als Zuseher:in die moralische Zwickmühle des Haupt-Protagonisten nachvollziehen kann. Oder, um es drastisch zu sagen: Es ist egal, was mit den Nebenfiguren passiert – und auch die Bindung der Hauptperson zu seinen Kameraden, ja zu seiner Familie, wirkt in keinem Moment echt und nachhaltig.

Fraglich ist aber, ob bessere bzw. erfahrenere Schauspieler:innen eine bessere Figur gemacht hätten – denn auch das Drehbuch ist teilweise unlogisch. Beispielhaft sei in diesem Zusammenhang die Weitläufigkeit des Schauplatzes genannt, die in keiner Relation zu den wenigen Personen steht. Wie ein solcher Ort von einer Handvoll Menschen verteidigt werden kann, ist mir vollkommen schleierhaft. Zu dieser und ähnlichen Merkwürdigkeiten passt im Übrigen auch das Verhalten, das das Drehbuch den Charakteren vorschreibt; auch in dieser Hinsicht konnte ich an manchen Stellen nur den Kopf schütteln oder musste mir ein Lachen über so viel Naivität verkneifen.

Letzten Endes muss ich aber auch zugeben, dass mich „(Über)lebenswert“ auf eine seltsame Weise gut unterhalten hat. Das liegt einerseits wohl an der weiter oben genannten Atmosphäre, die im Endeffekt einfach passt, andererseits an der zwischendurch eingeschobenen, gutklassigen Action. Dennoch: Der Unterhaltungswert ist zwar da, er fühlt sich im Nachgang aber wie Fastfood an. Kurzfristig mag es befriedigend sein, Tiefgang ist aber, wenn überhaupt, nur andeutungsweise vorhanden. Dafür gibt es ganz knappe 3 von 7 Punkten.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: المختارون.
Regie:
Ali F. Mostafa
Drehbuch: Vikram Weet
Jahr: 2016
Land: Vereinigte Arabische Emirate, Rumänien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Ali Suliman, Maisa Abd Elhadi, Mahmoud Al Atrash, Samer Ismail



FilmWelt: #amLeben

Zombiefilme sind ein Phänomen, das einfach nicht …ähem.. totzukriegen ist. „#amLeben“ (2020) ist der erste asiatische Genrebeitrag, den ich bis dato gesehen habe – und, um das Fazit gleich vorweg zu nehmen, ich muss sagen, dass ich mich über weite Strecken gut unterhalten gefühlt habe. Ein Meisterwerk ist Regisseur Cho Il-hyeong zwar nicht gelungen, aber der Film weiß sich zumindest von vielen anderen Vertretern seiner Zunft abzuheben. Und das nicht nur aufgrund seiner exotischen Herkunft, wohlgemerkt.

Gesamteindruck: 5/7


Die Apokalypse vor dem Fenster.

Zunächst ein nicht ganz unwesentlicher Hinweis: Ich habe mir „#amleben“ im Oktober 2021 auf Netflix angesehen. Zu diesem Zeitpunkt verfügte der Film über zwei Audio-Optionen: Koreanisch und Englisch, auf Deutsch sind lediglich Untertitel verfügbar. Ich habe mich für die Kombination aus Englisch mit deutschem Text entschieden, was mit Sicherheit etwas vom Charme des Originals nimmt, aber alles andere wäre mir dann doch etwas zu anstrengend gewesen. Und noch eine Randnotiz: Die Synchronisation wirkt nicht so „smooth“, wie man das von westlichen Filmen in der Regel kennt, was wohl damit zu tun hat, dass Koreanisch in keinerlei Hinsicht mit Sprachen unserer Breiten vergleichbar ist.

Worum geht’s?
Vlogger Oh Junu staunt nicht schlecht, als er sich von seinem Bildschirm löst und aus dem Fenster schaut: Auf den Straßen der koreanischen Metropole Seoul herrscht aus heiterem Himmel unbeschreibliches Chaos. Menschen fallen sich gegenseitig an, beißen sich, bringen sich um, die Ordnungskräfte sind machtlos. In seinem winzigen Appartement ist Junu zwar einigermaßen sicher vor den Infizierten, allerdings gehen ihm schon bald Nahrung und Wasser aus. Doch er ist nicht der Einzige, der #amLeben ist. Gemeinsam mit Kim, die sich im gegenüberliegenden Wolkenkratzer verschanzt hat, versucht er einen Ausweg zu finden…

Bevor wir den Inhalt von „#amLeben“ betrachten, möchte ich kurz einen interessanten Aspekt zum Hintergrund erwähnen: Das Drehbuch stammt im Wesentlichen vom US-Amerikaner Matt Naylor, der es für den Film „Alone“ verfasst hat. Der wurde im Oktober 2020, paradoxerweise also einige Monate nach „#amLeben“, veröffentlicht. Dementsprechend ist die Handlung beider Werke im Großen und Ganzen identisch, wobei für „Alone“ Altmeister Donald Sutherland verpflichtet werden konnte – ob „#amLeben“ über Darsteller:innen verfügt, die im asiatischen Raum ähnlichen Status genießen, ist mir nicht bekannt. Bemerkenswert ist ferner, dass die koreanische Variante deutlich besser bei der Kritik abschneidet: Auf Rotten Tomatoes liegt die Approval Rate für „Alone“ bei 25% während „#amLeben“ 88% schafft. Ob das gerechtfertigt ist und wie viel das mit der Vermarktung von „#amLeben“ durch den Branchenriesen Netflix zu tun hat, entzieht sich meiner Kenntnis; eventuell werde ich mir den US-Film aber noch ansehen, wenn er auf einer „meiner“ Streaming-Plattformen in der Flatrate erscheinen sollte.

Wohltuende Abwechslung.

Nun aber in medias res: Auf den ersten Blick ist „#amLeben“ ein klassischer Zombiefilm, in dem wir die Apokalypse aus dem Fenster eines kleinen Appartements in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul beobachten. Wie sich die Krankheit, die normale Menschen in blutrünstige Monster verwandelt, in Stadt und Land ausbreitet, bekommt man vor allem über Schnipsel von TV-Nachrichten mit. Die Wohnung der Hauptfigur Oh Junu verlässt der Film nur in ganz wenigen Momenten, sodass er über weite Strecken einer Art Kammerspiel ähnelt. Diese Herangehensweise, also der Fokus auf einen relativ kleinen Raum und eine, später zwei Hauptfiguren, ist tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal von „#amLeben“; gesellschaftliche Verwerfungen einer solchen Katastrophe werden völlig ausgeklammert und finden, wenn überhaupt, nur im Mikrokosmos der eigenen Wohnung statt.

So gesehen ist „#amLeben“ eine wirklich wohltuende Abwechslung von den Versuchen vieler anderer Beiträge, entweder den Verfall der alten oder den Wiederaufbau einer neuen Welt zu zeigen. Oh Junu ist kein Held und kein Anführer, wie sie in „The Walking Dead“ beschrieben werden, er ist auch kein Auserwählter, der ein Heilmittel besitzt oder weiß, wo eines zu finden ist. Er ist ein ganz normaler junger Mann, der sich so verhält wie es wohl 99% von uns tun würden: Er setzt vor lauter Angst keinen Fuß vor seine Wohnung und hofft, irgendwie gerettet zu werden. Als das nicht passiert, kokettiert er einen Moment mit Selbstmord, bis er sich dann doch – äußerst widerwillig – dazu aufraffen muss, zumindest ein bisschen was dafür zu tun, die Apokalypse zu überstehen.

All das zeigt Regisseur Cho Il-hyeong in grundsätzlich guten Bildern. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass man sich zunächst ein wenig an die recht stark vom Hollywood-Standard abweichenden Kameraführung und Schnitt gewöhnen muss. Das gelingt nach kurzer Zeit recht gut, sodass ich keinen Grund finde, mich über die Optik von „#amLeben“ zu beschweren. Die Zombies, die ja nicht als solche bezeichnet werden, sind in diesem Film nicht die tumben und langsamen Gesellen, die man aus dem Gros ähnlich gelagerter Filme kennt: Sie sind schnell auf den Beinen und scheinen auch einen Rest an Intelligenz zu besitzen, können beispielsweise an einem Kabel hochklettern, um in eine Wohnung einzudringen. Weil der Film die Zombie-Apokalypse in ihrem Anfangsstadium zeigt, sind sie ferner nicht allzu schlimm anzusehen, wobei gerade das doch recht menschlich anmutende Äußere seinen Teil zum Schrecken beiträgt, wie ich finde.

Schwächen in Drehbuch und Schauspiel.

Wieso es trotz dieser fast durchwegs positiven Worte meinerseits nicht zu höheren Weihen reicht: Einerseits hat das Drehbuch seine Schwächen, andererseits bin ich mit der Performance von Hauptdarsteller Yoo Ah-in nicht ganz warm geworden. Letzteres ist nicht so einfach zu erklären: Es mag sein, dass ich zu alt bin, aber ich finde den Charakter nicht sonderlich sympathisch und habe mir mit der Identifikation einigermaßen schwer getan. Dabei finde ich mehr von mir selbst in ihm wieder, als mir lieb ist – denn auch ich sitze wahnsinnig gern allein den ganzen Tag vorm Computer und verschwende meine Zeit mit Streamen, Musikhören, Spielen und ähnlichen Tätigkeiten. Wenn das auf andere so wirkt, wie der Filmcharakter auf mich, muss ich mir wohl überlegen, wie ich weitermache… 😉

Zum Drehbuch ist zu sagen, dass die Situation, in die die Autoren den Charakter bringen und die Art und Weise, wie sie ihn die Apokalypse beobachten lassen, auf einer starken Idee basiert. Allerdings gelingt es nicht ganz, die knapp 100 Minuten mit spannenden und glaubwürdigen Inhalten zu füllen. Zwischendurch gibt es immer mal wieder ein paar Längen – und Oh Junu verhält sich auch nicht immer so, wie man es von einer Figur in einem Film erwarten würde. Vielleicht ist das der Absicht geschuldet, einen „realistischen“ Zombiefilm zu machen, in dem sich die Charaktere so benehmen, wie es wohl jede:r von uns machen würde. Das ist durchaus ehrenwert, nur ist es für einen Film, der in erster Linie unterhalten soll, etwas zu wenig.

Wer damit leben kann, bekommt mit „#amLeben“ jedenfalls einen gutklassigen Film zu sehen, der es tatsächlich schafft, einem altbekannten Thema eine unverbrauchte Sichtweise hinzuzufügen. Wer allerdings pausenlose Zombie-Action braucht, ist hier sicher falsch.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: #살아있다.
Regie:
Cho Il-hyeong
Drehbuch: Matt Naylor, Cho Il-hyeong
Jahr: 2020
Land: Südkorea
Laufzeit: ca. 98 Minuten
Besetzung (Auswahl): Yoo Ah-in, Park Shin-hye, Jeon Bae-soo, Lee Hyun-wook, Oh Hye-won, Lee Chae-gyeong